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Germanisch-gotische Einflüsse auf die Kunstgeschichte und ihre Rezeption in der Baugeschichtsschreibung

Zwei Beispiele von Heinrich Klotz und Liana Castelfranchi Vegas im Vergleich

Seminararbeit 2010 24 Seiten

Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vergleichende Darstellung
2.1. Heinrich Klotz: Geschichte der deutschen Kunst. Mittelalter 600-1400, München
2.1.1. Vorwort und formulierte Zielsetzung
2.1.2. Das Kapitel VI. Die Gotik
2.2. Liana Castelfranchi Vegas: Die Kunst im Mittelalter,Düsseldorf
2.2.1. Vorwort und formulierte Zielsetzung
2.2.2. Das achte Kapitel: Die Entstehung der Gotik auf der Ile-de-France

3. Fazit

Abbildungen

Literatur

Abbildungsnachweis

1. Einleitung

In der Mitte des 12. Jahrhunderts entsteht in der europäischen Architektur der gotische Stil. Dieser Stil, der seine Wurzeln in Frankreich hat, breitet sich in ganz Europa aus. Die Bezeichnung Gotik führt zu der irrigen Auffassung, dass der Stil ein typischer deutscher Stil sei. Mit dem Beginn der Renaissance hoffen die italienischen Baumeister, dass durch die klassischen Formen diese „primitive“ Baukunst überwunden wird. Der Kunsthistoriker Giorgio Vasari nennt die Gotik in seinen „Vite“ von 1550 verachtend „maniera tedesca“ und beschreibt sie als unzivilisiert und barbarisch. Das Missverständnis um die Wurzeln der Gotik lässt sich erst im 19. Jahrhundert aufklären. Doch scheint der germanisch-gotische bzw. deutsche Einfluss auf die Kunst und seine Darstellung innerhalb der Baugeschichtsschreibung einen heiklen Status zu behalten. So kritisiert Heinrich Klotz in seinem Vorwort zu seinem Werk Geschichte der deutschen Kunst. Mittelalter 600-1400, das im Jahre 1998 als erster einer drei Bände umfassenden Reihe zur europäischen Kunstgeschichte der Zeit von 800 bis 2000 im Verlag C. H. Beck in München erscheint, dass die deutsche Kunst in der Vergangenheit keine nennenswerte Beachtung in der Bau- bzw. Kunstgeschichtsschreibung nicht-deutscher Autoren fand. Oder aber, dass diese der Tendenz nach negativ dargestellt wird, wenn sie behandelt wird. Er geht in seinem Vorwort ausführlich darauf ein, welche historischen Fakten dem zugrunde liegen und fordert letzten Endes implizit eine angemessene Betrachtung der deutschen Einflüsse innerhalb der Kunst- bzw. Baugeschichtsschreibung. Doch ist die Frage, ob das von Klotz gezeichnete negative Bild durch zeitgenössische europäische und nicht-deutsche Autoren tatsächlich bestätigt wird. Dem Vorwort und einem Ausschnitt aus dem Werk von Klotz bzw. seiner Kritik wird deshalb im Folgenden das Vorwort und ein Ausschnitt aus dem 1994 erschienenen Werk des italienischen Autors Liana Castelfranchi Vegas Die Kunst im Mittelalter vergleichend gegenübergestellt. Es ist unter dem Originaltitel L'Arte del Medioevo im Verlag Jaca Book SpA in Mailand und 1995 in seiner deutschen Fassung im Verlag Benzinger in Düsseldorf erschienen. In beiden Beispielen geht es um die Ursprünge der Gotik und es wird vergleichend gegenübergestellt, wie die Autoren mit den historischen Fakten umgehen. Zunächst werden die von Klotz in seinem Vorwort angeführten Punkte gebündelt und es wird anschließend anhand seines Kapitels über die Gotik näher betrachtet, wie und woran Klotz seine Kritik manifestiert und welches Bild er insgesamt vom germanisch-gotischen bzw. deutschen Einfluss auf die Kunst- bzw. Baugeschichtsschreibung zeichnet. Das Werk von Castelfranchi Vegas, das in zwölf Kapitel unterteilt ist, behandelt im Kapitel acht die Anfänge der Gotik. Der Fokus des Vergleichs wird demnach auf diesem Kapitel liegen, da die hier dargestellte Sicht der Ursprünge der Gotik in Bezug auf Klotz' These, die deutsche Kunst werde nicht angemessen gewürdigt, hier zum Ausdruck kommt.

Klotz wird 1935 in Worms geboren und stirbt 1999 in Karlsruhe. Er studiert Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Frankfurt, Heidelberg und Freibug im Breisgau und ist Hochschullehrer und Museumsleiter.[1] Fiana Castelfranchi Vegas wird 1924 in Mailand geboren. Er studiert Kunstgeschichte und lehrt an der Universität von Verona und Mailand vor allem die Kunstgeschichte des Mittelalters.[2] Diese Angaben werden erwähnt, weil man davon ausgehen muss, dass jeder Mensch „Kind seiner Zeit“ ist und der Zeitpunkt und Ort seiner Geburt ihn prägen. Diese Angaben werden nicht überbewertet, da die Texte selbst im Vordergrund der Beachtung stehen werden, doch müssen sie kurz gestreift werden.

Diese vergleichende Analyse mündet schließlich in ein Fazit mit der Aussage darüber, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es zwischen der Sichtweise der beiden Autoren gibt. Diese Einschätzung erhebt dabei nicht den Anspruch darauf, ob Klotz mit dem Bild, das er über den Einfluss des Germanisch-gotischen bzw. Deutschen auf die

Baugeschichtsschreibung macht, recht hat, sondern lediglich darauf, inwieweit Castelfranchi Vegas seine Einschätzung teilt. Ich werde mich hauptsächlich auf die Texte selbst konzentrieren und das Maß an sonstiger Fiteratur überschaubar halten, da in den

Formulierungen selbst und in der herangezogenen Auswahl an Beispielen von Bauwerken durch die Autoren deutlich wird, welcher Anschauung sie folgen. Anzumerken ist noch, dass die Begriffe „germanisch-gotisch und „deutsch“ im Folgenden in etwa gleichbedeutend behandelt werden, auch wenn klar ist, dass der Begriff „germanisch-gotisch“ der strengen Definition nach nicht dem Begriff „deutsch“ wie er heute konnotiert ist, gleichgesetzt werden kann.

2. Vergleichende Darstellung

2.1. Heinrich Klotz

2.1.1. Vorwort und formulierte Zielsetzung

Klotz macht in seinem umfangreichen Vorwort, das sich über mehrere Seiten erstreckt, zunächst deutlich, dass der Schwerpunkt seiner gesamten Darstellung darauf liegt, das deutsche Kunstgeschehen in Bezug zum europäischen zu setzen und die deutschen Einflüsse besonders herauszustellen. Er bemängelt, dass in kunsthistorischen Abhandlungen von nicht­deutschen Autoren höchstens „das Kloster Maria Laach, Dürers 'Melancholia', allenfalls noch Balthasar Neumanns Wallfahrtskriche Vierzehnheiligen“ Beachtung finden. Weiterhin schreibt er in seinem Vorwort, dass die geschichtlichen Darstellungen Europas immer auch eine Darstellung von Herrschaftsansprüchen sind und darüber hinaus immer auch gefärbt von den Vorstellungen einer Meinung des Schreibenden.[3] Er weist damit darauf hin, dass Baugeschichtsschreibung immer auch ideologisch gefärbt ist, denn ein jeder Autor ist schließlich geprägt von der Gesellschaft bzw. Kultur, in der er lebt und gibt durch das, was er schreibt automatisch etwas darüber preis. Er erklärt weiter, dass gerade Deutschland aufgrund der historischen Ereignisse eine besondere Rolle zukommt. Er greift dabei zeitlich weit zurück und schreibt: „Es war der Hegemonieanspruch der ersten deutschen Kaiser, den seit der Ottonen italienische, später dann französische Machtansprüche abzuwehren suchten. Da saß das Heilige Römische Reich wie ein Pfahl im mitteleuropäischen Fleisch, das sich seit Varus nicht in die romanisierte Welt einfügte und zudem über die nationalen Grenzen hinaus herrschen wollte.“ Weiter führt er aus: „Die den Westen des Kontinents und die Mittelmeervölker seit der Völkerwanderung in Unruhe versetzende germanische Welt war das aggressiv Fremde - Goten und Alemannen standen immer wieder erneut ante Portas.“[4] Er beschreibt damit den Drang nach territorialer Vorherrschaft und allgemeiner Überlegenheit der deutschen Kaiser vor der Zeit der Ottonen, also vor der Zeit um das Jahr 1000 n. Chr.[5] in politischer und militärischer, wohl aber auch religiöser und kultureller Hinsicht. Das Heilige Römische Reich ist eine Bedrohung, die nicht besiegt werden kann und damit in starker Abgrenzung zu den anderen Völkern und Territorien Europas jener Zeit steht. Doch das „Übel“ beginnt mit den Goten und Alemannen. Die Goten sind ein ost-germanischer Stamm, der um 150 n. Chr. an der Weichselmündung zum ersten Mal nachgewiesen wird. Im dritten Jahrhundert greifen sie das römische Reich an. Es folgen unter vielen anderen beispielsweise Angriffe auf Griechenland und Kleinasien. Im vierten Jahrhundert beginnen sie außerdem, sich dem Arianismus anzuhängen und geraten damit zudem in einen Glaubenskonflikt mit den Römern.[6] Die Alemannen bzw. Alamannen sind ein west-germanischer Stamm, der erstmals 213 n. Chr. im oberen und mittleren Maingebiet bezeugt wird. Sie schaffen es, in das römische Reich einzubrechen, indem sie den Limes überwinden, und dringen bis nach Oberitalien vor. Bis zum fünften Jahrhundert gelingt ihnen die Ausdehnung von den Vogesen bis zum Lech und vom Main bis zu den Alpen.[7] Die vielen kriegerischen Angriffe der Goten und Alemannen belegen, dass diese beiden Volksgruppen tatsächlich sehr darauf bedacht sind, sich territorial auszudehnen und dabei zielstrebig vorgehen. Dass die Goten darüber hinaus außerdem einen Glauben annehmen, der mit dem katholischen der Römer nicht zu vereinbaren ist, trägt sicherlich dazu bei, dass sie noch fremder und bedrohlicher erscheinen. Die Völkerwanderung umfasst insgesamt in etwa den Zeitraum von 375 bis 568 n. Chr. und bezeichnet eben diese frühen Expansionszüge der beiden genannten germanischen Stämme durch das römische Reich. Ihre „Wanderungen“ beeinflussen den historischen Verlauf Europas tief greifend, denn die Germanen leiten mit der Aneignung fremden Terrains schließlich das Ende des römischen Reiches ein.[8] Die Bedrohung für die übrigen Völker Europas beginnt früh und umfasst in dieser ersten Episode einen Zeitraum von immerhin 200 Jahren. Diese 200 Jahre müssen zwangsläufig prägende Spuren hinterlassen. Man blickt damit heute, wenn man so will, auf eine negativ geprägte germanisch-deutsche Geschichte zurück, die vor gut tausend und fünfhundert Jahren ihren Anfang hat. Die Tatsache, dass Klotz so weit zurückgreift und damit eine Aussage über heutige Sichtweisen macht, ist vollkommen überzeugend, denn Prägungen und Sichtweisen werden innerhalb eines Kulturkreises von Generation zu Generation weitergegeben und nicht unbedingt hinterfragt.

Klotz kommt schließlich darauf zu sprechen, dass die von einer breiteren Masse über das Medium Buch rezipierte Kunstgeschichtsschreibung im 16. Jahrhundert mit Giorgio Vasari ihren Anfang nimmt. Ab diesem Zeitpunkt werden kulturelle Unterschiede, Abgrenzungen und Stereotypen in der Form der konkreten Niederschrift reproduziert. Klotz schreibt, dass Vasaris Ansicht nach die Renaissance nicht nur ein Zurück zur Antike darstellt, sondern auch und vor allem ein hervorragend adäquates Mittel zum Wiederaufleben der „römisch­italienischen Tradition“.[9] Klotz schreibt dies so, als wäre es für Vasari ein regelrechter Triumph gewesen, dieses hervor zu kehren, denn er bringt es noch einmal etwas ironisch auf den Punkt, wenn er hinzufügt: „Seit Vasaris 'Vite', seiner Geschichte der Renaissance, die 1550 in der ersten Auflage erschien, gibt es in der Kunstbetrachtung wieder eine Kultur des rechten Weges, der italienisch-römischen Tradition [,..].“[10] Und weiter heißt es: „So wie die Goten den Untergang der römischen Kultur besiegelt hatten, so war die „Gotik“ - die „maniera tedesca“ [wörtlich übersetzt: „die deutsche Art und Weise/ Ausdrucksweise“, Anm. der Autorin] - als Stil der Deutschen in Italien eingebrochen und hatte die eigenen klassischen

Traditionen vernichtet. Erstjetzt mit der Wiederentdeckung des Altertums - so Vasari -, erst mit der Renaissance war die Vorherrschaft der Goten, des deutschen Mittelalters, gebrochen. „Gotisch“ wurde fortan zur Bezeichnung für das Abartige und Fremde; „gotisch“, d. h. „deutsch“, war eine Kultur aufgezwungener Verirrungen.“[11] Mit dem Beginn der Renaissance ist die „deutsche Art und Weise“ endlich überholt, die als „antiklassisch“ und „barbarisch“, also primitiv und unzivilisiert, gilt. Am Beispiel des gotischen Kirchturms, der aus Klotz' Sicht zum „stacheligen Gewächs gotischer Unart“ wird, macht er dies anschaulich deutlich.[12] Klotz zeigt also, dass die negative Sicht auf den gotisch-germanischen und in der Folge deutschen Einfluss innerhalb der Kunst, seine Wurzeln zwar schon in der Zeit der Völkerwanderung hat, sie aber bei Vasari schließlich ihre erste schriftliche Dokumentation findet und lastet ihm damit eine große Verantwortung im Hinblick auf diese negative Sichtweise an. Es heißt genau: „Mit Vasaris ästhetischer Einschätzung der „maniera tedesca“ verband sich bald die Einschätzung einer ganzen Kultur.“[13] Vasari zwingt durch seine „Vite“ sicherlich keine Meinung auf, die nicht schon vorher in der Kultur vorhanden ist. Aber er hält sie immerhin schriftlich fest und fixiert damit einen Anschauung, die dadurch sozusagen einen neuen Status erhält. Insofern ist die Bedeutung, die Klotz Vasari zugesteht, gerechtfertigt.

Eine weitere Einzelperson, die Klotz zitiert, ist Goethe. Dessen Schrift „Von deutscher Baukunst“ sieht er als frühes Dokument eines Versuchs, den deutschen Einflüssen auf die Kunst zu einem angemessenen Status zu verhelfen und der schmerzlichen Abneigung Herr zu werden. Goethe verfasst seine Schrift im Jahre 1772. In seinem Beitrag rühmt er die deutsche Baukunst am Beispiel des Architekten Erwin von Steinbach und seines Bauwerks Straßburger Münster, wertet aber gleichzeitig die Werke der Franzosen und Italiener ab.[14] Er gleitet ins Patriotische ab und erreicht dadurch natürlich nur den Eindruck einer unangemessenen Überreaktion, die eben damit gerade ihr Ziel verfehlt. Er spricht den Franzosen und Italienern besondere Leistungen in der Baukunst ab. Als wirklich „originell“ oder „einheimisch“, kann Goethes Auffassung nach vergleichsweise nur die deutsche Kunst gelten.[15] Ob er dies tut, weil die Franzosen und Italiener sich seiner Ansicht nach, wie Klotz betont, ausschließlich an der römischen Antike orientierten[16], ist nicht relevant.

[...]


[1] HeinrichKlotz: Internationales biographisches Archiv: Personen aktuell/Munzinger Archiv, Ravensburg 1999.

[2] http://www.jacabook.it/pdf_news/60393.ita.pdf, zugegriffen am 26.02.2010.

[3] Klotz, Heinrich: Mittelalter 600-1400, in: Geschichte der deutschen Kunst, Bd. 1, München 1998, S. 8.

[4] Vgl. ebd., S. 9.

[5] Althoff, Gerd [u. a.] : Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte. Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Krisen und Konsolidierungen, Bd. 3, Stuttgart2008, S. 380.

[6] Goten: Sachwörterbuch zur deutschen Geschichte, hrsg. von Hellmuth Rössler und Günther Franz, München 1958.

[7] Alamannen: SachwörterbuchzurdeutschenGeschichte, 1958.

[8] Völkerwanderung: ebd.

[9] Vgl. Klotz 1998, S. 10.

[10] Vgl. ebd., S. 10.

[11] Vgl. Klotz 1998, S. 10.

[12] Vgl. ebd., S. 10.

[13] Vgl. ebd., S. 10.

[14] Goethe, Johann Wolfgang und Fechner, Jörg-Ulrich (Hrsg.): Von deutscherBaukunst, Darmstadt 1999, S. 9 ff.

[15] Ebd., S. 16.

[16] Klotz 1998, S. 10.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640744541
ISBN (Buch)
9783640745050
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161252
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Kunsthistorisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Baugeschichtsschreibung 90er Jahre Heinrich Klotz Gotik Germanen Goten Mittelalter maniera tedesca Alemannen Europa Geschichte Vasari Goethe Kathedrale

Autor

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