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Egodokumente und Hexendiskurs in der frühen Neuzeit

Der Fall der Katharina von Henoth in Köln 1627

Seminararbeit 2005 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1 Anmerkungen zur Vorgehensweise
1.1 Methodische Probleme
1.2 Zum Aufbau des Textes

2 Das Dokument
2.1 Der direkte Entstehungskontext
2.2 Die Form des Dokumentes
2.3 Inhalt und Sprache des Dokumentes
2.4 Synthetische Interpretation des Dokumentes

3 Makrohistorische Kontexte des Dokumentes
3.1 Anknüpfungspunkte zum Dokument
3.2 Das Hexereidelikt
3.3 Weiblichkeitskonstruktion
3.4 Rechtsnormen und frühstaatliche Herrschaftspraxis

4 Schlussbetrachtung

5 Literatur- und Quellenangabe

Anhang

1 Anmerkungen zur Vorgehensweise

1.1 Methodische Probleme

Es erscheint dem Autoren zunächst notwendig, einige allgemeinere Anmerkungen zur Konzeption der vorliegenden Arbeit zu machen. Die (Re-) Konstruktion historischer Vergangenheit ist zwangsläufig auf den Umgang mit Dokumenten angewiesen, beansprucht sie doch für sich die wissenschaftliche Beschreibung vergangener Realität[1]. Dieser Umgang ist hauptsächlich dadurch geprägt, dass die Dokumente zum Sprechen gebracht werden, dass ihrer Form und ihrem Inhalt Kontexte entlockt werden, die mal mehr und mal weniger offensichtlich zu Tage treten. Egal um welches konkrete Dokument es sich auch handeln mag, allen gemein ist, dass sie für den Historiker erst zu dem werden was sie sind, indem sie interpretiert werden. Durch diese, durch den Historiker vorgenommene, Kontextualisierung und Relativierung verwandelt sich das Dokument jedoch vom überlieferten Monument, zu einem Baustein in der konkreten Konstruktion der Vergangenheit durch den Historiker, und wird so zum Gegenstand des Diskurses in der Gegenwart[2]. In diesem Kontext kann die Arbeit des Historikers[3] nicht darin bestehen die vergangene Realität zu (re-) konstruieren, sondern muss sich wohl darauf beschränken eine von vielen möglichen zu beschreiben. Welche dies nun ist, hängt vom eigenen historischen, sozialen und kulturellen Standpunkt des Schreibenden, von seinem Jetztbezug ab. Von daher sei es dem Autoren gestattet, seine eigenen Aussagen schon von vornherein zu relativieren.

Vorliegende Arbeit setzt sich mit einem sog. Egodokument auseinander. Einem Dokument also, „in dem ein Ego sich absichtlich oder unabsichtlich enthüllt (...) [und] etwas über sich selbst zu erkennen gibt, worin er aber etwas ausdrückt, dass ihn persönlich beschäftigt, erregt oder betroffen macht.“[4] Das Egodokument, mit seinem vermeintlich direkteren Zugang zum Individuum in der Geschichte soll helfen die Leerstelle zu füllen, die entsteht, wenn der Pfad der makrohistorischen Strukturgeschichte verlassen wird. Zweifelsohne ein spannender Ansatz, der aber auch mit einigen methodische Problemen für den Autoren verbunden gewesen war. Am zentralsten war dabei sicherlich die Fragestellung nach dem Stellenwert des Dokumentes. Soll es als das behandelt werden, was es ist? Nämlich als Ausdruck einer hilflosen Frau, die in ihrer Verzweiflung einen letzten Hilferuf im Kölner Gefängnis verfasste und so hoffte, von den Qualen der Folter befreit und vom drohenden Scheiterhaufen gerettet zu werden. Oder muss nicht viel mehr der unmittelbare Kontext zur Hexenverfolgung im Erzbistum Köln und darüber hinaus zur Durchsetzung frühstaatlicher Herrschaftspraxis hergestellt werden, um dem Dokument einen tieferen Sinn zu geben? Läuft man dabei nicht aber auch Gefahr, den Stellenwert des Dokumentes so einzuordnen, dass es zu einer Art empirischen Beweis für die vom Autor vorgenommene (Re-) Konstruktion der Vergangenheit wird.[5] Und sich daraus ableitend, die Frage danach, welcher Aspekt der Vergangenheit durch ein solches Dokument rekonstruiert wird, welche Perspektive es einnimmt und welchen Gültigkeitsbereich ein solches Dokument für sich beanspruchen kann?

Trotz dieser Zweifel und den nicht endgültig zu klärenden Fragen hat der Autor sich entschieden, einen Ansatz zu wählen, der das Dokument in seinem unmittelbaren Inhalt, seiner Form und seiner Sprache analysiert und beschreibt, und dennoch versucht, es in seinen vielschichtigen Kontexten zu verstehen.

1.2 Zum Aufbau des Textes

Wie bereits erwähnt, soll zunächst eine Analyse des Dokumentes in seiner Form und seiner Sprache vorgenommen werden. Dabei soll immer auch versucht werden, zwei zunächst wenig zusammenhängende Sachverhalte zu verknüpfen. Einerseits soll der unmittelbare Entstehungskontext – der Hexenprozess der Katharina von Henoth in Köln1627[6] – berücksichtigt werden, andererseits die abstrakter erfasste Praxis des Schreibens in der frühen Neuzeit.

Danach wird der Versuch unternommen, den Fall der Katharina von Henoth in weiträumigere historische, soziale und kulturelle Kontexte einzuordnen[7]. Dabei sollen vor allem bestimmte Aspekte des Übergangs vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit thematisiert werden, die für den Autoren besonders deutlich in den Hexenprozessen zum Vorschein kommen.

2 Das Dokument

2.1 Der direkte Entstehungskontext

Katharina von Henoth wurde im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts in Köln geboren, wo ihr Vater kaiserlicher Postmeister war. Damit gehörte ihre Familie zur städtischen Oberschicht, was nicht zuletzt an der Position ihres Bruders Hürtger von Henoth erkennbar ist, der 1627 als Domherr bezeugt ist. Nach dem Tode ihres Vaters steht sie unter der Obhut ihres Bruders, für den sie den Haushalt führt. Zu Beginn des Jahres 1627 erhebt eine vermeintlich vom Teufel besessene Professschwester des nahe beim Hause des Bruders gelegenen Klosters St. Clara den Vorwurf der Hexerei gegen Katharina von Henoth. Daraufhin wird Henoth vom städtischen Rutenträger[8] und dem Gewaltrichter[9] ins städtische Griffe-Gefängnis abgeführt. Daraufhin beginnt ein Schöffengericht mit dem Inquisitionsverfahren. Schnell finden sich weitere Zeugen und Opfer der vermeintlichen Hexerei. So behaupten zwei Pfarrer, die offensichtlich von Geschlechtskrankheiten gezeichnet sind, Henoth hätte sie verhext und würde ihnen nachts Träume von Hexen eingeben. Im weiteren Verlauf des Prozesses wird Katharina Henoth des weiteren vorgeworfen, sie hätte sexuelle Kontakte zu Pfarrern gesucht und sie daraufhin mit tödlichen Krankheiten verhext. Außerdem wäre sie mehrfach bei verschiedenen Grafen und hohen Herren eingekehrt und hätte mit ihnen sexuellen Kontakt gehabt.

Da Katharina von Henoth während der sog. „güthlichen“ Befragung keines der ihr vorgeworfenen Verbrechen gesteht, wird sie zur Erzwingung eines Geständnisses gefoltert. Auch unter der Folter, die innerhalb kurzer Zeit dreimal durchgeführt wird, gesteht Henoth keinen der Vorwürfe. Nachdem kein Geständnis in Aussicht ist, wird durch die Schöffen ein Urteil aufgrund von Indizien gefällt. Der Schuldspruch lautet auf Hexerei und soll mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen bestraft werden. Besonderen Einfluss darauf hatten die in der Stadt besonders aktiven Jesuiten.

Die Familie, insbesondere der Bruder, versucht Katharina während ihrer Haft einen rechtlichen Beistand zu verschaffen. Sie können einen kaiserlichen Notar gewinnen, der kurz vor der angesetzten Hinrichtung einen kaiserlichen Verwahrungshaftbefehl ausstellt, der die Henoth aus der städtischen Haft herauslösen könnte.

Dramatischer Höhepunkt des Falles der Katharina von Henoth ist der Weg zur Hinrichtungsstätte vor der Stadt. Der Zug, der von Jesuiten und dem Henker angeführt wird, macht auf einer Wegkreuzung der Stadt Halt. Dort erwarten der Bruder und der kaiserliche Notar den Zug, um den kaiserlichen Haftbefehl durchzusetzen. Mit einer Verwahrungsurkunde, die von Katharina von Henoth durch eine Unterschrift rechtskräftig gemacht wird, nimmt der Notar sie in Haft. Daraufhin insistieren die anwesenden Jesuiten darauf, dass es sich um eine verurteilte Hexe handeln würde. Ohne das Weiteres geschehen wäre, setzt die Delinquentenprozession ihren Zug zur Hinrichtungsstätte fort, wo Katharina von Henoth unter Unmutsbekundungen der anwesenden Bevölkerung auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird.[10]

Das vorliegende Dokument[11] ist ein auf den 16. März 1627 datierter Brief der Katharina von Henoth, der wahrscheinlich an ihren Bruder adressiert war. Er entstand zwischen den Folterprozeduren und enthält eine knapp gefasste Schilderung der Verhöre. Es ist anzunehmen, dass der Brief nur überliefert wurde, weil er das Gefängnis nie verlassen hat.

2.2 Die Form des Dokumentes

Welche materielle Beschaffenheit das Dokument aufwies bzw. aufweist, ist für den Autoren aufgrund der mittelbaren Überlieferung nicht rekonstruierbar, ebenso wie das Schriftbild. Beide Faktoren könnten wichtige Ergänzungen und unmittelbar wichtige Informationen liefern. Handelte es sich um ein leeres Blatt, um einen Fetzen Papier oder um eine überschriebene Buchseite? War die Schrift sauber niedergeschrieben oder könnte man dem Schriftbild die Hast und Angst ablesen, mit der die Zeilen zu Papier gebracht wurden? Fragen, die sich an dieser Stelle nicht beantworten lassen, nach Ansicht des Autors aber notwendiger Bestandteil einer sachgerechten Analyse wären. Was bleibt ist ein Blick auf die Struktur des Textes.

Inhaltlich gliedert sich der Text in vier Abschnitte, die grob als Begrüßung (bzw. inhaltliche Einleitung)[12], Schilderung der einzelnen Vorwürfe[13], einer schlaglichtartigen Beschreibung des Verhaltens der Schöffen[14] sowie einer direkten Aufforderung an den Adressaten (den Bruder?)[15] eingeordnet werden können. Inhaltlich verweisen sich die einzelnen Abschnitte in aufsteigender Weise aufeinander, sodass durchaus von einer klimaktischen Struktur des Textes gesprochen werden kann. Letztlich leiteten die Ausführungen der ersten drei Abschnitte zielgerichtet auf die abschließende Aufforderung an den Adressaten hin, verleiht ihr gewissermaßen besonderen Nachdruck.

2.3 Inhalt und Sprache des Dokumentes

Der Brief scheint hastig verfasst worden zu sein. Jegliche Benennung des Adressaten fehlt, keinerlei Begrüßung oder Einleitung wurde niedergeschrieben. Viel mehr wird der Fokus der Aufmerksamkeit des Lesers schnell auf den eigentlichen Mitteilungsgehalt des Briefes gelenkt. Darauf, dass die Schöffen die Henoth am Vortag zweimal unter Folter verhört hatten.[16] Der erste Abschnitt wird mit der Versicherung der Falschheit der von den Schöffen erhobenen Beschuldigungen begonnen. Die Beteuerung der Unschuld, immer verbunden mit Schwurformeln wie „bei meiner Sehlen Heill“[17], ist einerseits Topos der Zeit, andererseits aber auch Ausdruck der tiefen Verzweiflung und Ohnmacht, mit der Katharina von Henoth den Schöffen und Anschuldigungen der vermeintlichen Zeugen ihrer Hexerei gegenübersteht.

Detailliert schildert sie die vorgetragenen Anschuldigungen und versucht sie durch Erklärung der Sachverhalte zu widerlegen. Warum sie dies tut, ist auf den ersten Blick nicht ganz eindeutig. Vielleicht aus der Erwägung heraus, dem Adressaten, der im letzten Teil aufgefordert wird, einen rechtlichen Bestand zu organisieren[18] eine mögliche Argumentationsstruktur für den zu ihrer Verteidigung herangezogenen Juristen an die Hand zu geben. Andererseits wurde von der Verfasserin eventuell einkalkuliert, dass der Brief vom Gericht abgefangen werden könnte, um so einen weiteren Beweis ihrer Unschuld zu dokumentieren. Die Hoffnung auf diese Weise ihre Argumente gegen die Anschuldigungen an die Schöffen heranzutragen, liegt nahe, denn aus dem vorletzten Abschnitt ist herauszulesen, dass ihr vom Gericht die Möglichkeit sich selbst zum Sachverhalt zu äußern vorenthalten wurde[19]. Anfangs geht sie auf den Vorwurf ein, sie hätte einen gewissen Herrn Wallraff „(...) bezaubert, dass er darüber gestorben.(...)“[20]. Sie verweist darauf, dass der Arzt eben dieses Wallraff bezeugen könne, dass er schon vor der Bekanntschaft mit Henoth schwach gewesen sei, und wahrscheinlich am Fleckfieber oder der Pest gestorben sei. Danach geht sie auf den Vorwurf ein, sie hätte ihren Beichtvater Wallraff verführen wollen und hätte ihm danach ebenfalls eine tödliche Krankheit angehext[21]. Auch hier versucht sie den Sachverhalt zu schildern, der zum Tode des Wallraff geführt haben könnte.

[...]


[1] Für die Geschichte, verstanden als Wissenschaft, ist m.E. der kritische Umgang mit Dokumenten das wichtigste (und vielleicht einzige) Abgrenzungsmerkmal zur fiktiven Konstruktion von Realität, wie sie in der Literatur betrieben wird.

[2] Vgl. hierzu: Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurt a. M 1992 S. 9 - 30

[3] Oder hier vielleicht eher des angehenden...

[4] Vgl.: Schulze, Winfried: Ego-Dokumente: Annäherung an den Menschen in der Geschichte? Vorüberlegungen für die Tagung „Egodokumente“, ohne Ort, ohne Jahr

[5] Das einzige was einer (Re-) Konstruktion von Vergangenheit Glaubwürdigkeit verleihen kann, sind entsprechend interpretierte Dokumente und Quellen, die gewissermaßen die Authentizität der getroffenen Aussagen belegen. Dass dabei durch die Selektion der Quellen und deren Hierarchisierung durch den Interpreten / Schreiber auch schon ein großer Schritt weg von der angestrebten wissenschaftlichen Objektivität hin zur (Re-) Konstruktion getan wird, lieht auf der Hand.

[6] Vgl. hierzu: Soldan, Wilhelm Gottlieb / Heppe, Heinrich: Geschichte der Hexenprozesse. Neu bearbeitet und herausgegeben von Max Bauer, 2 Bde, München 1911 Bd. 2 S. 51 - 53

[7] Für den Autoren sind dies insbesondere die Aspekte frühneuzeitlicher Rechtsnormen und frühstaatlicher Herrschaftspraxis, die besondere soziale Konstruktion von Weiblichkeit in der Figur der Hexe sowie die Überlieferung und die frühneuzeitliche Aktualisierung der Deutungskonzepte Magie und Hexerei.

[8] Polizeiobmann der Stadt Köln, nach dem römischen Vorbild der fasces, den Rutenbündelträgern der Prätoren, benannt, die für die Durchsetzung des von den Prätoren gesprochenen Rechtes zuständig waren.

[9] Von der Stadt bezahlter Folterknecht.

[10] Diese Darstellung des Prozesses basiert auf der literarisch ausgeschmückten, aber auf den aufgefundenen Quellen fußenden Schilderung des Prozesses gegen Katharina von Henoth findet sich bei Soldan (vgl.: Soldan: Hexenprozesse, München 1911 Bd. 2 S. 51 – 53 ). Die vorliegende Schilderung basiert größtenteils auf ihr. Eine weitere Analyse, vor allem unter rechtsgeschichtlichen Aspekten bei: Siebel, Friedrich Wilhelm: Die Hexenverfolgung in Köln. Diss. jur. Bonn 1959

[11] Zitiert in: Behringer, Wolfgang (Hg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage, München 2000 S. 311 – 312 (Quelle im Anhang beigefügt)

[12] Anhang, Zeilen 5 - 7

[13] Ebenda, Zeilen 9 - 29

[14] Ebenda, Zeilen 31 - 36

[15] Ebenda, Zeilen 38 - 39

[16] Ebenda, Zeilen 5 - 7

[17] Ebenda, Zeile 28

[18] Ebenda, Zeilen 38 - 39

[19] „Ich bin dreymal vor sey auff die Knie gefalle und sey gebetten, damit ich die grobe Lügen selber mochtte verdedigen. Ach wehr ich darauß. Ich wolt sey balt verdedigt haben...“ (Ebenda, Zeilen 34 – 36)

[20] Ebenda, Zeilen 9 - 11

[21] Ebenda, Zeilen 13 - 18

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640746019
ISBN (Buch)
9783640746606
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161418
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Frühe Neuzeit Geschlechterdiskurs Hexerei Hexenhammer Egodokumente

Autor

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