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Der Strich als soziales Milieu

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Von den Anfängen der Prostitution bis heute

Rechtliche Verbindlichkeiten und Sicherheiten für Prostituierte heute - über die zunehmende Akzeptanz und teilweise Anerkennung als Beruf

Was sind die Gründe respektive unter welchen Voraussetzungen prostituieren sich Menschen?

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

Vorwort

Trotz der unterschiedlichsten Krisen der verschiedenen Jahrhunderte, kann Prostitution - also der Vollzug sexueller Handlungen gegen ein entsprechendes Entgelt - neben dem Beruf des Priesters, zu den ältesten Berufen der Welt gezählt werden, der außerdem in allen Völkern und Gesellschaften zu finden ist1. Mindestens genauso alt sind auch die gesellschaftlichen Stigmata und Denkweisen von unmoralischen, kriminellen oder abartigen Personen, die in diesem Gewerbe tätig sind - um nur einige zu nennen. Trotzdem übt die Prostitution - oder besser gesagt - üben die männlichen und weiblichen Prostituierten einen gewissen Reiz und eine gewisse Faszination auf die Menschen aus. Diese Faszination bzw. Reize können sowohl positiv wie auch negativ sein. Man kann allgemein von folgenden drei grundlegenden Arten der Prostitution ausgehen:

erstens Zwangsprostitution aufgrund von Menschenhandel und/oder angeblicher extrem hoher Verschuldung sowie aus Angst vor Gewalt oder Verletzungen, zweitens Gelegenheitsprostitution/Prostitution als Hobby, um evtl. kurzfristige finanzielle Engpässe zu überwinden oder sich etwas zu leisten, einen besonderen Reiz bzw. Kick zu erfahren der periodisch befriedigt werden muss und drittens Prostitution als „Beruf“, die oft in Bordellen, auf dem Straßenstrich oder dem Wohnungsstrich stattfindet und der Existenzsicherung für sich und ggf. der Familien, aber auch dem Abbau von Schulden und der Beschaffung von Drogen oder Alkohol dienen kann. Hier wären allerdings die Grenzen fließend, denn abhängige Prostituierte können durchaus gezwungen werden, entweder vom eigenem Verlangen oder anderen Personen.

In der folgende Arbeit möchte ich den Focus auf die weibliche Prostitution und hier hauptsächlich auf die „berufliche“ Prostitution legen. Außerdem beschäftigt sich die Arbeit zunächst mit der Geschichte der Prostitution, bevor die heutigen rechtlichen Gegebenheiten bzw. Bedingungen skizzenhaft beleuchtet werden. Anschließend werde ich der Frage nachgehen, was die Gründe respektive welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit sich Menschen prostituieren und wie die Prostituierten sich in ihrer Arbeit sehen oder diese sogar legitimieren? Des weiteren möchte ich die Doppelmoral, mit der teilweise der Prostitution begegnet wurde und wird, kritisch betrachten.

Von den Anfängen der Prostitution bis heute Ob in der Bibel2 oder bei den Alten Griechen, die Prostitution ist bis ins Altertum der Menschheit verwurzelt. Die Prostituierten im alten Griechenland konnten zwar ebenso wie heute nicht mit hohem Ansehen rechnen, waren allerdings in die Polis integriert und konnten u.U. sogar als eine Art Escortdame fungieren und ihren Klienten auf öffentliche Veranstaltungen begleiten. Dies war jedoch sicherlich die Ausnahme3. Griechische Bordelle der Antike waren, so schreibt Girtler, dem ganzen Volk geweiht. Prostituierten fiel - ähnlich wie heute, allerdings mit Einschränkungen bzw. Abwandlungen - die Aufgabe zu „Glückseligkeit“ zu verkaufen, und der Abschluss der Erziehung - so die antike Vorstellung - wurde erst mit dem Bordellbesuch beendet. Auch die Gründer der Stadt Rom, Romulus und Remus, sollen von einer Hure (Acca Laurentia) großgezogen worden sein, denn das lateinische Wort für Hure oder auch Wölfin ist lupa. Acca Laurentia soll durch Prostitution die Felder erworben und ihren Pflegesöhnen geschenkt haben, auf denen dann Rom gegründet wurde.

Auch im Mittelalter gab es Prostitution. Allerdings hatte man in dieser Zeit ein erhebliches Definitionsproblem. Ausschlaggebend für die Bezeichnung Hure war die Anzahl der Geschlechtspartner. Eine Frau konnte mit bspw. 50 Männern gegen Geld schlafen ohne es verdient zu haben, Hure genannt zu werden. Nach Ansicht einiger Gelehrter war es erst nach dem dreiundzwanzigtausendsten Geschlechtspartner legitim, diese Frau als Hure zu betiteln4. Rechtlich war das Mittelalter für Prostituierte allerdings eine Qual, denn damalige Juristen vertraten die Auffassung, dass sich bspw. ein Dieb entschuldigen dürfe, wenn er aus finanzieller Not gehandelt hatte. Frauen, die sich aus selbiger finanzieller Not prostituierten oder prostituieren mussten, um sich und ggf. ihre Kinder zu ernähren, wurde diese Gelegenheit der Entschuldigung verwehrt5.

Die Betrachtung durch die geschichtliche Brille rückt einen weiteren interessanten Punkt in den Focus meiner Betrachtung. Von der Antike, über das Mittelalter bis in die heutige Zeit zieht sich eine gewisse Doppelmoral, denn die Dirnen wurden und werden mehr oder weniger intensiv verachtet, ausgegrenzt oder kriminalisiert, jedoch wurde und wird das mit „Sünde“ behaftete Geld in Form von z.B. Hurensteuern oder Pachtzins gerne von der Obrigkeit kassiert.

Ebenso fragwürdig in Bezug auf die teilweise Verachtung oder Ausgrenzung der Prostituierten im Mittelalter ist, dass trotzdem Bordelle von den Stadtverwaltungen (bspw. Fürsten oder Herzöge) erlaubt oder geduldet wurden bzw. sogar Geistliche sich in Frauenhäusern vergnügten, der Mainzer Erzbischof z.B. den Pachtzins kassierte oder der Frankfurter Leonhardstift (um 1560) ein Frauenhaus besaß6. In Wien bediente man sich ebenso dieses Pachtzinses und ging sogar einen Schritt weiter, als man aus den Einnahmen ein Nonnenkloster mitfinanzierte7. Es gab also keinerlei Bedenken, „kirchlich-göttliche“ Angelegenheiten aus dem sündebehafteten „Schandlohn“ der Prostituierten zu finanzieren. Auch in der heutigen Zeit lassen sich solche Muster erkennen, denn als sich 1990 der Frankfurter Kämmerer gegen die Einschränkung des Rotlichtmilieus zur Wehr setzte, begründete er dies damit, dass man auf die beachtlichen Steuereinnahmen der Szene nicht verzichten könne, wenn man ein städtisches Kulturleben am Leben erhalten wolle8.

Ein Grund für die Duldung des horizontalen Gewerbes könnte darin gesehen werden, dass den Huren ein für die Öffentlichkeit relevanter Zweck zugeschrieben wurde und sie ihre „Arbeit“ damit legitimiert sahen, dass sie notgeile Männer befriedigten und somit diese von den ehrbaren jungfräulichen Mädchen weghielten9.

Abschließend bleibt also festzuhalten, dass seit der Antike einer der markantesten Gründe sich zu prostituieren, die finanzielle Not ist, sich und andere versorgen zu müssen. Ebenso hat man anscheinend keinerlei Gedanken an die Widersprüchlichkeit aller Beteiligten sowie der Gesellschaft verschwendet einerseits die Prostituierten mehr oder weniger intensiv und offiziell auszugrenzen oder zu verachten, sich andererseits an den Annehmlichkeiten, wie den Einnahmen zu bedienen. Unter Umständen wurde vielleicht die Abgabe eines Teils der Einnahmen von den Prostituierten und der Gesellschaft als eine Art Entschuldigung oder Sühne gesehen. Es könnte ebenso sein, dass man sich mit diesen Abgaben die Duldung „erkaufte“.

[...]


1 http://www.g26.ch/gay_kultur_47.html

2 vgl. Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft; (Luther, Martin D. (Übersetzer)), „Die Heilige Schrift“-„Das Neue Testament“;VEB Graphische Werkstätten Leipzig. III 18/97; Berlin; 1957, S. 3-35, 55-89

3 Roland Girtler, „Der Strich - Soziologie eines Milieus“, 5. Auflage, Lit Verlag, Wien, 2004, S. 282f

4 http://www.deutschland-im-mittelalter.de/prostitution.php

5 Ebenda.

6 Roland Girtler, „Der Strich“, S. 289

7 Ebenda. S. 294

8 Ebenda. S. 290

9 http://www.deutschland-im-mittelalter.de/prostitution.php

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640745845
ISBN (Buch)
9783640746453
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161392
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
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Titel: Der Strich als soziales Milieu