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Der Hitler-Stalin-Pakt

Ursachen, Entstehungsgeschichte, Vertragsverhandlungen und Folgen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung

2. Forschungsstand

3. Vorgeschichte

4. Zustandekommen des Paktes
4.1. Verhandlungen
4.2. Motive

5. Inhalt des Paktes und des Geheimen Zusatzprotokolls

6. Auswirkungen

7. Fazit – Folgen des Paktes und seine Bedeutung für den Beginn des Zweiten Weltkrieges

8. Literatur

1. Fragestellung

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt[1] vom 23. August 1939 stellt einen negativen Höhepunkt nicht nur in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern, sondern auch in der Geschichte der Diplomatie dar. Kaum ein Dokument hatte so weitreichende sowie dramatische Folgen und löste so viele kontroverse Debatten aus. Die Bedeutung des Paktes für die Entwicklung des Zweiten Weltkrieges, den Souveränitätsverlust Estlands, Lettlands und Litauens sowie für die Teilung Polens sind bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Dispute, aber auch ein wichtiger Faktor in den Beziehungen Russlands und Deutschlands zu Polen und baltischen Staaten. Diskutiert werden aber auch Motive und Ziele der beiden Diktatoren Hitler und Stalin, mögliche Alternativen zum Pakt und die Rolle der Westmächte Großbritannien und Frankreich in der internationalen Diplomatie im Jahre 1939.

Diese Hausarbeit zielt darauf, die historische Entwicklung vor und nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes zusammenhängend nachzuzeichnen. Zuerst wird dabei auf die Vorgeschichte eingegangen. Dabei stellt sich die Frage, welche Konstellation sich in der internationalen Politik im Jahre 1939 ergab. Es folgt die unmittelbare Entstehung des Paktes. In diesem Abschnitt geht es darum, vor allem Motive und Strategie der Verhandlungsführung beider Staaten nachzuvollziehen. Dazu werden politische, ökonomische und ideologische Ziele der beiden Parteien analysiert und mit den konkreten Maßnahmen der Regierungen in Verbindung gebracht. Im vierten Abschnitt wird kurz auf den Inhalt des Vertragswerks eingegangen. Zum Schluss stehen die kurz- und langfristigen Auswirkungen des Paktes im Mittelpunkt. Daraus werden die Rolle und die Bedeutung des Vertrages in der Geschichte abgeleitet. Dabei erfolgt eine historische Einordnung des Dokuments und es wird ein Fazit vorgenommen. Die Hausarbeit endet mit Literaturangaben und der obligatorischen Selbständigkeitserklärung.

2. Forschungsstand

Die wichtige Rolle des Paktes in der Geschichte ist der Grund für eine sehr günstige Literaturlage. Eine umfassende und tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Pakt und dem Zusatzprotokoll mit Berücksichtigung zahlreicher Archivdokumente sowie Literatur aus mehreren Ländern bietet das Buch Das Geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 und seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von 1939 bis 1999 von Jan Lipinsky (Frankfurt am Main 2004). Von den zahlreichen älteren Veröffentlichungen ist besonders eine hervorzuheben. Im von Erwin Oberländer herausgegebenen Buch Hitler-Stalin-Pakt 1939. Das Ende Ostmitteleuropas? (Frankfurt am Main 1989) kommen mehrere Historiker zu Wort, die den Pakt vielschichtig und mit Berücksichtigung verschiedener Aspekte beleuchten.

Eine Reihe von Publikationen erschien 2009 zum Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes. Zu erwähnen ist an dieser Stelle vor allem das Band Der Hitler-Stalin-Pakt. Der Krieg und die europäische Erinnerung, herausgegeben. von der Redaktion der Zeitschrift Osteuropa. Dort mit enthalten ist unter anderem ein Artikel von Sergej Slutsch, der einer der führenden Historiker aus der Sowjetunion/Russland ist und sich seit Jahren mit dem Pakt beschäftigt. Seine Veröffentlichungen gehören zu den wichtigsten Arbeiten zum Thema Hitler-Stalin-Pakt im postsowjetischen Raum.

Außerdem können bei der Auseinandersetzung mit dem Nichtangriffsvertrag Standardwerke zum Zweiten Weltkrieg, wie beispielsweise das Buch Der Zweite Weltkrieg. Kriegsführung und Politik (München 1995) von Lothar Gruchmann, hilfreich sein.

Bei Büchern außerhalb des deutschen historiographischen Mainstreams gibt es eine große Bandbreite von Interpretationen und Perspektiven.

Einige, vor allem deutsche, Historiker versuchen in ihren Werken die Schuld des Deutschen Reiches am Zweiten Weltkrieg neu zu überdenken und zu definieren. Dabei wird die Rolle der Westmächte und der Sowjetunion am Zustandekommen des Paktes sowie an der Entfesslung des Zweiten Weltkrieges besonders hervorgehoben. Teilweise wird im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt auch auf die Präventivkriegsthese verwiesen.[2]

Bei den Büchern aus der Sowjetunion und der DDR fällt auf, dass sie den Nichtangriffspakt aus ideologischen Gründen entweder gar nicht erst erwähnen, zu rechtfertigen versuchen oder den Westmächten komplett die Schuld am Vertragsabschluss geben. Bis 1989 wurde in der sowjetischen Geschichtswissenschaft die Existenz des Geheimen Zusatzprotokolls bis auf einige wenige Ausnahmen komplett geleugnet. Auch in der postsowjetischen Historiographie finden sich immer wieder Autoren, die eine sowjetkonservative bzw. stalinistische Geschichtsauffassung im Bezug auf den Nichtangriffspakt vertreten.

Neben wissenschaftlichen Büchern gibt es zahlreiche Erinnerungen, die Eindrücke über die Ereignisse von 1939 schildern. Eine Menge persönlicher Erfahrungen liefert das Buch Der Schock des Hitler-Stalin-Paktes. Erinnerungen aus Sowjetunion, Westeuropa und USA, herausgegeben von Wolfgang Leonhard (Freiburg am Breisgau 1986). Weitere historisch wertvolle Erinnerungen von politischen Zeugen existieren beispielsweise von Paul Schmidt, Hans von Herwarth sowie Walentin Bereschkow.

3. Vorgeschichte

Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion waren in den 1920er Jahren infolge der Verträge von Rapallo (1922) und Berlin (1926) freundschaftlich. Nach dem Machtantritt Hitlers verschlechterten sie sich jedoch schlagartig. In den 1930er Jahren wurde die entstandene militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zurückgefahren und es entwickelte sich eine tiefe Verfeindung zwischen den beiden Staaten. Die Propaganda beider Länder sprach vom „jüdischen Bolschewismus“ auf der einen und vom „faschistischen Aggressor“ auf der anderen Seite. Bis 1939 gab es kaum Kontakte zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion.[3]

Nicht nur die Beziehungen zu Deutschland waren zur Beginn des Jahres 1939 wenig intensiv. Auch insgesamt befand sich die Sowjetunion in einer relativen außenpolitischen Isolation. Das änderte sich erst nach der vollständigen Besatzung Tschechiens durch das Deutsche Reich, als die Westmächte im Sinne der kollektiven Sicherheit ihre Beziehungen zur Sowjetunion intensivierten. Deutschland hingegen hatte zwar die Westmächte gegen sich, gleichzeitig aber auch Verbündete, wie Italien und Japan. Das Deutsche Reich konnte zwischen 1933 und 1938 enorme Gebietsgewinne verzeichnen, verzichtete aber mit der Unterzeichnung des Münchener Abkommens Ende September 1938 auf weitere Annexionen.[4]

Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht dann doch in der Tschechoslowakei ein, um die „Rest-Tschechei“ zum eigenen Staatsgebiet zu machen. Am 23. März ging auch das Memelland an Deutschland. Dabei handelte es sich um einen offenen Bruch des Münchener Abkommens. Es wurde deutlich, dass das Deutsche Reich auch weiterhin eine Expansion anstrebt und das nächste Ziel Polen sein wird. Bereits seit Oktober 1938 hatte die deutsche Regierung Druck auf Polen ausgeübt, indem sie Forderungen stellte – Anschluss von Danzig an das Reich, Bau von exterritorialen Auto- und Eisenbahnen zwischen dem Reichsgebiet und Ostpreußen durch den „polnischen Korridor“ sowie Abschluss von Abkommen über Grenz- und Minderheitsfragen. Polen sah sich in seiner Existenz bedroht und lehnte mit einer gewissen Rückendeckung aus Großbritannien und Frankreich Mitte November 1938 und Anfang Januar 1939 ab.[5] Nach der Zerschlagung der „Rest-Tschechei“ wiederholte die deutsche Regierung die Forderungen an den polnischen Staat mit Nachdruck. Diese wurden wieder abgelehnt. Daraufhin traf Hitler die Entscheidung, Polen militärisch anzugreifen. Am 3. April 1939 versandte der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel die „Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht für 1939/1940“.[6] Ende April 1939 kündigte Hitler dann den Nichtangriffsvertrag mit Polen.[7] Enorme Gebietserweiterung in den Jahren zuvor sowie funktionierende Propaganda gaben Hitler die Sicherheit, dass die Bevölkerung dem Krieg nicht ablehnend gegenüber steht. Außerdem schien der Zeitpunkt günstig, weil oppositionelle Kreise innerhalb der Generalität und Diplomatie aufgrund der Erfolge von Hitler in die Defensive geraten waren und an Einfluss verloren.[8]

Die rechtswidrige Annexion Tschechiens sowie Druck auf Polen von Seiten Deutschlands zwang Großbritannien und Frankreich zum Handeln. Am 31. März 1939 erklärten sie, sie würden die Existenz Polens garantieren. Das gleiche Sicherheitsversprechen wurde am 13. April 1939 gegenüber Rumänien und Griechenland abgegeben. Das bedeutete eine Wende in der Strategie der Westmächte. Die Appeasement-Politik wurde verworfen. Stattdessen sollte ein kollektives Sicherheitsbündnis das neue Mittel gegen Hitler-Deutschland werden.[9] Hitler befand sich nun in einer komplizierten Lage – Polen lehnte die deutschen Forderungen ab, Frankreich und Großbritannien waren gegen ihn und rüsteten auf, und die Position der Sowjetunion war zunächst unklar.[10]

4. Zustandekommen des Paktes

4.1. Verhandlungen

Nach der Eroberung der „Rest-Tschechei“ begannen nicht nur die Westmächte, sondern auch die Sowjetunion, über neue außenpolitische Strategien nachzudenken. Das Fehlen sicherer außenpolitischer Partner zwang die UdSSR bedeutend eher als Deutschland, auch die Möglichkeit der Kooperation mit dem ideologischen Feind in Betracht zu ziehen, weil die Handlungsoptionen auf internationaler Ebene begrenzt waren.[11]

Grundsätzlich erarbeitete die UdSSR ab April 1939 zwei Möglichkeiten der Vorgehensweise. Den Westmächten wurde ein gegenseitiger defensiver Beistandsvertrag zusammen mit einem Abkommen über Garantie und Beistand für die Staaten Ostmitteleuropas vorgeschlagen. Der britische Premier Chamberlain war jedoch zunächst skeptisch, denn er befürchtete, ein britisch-französisch-sowjetisches Bündnis würde Deutschland zu einem Präventivkrieg bewegen. Er hielt es für ausreichend, Beziehungen mit der UdSSR zu unterhalten, um Hitler von der Aussichtslosigkeit des Krieges zu überzeugen. Diese These wird auch durch eine am Anfang halbherzige Führung der britisch-französisch-sowjetischen Gespräche belegt, die sich in einer zweitrangigen Besetzung der Delegationen sowie einer langsamen Verhandlungsführung äußerte.[12]

[...]


[1] Auch Hitler-Stalin-Pakt; in der britischen und sowjetischen/russländischen Historiographie ist das Dokument eher unter dem Namen Molotow-Ribbentropp-Pakt bekannt.

[2] Die Präventivkriegsthese besagt, dass es sich beim Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 um einen Präventivschlag zur Abwehr eines drohenden Angriffs durch die Rote Armee handelte.

[3] Vgl. Wolton, Thierry: Rot-Braun. Der Pakt gegen die Demokratie von 1939 bis heute. Hamburg 2000, S. 90. Trotz eines tiefen Misstrauens und schlechter Beziehungen gab es bereits vor 1939 Annäherungsversuche, vor allem von sowjetischer Seite. Im Januar 1936 sagte Wjatscheslaw Molotow vor dem Obersten Sowjet: „Offen gesagt, die sowjetische Regierung würde sich bessere Beziehungen zu Deutschland wünschen. […] Das liegt im Interesse beider Länder. Allerdings hängt die Umsetzung einer solchen Politik nicht nur von uns, sondern auch von der deutschen Regierung ab.“ (Zit. in: ebenda, S. 21). Auch von deutscher Seite gab es ähnliche Aussagen. Göring erklärte beispielsweise im Mai 1936, die Zeit sei reif, „freundschaftliche Beziehungen zwischen Russland und Deutschland auf der ganzen Linie, wirtschaftlich und politisch, in die Wege zu leiten.“ (ebenda). Solche Aussagen hatten jedoch nichts mit der Praxis zu tun und wurden bis Sommer 1939 kaum durch politische Schritte unterstützt.

[4] Vgl. Hofer, Walther: Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges. Darstellung und Dokumente. Düsseldorf 1984, S. 129.

[5] Vgl. Zarusky, Jürgen: „Hitler bedeutet Krieg“. Der deutsche Weg zum Hitler-Stalin-Pakt. In: Osteuropa, 7-8/2009, S. 106.

[6] Vgl. Hass, Gerhart: 23. August 1939. Der Hitler-Stalin-Pakt. Berlin 1990, S. 19.

[7] Vgl. Ahmann, Rolf: Der Hitler-Stalin-Pakt: Nichtangriffs- und Angriffsvertrag? In: Oberländer, Erwin: Hitler-Stalin-Pakt 1939: Das Ende Ostmitteleuropas? Frankfurt am Main 1989, S. 32.

[8] Vgl. Hass, S. 22.

[9] Vgl. ebenda, S. 25.

[10] Vgl. Ahmann, S. 32.

[11] Vgl. Slutsch, Sergej: Der Weg in die Sackgasse. Die UdSSR und der Molotov-Ribbentrop-Pakt. In: Osteuropa, 7-8/2009, S. 76.

[12] Vgl. Ahmann, S. 35.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640742578
ISBN (Buch)
9783640742813
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161212
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
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