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Das Bild vom Kind bei Christine Nöstlinger

Examensarbeit 1985 85 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kinderbild in der spezifischen Kinder- und Jugendliteratur von ihren Anfangen bis zur Ge- genuiart

3 Das Bild vom Kind bei Christine IMostlinger
3.1. Zur Person der Autorin
3.2. Das AuBere der Kinderfiguren
3.3. Die Sprache der Kinder
3.4. Die konkrete Umwelt der Kinderfiguren
3.4.1. Die Familie
3.4.1.1. Die Eltern-Kind-Beziehung
3.4.1.2. Geschu/isterbeziehungen .
3.4.2. Die Schule
3.4.3. Beziehungen zur llmwelt

4. Zusammenfassung unter Einbeziehung persdnlicher Stellungnahmen der Autorin zu den Themen Kind - Literatur - Gesellschaft

Literaturverzeichnis

1, Einleitunq

"Ich kann nur uber Dinge schreiben,die ich kenne.India- ner,Filmstars und Sohne won Atamphysikern mit Nobel- preis fallen also weg.Wie es dem Eskimo am Morgen geht, iwenn er aus dem Iglu tritt,ist mir genauso unklar. Da- fur kenne ich mich noch aus:bei durchsichti gen Fiannern aus blauem Rauch,fliegenden Katzen und GroGmuttern, Erdapfeln mit Hirn und Herz und dergleichen mehr".

(Christine Nostlinger,zit.n.: "Maikafer,flieg!" 5.174)

Die uorliegende Arbeit beschaftigt sich mit dem Kinder- bild in ausgewahlten Werken der Kinder- und Jugendbuch- autorin Christine Nostlinger.Mein als Kind und junges Madchen stetiges Interesse an Kinder- und Jugendlitera- tur (im folgenden Text auch KTL abgekurzt) werlor sich trotz meines Germanistikstudiums nicht.Da ich inzuischen Mutter ein.es funfjahrigen Sohnes und einer dreijahriyen Tochter bin,ist der Kontakt zum Medium Kinderbuch v/er- standli cherueise nie abgerissen. Aus dieser "l/orbslastung" heraus entwickelte sich bei mir der !ilunsch,meine Fxamens- arbeit uber ein Gebiet der KJL zu schreiben.

Die Autorin Christine Wbstlinger lernte ich zuerst durch das Fernsehen kennen.Es zeigte 1976 ihr Buch "Use Janda,14" als zueiteiligen Film unter dem Titel "Die Use ist ujeg".Da ich mich nicht erinnern konnte, in meiner Kinder- und Jugendzeit in ahnlich ehrlicher Uleise realistische Probleme in der won mir gelesenen Literatur geschildert bekommen zu haben,wurde in mir das Interesse an einer uertieften Auseinandersetzung mit der Person Christine Nostlingers und ihrem Werk geiueckt. Bei der Lekture kristallisierte sich dann fur mich immer mehr die Frage nach dem in ihren Bijchern enthaltenen Kinderbild heraus.

Kinder und Kindheit sind spatestens seit Aries' "Geschichte der Kindheit" in den Blickpunkt ernstzuneh- mender literaturuissenschaftlicher Forschung auf dem Ge­biet der KJL geraten.Dawon zeugen zahlreiche V/erbffent lichungen wie "Kindheitsmuster","Kinderwelten", "Kinder,wie sie im Buche stehen",um nur einige Titel zu nennen.Die Au- toren,die sich mit diesem Thema auseinandersetzen,sind zu- meist Erwachsene,die naturlicherweise nicht die tatsachliche Kindheit, sondern nur noch ihre Uorstellung davon zum Aus- druck bringen konnen.Pape formuliert diese Diskrepanz zwi- schen realer und imaginarer Kindheit folgendermaBen:"Die rea­le Kindheit ist dem vollig bewuBten und ref 1 ektierten Erle- ben uerschlossen;sie ist nur zuganglich durch die Erinnerung, Berichte uber die eigene Kindheit Oder Beobachtung der Kind­heit anderer" (S. 23). Christine Nbstlinger schopft ihre lior- stellungen uber Kindheit aus der Erinnerung:"Die einzige Kin- derperson, di e mir als Elodell.. . zur Uerfugung steht,ist das Kind, das ich einmal war " ( zit. n. : "FOaikaf er, f lieg! "S. 1 75 ).

Bevor ich mich jedoch dem Kinderbild der Autorin zuwende,gebe ich zunachst einen Uberblick uber das Bild uom Kind in der spezifischen KJL der V/ergangenheit bis zur Ge- genuiart (Kap. 2).Dabei soil der Zusammenhang zuischen den jeueils geltenden gesellschaftlichen Kindheitsmustern und den literarischen Kinderbildern aufgezeigt ujerden.Unter"spe- zifischer KJL" v/erstehe ich dabei eine adressatenbezogene, also beuuBt fur Kinder und Jugendliche geschriebene Literatur ohne Berucksichtigung der daruberhinaus tatsachlich v/on Heran- wachsenden gelesenen Lekture.Vorausschicken mochte ich auBer- dem,"...daB die Kindheit, die tuir kennen und wahrnehrnen, fast immer burgerliche Kindheit war,sie allein hat eine literari- sche Sprache gef unden" ( Griinewal d/Kaminski , S. 11 ).

Kap. 3 untersucht das Kinderbild der Autorin Nbst­linger in acht ausgeuahlten Buchern,die meines Erachtens das Gesamtwerk reprasentieren.Diese Beschrankung ist notig,um den formalen Rahmen der Arbeit (Limitierung der Seitenzahl) ein- zuhalten. Zunachst uierden einige personliche Daten uber die V/erfasserin gegeben ( 3.1. ) sowie das auGere Bild der Kinderfi- guren(3.2.) und ihre Sprache ( 3. 3. ) geschildert, bev/or ich mich ihrer konkreten Umuelt uii dme ( 3.4. ) . Da die Kinderfiguren uber- uiegend in der Familie,der Schule und ihren Kontakten zur Um- uelt dargestellt uerden,soll auch das Kinderbild aus diesen Bereichen resultieren(3.4.1.,3.4.2.,3.4.3.).AbschlieBend er- folgt eine Zusammenfassung der geuonnenen Erkenntnisse unter Einbeziehung personlicher Stellungnahmen der Autorin zu ihrer Arbeit als Uerfasserin von Kinderbuchern (Kap.4).

2 Das Kinderbild in der spezifischen Kinder- und Jugend- literatur von ihren Anfangen bis zur Gegenmart

Im folgenden luird dargestellt,welche l/orstellung won Kind- heit sich in der deutschsprachigen KJL der Vergangenheit zeigte,und mie sich das Bild uom Kind im Laufe der Zeit, bis hin zur aktuellen KJL der Gegemuart (und damit zur Autorin Nostlinger),uerandert hat.

Die Anfange der KJL reichen bis in die zweite Halfte des 18. Jahrhunderts,in die Zeit der Aufklarung,zu- ruck.Die Kinder hatten. zuiar auch fruher Kontakt zu Buchern gehabt,indem sie,meist zuhdrend,am LiteraturprozeB der Er- uachsenen teilnahmen,es gab jedoch keine eigens fur sie produzierte Literatur im Sinne des in der Einleitung uon mir gegebenen Uerstandnisses uon KJL.Die spezifische Gat- tung Kinderliteratur entwickelt sich im Zusammenhang mit der Herausbildung der burgerlichen Gesellschaft und der damit einhergehenden allmahlichen Trennung uon Kinder- und Erwachsenenwelt. Zu den Entstehungsbedingungen uon biirger- licher Gesellschaft und KJL uerueise ich auf weiterfuhrende Literatur (s.Literaturuerzeichnis Nr. 3,S,17,41,46,49,67), da mich im Rahmen meiner Arbeit uordergrundig ein Resul- tat dieser Entwicklung,namlich die "Entdeckung der Kind- heit”,interessiert und damit einhergehend der Aspekt,da6 die Kinder zunehmend aus der Gesellschaft der Erwachsenen ausgegliedert uerden (ugl.Ari£s,Oahrendorf 1980,S.25). Kindheit mird,zunachst beschrankt auf das aufstrebende Burgertum der Aufklarung,zu einem eigenen sozialen Status, dem u.a. mit der Schaffung einer eigenen Literaturgattung Rechnung getragen mird.Ich pflichte Marie-Luise Konneker bei,wenn sie den Eigenu/ert der Kindheit nicht als etmas Statisches,eine plotzliche uon Rousseau oder aufklare- rischen Padagogen gemachte Entdeckung ansieht,sondern sagt:"...er entmickelt sich in dem MaQe,in dem das Leben und die Erfahrungen der Ermachsenen sich uerandern und uon denen der Kinder ablosen"(Konneker 1 976,S.10).Auch die Literatur erhalt jetzt die Funktion,die durch die ge- trennten Bereiche uon Freizeit und Arbeit,Kind und Er- machsener entstandene "...Lucke zu fullenDas Kinder buch ist also so alt wie die Erziehung des Burgerkindes zum Burger" (u. Biilorn, S. 1 3/1 4).

Die ersten Kinderbuchautoren sind hauptberuflich Pada- gogen (Campe,Basedow) und/oder vereinzelt Theologen (Cam- pe,Salzmann) aus dem Umfeld des ,'Philanthropismus,,J einer den Ideen der Aufklarung verpflichteten padagogischen Bewegung Ende des 1 8.Jahrhunderts (wgl.Kuhn,S.37ff).

Der Philanthropismus ist "...Ausdruck des Interesses des Burgertums an einer umfassenden korperlichen, geistigen und sittlichen Erziehung ihres Nachwuchses" (Kuhn, S. 3?) und pragt das Bild worn Kind und die Vorstellung vom Kindsein in den Kopfen der l/erfasser won Kinderlekture entscheidend mit.Die Autoren der Spataufklarung sehen "ihr" Kind als ein unuerniinf ti ges, triebhaf tes, sinnen- frohes,impulsiwes Wesen,ujas unbedingt zur Vernunft,Trieb- unterdruckung und zur Beherrschung seiner Sinne erzogen uierden muB.Es entstammt der burgerlichen Schicht und ist ujohl auch uberwiegend mannlichen Beschlechts,Kiadchen werden im allgemeinen nur als Erganzung der Knaben be- trachtet,denn:"Die Frau sei ohne den Fann nichts und die Ehe das einzige Fiittel der Frau,blirkungskreis, Schutz und Ansehen zu gewinnen"(Dahrendorf 1980,S.32).Die ersten Fladchenbucher wenden sich darum uberuiegend an fast erwachsene Fladchen und sind reine "Unterweisungsbucher" zur V/orbereitung der Madchen auf ihre spateren Pflichten als Ehefrauen und Kutter,so z.B. J.H.Campes "V/aterlicher Rath fur meine Tochter,r (1 789 ). ( Auf schluO rei ches Flaterial zur spezifischen Kiadchenlekture dieser Zeit findet sich u.a. bei Dahrendorf ^1980,Grenz und Zahn).

Die Kindheit ist ein Zustand,den es durch massiue Erziehungseingriffe moglichst schnell zu uberuinden gilt, die Kinder sind folglich nur als zu erziehende Objekte bedeutsam."Nicht zur Strafe,sondern bloB weil ihr es so wollt, miissen sie zuweilen solche Speisen und Getranke genieBen,die ihnen nicht so gut schrnecken als die geuohn- lichen.Sie mussen zuweilen nach eurer Uerordnung ein ge- meines,hartes und unbequemes Lager habenWenigstens an jedem Tag einmal muG eine Uerbeugung oder irgendeine Zeremonie,uelche ihre ganze Abhangigkeit won den Eltern und Aufsehern anzeigt,die Kinder lebhaft derselben er- innern..." (Basedow,J.B.:FaBnahmen zur Unterscheidung Kwon Kindern und Eruachsenen. 1773.Zit. n.:Rutschky,S.116 und 117).

Sie uerden nicht als Kinder an sich,sondern uon Anfang an als zukunftige Burger betrachtet,uas sich in der Li- teratur z.B. dadurch niederschlagt,daG kindliche "Laster" sich im Erwachsenenleben fortsetzen:aus Langschlafern werden Bettler,und Naschkatzen enden als Diebe. "Nichts im Treiben der Kinder gilt als 'harmlos1 Oder 'unschul- dig'.Die Erzieher sind test davon uberzeugt,daG alles, was ein Kind tut oder laOt,auch der Erwachsene fortsetzen wird" (Konneker 1976,S.13).Literatur gilt nur etwas,wenn sie Zweckdichtung ist,der Charakterformung und der Uorbe- reitung auf das spatere Leben dient.Wie dieses kunftige Leben als Burger aussehen soll,ist allerdings vielen Angehorigen der fruhburgerlichen Gesellschaft selbst noch unklar,da alle bisherigen tradierten Denk- und Ver- haltensmuster ins Wanken gekommen sind,als uberholt gelten.Neue Normen und Werte miissen erst gefunden und in den Kbpfen der Burger etabliert werden.Die Kinder werden den Schriftstellern somit zu "GefaGen fur ihre eigenen burgerlichen Zukunftsv/orstellungen" (vgl. Pape,S.39), zum fiittel zur Werwi rkl i chung burgerlicher Hoffnung.

Das unoezugelte,sinnliche Kind erinnert sie an die vor- burgerliche Gesel1schaft,die es zu uberwinden gilt;"Die uernunftigen,tugendreichen Erzieher treten nicht nur gegen die naturliche Unuernunft der Kinder an,diese Unvernunft mu3 zugleich dazu herhalten,die Unvernunft und Laster- haftigkeit des Feudal systems in einem v/erdeckten Rollen- spiel zu zeigen" (Konneker 1976,S.19).Die KJL ubernimmt hier die Funktion der Legitimation der burgerlichen Ge­sellschaft, in^jjem sie zum Sprachrohr des neuen burger­lichen Sozialcharakters wird,der seinen Nachwuchs auf produktiue,gemeinnutzige,dem Kapitalismus dienliche Ta- tigkeiten v/orbereiten will.Andrea Kuhn stellt fest, daG die Kinderbijcher schwerpunktmaGig Erziehung zur "In- dustriositat" v/ermitteln, . . d. h. zu einer rastlosen, won den eigenen Bedurfnissen gelosten Arbeitsamkeit" (Kuhn, 6.107 ). Urn ein moglichst hohes KlaG an Bereitschaft zu industriosem V/erhalten zu e r rei chen, wi rd den Lesern in standig wechselnden Wariationen ein umfangreicher, genuin burgerlicher Tugendkatalog worgestellt, der "UJer- ten wie Selbstdisziplin,Selbstwerleugnung,Geduld,l'1aGi- gung,Uerzicht,Bescheidenheit,Aufmerksamkeit beinhaltet.

Auch sollen die Kinder sich korperlich abharten,ihre Ge- sundheit erhalten,sorgfaltig mit ihrem Eigentum (z.B.ihrer Kleidung) umgehen,sich an ein einfaches,bedurfnisloses Leben geubhnen, v/or allem aber schamhaft, nutzlich und uer- nunftig sein. Ein Kind,das diesen "Tugenden" huldigt,ist das LJunschkind der Kinderbuchautoren:

"0 ujenn ich erst groGer bin mill ich Kiich und UJi rtschaf t lernen und mit ueisem Eigensinn uon dem Putztisch mich entfernen.

Wirtschaftlich und hauslich sein zieret alle Frauenzimnier und bringt auch furs Haus mas ein:- aber Putz und Spiegel nimmer!" (aus:Burmann,G.W.:Die Kuche.1777.Zit.n.:Kbnneker 1976,S.108), Schlimme Untugenden dagegen sino Schadenfreude,Eigensinn, l/ertraumthei t una Si nnli chkei t: "Steh ahne hot nicht still,mank nir.ht als trag und faul , und gaff nicht immer um,sonst fallst pu auf das Maul.

(...) Saug an den Fingern nicht,mis kleine Kinder pflegen denn dadurch brincst du dir rnehr Schand als Ehr zumegen" ( aus: Graf, A. Chr. : Der hofliche Schiil er. 1 745. Zit. n. : Kbn- neker 1976,S.26). Das V/erbot des "Fingersaugens" ist sicher (mie spater der "Daumenlutscher" im Strummelpeter) als Beispiel fur die von den Kindern geforderte totale ;

Triebunterdruckung zu merten.f'lit der Einiibung dieser biir- gerlichen "Tugend" kann gar nicht fruh genug begonnen merden,denn je eher die Lust der kindlichen Sinne ins "Uerniinf ti ge" bekehrt mird,desto besser. Die Autoren er- mahnen darum die Kinder immer mioder,ihre Krafte ja nicht mit "unproduktiven" autoerotischen Spielen zu vergeuden, sich nicht selbst zu schmachen. "So mirti tuie Bekampfung der Fiasturbation zum AnlaG,die darin vermutete unermunschte Haltung auszuti1 gen,die Selbstgenugsamkeit im Spiel mit dem eigenen Korper, cie das Burgertuni als unproduktiv ab- lehnen mu6,die Hingabe an uie Lust des Augenbljcks,oie im Uii dersp ru ch zur planvollen Langsicht steht,die das Burgertum zur Verfolgung seiner Interessen entuickeln muG" (Elschenbroich,5.149).

Die Inhalte und Ideale der KJL der Spatauf- klarung bleiben bis etua zur Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend erhalten, somit uird auch das Kind noch inrimer als ein auf den spateren Burger hin zu erziehendes Objekt angesehen: .. das Kind als kleiner 'UJil der 1, der in har ter Schule zu einem 1 brauchbaren1 Sozialu/esen zu formen ist..." (Dahrendorf 1984,S.386).Daneben zeichnet sich allerdings bereits zu Beginn des neuen Jahrhunderts eine andere Tendenz auf dem KJL-Markt ab,statt Erziehung zur Industriositat . charakterisiert die Kinderbiicher der folgenden Jahrzehnte ein ausgesprochener Zug zu 'Senti- mentalitat' und 1Poesie (Kuhn,Merkel,S.9),was sich auch in einer Uerschiebung bei den l/erfassern zeigt.

Statt der Padagogen greifen jetzt in erster Linie Theo- logen (Barth,Glatz,v.Schmid) fur die Kinder zur Feder.

Die Vorstellung von Kindheit beginnt sich allmahlich zu uerandern. Kinder ujerden als "Kinder an sich" bedeutungs- voll.Das "U/unschkind" der meisten Autoren ist nicht langer das vernunftige,aufgeklarte,nuchtern realistische Kind des spaten 18.Jahrhunderts,sondern ein schon auGer- lich an Engel erinnerndes UJesen:blond,blauaugig,paus- backig.Gottesglaubigkeit,Ehrfurcht uor den Eruachsenen und Uertrauensseligkeit zu ihnen zeichnen sein Dasein aus. Literarische Beispiele fur diesen Kindertyp der Bieder- meierzeit sind bereits 1828 bei J. Glatz zu finden:Die Kinder heiGen Ernst und Marie und uberraschen ihre Mutter mi t einer prachtvollen Geburtstagsfeier: "Ztuischen vier und funf ertonte in diesem l/orzimmer eine sanfte ruhrende Serenade. Die Mutter eruiachte. . . . Ihre Blicke fielen auf eine herzergreifende Scene.Die Kinder knieten uor ihrem Bette,Marie in einem ganz weiGen Anzuge,Ernst in seinem Sonntagskleide.Ernst uollte die geliebte Mutter anreden, aber die liJorte erstarben ihm auf der Zunge.Der Mund muGte schweigen,denn zu machtig sprach das Herz.Er zer- floG in Tranen.Marie desgleichen.Jedes umfaGte eine Hand der Mutter und benetzte sie mit Thranen der Liebe und des Dankes" (zit.n.:Kuhn,Merkel,S.35).Sanftmut,Liebe, Geduld und Versohnungswillen gegenuber alien Autoritaten lauten die Forderungen,die im Kinderbuch standig an die Leser gestellt werden. Die geschilderten "lieben" klei- nen Jungen und Fiadchen agieren uberuiegend in der Ge- borgenheit eines idyllischen Familienlebens,denn die Darstellung des priuaten hauslichen Glucks in sentimenta- len Familienbeziehungen ist ein beliebtes Thema uieler Uerfasser und bietet den passenden Rahmen zu der sich allmahlich entui ckelnden Vorstellung uon einor heilen, reinen Kinderwelt. Dieser Trend zur "Verinnerlichung" laQt sich uiiedarum aus der realen Situation des Burger- turns inn Biedermeier ableiten. Die burgerliche Familie geiuinnt im Laufe des 19. Jahrhunderts in zueifacher Hin- sicht enorm an Bedeutung:zum einen als Hort heimischer Gemijtli chkei t, ujo sich die Enttauschung des BLirgertums iiber die l\lichtteil habe an der politischen Facht kompen- sieren laGt ( w ql. K uhn/Ferkel, S. 9f f), und zuieitens als Ort der Reproduktion won menschlicher Arbeitskraft.

Da die Ausgestaltuno des Fami1ienlebens weitgehend der im Zuge der zunehmenden Industrialisierung aus dem Pro- duktionsbereich herausgedrangten Frau zufalit,wer- scharft sich die Rol1enrigiditat in der burgerlichen Familie. "Als Folge der hauslichen Zuruckgezogenheit der burgerlichen Frau und ihrer uachsenden Entmundigung im offentlichen Leben ergab sich aber nun im Ausgleich eine unerwartete sentimentale Auffullung des innerfamiliaren Berei chs. ( . . . ) Neben dem...pater familias,der au(3erhalb des Hauses dem Berui und Gelderuerbe nachging,ualtete als Gegenpol am hauslichen Herd die Flutter, die zuchtige Hausfrau,deren Aufgabe sich auf die Pflege des Haushal- tes und die Aufzucht der Kinder konzentrierfe"(Weber- Kellermann,S.107/108). Die sentimentalen Familienge- schichten sind da rum primar den Fladchen zugedacht. Im Unterscnied zu den ubermiegend formslen Sachbuchern des 1 8.1 ahrhunderts, die die [Tadchen konkret auf ihre spatere Rolle als Hausfrau und Flutter worbereiteten und eine rationale Rezeption anstrebten, werfolgt die Fladchenli- teratur des 19.Jahrhunderts das Ziel der "...Identifi— katiun mit der I deal gestalt,uodurch die Leserin dann selbst an der idealen Welt tei1 hat"(Grenz,S.100). Diese Idealgestalt ist nicht mehr ausschlie81ich das emsig schaff'ende Hausmutterchen, ausgestattet mit den "Tugenden" der Zufriedenheit,Geduld,handarbeitlichem Geschick und Gehorsam gegenuber dem Manne,sondern die Frau als "scho- ne fromme Seele",religibs,ichlos,aufopfernd,yergeistigt, "einer Blume gleich".

In der zweiten Halfte des 19.Jahrhunderts uird dann in den sogenannten "Backfischbuchern" das frische, frohliche,gemutyolle,mutige und lernbegierige Fladchen idealisiert,"...das sich freudigen Herzens in seine 'weib- liche Bestimmung' schickt,ohne aufzubegehren,die offen und verborgen praktizierten UnterdruckungsmaBnahmen in Kauf nimmt und daran glaubt,daB nur dies ihrem spateren Gluck forderlich sei"(Zahn,S.135).Ein literarisches Beispiel fur dieses Madchenbild ist "Der Trotzkopf" (1885 yon E.y. Rhoden). Dieses Buch zeigt die liJandlung der trotzigen,aufmupfigen Use durch Pensionatserziehung in eine gesittete junge Dame:"lilie yiel gleichmaGiger war das sturmische Kind geuiorden! Wo war der bose Trotz ge- blieben?(...)Keine Spur yon Koketterie auQerte sich in ihrem Uesen..."(zit.n.:Zahn,S.220,221).

In den Pensionatsgeschichten uird die erwunschte Rol1enanpassung der Madchen nicht mehr genau fixiert und artikuliert,sondern mehr "heimlich" an die Leserin ge- bracht,uobei die zu yermittelnden Regeln in Handlungs- sequenzen eingekleidet werden (ygl.Zahn,S.221f.).Das Ziel ist hierbei fast ausschlieQlich die Definition der Frau durch ihre Rolle in der Familie.

Das Bild void Knaben erfahrt im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts,in der Zeit der Reichsgrundung,eine massiue militarische l/arianterln ihm tuird der tapfere Krieger,ein Held des deutschen V/olkes gesehen.Die Jun- gen sollen kriegsbegeistert sein,sich absolut untertanig gegenuber Uorgesetzten yerhalten ("Kadayergehorsam") und spater schneidige,flotte Soldaten werden.Dieses yom Flilitar ubernommene Ideal der damaligen Padagogik fuhrt sogar zu einer ,rPli 1 itarisierung der Schulsprache": "Auf das Militar sehend lernen uir:1.daG das Kommando be- stimmt sein muG.d.h.nur eine Auslegung zulassen darf;2. daB es kurz sein,d.h. aus moglichst uenig Silben bestehen mu8;3.da(3 es immer in derselben Form uiederkehren muO, heute,uie es gestern,und morgen,uie es heute gegeben Worden istFur die Volksschule unterscheiden wir das Ordnungskominando , das Revi si onskommando, das Kommando uor dem Hinausgehen" (aus: Kahl e , H. F. : Dili tari sierung der Schulsprache.®1890.Zit.n.:Rutschky,5.243/244). Die mog- lichst uollkommene Identifikation des mannlichen Kindes mit dem beg&istert seinem Uaterland dienenden Soldaten tijird angestrebt,wohl in der Hoffnung auf Aneignung der "gro(3a rti oen Charektereigenschaften" (Leistungs- und Fuhrungsqualitaten) der Liberzei chneten Helden.

Im spaten 19.Jahrhunciert wire dann endgultig das schon in der 3iedermeierzeit beschriebene Bild vom Kind als lockenkopfiges Engelswesen dominant. Aus dem "Unschuldsengel Kind" entwickelt sich die Uorstellung uom "Kind als Hei1sbringer",einem Fythos,der in der Fi- gur der "Heidi" seine Gestalt erfahrt. Heidi,die Titel- figur des 1879 erschienenen Bestsellers der Schweizerin Johanna Spyri (1827-1901),entspricht schon rein auGerlich dem v o rhe rrschenden bijrgerlichen Kinderideal:"fein gegliedert.sci-warze Augen,krauses Haar" (Spyri, S. 52.). ' Entscheidend ist aber die Darstellung ihres Charakters:

Heidi ist bescheiden (als der GroOv/ater ihr rat,ihr in Frankfurt uerdientes Geld fur Dobel und Kleidung- aus- zugeben,antwortet sie:"Ich brauch es geuiG nicht,GroG- uater...ein Bett hab'ich schon,und Kleider hat mir Klara so v/iele eingepackt, daG ich gewiG nie m&hr andere brauche. . . S.16l),sie ist fleiGig ("Jetzt kam der GroGuater...zum Tisch heranjda lag schon das runde Brot darauf und zwei Teller und zwei ITesser. . . denn das Heidi . . . wuGte, daG man es zum Essen brauchen werde...",S.25. In der Schule "...lernte (Heidi) ganz eifrig,was da zu lernen mar...", S.217),sauber (sie wascht sich z.B. bis sie "ganz glan- zend" ist,S.32),gehorsam ("Heidi gehorchte" findet sich standig im Text,z.B.S.23,29,161 etc.). Uor allem aber uird uon der Uerfasserin immer wieoer die Frommiokeit ihrer Heldin betont:Heidi "...betete ernstlich und reuig zum lieben Gott..."(S.128),sie betet "...so recht von Herzen fur sich und den GroGvater und die GroGmutter"(S.225).

Die tiefe Gottesglaubigkeit der naiven und unverdorbenen Heidi befahigt des Kind zur Harmonisierung oer darge- stellten Welt.Heidi uird zum kindlichen Heilsbringer

1) Die Zitate entstammen:Spyri,J.:Heidi.Die Gesamtausgabe.

Ziiri ch, Kbln: Benzi ger 1976

fur ihre Umwelt.So gelingt es ihr z.B.,die blinde GroG- mutter des GeiQenpeters dank ihrer aufopfernden Gesell- schaft symbolisch wieder "sehend" zu machen:"0 Heidi, das macht helllDas macht so hell im Herzen"(S.168), sagt die GroGmutter,nachdem Heidi ihr ein religibses Ge- dicht vorgelesen hat.AuGerdem bewegt sie ihren GroGv/ater mit Hilfe des Gleichnisses vom verlorenen Sohn zur Ruck- kehr in die (kirchliche) Gemeinschaft des Dorfes.Heidi hilft der gelahmten Klara,ohne Rollstuhl leben zu konnen, indem sie sie immer uieder ermuntert,kleine Schritte zu probieren (vgl.S.272),bis Klara es schlieGlich geschafft hat:"Ich kann,Heidi!Oh,ich kann! (...) Ich kann Schritte machen,einen nach dem anderen"(S.272).Die Darstellung des Kindes als Heilsbringer ist nach Pape die eine Grund- form des Klythos von Kind und Kindheit in der Kunst,nam- lich der Flythos vom "gottlichen Kind" (vgl.Pape,S.33ff.). Kriterien des "gottlichen Kindes" sind u.a. Klugheit (sie losen Probleme,die erwachsenen Flenschen unuberwind- bar erscheinen) und UJaisenschicksal, beide Flerkmale treffen auch auf Heidi zu.Die zueite Grundform des Fiythos wird von Pape in dem Bild des Kindes als der "Verkorperung von Ursprung,Natur und Goldenem Zeitalter" (Pape,S.33) gesehen.Diesem Kinderbild liegt die Uorstellung Rousseaus vom "naturlichen Kind" zugrunde.Rousseau sah im Kind ein reines,unschuldiges Wesen,das sich aus sich selbst heraus positiv entui ckel t, uienn es bloG von den schad- lichen gesellschaftlichen Einflussen ferngehalten uurde. Die Romantiker schufen dann,in Anlehnung an Rousseau,ein stark idealisiertes Kinderbild (vgl.Hagen,S.23),uo das Kind hoher als der Erwachsene steht und zum "...Symbol der Freiheit,des Friedens und der Einheit mit sich selbst" tuird (P ape, S. 40 ). Hei di ist ein Paradebeispiel fur die- se Einschatzung des kindlichen Ulesens:Sie ist ein aus- gesprochenes "Naturkind",das in ziemlicher Abgeschieden- heit von der menschlichen Zivilisation in einer Almhutte lebt und sich vollkommen in Einklang mit sich und der Natur befindet:"Dem Heidi mar es so uohl zumute wie in seinem Leben noch nie.Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lufte,den zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr,als auf diese UJeise immerzu da zubleiben" (S.35). Gleichzeitig ist es ihr moglich,uollig unbefangen und uertrauensuoll auf die Fenschen zuzugehen.

Das in "Heidi" idealisierte "Helferkind" tragt meiner Feinung nsch bereits alle Zuge,die wenig spater uon der Jugendscnri ftenbeu/egung und der Reformpadagogik dem Bild uom Kind zuoeordnet uerden:Naturlichkeit,Frische, Schlichtheit,Gesundheit,innine Herzenswarme,heitere Freund- lichkeit und Lebensfreude (in Anlehnung an die uon E.Linde 1901 zusammengestel1 ten Kriterien zur Beurteilung uon Kunst fur Kinder,ugl. u.Bulouj,S.33/34). Die Jugendschrif- tenbewegunn propagiert die kindertumliche "Dichtung uom Kinde" aus. Dieser an sich positiue Begriff,der beinhal- ten konnte,dem Kind auf seiner Verstandnis- und Erfahrungs- ebene die gesellschaf tli che Umuelt nahe zu bringen,wirkt sich im Kinderbuch leider uberuiegend in Form der Oarr stellung einer "beilen Kinderwelt" aus,in der stets gluck- liche Kinder in einer frieolichen Umuelt harmlose Abenteuer erleben. In der Vorstellung uieler Verfasser uun KJL mull ein kindliches Wesen leben,das keine geselIschaftlichen Zuiecke und keine sozielen Uerflechtungen mit dem Leben kennt,sondern "uon Natur aus gut ist"(Rousseau) und nur uon dem Bedurfnis nach Heiterkeit und Sorglosigkeit ge- pragt ist und jeden Schrecken ablehnt. Sie sehen das Kind "...als'Unschuld1,das noch in einer Art Paradies lebt und solange uie mbglich darin festzuhalten ist"(Dahren- dorf 198A,S.386).Diese Auffassung einer naiuen,unberuhr- ten Kinderzeit ist ubrioens der blanke Hohn angesichts der sozialen Realitat der Proletarierkinder (ugl.Richter 1973,S.29). Diases Bild uom Kind,das dem bis heute noch fortuirkenden Konzept der "Kindertumlichkeit" zugrunde liegt,zieht sich uie rater Faden durch die KJL des 20. Jahrhunderts,dem "Jahrhundert des Kindes" (so genannt nach dem gleichnamigen Buch uon Ellen Key).

Ganz anders stellt sich dagegen das Kinder- bild in der sozisiistischen KJL dar,die aus einem uer- starkten Interesse der Arbeiterklasse an diesem f'ledium Ende des uorigen Jahrhunderts heruorgegangen ist,als Alternatiue zur burgerlichen KJL. Ihr Bild uom Kind ist das des Arbeiterkindes:arm,hungrig,ungebi1det,uerdammt zur sklauenahnlichen Kinderarbeit in den Fabriken.Als Beispiel moge ein 1902 ueroffentlichtes "Kinderlied" dienen:"Der Morgen graut.Ein fahler Schein stiehlt sich ins dumpfe Kammerlein, als fuhlt er ein menschliches Erbarmen.

Da sitzt bei der Lampe,die flugen rot, auf den hohlen Wangen den blassen Tod, das hustelnde Kind des Armen.

Es hat geiuacht die ganze Macht, Spielsachen den Kindern der Reichen gemacht.

0 Gott! Wie schon ist's auf Erden!

Und zitternd umspannt die magere Hand den buntbemalten Flitterstand.

Die Puppe muG fertig uerden..."

(Anonymer Uerf asser. Zit. n. :l<onneker 1977,S.65).AuGerlich gleichen viele Kinder dem "Piddl Hundertmark" von Schar- relmann:"Der dicke Kopf mit den kleinen Augen und den groGen Ohren,den borstigen Haaren und den abgezehrten Backen war das Auffalligste an ihm.Dabei steckten die kleinen Beine in ganz unmoglichen Hosen"(aus:H.Scharrel- mann:Piddl Hundertmark.1912.Zit.nKonneker 1977,S.66). Diese realistischen Tendenzen bleiben allerdings ver- schuindend gering unter der Masse der burgerlichen KJL auf dem Kinderbuchmarkt,und mit Beginn der nationalso- zialistischen Herrschaft uerden jeduede progressiuen An- satze in der KJL endgultig unterbunden.

Im faschistischen Deutschland unterliegt die KJL einer volligen politischen Zensur. Gefordert, bzu. uberhaupt v/eroffentlicht, durfen nur solche Bucher uerden, die sich inhaltlich eindeutig zum Regime bekennen und das Fuhrerprinzip im vollen AusmaG bejahen.Die national- sozialistischen ParteigrbGen (Hitler,v.Schirach,Schemm) sehen in der KJL ein geuichtiges Mittel,um ihre Weltan­schauung schon den Jungsten zu unterbreiten.Hitler uill "...die nationalsozialistische Ideologie 'in Herz und Gehirn' der Jugendlichen 'hineinbrennen'..."(Aley,5.187). Mon der Lekture"geeigneter" Bucher erhofft er sich einen groGen EinfluG auf die eruunschte nationalsozialistische Charakterbildung.Hans Schemm,Grunder des NS-Lehrerbundes, formuliert treffend diesen won der Parteifuhrungsspitze an die KJL gestellten Anspruch:"Keine 1ebensfremden Stuben hocker und bleichuiangi gen Bucherwurmer, sondern ganze Kerle, echte deutsche Manner und Frauen sollen aus unserer Jugend herv/oriuachsen. Oas rechte und das recht gebrauchte Jugend- buch kann dem dienen"(zit.n.:A1ey,5.188).Wie sieht nun dieses im luahrsten Sinne des Uortes "rechte" Kinderbild in der KJL aus?AuGerlich entspricht es dem von den National- sozialisten idealisierten nordischen Charakter:blauaugig, mit blonden,kurzgeschnittenen Haaren oder streng geflochtenen Zdpfen und von rein arischer Abstammung.Haufig agieren die Kinder und Jugendlichen in HJ- oder BDM-Lagern (z.B.in "Jungzug 2",1935 v.A. Weidenmann) und sind von etlichen Requisiten der Nazi-Herrschaft (UJimpeln, Hakenkreuzfah- nen ustu. , vgl. Aley, S. 1 97 ). umgeben. Of tmals sind junge Man­ner als schneidige Offiziere in einem turbulenten Kriegs- geschehen dargestell t, die Kriegsbucher aus dem Ersten Uelt- krieg uerden im UberfluG angeboten.Die literarischen Vor- bilder,die den jugendlichen Lesern zur Identifikation an­geboten uerden - die Jugendlichen sollen sich die darge- stellten Einzelschicksale zu Herzen nehmen - strotzen darum nur so von angeblich "siegreichen" Eigenschaften,die sich . aus dem nationalsozialistischen Tugendkatalog ergeben.

Die uiichtigsten sind:Mut,Harte,Zucht,Anerkennung des Fuhrer- prinzips und absolute Fuhrert reue, l< riegsbegei sterung, Ka- meradschaft,Qpferbereitschaft,Ordnungsliebe und UJahrhaftig- keit.AuGerdem vertreten die dargestellten Figuren die tiefe liberzeugung, daG der Einsatz der letzten Kraft bit- terste Notwendigkeit ist und demonstrieren selbstlose Hingabe der eigenen Person an "das Ganze",die national- sozialistische Idee.Flit diesen Ei genschaf ten ist z.B.

"Der Hitlerjunge Quex" in dem gleichnamigen Jugendbuch (1932 v. K.A.Schenziger) ausgestattet.Die KJL soil auf keinen Fall belehren,aber Begeisterung fur das dargestellte Heldenbild als "Schaubild und Uorbild volkischer Tugenden" (J.Prestel) vermitteln.Dieses Heldenbild setzt sich laut Prestel,dem Leiter des NSLB Gau Munchen,aus folgenden Uersatzstucken zusammen:der "Personlichkeit",dem "Ein­satz von U/illen,Leib und Leben fijr eine groGe Sache",dem "hinreiOenden Beispiel",der "Beuahrung in Mot und Widrig- keit" souie aus den Beispielen des Gegentei1s,"...die eben- so notig sind uie der Schatten dem Licht" (Prestel,J.:

Uolkhafte Dichtung.Besinnungen und Durchblicke.1935. I Zit.n.:Aley,S.132/133);als gegenteiliges Beispiel zum "Helden der deutschen Herrenrasse" uird gern der "ju dische Untermensch" geuahlt.

Das Pendant zum "schonen,mutigen deutschen Jun gen” in der KJL u/ird das "gesunde, beherzte deutsche Madel".

Der Nationalsozialismus propagiert ein Frauenbi1d,das die Frau theoretisch als gleichwertige Lebenskameradin des Cannes zeichnet und sie als deutsche Mutter Liber alle Ma(3en verherrlicht.Die Betonung der Mutterschaft dient eindeutig der Auffullung des Deutschen Reiches mit "rasse reinem,erbgesundem" Nachwuchs,der fur den Krieg dringend gebraucht wird.Zum Familieni deal der Nationalsoziali sten sagt I .UJeber-Kellermann, daQ die geuunschte Rollenvertei- lung "nur den politisch tatigen und arbeitenden Water als; Autoritat und die haushaltende und gebarende Mutter...”

v/orsieht (Weber-Kellermann, 5.1 85 ). Di eser \lorstellung ent- i sprechen z.B. das in der "Pucki-Serie" uon Magda Trott : (erschienen 1935-39) dargestellte Madchenbild:Pucki ist "blond, blauaugig" und hat "frisch gerotete UJanoen" (Zahn, S. 339),und sie spielt gern mit Puppen; sou/i e das altmo- dische Frauenideal:Puckis Mutter geht uollkommen in ihrer Rolle als tiichtiger Hausfrau und treusorgender Fiutter auf und erzieht auch ihre Tochter in dieser Tradition. Susanne Zahn konstatiert bei ihrer Analyse der Serie ein : "ruckiuartsgeuJandtes Gesel 1 schaf tsbil d", in dem sich ein Stuck der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Wazizeit uiderspiegelt.Die Tatsache,da8 laut einer 1957 durchge-

1 ) . fuhrten Umfrage ' "Heidi" den ersten,die "Pucki-Sene" den zmeiten Platz auf der Beliebtheitsskala der befragten Leser einnehmen,spricht meiner Meinung nach fur die An- nahme,daG ein schon v/or,bzuj. mahrend des Dritten Reiches entstandenes Kinderbild auch die KJL der 50er und GDer Jahre stark beeinfluOt., Tatsachlich entspricht das literarische Kinder­bild dieser Zeit dem sich in den Nachkriegsjahren durch- setzenden restauratiuen Konzept in Politik und Padagogik, das sich in Schlagwarten wie "Miteinander - Fureinander",

j 1) Nach:Sylla,K.-H.:Bemerkungen zum Madchenbuch in beiden deutschen Staaten.In:Wissenschaftliche Zeitschrift d. Friedrich-Schiller Univ/ersitat Jena,Jg 12,1963,Heft "Freiheit und Verantwortung","Ordnung und Harmonie" zu sammenfassen laOt (vgl. v. Bui oui, S. 78 ). Di e dargestellten Kinderfiguren tragen folglich brave,unschuldige,zufriedene, harmlos lausbubenhafte,frohliche ZugeiSie machen "nichts Verbotenes",knicksen hoflich,ziehen "ihr Sonntagskleid"

1 ) an ,leeren aber auch schon mal heimlrch die eigene Spar dose und erkunden ohne UJissen von Aufsichtspersonen eine

2) fremde Stadt .Passend zu dem im Kinderbuch sich uuder spiegelndem Wunsch vieler Eruachsener nach absoluter Har­monie und Idylle bewegen sich die Kinder in dem uberschau- baren "kindgemaGen" Rahmen einer glucklichen,moralischen, sentimentalen Familie,der fur altere Leser (ab 10 Jahren) haufig urn die Schule und einen Freundeskreis eriueitert uird (vgl. Thiel,S.26ff.). Die Rezipienten dieser Lekture uerden in der Regel mit niedlichen,edlen Kindern kon- frontiert,die sich (zumeist) willig an die von "gutigen" Autoritaten (Eltern,Lehrer,Pfarrer usw.) vermittelten Normen und Werte anpassen und letztlich zufrieden mit den sie umgebenden Werhaltnissen leben.Die KJL orientiert sich somit ueitgehend am Ideal der von padagogischer Seite geforderten Bejahung einer sittlichen gesellsch-aftlichen und staatlichen Grundordnung,die laut Franz Heinisch ledig- lich auf "...die Einpassung in ein System von Normen und Werten,das...ueder als beeinfluGbar noch als kontrollier- bar begriffen uird" hinauslauft (Heinisch,S.157).Ueder selbstandiges Denken noch kritische Distanz,dafur selbst- verstandliche Anpassung und Integration in die bestehenden Uerhaltnisse sind eruunscht.

Die Wechseluirkung zwischen gesellschaftlicher Entuicklung und dem Bild vom Kind in der KJL laGt sich ebenfalls an Falte Dahrendorfs Untersuchung zum Fadchen- buch nachvollziehen.Bei seiner Analyse der einschlagigen Werke des Jahrgangs 1967 hat er herausgearbeitet,daG das dargestellte literarische Klischee sich am realen kon- servativen Frauenbild orientiert.Die positiv geschil- derten Fiadchen sind fast ausnahmslos mit "traditionell.

1) Aus:Laarmann,I.:Hallo wir wohnen im Zoo.Stuttgart: K . Thi enemanns Uerlag .1961 , S. 1 4,75,79 .

2) Aus:Tenschert,W.:Krabbi das Fraulein Tunichtgut.Got tingen : UJ. Fi scher l/erlag 1964, S. 12, S. 1 4 f f.

weiblichen" Tugenden wie Kinder-und Tierliebe,Schlichtheit, Qpferbereitschaft,Fursorglichkeit,Lebensfreude und Keusch- heit ausgestattet,ihre Lebensuorbereitung besteht ent- sprechend der herrschenden Gesellschaftsordnung haufig nur darin,ihren spateren Ehemann glucklich zu machen und Kinder zu bekommen (ugl. Dahrendorf i978,S.52).Zwar werden auch berufstatige Kladchen beschrieben, die Berufstatigkeit stellt jedoch in den meisten Fallen lediglich eine Ubergangsphase bis zur Ehe dar.Gisela Oestreich hat ebenfalls festnestel1t, da(3 die Skala des "typischen" fladchenbildes in der KJl.

"...uom Zarten, L iebli chen, Feinen und Empfindsamen,das Be-^ schiitzerinstinkte weckt und die Primitiuitat von F.annern zur Ritterlichkeit kultiuiert, bis hin zum f'iondanen,das deut- lich als Peruersion sauberer,ungeschminkter Kadchenhaftig- keit uom Positiuen abgehoben wird",reicht (Oestreich,S.44). Dabei werden die negatiuen Charaktere,deren Eerkmale Eitel- keit,Egoismus,modische Eleganz,Streitsucht sowie eine "ober- flachliche Lebensauffassung" sind,haufig in Kontrast zur "Heldin" gesetzt.Entweder scheitern sie klaglich oder werden mit Hilfe der positiv/en Eigur "bekehrt".Zahlreiche Beispiele . dafiir finden sich u.a. in den Internatsgeschi chfcen won Enid Blyton.An der positiuen Eigur zeigt sich somit uieder die \/orstellung uom Kind als "Heilsbringer”,wie sie uns schon in ahnlicher Form bei "Heidi" begegnet ist.

Im Zuae der Studentenbewegung 1968/69 entsteht eine neue Form uon often politischer KJL,eine sogenannte "antiautoritare Welle" setzt ein.Das gangige Bild uom Kind wird uollig umgekrempelt.Die beschriebenen Kinder sind nicht mehr unwissend,brau und normiert,sondern kritikfahig, aufgeklart und widerstandsfahig gegen Erwachsene.In "Zwei Korken fur Schlienz" (1970 uon Eerkel u.a.) z.B. grunden zwei Jungen und zwei Kladchen eine Wohngemeinschaft und weh- ren sich gegen den Hausbesitzer,der einen Wuchermietpreis uon ihnen uerlangt. nDankder Polizei wird die Auseinander- setzung zugunsten des Hauswirts entschieden,die Kinder lan- den im Gefangnis und reflektieren Liber die Situation:11 'War- urn hilft die polizei dem hausbesitzer?'sagte schlienz...'war- urn lassen sich die leute so uiel gefallen? warum wehren sie sich nicht?'..." (zit.n.:Hurrelmann 1980,S.242).Das Bei spiel zeigt, da(3 die "neuen" literarischen Kinder sich mit der konflikthaltigen Gegenuart auseinandersetzen und nicht langer in eine unrealistische "Heile-Uelt-Idylle" abge schoben werden.Zu diesem Kinderbild gehort auch die Be tonung der kindlichen Sexualitat als zentraler Kontra punkt zur lustfeindlichen burgerlichen Sexualmoral:"Uie le eriiiachsene glauben einfach nicht, dass auch kinder ... einen geschlechtstrieb besitzen und handeln desuegen un uberlegt und repressiv, uienn sie zufallig kindliche sexual spiele beobachten. flus diesem grunde mochten wir betonen, dass die sexualitat einen wichtigen und naturlichen bereich im kindlichen leben ausmacht..."

Die studentische KJL ist untrennbar mit der "Kin- derladenbetuegung" verbunden.In den Kinderladen uird uon den Eltern mit den Kindern zusammen ein padagogisches un>d gesellschaftspolitisches Gegenmodell zur herrschenden bur­gerlichen Erziehungspraxis ausprobiert,die Erziehung u/ird zunehmend politisiert.Die angestrebten Ziele heiGen Selbst- bestimmung,Selbstandinkeit,Solidaritat und kollektiue Gegen- rnehr und uenden sich gegen Autoritatssehnsucht,Autoritats- horigkeit oder gar Autoritatssuchtigkeit.Die KJL soil die- se Erziehungsziele unterstutzen;die in den Buchern agieren- den selbstbeuuBten,aufmupfigen Kinder,die standig gesell- schaftliche Widerspruche und Tabuthemen hinterf ragen, v/er- korpern das "Idealkind" der studentischen "Protestgenera- tion".Dahrendorf urteilt uber diese Jahre als eine "Zeit des Experiments",in der es zu einer "betrachtlichen Er- u/eiterung des traditionellen Spielraums der KJL" kommt, manchmal allerdings unter Uernachlassigung des kindlichen Leseinteresses (vgl. Dahrendorf 1980,S.65).Den letztge- nannten Aspekt betont auch Dieter Richter:"Die Langeweile hingegen,die von manchen linken Kinderbuchern ausgeht,ist der Preis dafur,daQ urn einer 'richtigen Lliderspiegelung' der objektiven Wirklichkeit willen die subjektive Wirk- lichkeit der Kinder vergessen uurde" (Richter 1974,S.36).

finfang der 70er Jahre erscheint dann Christine Nostlinger erstmals auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt.

1) Aus:Claesson,B.H.:sexualinformation fur jugendliche.

Frankfurt:verlag neue kritik 1970.

S.19 (Kleinschreibung im Original).

Details

Seiten
85
Jahr
1985
Dateigröße
5.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161285
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
sehr gut
Schlagworte
Bild Kind Christine Nöstlinger

Autor

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Titel: Das Bild vom Kind bei Christine Nöstlinger