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Analyse des Werkes "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff

Ein pikaresker Roman?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1 Kurze Zusammenfassung und strukturelle Analyse des Werkes
1.1 Die Handlung
1.2 Struktureller Aufbau der Novelle
1.3 Stilistische Merkmale

2 Der Taugenichts und der pikareske Roman
2.1 Historischer Hintergrund zur Entstehung des pikaresken Romans
2.2 Philosophie und Moralistik
2.3 Merkmale des pikaresken Romans
2.4 Eichendorffs Taugenichts und die Pikareske

3 Die Romantik
3.1 Begriffserklärung
3.2 Die Anfänge der Romantik
3.3 Das Konzept der progressiven Universalpoesie
3.4 Eichendorff – „Der letzte Romantiker“

4 Elemente der Romantik in dem Taugenichts
4.1 Der Taugenichts als Gegenpol des pícaro
4.2 Die Naturbeschreibungen
4.3 Das Konzept der Universalpoesie

5 Zusammenfassung

Bibliografie

Einleitung

Die Zuordnung Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts zu einer bestimmten literarischen Gattung, vor allem zur Pikareske, ist umstritten, denn sie verkörpert mehr als eine literarische Gattung und enthält Merkmale unterschiedlicher Prosaarten, die sich strukturell, formal und inhaltlich deutlich voneinander unterscheiden. Eine wichtige Rolle dürfte dabei die Romantik spielen, die auf die Novelle und auf Eichendorffs Werk im Allgemeinen großen Einfluss ausübte. Ziel dieser Hausarbeit ist zum einen die Frage „ist Aus dem Leben eines Taugenichts eine pikareske Novelle?“ zu beantworten und zum anderen die Novelle und deren literarische Richtung literaturwissenschaftlich einzuordnen. Hierfür wird das Werk als erstes formal und inhaltlich analysiert, sodann mit allgemein anerkannten pikaresken Merkmalen des pikaresken Romans verglichen. Ebenso werden die Einflüsse der Romantik und deren Bedeutung für die stilistische Einordnung der Novelle untersucht.

In meiner Recherche war ich bemüht, auf historische Quellen zurückzugreifen, darunter die kritische, literaturhistorische Schriften Eichendorffs, sowie philosophische Schriften der Brüder Schlegel, Novalis und Brentano. Allerdings musste ich meine Recherche aufgrund des begrenzten Umfangs der Hausarbeit auf die wichtigsten, für den Schwerpunkt relevanten Befunde beschränken, sodass viele Aspekte der ausgewählten Epochen nicht erwähnt werden konnten. Viele von den in der Bibliografie aufgeführten Werken habe ich für eine möglichst vielseitige Erläuterung meiner Epochenkenntnisse verwendet und daher nur indirekt in die Hausarbeit integriert.

Die in der Zusammenfassung angeführte Schlussfolgerung, zu welcher literarischen Gattung der Taugenichts zuzuordnen wäre, erfolgte aus der Recherche sowie den dargebrachten Argumentationen in dieser Hausarbeit und ist meiner persönlichen und individuellen Betrachtung zuzuschreiben.

1 Kurze Zusammenfassung und strukturelle Analyse des Werkes

1.1 Die Handlung

Ein junger Mann wird von seinem Vater als Taugenichts beschimpft und in die Welt hinausgeschickt, um selbst sein Brot zu verdienen. Dies scheint ihm jedoch gerade recht zu sein, da er sich offensichtlich seit einiger Zeit auf eine Reise begeben wollte: „Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugenichts bin, so ist’s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.“[1] So macht er sich auf den Weg mit nichts weiter als seiner Geige und ein paar Groschen, die er von seinem Vater bekommen hat. Spielend und singend wandert er ohne Ziel, bis er von einem Reisewagen eingeholt und mitgenommen wird. Sein erster und wichtigster Aufenthalt ist in einem Schloss in der nähe von Wien. Dort wird er erst als Gärtnerbursche in Dienst genommen und später als Zolleinnehmer eingestellt. Im Schloss verliebt sich der Taugenichts in eine junge Gräfin, die er, ihren Namen nicht wissend, „schöne gnädige Frau“ nennt. Doch seine Liebe wird nicht erwidert und der Liebeskummer treibt ihn in die Wanderschaft fort. Mysteriöse Geschehnisse und zahlreiche Begegnungen, die ihn über seine abenteuerliche Reise hindurch begleiten, bringen ihn von einem Ort zum anderen. Auf seinem Weg durch Dörfer und Wälder Österreichs und Italiens gelangt er unter anderem in ein Wirtshaus, in ein hoch gelegenes Schloss in den Bergen Italiens und schließlich nach Rom, wo seine Reise den Höhepunkt erreicht. Doch bald verlässt er aufgrund der vielen Verwirrungen enttäuscht die Stadt und kehrt wieder in das Wiener Schloss zurück, wo alle Geschehnisse und Rätsel seiner Reise aufgeklärt werden und seine Liebe verwirklicht wird: Die unerreichbare Gräfin ist in Wahrheit die Tochter des Portiers. Zum Schluss wird noch erwähnt, dass das Liebespaar ein kleines Schlösschen als Hochzeitsgeschenk vom Grafen bekommt.

1.2 Struktureller Aufbau der Novelle

Die Novelle hat eine episodische Erzählstruktur, die sich über zehn Kapitel erstreckt. Die einzelnen Kapitel enthalten jeweils eine Episode und weisen, ebenso wie die gesamte Novelle, eine geschlossene Handlungsstruktur auf, in der es einen Anfang, Höhepunkt und Schluss gibt. Jede Episode beinhaltet einen Ortswechsel und ein damit verbundenes Abenteuer. Die einzelnen Episoden sind durch den Aufbruch bzw. Ankunft an einem neuen Ort verbunden und ergeben somit die Novelle als Ganzes, die trotz des abschließenden „Happy End“ (alle Missverständnisse werden aufgeklärt und der Taugenichts findet seine Liebe) einen Hinweis auf eine bevorstehende Reise gibt.

Durch die detaillierte Beschreibung der Naturphänomene lässt sich die erzählte Zeit relativ leicht nachvollziehen, die im frühen Frühling beginnt und im Hochsommer endet. So entsteht der Eindruck, dass sich die Handlung insgesamt über einige Monate erstreckt. Dieser wird jedoch am Ende der Novelle durch die Bemerkung der „schönen Frau“ in Frage gestellt, da sie über ihre erste Begegnung mit dem Taugenichts und ihre Reise nach Rom im „vergangenen Sommer“ spricht. Demnach erstreckt sich jedoch die Dauer der Handlung über ein Jahr und verliert die chronologische Konsequenz. Darüber hinaus lassen sich die geschilderten Naturphänomene nicht immer auf die jeweiligen Jahreszeiten zurückführen. Als Schauplätze dienen Städte und Dörfer Österreichs und Italiens, aber auch die Alpen, die Wälder der beiden Länder und die Donau. Zahlreiche Schauplätze und Personen aus verschiedenen sozialen Milieus, die der Taugenichts auf seiner Reise begegnet, ergeben ein abwechslungsreiches Reiseschema und dienen als Vorlage für eine verwickelte Handlung mit zahlreichen Verwechslungen.

1.3 Stilistische Merkmale

Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts beinhaltet Merkmale dreier literarischen Gattungen: es ist zum einen ein narrativer Prosatext (eine Novelle), der allerdings durch seine Leichtigkeit sowie bestimmten Sprachrhythmus und -melodie stark an einen lyrischen Text erinnert. Darüber hinaus ist die Novelle mit zahlreichen Gedichten versehen, die Eichendorf teilweise speziell für die Novelle geschrieben hat. Zum anderen weist der Text auch märchenhafte Züge auf. Dies kommt nicht nur durch die Fortunathematik des wandernden Protagonisten zum Ausdruck, sondern auch durch die Idealisierung der Personen und der Geschehnisse. So kommt das Unglück nie zum Vorschein, noch wird es direkt geschildert. Es wird lediglich durch die Vorahnung des Protagonisten (oder des Lesers) darauf hingewiesen. Auch die ausgiebige Beschreibung der Naturphänomene spielt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Handlungsatmosphäre. Doch Spätestens am Ende der Novelle klären sich alle potenziellen Gefahren, denen der Taugenichts auf seiner Reise ausgesetzt war, als harmlose Missverständnisse und Verwechslungen auf. So wirkt das ohnehin aufklärende „Happy End“ noch märchenhafter und jeglicher Realität entfernt, als der Taugenichts zu seiner Liebe findet.

2 Der Taugenichts und der pikareske Roman

2.1 Historischer Hintergrund zur Entstehung des pikaresken Romans

Es ist wichtig, die historischen Voraussetzungen zu verstehen, die zur Entstehung der literarischen Gattung der Pikareske beitrugen, denn diese bilden die Intertextualität eines literarischen Werkes und spielen eine wichtige Rolle bei dessen Interpretation. Carillo analysiert in seinem Aufsatz “Raiz sociológica e imaginación creadora”[2] die sozialen Verhältnisse und Normen der spanischen Gesellschaft im 17. Jahrhundert, um die Entstehung der Pikareske gerade in Spanien begründen zu können. Dabei unterscheidet er zwischen zwei Hauptaspekten: der sozialen Struktur und der Wertestruktur einer Gesellschaft. Carillo nennt drei wichtige Veränderungen, die zwischen dem 16.und 17. Jahrhundert in Spanien stattfanden und die die spanische Gesellschaft am meisten beeinflusst haben sollen: der Wandel der Machtzentren (vom Land in die Stadt), die entscheidende Rolle des Geldes und die neuen Beziehungen zwischen der modernen Gesellschaft und den alten sozialen Formen. Tatsächlich forderten die Reconquista, die Entdeckung und Eroberung der neuen Welt, der rasche Aufstieg Spaniens zur Weltmacht und die religiösen Auseinandersetzungen viele soziale und kulturelle Änderungen, die in einem sehr kurzen Zeitraum parallel verliefen. Einerseits war das Siglo de Oro für Spanien ein Jahrhundert der Suche nach einer nationalen Identität und der Selbstbestimmung. Andererseits führten die politischen Entscheidungen, die scheinbar zur Lösung des Identitätskonflikts gedacht waren, zu Spaltungen zwischen den alten Werten und den modernen Veränderungen, zwischen Ideologie und Realität. Die Folgen der Reconquista waren die Vertreibung der Juden und der Maueren sowie die Einführung des katholischen Christentums als allgemein geltende Religion. Dies führte zur Spaltung zwischen den Altchristen und den so genannten cristianos nuevos, denen eine Scheinpraktizierung des Christentums häufig unterstellt wurde. In diesem Kontext spielte die limpieza del sangre zusammen mit dem Begriff der Ehre eine wichtige Rolle. Denn die „wahren“ Christen durften keine kommerziellen Berufe ausüben, die zum Reichtum führten. Demnach durften nur die Adeligen Besitz haben. Dies war jedoch mit der Entdeckung der neuen Märkte im Ausland und der Kolonialisierung von Amerika (und dem damit verbundenen finanziellen Aufschwung in Spanien) kaum zu vereinbaren. Andererseits gab es die seit dem Ende der Reconquista überflüssig gewordenen hidalgos, deren Ehrenkodex ihnen keine Art von Beschäftigung zum Broterwerb erlaubt hatte. Dabei waren sie meist verarmte Adelige, deren einziger Besitz ihr Adelstitel war. Diese Unstimmigkeiten zwischen der veralteten Wertestruktur (Ehre, limpieza de sangre, strenger Katholizismus) und den neuen sozialen und ökonomischen Bedingungen führten zur Heuchelei und Doppelmoral in allen Schichten der Gesellschaft. Schlussendlich war die ständige Sorge des damaligen Spaniers, sich ein Adelstitel oder Anerkennung in hohen gesellschaftlichen Rängen zu beschaffen, eng mit seiner finanziellen Situation verbunden. Die Spaltung zwischen der harten Realität und den von Staat und Kirche diktierten, utopischen Gesetzen, sowie die Spannung zwischen strikter Zensur und dem Wunsch zur Freiheit, gaben Anlass zur kritischen Auseinandersetzung der intellektuellen Schicht mit der enttäuschenden Realität. Für Carillo ist diese Situation zu der damaligen Zeit in Europa eine einzigartige und demzufolge findet er es nicht verwunderlich, dass die literarische Form der Pikareske gerade dort entstanden ist – als „soziale Dimension des Konflikts zwischen dem Individuum und der Gesellschaft.“[3]

2.2 Philosophie und Moralistik

Einer der wichtigsten Begriffe in Spanien des Siglo de Oro ist der aus der Moralistik stammende desengaño. Der desengaño (Desillusion) stellt die Kehrseite des engaño (Täuschung, Illusion) dar und spielt besonderes in der mit Satire und Sarkasmus gefüllten Gattung der Pikareske eine wichtige Rolle. Vor allem Quevedo (Sueños y discursos de verdades) und Gracián (El criticón) haben in ihren Werken die Bedeutung des desengaño am deutlichsten gemacht. Es geht vor allem um das „Aufdecken der allgemeinen Täuschung“[4] und die vom trügerischen Schein bedeckte Wahrheit ans Licht zu bringen.

Aus der Sicht der Moralistik lässt sich der pikareske Roman als Versuch erklären, „die Scheinhaftigkeit menschlichen Verhaltens aufzudecken und zum menschlichen Sein, zur „vérité“ vorzudringen.“[5] Die barocken Elemente in der Pikareske sind die bewusste, kritische Auseinandersetzung mit der Realität, deren pessimistische Darstellungsweise und das mehrdeutige, verwirrende Wortspiel. Besonders das Letzte resultiert aus der „allgemeinen Vorliebe barocker Dichtung für die thematische Dialektik von Weltsucht und Weltflucht, Schein und Sein (sp. engaño und desengaño) und die höhere Bewertung der Einbildungskraft (phantasia) vor der Nachahmung des bloß Natürlichen (imitatio).“[6] Ebenso ein wichtiges Element der barocken Philosophie ist die Fortuna, die sich weder nach den menschlichen noch göttlichen Gesetze richtet und ihre Gunst willkürlich, ob Guten oder Bösen, Armen oder Reichen, zu verteilen scheint.[7]

[...]


[1] Eichendorff, Joseph von / Schulz, Hartwig (Hg.): Aus dem Leben eines Taugenichts. Reclam, Stuttgart 2008. S. 5.

[2] Carrillo, Francisco: Raiz sociológica e imaginación creadora en la picaresca española. In: La Picaresca. Orígines, textos y estructuras. Actas del I Congreso Internacional sobre la Picaresca. Fundación Universitaria Española, Madrid 1979. S. 65-77.

[3] Vgl. Carillo 1979, S. 74.

[4] Neuschäfer 2006, S. 97.

[5] Hess, Reiner (Hg.) u.a.: Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanitsten. 4. Auflage, Franke Verlag, Tübingen, 2003. S. 200.

[6] LWR 2003, S. 23.

[7] Quevedos Antwort in Hora de todos y Fortuna con seso auf Villamedianas Fábula de Faetón weicht jedoch wesentlich von dieser Einstellung ab. Vgl. Neuschäfer 2006, S. 101.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640753017
ISBN (Buch)
9783640753215
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161466
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Romanische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Pikaresker Roman Schelmenroman Eichendorff Taugenichts Siglo de Oro Romantik Philologie Literaturwissenschaft

Autor

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Titel: Analyse des Werkes "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff