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Der Begriff des Individuums in Antike und Moderne: Der Atomismus bei Lukrez (De rerum natura, Buch 1)

Seminararbeit 2004 18 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Text, Übersetzung und textkritische Bemerkungen
2.1 Text (De rerum natura I 471-486)
2.2 Übersetzung
2.3 Textkritische Bemerkungen

3. Zu ausgewählten Stellen in De natura deorum I
3.1 Atome als Grundbausteine (vv. 265-328)
3.2 Körper und Leere als grundlegende Prinzipien (vv. 418-497)

4. Lukrez´ Beitrag zum Begriff des Individuums

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit wesentlichen Passagen aus dem ersten Buch von „De rerum natura“, mit dem Lukrez im ersten vorchristlichen Jahrhundert einen wichtigen Beitrag zum Atomismus in lateinischer Sprache geliefert hat. Obwohl der Gegenstand seiner Betrachtung ein physikalischer ist, lassen sich seine Gedanken auch in andere Bereiche übertragen, etwa in den der Ethik; außerdem sind seine Abhandlungen dazu geeignet, anhand der atomistischen Theorien Gedanken zur Struktur einer Gesellschaft und insbesondere zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu entwickeln. Lukrez selbst hat auf der Grundlage griechischer Vorbilder wie Leukipp oder Demokrit in „De rerum natura“ ein Gedankengebäude entworfen, das er dem lateinischen Leser in Form eines Lehrgedichts nicht nur inhaltlich exakt, sondern zugleich in dichterischer Form zugänglich machen wollte. Er drückt dies selbst folgendermaßen aus : „volui tibi suaviloquenti | carmine Pierio rationem exponere nostram | et quasi musaeo dulci contingere melle“ (Buch I, 945 ff.).

Den im Deutschen heute so selbstverständlich als Fremdwort eingebürgerten Begriff des Individuums verwendet er freilich noch nicht[1]. Der Gedanke, daß Naturvorgänge von den Göttern unabhängig sind sowie erforschbaren und logisch nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeiten gehorchen, ist in seiner mechanistischen Theorie zentral und regt durchaus dazu an, auch in anderen Bereichen des menschlichen Lebens nach dem systemhaften Charakter von Strukturen und Abläufen zu suchen.

Im folgenden soll anhand eines kurzen Textauszuges, dem eine Übersetzung beigegeben ist, exemplarisch auf einige wenige textkritische Probleme eingegangen werden, bevor dann anhand eines etwas umfangreicheren Textcorpus eine Interpretation von zwei Passagen aus dem ersten Buch Aufschluß über Lukrezens Atomlehre geben soll; zentrale Themen sind dabei die Existenz von Atomen überhaupt, die Zweiheit von Körpern bzw. Materie und Leere als einzige Bestandteile in der Natur sowie die wesentlichen Eigenschaften der Atome. Im Anschluß daran sollen einige Überlegungen den Zusammenhang zwischen dem Atomismus des Lukrez und der Theoriebildung über das Wesen des Individuums, das in einer kühnen Analogie möglicherweise als „Atom der Gesellschaft“ bezeichnet werden kann, beleuchten; die Diskussion über das Wesen des Individuums ist in Antike und Moderne jedenfalls immer wieder geführt worden.

Die Einführung des „clinamen“ im 2. Buch als Möglichkeit von der Abweichung der Atome von einer senkrechten Bewegungsrichtung gestattet sicher mehr als der Inhalt des ersten Buches eine Übertragung physikalischer Theorien auf den Menschen und in diesem Fall eine atomistische Begründung der menschlichen Willensfreiheit; dennoch ist davon auszugehen, daß auch das erste Buch von „De re­rum natura“ einen Beitrag zur Diskussion über die Definition des Individuums an sich leisten kann.

2. Text, Übersetzung und textkritische Bemerkungen

2.1 Text (De rerum natura I 471-486)

denique materies si rerum nulla fuisset

nec locus ac spatium, res in quo quaeque geruntur,

numquam Tyndaridis forma conflatus amore

ignis Alexandri Phrygio sub pectore gliscens

clara accendisset saevi certamina belli,

nec clam durateus Troiianis Pergama partu

inflamasset equus nocturno Graiiugenarum;

perspicere ut possis res gestas funditus omnis

non ita uti corpus per se constare neque esse,

nec ratione cluere eadem qua constet inane,

sed magnis ut merito possis eventa vocare

corporis atque loci, res in quo quaeque gerantur.

Corpora sunt porro partim primordia rerum,

partim concilio quae constant principiorum.

sed quae sunt rerum primordia, nulla potest vis

stinguere; nam solido vincunt ea corpore demum.

2.2 Übersetzung

Schließlich: Wenn es keinen Stoff der Dinge gegeben hätte, noch Ort und Raum, in der alle Dinge verrichtet werden, wäre niemals das Feuer des Alexander angefacht worden durch Liebe wegen der Schönheit der Tyndaristochter, züngelnd unter der phrygischen Brust, und hätte hell entzündet die Kämpfe eines wütenden Krieges, noch hätte heimlich vor den Trojanern das hölzerne Pferd durch das nächtliche Gebären der Griechen Pergamon entflammt; so daß du durchschauen kannst, daß alles Geschehen nicht von Grund auf so an sich bestehen kann wie ein Körper oder daß es sein kann, oder daß es in der gleichen Weise genannt werden kann, wie das Leere besteht, sondern vielmehr, daß du es mit Recht Geschehnisse des Körpers und des Ortes nennen kannst, in der alle Ding verrichtet werden. Körper sind ferner teils die Ursprungskörperchen der Dinge, teils das, was durch den Verband von Urkörperchen besteht. Aber die Teilchen, die Urkörperchen der Dinge sind, kann keine Kraft zerstören; denn diese siegen endlich durch ihren festen Körper.

2.3 Textkritische Bemerkungen

In Vers 473 findet sich als Alternative für die vom Herausgeber übernommenen zwei Ablative „forma“ und „amore“, beide abhängig von „conflatus“, zum einen die handschriftliche Überlieferung „formae“ in den Codices O2 (Codex Leidensis 30 Oblongus in späterer Korrektur) und J (Poggianum apographon) – denkbar wäre dann eine (umständliche) Deutung als Genitivus obiectivus zu „amore“, von dem seinerseits dann der Genitivus subiectivus „Tyndaridis“ abhinge –;zum anderen „amoris“ statt „amore“, eine Konjektur Wakefields, bei deren Annahme man davon auszugehen hat, daß „amoris“ von „forma“ abhängig wäre, was inhaltlich fragwürdig erscheint. Daß die beiden Ablative dennoch haltbar sein können und es sich dabei nicht teilweise um Genitive handeln muß, versucht der Herausgeber mit Hilfe der Parallelstelle II, 623 zu belegen, wo die Ablative überdies ähnliche inhaltliche Funktionen erfüllen; auch hier sind die unverbunden nebeneinanderstehenden Ablative als Ablativus instrumenti und Ablativus causae deutbar. Die Entscheidung des Herausgebers ist, gestützt durch den Verweis auf die Parallelstelle, durchaus haltbar; metrisch möglich sind beide der im kritischen Apparat aufgeführten Alternativen.

In Vers 476 handelt es sich bei der Version „Troiianis“ um eine Konjektur Lachmanns; ihr steht die von den Codices O2, Q1 (Codex Leidensis 94 Quadratus) , G (schedae Gottorpienses) und J überlieferte Version „troianis“ gegenüber, die aufgrund des erforderlichen wie vorhandenen langen o und langen a jedenfalls aus metrischen Gründen nicht erforderlich ist. O1 überliefert „trolianis“, möglicherweise ein Abschreibefehler, was ein Indiz für die Version ist, für die sich der Herausgeber entschieden hat; immerhin heißt es zwei Verse später analog dazu im Text „Graiiugenarum“, während die konkurrierende Lesart „Graiugenarum“ nur von Q und J überliefert ist. Wenn sich der Herausgeber, wie geschehen, gegen diese und für die von den anderen Codices überlieferte Lesart entscheidet, ist eine Entscheidung für „Troiianis“ in Vers 476 durchaus schlüssig. Immerhin stimmen diese Varianten morphologisch überein, was für die in Q (spätere Korrektoren) überlieferte Lesart „troianos“ nicht zutrifft; wäre diese Lesart richtig, lägen für „inflammasset“ gleich zwei Akkusative vor, die nebeneinander nicht existieren können, so daß die Variante „troianos“ ausscheidet.

Zur Lesart „equos“ in Vers 477, bei der es sich um einen Nominativ Singular mit kurzem o handelt, existieren zwei konkurrierende Varianten: equus, überliefert von O2 und J, und equo, überliefert von Q1. Während O2 und J eine Variante bietet, die metrisch und syntaktisch der vom Herausgeber gewählten Lesart entspricht, ist „equo“ als Ablativ aus folgendem Grund nicht haltbar: Es würde, nähme man „equo“ an, das Bezugswort für „durateus“ fehlen, außerdem müßte als Subjekt dann weiter „ignis“ angenommen werden, während der durch die Wahl des Herausgebers bedingte Subjektwechsel durchaus vertretbar ist. Der Grund, weshalb er sich für „equos“ statt für „equus“ entschieden hat, könnte darin zu suchen sein, daß morphologisch „equos“ gegenüber „equus“ eine Art „lectio difficilior“ darstellt.

[...]


[1] vgl. von Albrecht (1997), S. 435 (Fußnote)

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640774951
ISBN (Buch)
9783640786459
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161236
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Seminar für Klassische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Begriff Individuums Antike Moderne Atomismus Lukrez Buch

Autor

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