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Oswalds von Wolkenstein "Frölich, zärtlich" (Kl. 53) – Übersetzung, metrische Analyse und Interpretation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzung
2.1 Übersetzungskommentar

3. Metrische Analyse
3.1 Kommentar zur metrischen Analyse

4. Interpretation
4.1 Interpretation auf stilistischer Ebene
4.1.1 Betonung des Körperlichkeit und der Erotik
4.1.2 Farbsymbolik
4.1.3 Sinneswahrnehmungen im Text und auf der Metaebene
4.2 Interpretation auf inhaltlicher Ebene

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Oswalds von Wolkenstein „Frölich, zärtlich“ ist schwer zu kategorisieren. Es wird in der Forschungsliteratur allgemein als ein Tagelied bezeichnet, allerdings als ein von der Norm abweichendes, da maßgebliche Elemente des Tageliedes fehlen, andere Elemente jedoch, speziell solche des Tanzliedes, Einzug finden. Dass dies nicht auf mangelnde Erfahrung oder Stiltreue zurückzuführen ist, beweist Oswalds Gesamtwerk:

„Nach Ausweis der Überlieferung ist er [Oswald, Anm. d. Verf.] der fleißigste Tageliedproduzent des ganzen (!) Mittelalters gewesen: Während uns etwa von Wolfram von Eschenbach 4 (bzw. 5), von Ulrich von Winterstetten 5, vom ‚Mönch von Salzburg‘ 5 Tagelieder oder tageliedähnliche Gedichte überliefert sind, sind es bei Oswald – je nach den verwendeten definitorischen Kriterien – mindestens 13.“[1]

Oswald weiß also, was er tut, wenn er von der Norm abweicht und ein Tagelied schreibt, das eigentlich gar keines ist. Warum dies der Fall ist und welche Effekte dadurch erzielt werden, soll ein Gegenstand dieser Arbeit sein.

Aber nicht nur die inhaltlich Ebene, sondern vor allem die stilistischen Mittel, die Oskar hier anwendet, machen es zu einem herausragenden und oft thematisierten Werk. Als prägnanteste Merkmale gelten „das sehr raffinierte Reimschema“[2], der „lebhaften Wort- und Klangrausch“[3] und „die schalkhafte Freude O.s an den Wortbildungen und ihrer Häufung“[4]: die teilweise schwer bis gar nicht übersetzbaren Teilsätze machen das Lied zu einem immer wieder neue Fragen aufwerfenden Werk, das bei aller scheinbaren thematischen Oberflächlichkeit und purer Freude an der Form eine genauere Betrachtung und Deutung der Aussage verdient.

Die vorliegende Arbeit will diese eingehendere Betrachtung vornehmen, indem Oswalds Lied zunächst auf lexikalischer und metrischer, dann auf inhaltlicher Ebene analysiert wird. Ich will versuchen, verschiedene interpretatorische Ansätze zu umreißen und eine mögliche Antwort auf die offene Frage der Einordnung des Liedes zu finden.

Ich verwende | als Zeichen für Zeilenumbruch.

2. Übersetzung

Kl. 53 Fröhlich, zärtlich

I

1. Frölich, zärtlich, lieblich, glänzend, lustvoll, still, leise,
2. in sanfter, süßer, reiner, anmutiger1 Weise
3. erwache, du geliebtes, schönes Weib,
4. recke, strecke, preise deinen zarten, stolzen Leib!
5. Öffne deine hellen klaren Augen!
6. Nimm heimlich wahr,
7. wie die Schar der Sterne2 verblasst
8. im Glanze der schönen, heiteren, klaren Sonne.
9. Wohl auf zum Tanz!
10. Machen wir einen schönen Kranz
11. von gelber3, brauner, blauer, grauer,
12. gelber, roter, weißer,4
13. veilchenblauer Blümlein Glanze.5
14. Flüsternd, murmelnd, seufzend und zischelnd, wispelnd freundlich sprechen6
15. von hübschen, guten, reinen Sachen
16. soll dein voller, roter Mund,
17. der mein Herz sehr lieblich entzündet hat
18. und mich fürwahr tausend mal belebt,
19. freundlich erschreckt
20. aus dem Traum des Schlafes, da ich einen
21. so wohl gezierten, roten, engen Spalt ersehe
22. von lächelnder Gestalt,
23. weiße Zähnlein darin gereiht,
24. schmunzelnd, lächelnd, von vollem, rosigem Munde gesagt7
25. angelegentlich hell
26. trefflich gemalt.

III

27. Wollte sie, sollte sie, täte sie und käm sie, nähm sie meinem Herzen
28. den großen, harten Liebesschmerz,
29. und ein weißes Brüstlein drauf gedrückt,
30. seht, so einfach wäre mein Trauern gar weggerückt.
31. Wie möchte ein zierliches, schönes Mädchen8
32. lustvoller zieren
33. das Herze mein ohne üblen Schmerz
34. als mit so wonniger, zarter, reiner Lust?9
35. Mund Mündlein geküsst,
36. Zung an Zünglein, Brüstlein an Brust,
37. Bauch an Bäuchlein, Haar an Härchen,
38. schnell, eifrig
39. allzeit frisch gedrückt.10

2.1 Übersetzungskommentar

Ich nenne im Kommentar bei Verweisen auf Sekundärliteratur der Übersicht halber nur den Namen des Autors sowie die Seitenzahl, bei Verweisen auf Wörterbücher die gängigen Abkürzungen. Ausführliche Beschreibungen der jeweils aufgeführten Titel finden sich im Literaturverzeichnis.

1 sain: Schatz übersetzt mit „lässig“ (Schatz, 94b); Lexer mit „langsam, träge“ (Lexer II, 858) und führt als Beleg an BW 87. 3,3 (Kl. 106) saine ist gen mir dein helfe, sowie BW 69. 2,4 (Kl. 81) neur si wër vor der eren sain; BMZ übersetzt ebenfalls als „träge, langsam“ und verweist auf ebendiese Stellen (BMZ II,2, 242b, 42ff.). Banta bezieht sich direkt auf Kl. 53, 2 und schließt: „(...) aber im Kontext unseres Gedichtes ist ,anmutig‘ – im Schillerschen Sinn des Wortes – vorzuziehen.“ (Banta, 60). Seine Interpretation ist plausibel, da er die genannten Übersetzungen berücksichtigt und diese auf den Kontext bezieht, nämlich die Beschreibung der Bewegungen des weiblichen Körpers beim Erwachen. Hier fügt sich „anmutig“ doch nahtloser in eine Reihe positiv konnotierter Adjektive wie „zärtlich“, „lieblich“ und „sanft“ ein als etwa „träge“ oder „langsam“, jedoch ohne die betonte Langsamkeit der beschriebenen Bewegung aufzuheben.

2 gart: Schatz übersetzt als „Garten“ (Schatz, 70), täuscht sich aber laut Banta (Banta, 60), der mit Maurer (Maurer, 37) den Ursprung von Oswalds gart im ahd. g art „Chor“ sieht. Dazu im AWB IV, 120:

„gart3: (...) 2) tanzende und singende Schar, Chor: engilo garta [ regem vero natum angelus nuntiat, eiusque voci angelorum ] c h o r i [ concinunt, Greg., Hom. I,8 p. 1462 ] Gl 2,279,56. 308,28 cart [ illa ] c h o r u m [ simulans euhantis orgia circum ducebat Phrygias, Verg., A. VI,517 ] 657,24. kemahhon carte nec praesumat (der zu spät Kommende) sociari c h o r o psallentium S 250,19.

3) Schar der Apostel: thih tiurlicher potono cart ... lobot heri te gloriosus apostolorum c h o r u s ... laudat exercitus H 26,4,1.“

der sterne gart wäre somit als „Schar der Sterne“ übersetzbar und entspräche dann auch der Funktion als Subjekt zum Prädikat verschart. Vgl. hierzu auch die Übersetzung Hofmeisters: „Sieh im Verborgenen zu, | wie sich der Sternenchor | im Strahlen der schönen, hellen, gleißenden Sonne verliert.“ (Hofmeister, S. 179).

3 schawn: laut Schatz eine „Reimform für schön “ (Schatz, 95a). Auch Kühn (Kühn, 122) und Witt (Witt, 8) übersetzen mit „schön“. Banta schließt aufgrund des Kontexts, nämlich der Aufzählung anderer Farben wie blau, gelb, rot, weiß, auf ein weiteres Farbadjektiv:

„Oswald rühmt sich (18, 21 – 23), daß er zehn Sprachen beherrsche, darunter Französisch, Italienisch, Spanisch und Rätoromanisch. ... Ich würde also postulieren, daß schawn auf altfrz. jalne/jaune „gelb“ zurückgeht, das von provenzalischen, spanischen, portugiesischen und italienischen Dialekten entlehnt wurde; man beachte besonders Neu-Piemontesisch ğaun. Wenngleich auch das mhd. g el,gelb‘ neben schawn in beiden Passagen aufscheint und es keinen Anlass gibt, an die Bezeichnung verschiedener Gelbschattierungen zu denken, unterstützt sowohl die Übereinstimmung in der Form als auch die passendere Bedeutung und Oswalds mögliche Bekanntschaft mit dem Wort aus verschiedenen romanischen Sprachen diese These.“ (Banta, 61)

Für Bantas These spricht auch der Gebrauch von schawne in Kl. 42, II, 1ff.: Die blümen gële, hele, | hübsch geverbet, gërbet, | prawne, schawne, plawe, | grawe, mangerlei. Wenn schawn auch hier „schön“ meinen sollte, wäre die Farbaufzählung unterbrochen („braune, schöne, blaue, graue“). In der Position zwischen prawne „braune“ und plawe „blaue“ ist der Gebrauch eines weiteren Farbadjektivs wahrscheinlicher; es ergäbe sich eine inhaltlich stimmige Übersetzung „braune, gelbe, blaue, graue“. Hofmeister übersetzt ebenfalls „gelb-rot-weißer, | violetter Blütenpracht!“ (Hofmeister, 179).

4 Banta vermutet, dass Oswald sich hier gezwungen sah, die Endungen der Pluraladjektiva wegzulassen, um Metrum und Reim der Zeile 12 den Zeilen 25 und 35 anzupassen (Banta, 62). In der Übersetzung sind die Adjektiva somit in Kasus und Genus an Z. 11 angeglichen (Vgl. Kühn, 138: „aus blauem, violettem, | rotem, gelbem, weißem, | lichtem Blütenglanz.“)

[...]


[1] Müller, Ulrich, Die Tagelieder des Oswald von Wolkenstein oder Variationen über ein vorgegebenes Thema, in: Gesammelte Vorträge der 600-Jahrfeier Oswalds von Wolkenstein, hg. von Hans-Dieter Mück u. Ulrich Müller. Göppingen: Kümmerle, 1987, S. 208ff

[2] Spicker, Johannes: „Oswald von Wolkenstein – die Lieder“, in: Klassiker-Lektüren Band 10. Berlin: Erich Schmidt, 2007, S. 81

[3] Lomnitzer, Helmut: „Lieder in neueren musikalischen Aufführungsversuchen“, in: Wege der Forschung, Band 526, Oswald von Wolkenstein, herausgegeben von Ulrich Müller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1980, S. 465

[4] Marold, Werner: „Kommentar zu den Liedern Oswalds von Wolkenstein“, in: Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Germanistische Reihe Band 52, hrsg. Von Alan Robertshaw. Innsbruck: 1995, S. 170

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640752768
ISBN (Buch)
9783640752959
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161405
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Schlagworte
Oswalds Wolkenstein Frölich Analyse Interpretation

Autor

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