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Ungleichheit im Bildungssystem Deutschlands

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung, Fragestellung

2. Begriffserklärung
2.1 Bildung
2.2 Soziale Ungleichheit
2.3 Bildungsungleichheiten
2.4 Chancengleichheit

3. Die Bildungsexpansion
3.1 Historische Eingrenzungen der Bildungsexpansion
3.2 Ursachen der Bildungsexpansion
3.3 Dimensionen der Bildungsexpansion
3.3.1 Strukturelle Dimension - 3 Ebenen der Ungleichheit
3.3.2 Kulturelle Dimension

4. Empirische Untersuchungen - PISA-Studien, Hamburger Bildungsbericht 2009
4.1 PISA
4.2 Bildungsbericht Hamburg 2009

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung, Fragestellung

„Bildung ist nicht nur eine formale, auf dem Arbeitsmarkt verwertbare Ressource im Sinne des Humankapitals, sondern eine entscheidende Voraussetzung für viele unterschiedliche Lebenschancen“1.

Das Thema Bildung steht bereits seit mehreren Jahrzehnten im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Seit ihrer „Entdeckung“ jedoch in den 1960gern, hatte die nach Schichtzugehörigkeit, Geschlecht, Region und Konfessionalität ungleiche Teilhabe am Bildungssystem und die daraus resultierende Reproduktion der sozialen Ungleichheit seitdem mehrere Wellen der öffentlichen Diskussion und der dazugehörigen Erklärungs- und Lösungsansätze erlebt. Die neueren Erkenntnisse, u.a. durch die PISA-Studien, liessen die Diskussion aufs Neue aufflammen, und machen die Frage nach den Ursachen und umfassenden, interdisziplinären Erklärungsansätzen besonders aktuell. Die PISA-Studien, die in der Öffentlichkeit zum „PISA-Schock“2 geführt haben, haben erheblich dazu beigetragen, dass das Thema Bildung in Deutschland wieder in den Fokus der Gesellschaft getreten ist. Durch den internationalen Vergleich bei PISA wurde deutlich, dass Deutschland Kinder aufgrund ihrer sozialen Herkunft massiv benachteiligt. Der Zusammenhang von Kompetenzerwerb und sozialer Herkunft ist in Deutschland immer noch entscheidend höher für den Erwerb eines höheren Bildungsabschlusses als in anderen vergleichbaren europäischen Industrieländern.

Der Zusammenhang von Bildung und Lebenschancen, zwischen Reproduktion sozialer Herkunft und Lebenslagen gehört inzwischen beinahe zum Allgemeinwissen. In der Sozialwissenschaft divergieren jedoch die Ansichten und theoretische Erklärungsansätze für diese Zusammenhänge erheblich. Das deutsche Bildungssystem weist einige Spezifika auf, die mit dazu beitragen, dass sich soziale Unterschiede hierzulande in besonderer Weise als Bildungsungleichheiten kulminieren. Vom besonderen Interesse sind für die vorliegende Arbeit die institutionalisierten, also die dauerhaften und regelmäßigen Ursachen für die Ungleichheit im Bildungssystem, welches in der modernen „Wissensgesellschaft“3 zunehmend die Rolle des „Statusverteilers“ übernimmt, die Ungleichheiten in den Lebensläufen also perpetuiert.

In der vorliegenden Arbeit wird ein historischer Kontext für den heute bestehenden institutionalisierten Bildungsrahmen der Bundesrepublik dargestellt, die Ursachen und strukturelle Muster für die Ungleichheitsfaktoren erörtert, sowie die Ergebnisse der neueren Studien in einen Bezugsrahmen gestellt. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Fragen nach den strukturellen Ursachen, oder „Ebenen“ der Bildungsungleichheit, sowie nach dem Erfolg der Bildungsexpansion in Deutschland bezüglich der Bekämpfung von Bildungsungleichheit. Im Besonderen ist die Arbeit wie folgt strukturiert: im zweiten Kapitel wird eine Begriffsdefinition und -Abgrenzung getroffen; im dritten Kapitel erfolgt die historisch konsekutiv angelegte Betrachtung des Wandels der Chancenstruktur im deutschen Bildungssystem - um den Hintergrund der heutigen Probleme zu beleuchten, werden Ursachen und Folgen der Bildungsexpansion genauer betrachtet und ihre Wirkung erläutert. Als Nächstes wird die Frage nach der Typisierung der strukturellen Ungleichheitsmuster, nach der Entstehung und Reproduktion der Ungleichheitsfaktoren im Bildungssystem erörtert. Anschließend erfolgt eine kurze Betrachtung der empirischen Basis am Beispiel der PISA- Studien, sowie eines lokalen Bildungsreports im vierten Kapitel, um mit einer Schlussbetrachtung im fünften Kapitel einen Fazit zu ziehen.

2. Begriffserklärung

Es erscheint als notwendig, die für die Problematik zentralen Begriffe zu erläutern. Dazu zählen vor allem: Bildung, soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit und Chancengleichheit.

2.1 Bildung

Im weitesten Sinne versteht man Bildung als individuelle Aneignung von Kultur − eine Aneignung, die den Einzelnen die kognitiven, expressiven und ästhetischen Traditionen der Menschheit und seiner Kultur verfügbar macht. Hierdurch erweitert Bildung die Ausdrucksmöglichkeiten, Interpretationsmuster und Sichtweisen des Individuums auf die Welt und auf sich selbst und transzendiert damit die individuelle Erfahrung des Hier und Jetzt. Das entscheidende Kriterium dafür, ob von Bildung gesprochen werden kann, ist das der Nachhaltigkeit, während die Art und Weise der Aneignung zunächst unerheblich ist: ob im Rahmen formeller Institutionen oder auf informellem Wege. Bildung schließt also die bewusste Kenntnis von Wissenselementen wie auch ein weniger bewusstes Verstehen und Erkennen von Sinnhaftigkeit ein. Durch diese Aneignung von Kultur werden Kompetenzen und Fähigkeiten erlangt, die einen selbständigen Umgang mit ihr ermöglichen.4

In diesem Verständnis ist Bildung nicht beschränkt auf Schulwissen und spezielle Kenntnisse der Berufsbildung oder akademischen Lehre. Bildung, im Sinne Bourdieus als »inkorporiertes kulturelles Kapital« verstanden5, schließt durch ihre Einverleibung gleichermaßen kognitive und habituelle Aspekte ein. In der vorliegenden Arbeit wird dennoch vorrangig die Bildung in ihrem formalisierten, institutionalisierten Aspekt behandelt. Hier ist eine engere Definition der Bildung anwendbar -„die Vermittlung von Werthaltungen, Wissenbeständen und Fertigkeiten, (…) die Menschen benötigen, um ihre sozialen Rollen als Erwachsene in einer Gesellschaft ausüben zu können“6, und zwar in eigens dafür geschaffenen Bildungseinrichtungen. Ziel der Bildungssoziologie ist es daher, „Prozesse der Bildung und Erziehung, sowie deren Institutionalisierung im historisch-gesellschaftlichen Kontext zu betrachten un die Bedeutung von Bildung für die moderne Gesellschaft zu rekonstruieren“7.

2.2 Soziale Ungleichheit

Unter sozialer Ungleichheit versteht man einen „gesellschaftlichen Zustand, in dem die Zugangschancen zu wichtigen Sozialbereichen (z.B. Bildung (…) ) für einzelne Personen oder sozialgruppen erschwert ist und die ungleiche Verteilung von (…) Ressourcen, von sozialen Positionen und Rängen als ein soziales Problem angesehen wird“8, und in ihrer Verstetigung zu einer Institutionalisierung führen kann. Durch ungleiche Machtverteilungen und Interaktionsmöglichkeiten werden also Individuen, Gruppen oder Gesellschaften dauerhaft eingeschränkt oder bevorzugt.

2.3 Bildungsungleichheiten

Bildungsungleichheiten stellen einen Strukturmerkmal moderner Gesellschaften9. Ungleichheit der Bildung besteht, wenn Kinder bestimmter Gesellschaftsschichten (z.B. Arbeiterkinder oder Migrantenkinder) durch soziale Barrieren und durch schichtspezifische Sprachentwicklung in der Entfaltung ihrer Bildungsmöglichkeiten behindert sind10.

2.4 Chancengleichheit

Die Begrifflichkeit der Chancengleichheit wird hier als ein Teilbegriff der sozialen Gleichheit verstanden. Unter der sozialen Gleichheit versteht man die Stellung der Menschen in der Gesellschaft, welche ihnen den gleichen Zugang zu den Produktionsmitteln ermöglicht, die gleichen politischen und zivilen Rechte garantiert, die Gleichstellung von den Geschlechtern und sozial-ethnischen Gruppen ermöglicht11. In dem vorliegenden konkreten Zusammenhang wird die Gleichheit des Zugangs zu den Bildungsmöglichkeiten behandelt.

3. Die Bildungsexpansion

Im Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes wird eine Vorgabe getroffen, niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen zu benachteiligen oder zu bevorzugen12, welches als Leitsatz auch für die Expansion im Bereich Bildung betrachtet werden kann.

Wenn es um den Begriff der „Bildungsexpansion“ geht, stehen vor allem eine höhere Bildungsbeteiligung, der Ausbau von Bildungssystemen, die Ausweitung von Bildungsgelegenheiten für alle Kinder und die erhöhte Nachfrage nach Bildung im Mittelpunkt der Betrachtung. So bestand das Ziel der Bildungsexpansion der 60er Jahren darin, die Rahmenbedingungen für den Bildungszugang so zu gestalten, dass sich die Verweildauer im Bildungssystem verlängert sowie die Zahl höherer Bildungsabschlüsse zunimmt.

[...]


1 Becker, Rolf; Lauterbach, Wolfgang: Bildung als Privileg. Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit, 4. Auflage, Wiesbaden 2010.

2 Vgl. dazu bspw. „Der neue Pisa-Schock“, Hamburger Abendblatt vom 22.11.2004, online abrufbar unter: http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article712092/Der-neue-Pisa-Schock.html. (Abgerufen am 10.09.2010)

3 Heute ist Bildung für die meisten Menschen das wichtigste „Kapital“. Für moderne postindustrielle Gesellschaften ist Bildung und das hiermit vermittelte Wissen dermaßen bedeutend, daß diese als „Wissensgesellschaften bezeichnet werden. (Vgl. Hradil, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S. 129)

4 Vgl.: Suderland, Maja: Territorien des Selbst. Frankfurt am Main 2004, S. 19 -20.

5 Vgl. Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2, Göttingen 1983.

6 Hradil, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S. 129.

7 Löw, Martina: Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung, Opladen 2006, S. 25.

8 Schäfers, Bernhard; Lehmann, Bianca: „Ungleichheit, soziale“ (S. 329 - 330), in: Schäfers, Bernhard; Kopp, Johannes: Grundbegriffe der Soziologie, 9., grundlegend überarbeitete und aktualisierte Auflage, 2006, hier S. 329.

9 Vgl. Becker, Rolf: Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten, in: Becker, Rolf: Lehrbuch der Bildungssoziologie, Wiesbaden 2009, S. 85.

10 Vgl. http://www.politik-info.de/themen-/-hintergruende/gesellschaft/definitionsoziale-ungleichheit.html (Abgerufen am 12.09.2010)

11 Vgl. Pawlenok, Pjotr: „Kratkij slowar„ po soziologii“, Moskau 2001, S. 154.

12 Vgl. Deutsches Grundgesetzbuch, Artikel 3, Absatz 3. Abgerufen am 20.09.2010 online unter: http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640753000
ISBN (Buch)
9783640753192
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161176
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Bildung Ungleichheit Bildungsungleichheit Soziologie

Autor

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Titel: Ungleichheit im Bildungssystem Deutschlands