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Marxistische Faschismustheorien

Linke Analysen und Diskurse über Faschismus in den 20er und 30er Jahren

Seminararbeit 2004 18 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ideologische Prämissen marxistischer Faschismusanalysen
1.2 Zeithistorischer Kontext
1.3 Die kommunistische Bewegung in den 1920er Jahren

2. Hauptströmungen marxistischer Faschismusanalysen
2.1 Tendenzen marxistischer Theorie zu Beginn des 20.Jahrhunderts
2.2 Der Faschismus als Agent großkapitalistischer Interessen
2.3. Sozialfaschismus
2.4 Bonapartismustheoretische Konzepte
2.4.1 Das Thalheimer´sche Bonapartismuskonzept
2.4.2 Otto Bauers Faschismusanalyse

3. Abschließende Betrachtung

4. Literatur- und Quellenangabe

1. Einleitung

1.1 Ideologische Prämissen marxistischer Faschismusanalysen

Es erscheint sinnvoll, zunächst den Begriff Marxismus zu klären, da eine Vielzahl von Konnotationen mit ihm verbunden ist, sodass er einer gewissen definitorischen Schärfe entbehrt[1]. Als marxistisch soll hier definiert werden, was sich auf gewisse grundlegende Annahmen bezieht. Insbesondere seien hier die Marx´sche Arbeits- und Mehrwerttheorie, die Existenz eines antagonistischen Klassengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit sowie die Notwendigkeit der Überwindung des kapitalistischen Systems genannt.[2] Ausgehend von diesen Kriterien lässt sich festhalten, dass es allen marxistischen Analysen des Faschismus gleich ist, dass sie die Frage nach der ökonomischen Funktion des Phänomens Faschismus in kapitalistischen Gesellschaften und die nach der sozialen Zusammensetzung der faschistischen Bewegung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen rücken. Dabei wird von allen zeitgenössischen Autoren von einem generalisierenden Faschismusbegriff ausgegangen, dem zwar historisch bedingte nationale Unterschiede zugebilligt werden, was aber an der ihm zugesprochenen objektiven ökonomischen Funktion nichts ändert.

1.2 Zeithistorischer Kontext

Die Analysen des Faschismus und ihre realpolitische Umsetzung[3] lassen sich nur aus ihrer Einordnung in den zeithistorischen Kontext voll erfassen. Bis spätestens 1923 waren sämtliche revolutionären Bewegungen, die im Gefolge der sozialistischen Oktoberrevolution in Russland und des Zusammenbrechens des alten Staatengefüges nach Ende des 1. Weltkrieges eingesetzt hatten, entweder niedergeschlagen oder (zumindest zeitweise) in demokratische Systeme integriert worden[4]. Dabei zeichnete sich vor allem in den Staaten, die zu den Verlierern des 1. Weltkriegs gehörten, eine Tendenz zu reaktionären, autoritären und antikommunistischen Regimes ab.[5] Entsprechend der Erfahrungen der italienischen Arbeiterbewegung wurden von kommunistischer Seite alle gegen eine sozialistische Revolution ausgerichteten politischen Regimes zunächst als „faschistisch“ definiert. Dies trug zu einer besonderen Unschärfe des Begriffes bei, da er schnell auch auf sozialistische und sozialdemokratische Parteien[6] ausgeweitet wurde, sodass bald alles was nicht-kommunistisch war, als „faschistisch“ angesehen wurde.

1.3 Die kommunistische Bewegung in den 20er Jahren

Nach Ende des 1. Weltkrieges und nach dem Erfolg der Oktoberrevolution zeichnete sich in fast allen traditionellen Arbeiterparteien Westeuropas ein Prozess der Abspaltung der radikaleren Flügel ab. Theoretisch lassen sich diese Spaltungen auf die sich zuspitzenden Konflikte zwischen zumeist reformistischen Parteiführungen und revolutionär gesinnten Flügeln Anfang des 20. Jahrhunderts zurückführen[7]. Handfest wurden diese Konflikte während des 1. Weltkrieges im Zuge der von vielen Arbeiterparteien zu Kriegsbeginn geschlossenen „Burgfrieden“ mit den bürgerlichen Regierungen. Daraufhin verschärften sich zunächst die parteiinternen Fraktionsbildungen, deren Konsequenz dann schließlich die Abspaltungen der sich nun als „kommunistisch“ bezeichnenden Parteien war. Nach Abebben der revolutionären Welle in Folge der Oktoberrevolution bildeten sich feste Strukturen heraus, die bestimmte gemeinsame Charakteristika besaßen: So verstanden sich alle KPen als nationale Sektionen der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale[8], was auch eine dem Prinzip des sog. Demokratischen Zentralismus verpflichtete streng hierarchisch gegliederte Parteistruktur implizierte, an deren Spitze das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) stand. Das ist für die vorliegende Untersuchung vor allem deshalb relevant, da sich hieraus ergab, dass alle theoretischen und analytischen Vorgaben des EKKI verbindlichen Charakter für die Politik der nationalen KPen hatten.[9] Mit der zunehmenden Stalinisierung der Komintern und damit einhergehend auch der nationalen KPen im Verlaufe der 20er Jahre[10] lässt sich auch eine gewisse Kongruenz zwischen den jeweiligen aktuellen Faschismusanalysen des EKKI und den außenpolitischen Interessen der Sowjetunion erkennen.[11] Was vor allem auch als Indiz dafür zu werten ist, dass sich der Charakter der KPen im Verlaufe der 1920er Jahre grundlegend änderte. Vom anfänglichen Verständnis als Avantgarde der bevorstehenden Weltrevolution hin zu Agenturen sowjetrussischer Interessen, deren vorderste Aufgabe der Schutz der Sowjetunion war. Zumal die revolutionäre Perspektive in den meisten Ländern angesichts der relativen Stabilität des Kapitalismus immer unwahrscheinlicher wurde.

2. Hauptströmungen marxistischer Faschismusanalysen

2.1 Tendenzen marxistischer Theorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Wie oben bereits erwähnt, ist der Begriff Marxismus sehr unscharf, zumal sich darunter sehr verschiedene Theorien und Themenbereiche subsumieren lassen. So bildeten sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts eine Reihe von Denkschulen heraus, die sich in ihrer Schwerpunktsetzung stark unterschieden und die sich dennoch durchgängig als marxistisch verstanden. Dabei lassen sich jedoch zwei sehr allgemeine Hauptströmungen herausstellen. Zum einen die ökonomistisch - reduktionistische Marxismusrezeption[12], die vor allem in den linken Kreisen der II. Internationale und später auch in der Komintern weitestgehend dominant war und andererseits eine eher undogmatische Rezeption[13], die größeres Gewicht auf den Dualismus und die Interdependenz von ökonomischer Basis und gesellschaftlichem Überbau legte. Diesen jeweiligen Tendenzen lassen sich dann auch bestimmte Analysen des Faschismus zuordnen. Während der sowjetmarxistische Ansatz von einer strukturellen Identität von Faschismus und Großkapital ausgeht, in dem die faschistischen Bewegungen als reine gewalttätige Agenturen monopolkapitalistischer Interessen erscheinen, führen die eher undogmatischen Ansätze eine Reihe anderer Entwicklungstendenzen kapitalistischer Gesellschaften ins Feld. Stellvertretend für diese beiden Marxismusrezeptionen und ihre Anwendung auf den Faschismus seien an dieser Stelle die sowjetmarxistischen Analysen bzw. der bonapartismustheoretische Ansatz näher beleuchtet.

2.2 Der Faschismus als Agent großkapitalistischer Interessen

Grundlegend für die sowjetmarxistische Einschätzung des Faschismus ist die Imperialismustheorie Lenins, wonach „die Epoche des kapitalistischen Imperialismus (...) die des reifen und überreifen Kapitalismus (sei), der vor dem Zusammenbruch steht, der reif ist, dem Sozialismus Platz zu machen (...)“[14]. Dementsprechend wurde der 1. Weltkrieg als finale Krise eben dieser imperialistischen Epoche interpretiert, auf die zwangsläufig die sozialistische Revolution folgen müsse. Dazu Lenin 1920: „(...) Der Imperialismus ist der Vorabend der sozialistischen Revolution des Proletariats. Das hat sich seit 1917 im Weltmaßstab bestätigt.“[15]

Unter dieser Prämisse, die bald gängiger Allgemeinplatz kommunistischer Theorie wurde, mussten alle politischen Aktionen, die nicht direkt revolutionären Charakter trugen als reaktionär definiert werden. Auch hier lieferte Lenin besonders bezüglich der Sozialdemokratie den definitorischen Rahmen, in dem er sie als „(...) Schicht der verbürgerten Arbeiter oder der Arbeiteraristokratie,(...)[16] “ definiert, die zur „(...) sozialen Hauptstütze der Bourgeoisie (...)“[17] geworden sei, „denn (sie) sind wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung(...)“[18]. Jedoch gerade in Bezug auf diese Prämissen musste spätestens 1923 klar sein, dass die Nachkriegskrisen weder eine massenhafte Zuwendung der Arbeiterschaft zu den kommunistischen Parteien bedeuteten, noch dass eine erfolgreiche sozialistische Revolution außerhalb Russlands stattgefunden hatte. Da an eine Abkehr oder Korrektur von den innerhalb der kommunistischen Bewegung sakrosankt gewordenen leninistischen Dogmen nicht zu denken war, mussten die objektiven Niederlagen der revolutionären Bewegungen innerhalb dieses Dogmas interpretiert werden. Als Erklärungsmuster wurde hierbei das italienische Beispiel herangezogen, da sich hier besonders deutlich die Taktiken der Reaktion ableiten ließen. Italien erlebte von 1918 bis 1920 eine Reihe revolutionärer Unruhen, die in Fabrikbesetzungen und Massenstreiks mündeten, sodass die Situation durchaus den Anschein machte, als ob eine sozialistische Revolution nach russischem Vorbild unmittelbar bevorstand. Und tatsächlich kamen die Bedingungen in keinem westeuropäischen Land einer revolutionären Situation so nahe, wie in Italien. Die Politik des klassischen trasformismo der italienischen Liberalen wirkte nicht mehr und andere politische Kräfte traten kaum in Erscheinung. Als einzige aus Sicht der antikommunistischen Kräfte wirksame Gegenbewegung formierten sich die fasci di combattimento, die sich vor allem aus entwurzelten Kriegsheimkehrern rekrutierten. Durch Strafexpeditionen und offene Gewalt gegen streikende Arbeiter und Funktionäre der Gewerkschaften bzw. der PSI[19] gelang es ihnen, dem bürgerlichen Schreckgespenst der bienio rosso ein Ende zu setzen. Mit dieser faktischen Zerschlagung der italienischen Arbeiterbewegung mit offen terroristischen Mitteln und der sich daran anschließenden Errichtung einer autoritären Diktatur durch Mussolini, stellte der Faschismus in den Augen vieler zeitgenössischer Beobachter die krasseste Form der konterrevolutionären Reaktion dar. Besonders hervorgehoben sei hier, dass die fasci di combattimento besonders von Großagrariern[20] und Großindustriellen[21] unterstützt wurden, sodass die Behauptung es handele sich bei ihnen um reine paramilitärische Söldner des Kapitals durchaus eine gewisse Plausibilität besaß. Nichtsdestotrotz verband sich mit dieser Einschätzung eine verhängnisvolle Fehlinterpretation, die vernachlässigte, dass es sich beim Faschismus nicht um eine kleine Clique im Dienste des Kapitals handelte, sondern um eine Bewegung mit zunehmenden Massenanhang. So interpretierte der 1. Vorsitzende der 1922 gegründeten PCI, Amadeo Bordiga, den Faschismus als reaktionäre Terrororganisation, deren Aufgabe die Zerschlagung der organisierten revolutionären Arbeiterbewegung sei. Dieser Analyse liegt das Bild der „faschistischen Marionette“ in den Händen der Bourgeoisie zugrunde. Ein autonomer Charakter der faschistischen Bewegung wird geleugnet, sie ist das bewusste Produkt bestimmter Interessen des monopolistisch organisierten Kapitals, dass seine Herrschaft auf andere Weise nicht mehr zu sichern weiß. Diese Sichtweise wurde alsbald auch von der Komintern übernommen, die diese Definition auch auf die Regimes in Ungarn oder Bulgarien anwandte. Von besonderer Bedeutung sind dabei zwei Tatsachen: Der Faschismus wurde nicht als Novum interpretiert, sondern als besonders scharfe Form der bürgerlichen Klassenherrschaft, sodass das Mitglied des ZK der KPD Heinz Neumann 1931 auf XI. Plenum der Internationalen Kommission der Komintern (IKKI) verkündete: „Den Hauptkampf führen wir nicht gegen eine der Formen der bürgerlichen Diktatur, sondern gegen die Diktatur der Bourgeoisie in allen ihren Formen. Praktisch muß man Faschismus und bürgerliche Demokratie unterscheiden, doch dieser Unterschied trägt keinen prinzipiellen Charakter.“[22] Und des Weiteren, dass dementsprechend die reformistische Sozialdemokratie, als „linker Arm“ der Bourgeoisie verstanden wurde und so ebenfalls Teil der bürgerlichen Diktatur war. Aus dieser Einschätzung leitete sich die unselige These vom „sozialfaschistischen“ Charakter der Sozialdemokratie ab, die umso gefährlicher einzuschätzen sei, da sie durch Demagogie die Arbeiterklasse von der Erlangung eines revolutionären Bewusstseins abhielte. Wie sich später herausstellen sollte, war die Sozialfaschismusthese die schwerste Hypothek für eine effektive antifaschistische Politik.

[...]


[1] Der Begriff Marxismus wird mehr als politischer Kampfbegriff gebraucht, denn als Bezeichnung eines sozialwissenschaftlichen Paradigmas. Von daher scheint die Bezeichnung Marx´sches Theorem zutreffender.

[2] Siehe dazu: Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974 S. 15-17; Kromphardt, Jürgen: Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus. Von seiner Entstehung bis zur Gegenwart, Göttingen 1991; Bolte, Gerhard: Von Marx bis Horkheimer. Aspekte kritischer Theorie im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1995

[3] Hier insbesondere die Konzepte der „Einheitsfront“ bzw. des „Sozialfaschismus“.

[4] z.B. die deutsche Novemberrevolution oder die ungarische Räterepublik unter Béla Kun bzw. die „bienio rosso“ in Italien

[5] bspw. Horthy-Ungarn, das Polen Pilsudskis oder die jugoslawische Monarchie

[6] so die Positionen Bordigas gegenüber der PSI oder der KPD gegenüber der SPD

[7] bestes Beispiel hierfür Marxens Kritik am Gothaer Programm der SPD: Marx, Karl: Kritik des Gothaer Programms (Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei). Manuskript von 1875. MEW, Bd. 19

[8] oft auch als „III. Internationale“ bezeichnet

[9] siehe dazu: Kinner, Klaus: Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität. Die Weimarer Zeit. Bd. 1, Berlin 1999; Fülberth, Georg: Der große Versuch. Geschichte der kommunistischen Bewegung und der sozialistischen Staaten, Köln 1994

[10] Für die KPD lässt sich der Stalinisierungsprozess an der Einsetzung des sog. „Thälmann ZKs“ 1925 relativ eindeutig nachweisen.

[11] Besonders Klaus Kinner verweist in diesem Kontext auf den Zusammenhang von „Sozialfaschismus-propaganda“ der KPD und der außenpolitischen Westorientierung der SPD. Kinner: Der deutsche Kommunismus, Berlin 1999

[12] bspw. Nicolai Bucharin

[13] hier besonders hervorzuheben sind Antonio Gramsci und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule

[14] Lenin: Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale, in: Ausgewählte Werke, Bd. II, Berlin 1979 S. 629

[15] Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, in: Ausgewählte Werke, Bd. II, Berlin 1979 S. 653

[16] Ebenda (Hervorhebungen im Original)

[17] Ebenda

[18] Ebenda (Hervorhebungen im Original)

[19] siehe dazu: Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln-Weimar-Wien 2002

[20] besonders in Süditalien

[21] so in Mailand, Turin und Florenz

[22] XI. Plenum IKKI. Stenograficeski otcet. Bd. II. Moskva – Leningrad 1931 S. 231, zitiert in: Kinner: Der deutsche Kommunismus, Berlin 1999 S. 181f.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640752799
ISBN (Buch)
9783640752928
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161469
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,5
Schlagworte
Faschismus Faschismustheorien Marxismus Gramsci Kommunismus Linke Theorie Faschismusanalyse Thalheimer Bonapartismus

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Titel: Marxistische Faschismustheorien