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Analyse des Werkes »Theater der Unterdrückten« von Augusto Boal

Seminararbeit 2007 16 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werdegang und Werk Augusto Boals

3. Grundsätze und Ziele des »Theaters der Unterdrückten«
3.1 Boals Definition von Theater
3.2 Grundsätze des »Theaters der Unterdrückten«

4. Formen und Techniken des »Theaters der Unterdrückten«
4.1 Das Zeitungstheater
4.2 Unsichtbares Theater
4.3 Statuen- und Bildertheater
4.4 Das Forumtheater

5. Das »Theaters der Unterdrückten« in Europa
5.1 Das erweiterte Theaterkonzept Augusto Boals
5.2 Abgrenzung des »Theater der Unterdrückten« zum therapeutischen Theater

6. Resümee

7. Literatur

1. Einleitung

Theater ist die erste Erfindung des Menschen und zugleich die Erfindung, die den Weg zu allen weiteren menschlichen Entdeckungen geebnet hat.“[1]

Dieses Zitat Augusto Boals, des wohl bekanntesten Theatermacher Lateinamerikas, macht die Bedeutung des Theaters für den «Brecht Lateinamerikas« gleich zu Beginn dieser Arbeit deutlich. Seinen Werdegang und sein Lebenswerk, das »Theater der Unterdrückten«, vorzustellen ist das Hauptanliegen dieser Hausarbeit. Eigenes Interesse am Theaterspielen wie auch die Möglichkeiten, die seine Methoden in der pädagogischen Praxis bieten können, haben mich zur Wahl dieses Themas veranlasst.

Zunächst werde ich den Werdegang und das Werk Augusto Boals erläutern sowie auf die Ursprünge und die Entwicklung des »Theaters der Unterdrückten« eingehen.

Im darauffolgenden Kapitel wird zunächst Boals Definition von Theater vorgestellt, um anhand seiner unterschiedlichen Perspektiven die Grundsätze und Ziele des »Theaters der Unterdrückten« aufzuzeigen.

Im vierten Kapitel dieser Arbeit werden die wichtigsten Techniken und Methoden des »Theaters der Unterdrückten» vorgestellt und deren praktisches Umsetzungspotential erläutert.

In Kapitel fünf gehe ich der Frage nach, in welcher Weise das »Theater der Unterdrückten« hierzulande umgesetzt werden kann und wie sich das erweiterte Theaterkonzept Boals vom therapeutischen Theater Morenos abgrenzt.

2. Werdegang und Werk Augusto Boals

Am 15. März 1931 wurde Augusto Boal in Rio de Janeiro geboren und begann bereits in jungen Jahren mit dem Schreiben von Theaterstücken. Sein Studium des Dramas und der Regie bei John Gassner sowie ein Studium der Industriechemie führten ihn 1953 nach New York an die Columbia University.

Nach dem erfolgreichen Ende seiner Studienzeit übernahm Boal 1956 die künstlerische Leitung des »Teatro de Arena« in Sao Paulo. Bis zu diesem Zeitpunkt war das »Arena-Theater« eine Art Studiobühne mit karger Ausstattung und ebenerdiger Bühne, welche die Nähe zum Publikum sicherstellen sollte. Dieser theatertechnischen Innovation stand jedoch ein eher konventioneller Spielplan gegenüber.

Unter der Direktion Augusto Boals, welcher in New York bereits Theaterstücke geschrieben und inszeniert hatte, veränderte sich die Struktur wie auch der Spielplan des »Arena-Theaters« grundlegend.

Die politische Situation in Brasilien war im Jahre 1956 durch Liberalisierungstendenzen des damaligen Präsidenten Goulart gekennzeichnet. In einem Land mit 40 Millionen Analphabeten sollten durch eine große »Alphabetisierungskampagne« vor allem die Landbevölkerung und die Arbeiter der »Favelas« erreicht werden. Hunderte von sogenannten Volkskulturzentren (centros popular de cultura), vor allem von Studenten und Teilen der Katholischen Kirche getragen, schossen aus dem Boden.

Auch Augusto Boal und sein Ensemble arbeiteten eng mit den Alphabetisierungsgruppen in den Volkskulturzentren zusammen. Sie wollten nicht mehr nur die Intellektuellen Sao Paulos ansprechen, sondern auch die Landbevölkerung und die Arbeiter der »Favelas«. Das »Arena-Theater« wurde von der Studiobühne zum »Volkstheater« und inszenierte vor allem Agitationsstücke, welche die Arbeit der Volkskulturzentren unterstützen sollte.

Das Ensemble um Boal schloss dem Theater außerdem eine Schauspielerwerkstatt an, in der Schauspieler «für das Volk« ausgebildet und Stücke über die brasilianischen Zustände geschrieben wurden. Hier galt das Theater Bertolt Brechts als großes Vorbild.

Obwohl das Interesse an diesen Aufführungen und den Agitationsstücken sehr groß war, wurden im »Arena-Theater« ab 1961 wieder vermehrt klassische Stücke inszeniert, was auf die politische Veränderung in Brasilien zurückzuführen war. Regierungskritisches Theater zu spielen wurde immer schwieriger, und die Mitglieder des »Arena-Theaters« waren Verfolgungen und Repressionen ausgesetzt.

Im April 1964 wurde Präsident Goulart gestürzt und die Volkskulturzentren verboten. Auch Boals bisherige Theaterarbeit wurde verboten, jedoch durften die internationalen Klassiker weiter gespielt werden.[2]

In dieser Situation gewann die Haltung Augusto Boals und des »Arena-Theaters« „...den Charakter eines politischen Aufrufes zum Widerstand gegen die Gewaltherrschaft. Künftige Aufführungen fanden mit dem Ziel statt, die Massen zu politisieren.“[3]

Dies führte zur Entwicklung verschiedener Volkstheatertechniken, welche den Zuschauer stärker in das Bühnengeschehen mit einbezogen. Erste Techniken entstanden mit dem »Zeitungstheater«, das den Zuschauer zum Protagonisten machte und sich als Opposition gegen die zunehmende staatliche Zensur verstand.[4]

Boal entschied sich, wie er es selbst ausdrückte, für eine „...Übereignung des Theaters an die Zuschauer.“[5]

Während der zweiten Militärdiktatur wurde Boal 1971 in Sao Paulo verhaftet und gefoltert. Dank internationaler Proteste kam er drei Monate später auf freien Fuß und konnte das Land verlassen. Im argentinischen Exil entwickelte er das »Unsichtbare Theater«. 1973 arbeitete Boal in Peru zusammen mit seinem Freund Paulo Freire in einem Alphabetisierungsprojekt. Dort entstand, angelehnt an Paulo Freires »Pädagogik der Unterdrückten«, der Begriff »Theater der Unterdrückten«. Im Anschluss an dieses Projekt entwickelte Boal auch das sogenannte »Statuentheater« sowie das »Forumtheater«, wohl seine originärste Methode. Im Laufe meiner Arbeit werde ich noch detailliert auf einzelne Techniken Boals zu sprechen kommen.

Zurück in Argentinien begann er seine Theatererfahrungen zu systematisieren und zu publizieren. In dieser Zeit entstanden seine wichtigsten Schriften. 1976 kehrte er, aufgrund der verschärften politischen Lage in Argentinien, Lateinamerika den Rücken zu und übersiedelte nach Portugal, wo er einen Lehrauftrag am Konservatorium für Theater in Lissabon annahm . Hier modifizierte und entwickelte er seine Methoden und Ansätze weiter.

Es entstanden seine sogenannten «prospektiven» und «introspektiven» Methoden. 1978 erhielt er eine Dozentenstelle an der Pariser Sorbonne und machte seine Techniken des «Theaters der Unterdrückten» in ganz Westeuropa bekannt.

Hier gründete er unter Mitwirkung einiger Schauspieler und Pädagogen, die zuvor an Seminaren Boals teilgenommen hatten, das «Centre d’étude et de diffussion des techniques actives d’expression« (CEDITADE).

Das CEDITADE wurde später umbenannt in «Centre du Théâtre de l’Opprimé – Augusto Boal». Nach dem Ende der Militärdiktatur in Brasilien konnte Boal 1986 in seine Heimat zurückkehren. Im Jahr 1989 gründete er ebenso wie in Paris, unter Mitwirkung bereits ausgebildeter Kulturanimateuren, das CTO-Rio (Centro de teatro do Opprimodo).

Neben seiner Tätigkeit im CTO-Rio, das später weitgehend unabhängig von Boal arbeitete, leitet er bis heute noch weltweit Seminare und Workshops.[6] Seine Werk wurde stets von anderen Personen beeinflusst: Von Bertolt Brecht hat Boal beispielsweise „...das Prinzip des „eingreifenden Theaters“ übernommen; K. Stanislawskis Prinzip der „Priorität der Emotionen“, d.h. der Priorität des emotionalen Gedächtnisses in der Verkörperung einer Rolle, findet sich ebenfalls in Boals Konzept wieder.“[7]

Auch sind Ähnlichkeiten zu Jakob Levy Morenos Methoden des Psychodramas, des Stehgreiftheaters und des Soziodramas in der Arbeit Boals zu erkennen. Zwar äußerte sich Boal nicht näher über die Parallelen zu Morenos Techniken,[8] jedoch sind Gemeinsamkeiten der Ansätze Boals und Morenos mittlerweile nachgewiesen.[9] Auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Ansätze werde ich im Laufe dieser Arbeit noch näher eingehen.

3. Grundsätze und Ziele des »Theaters der Unterdrückten«

Zunächst möchte ich in diesem Abschnitt meiner Arbeit eine Definition von Theater nach Boal geben und darauf die Grundsätze des »Theaters der Unterdrückten« näher beleuchten.

3.1 Boals Definition von Theater

Für Augusto Boal ist das »Theater der Unterdrückten« zunächst einmal Theater für das Volk. Er unterscheidet in diesem Zusammenhang zwei Perspektiven. Die Perspektive seines Theaters beschreibt er folgendermaßen: „Theater ist für das Volk, wenn es die Welt aus der Perspektive des Volkes sieht, das heißt, in unaufhörlichem Wandel begriffen, mit allen Widersprüchen und die Bewegung dieser Widersprüche, wenn es die Wege zur Befreiung der Menschen zeigt. Diese Perspektive macht deutlich, daß (sic!) Menschen, die [...] versklavt wurden, ihre Situation ändern können. Alles befindet sich in Veränderung. Diese Veränderung gilt es voranzutreiben.“[10]

Dieser Perspektive stellt Boal die Perspektive des bourgeoisen Theaters gegenüber, das darauf beharrt, das gegenwärtige System als das bestmögliche System weltweit darzustellen. Er räumt jedoch ein, dass das Gros des bourgeoisen Publikums seines Heimatlandes dem Kleinbürgertum entstammt. Diese denken wie die Bourgeois, leben jedoch nicht wie diese.[11] Aus dieser Diskrepanz heraus sind die Bourgeois Boals Auffassung nach „...politisch labil und anfällig, aber auch offen für neue Ideen.“[12] Boal macht Volkstheater, beziehungsweise Theater aus der Perspektive des Volks, damit der schweigenden Mehrheit seiner Landsleute, um deren Gunst auch die Regierungen kämpfen, das Wort zurückgegeben wird.

[...]


[1] Boal 1999, 24.

[2] Vgl. Neuroth 1994, 52ff; Ehlert 1986, 34ff.

[3] Neuroth 1994, 54.

[4] Vgl. ebd., 54f.

[5] Boal 1979, 14.

[6] Vgl. Axter 2001, 16ff; Feldhendler 1992, 26f; Neuroth 1994, 56ff.

[7] Feldhendler 1992, 27.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd., 58ff.

[10] Boal 1979, 17.

[11] Vgl. ebd., 18.

[12] Ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640755356
ISBN (Buch)
9783640755431
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161323
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe
Note
1,3
Schlagworte
Analyse Werkes Unterdrückten« Augusto Kindertheater Theater in der Grundschule Zeitungstheater Unsichtbares Theater

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Titel: Analyse des Werkes  »Theater der Unterdrückten« von Augusto Boal