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Christian Dietrich Grabbes Zeitkritik in „Don Juan und Faust“

Hausarbeit 2010 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Historische Aspekte - Restauration und Biedermeier in Deutschland

3 Grabbes Gesellschaftskritik in Don Juan und Faust und die Mythen von Don Juan und Faust
3.1 Zeitkritik in den Nebenfiguren von Don Juan und Faust
3.1.1 Don Gusman, der Gouverneur
3.1.2 Signor Negro
3.1.3 Signor Rubio, der Polizeidirektor
3.2 Grabbes Zeitkritik in den Mythenfiguren Don Juan und Faust
3.2.1 Don Juan: Liberalismus gegen kleinbürgerlichen Moralismus
3.2.2 Faust - Entgrenzung als Weltflucht

4 Fazit: Die Zertrümmerung des Bürgertums-Mythos durch Don Juan und Faust

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Seminararbeit soll die von Christian Dietrich Grabbe in sein Werk Don Juan und Faust eingearbeitet Zeitkritik gegenüber dem biedermeierlichen Bürger- tum beleuchtet werden. Dabei erfolgt zunächst eine generelle Erörterung der histori- schen Gegebenheiten der Entstehungszeit des Stückes sowie der politischen Position des Autors. Anschließend soll Grabbes Kritik anhand einer Charakteristik der Nebenfi- guren in Don Juan und Faust, Don Gusman, Signor Negro und Signor Rubio sowie den beiden Protagonisten herausgearbeitet werden. Ein abschließendes Fazit zu den Ergeb- nissen bezüglich der Haltung der Protagonisten gegenüber ihrer Zeit folgt schließlich als letzter Punkt.

2 Historische Aspekte - Restauration und Biedermeier in Deutschland

Als Biedermeier wird die sich in der Zeitspanne zwischen dem 1815 stattfindenden Wiener Kongress und dem Beginn der Deutschen Revolution 1848 entwickelnde Kul- tur- und Kunstauffassung des deutschen Bürgertums bezeichnet. Bezeichnend für diese Epoche sind die Kultivierung des Privat- bzw. Familienlebens sowie des persönlichen Glückes und der Rückzug ins Private. Tugenden wie Bescheidenheit, Pflichtgefühl und Fleiß wurden zu den Charaktermaximen des Bürgers erhoben und von ihren Kritikern, den Literaten des so genannten Vormärz, zu denen auch Christian Dietrich Grabbe zähl- te, strikt abgelehnt. Sie sahen den typischen biedermeierlichen Bürger im Gegenteil als naiven, unpolitischen und von Ordnungssinn getriebenen Obrigkeitstreuen, der sich dem zu dieser Zeit restaurativen Staat nicht zu widersetzen traute (Pongs 1974: 147; 163). Der Staat selbst hatte mit seiner Einschränkung der politischen Öffentlichkeit, u.a. durch ein Verbot der Versammlungsfreiheit nicht nur den Rückzug der Bürger in das Private heraufbeschworen, sondern unterdrückte mit diversen Repressionsmaßnahme, darunter etwa der umfassenden Zensurprozess, die Umsetzung jedweder politisch- liberalen Forderungen nach einer gesamtdeutschen Einheit und einem konföderierten republikanischen Europa (Eke 2005: 32f).

3 Grabbes Gesellschaftskritik in Don Juan und Faust und die My- then von Don Juan und Faust

Christian Dietrich Grabbe, der sich wie bereits erwähnt in seiner Schriftstellertätigkeit dem kritischen Vertretern seiner Zeit zugehörig fühlte, wendet sich in seinem hier vor- liegenden Stück Don Juan und Faust deutlich gegen die vorherrschenden bürgerlichen Ideen und Ideale. Grabbe, selbst ein „unangepasster, ständig provozierender Bürger- schreck“ (Killy 1987: 354) verdeutlicht dabei seinen Hohn und Spott gegenüber dem biedermeierlich-realitätsblinden Idealismus (ebd.: 357) des Bürgertums sowohl durch die Konzeption der antibürgerlichen Protagonisten Don Juan und Faust als auch durch die bürgerlichen Nebenfiguren, die er als Stereotypen ihrer Zeit darstellt.

Zudem greift er mit Don Juan einerseits und Faust andererseits auf zwei in der Literatur bereits seit Jahrhunderten als Mythen bezeichnete Figuren zurück, wobei er sich bei ihrer Konstruktion vor allem an Johann Wolfgang von Goethes Faust I sowie das Don Giovanni- Libretto von da Ponte hielt und sich mit der Hoffnung trug, die beiden Schaf- fer seiner Hauptquellen durch die Zusammenführung beider Heldenfiguren zu übertref- fen (Löb 1996: 50).

3.1 Zeitkritik in den Nebenfiguren von Don Juan und Faust

Im Folgenden soll Grabbes Ablehnung gegenüber dem Bürgertum anhand der Figur des Gouverneurs sowie der von Signor Negro und Signor Rubio analysiert werden. Alle drei Figuren entstammen der Schicht des gehobenen Bürgertums und sind in die damalige bessere Gesellschaft eingeführt.

3.1.1 Don Gusman, der Gouverneur

Don Gusman, spanischer Gouverneur Roms, besitzt jenes nationale Sendungsbewusst- sein, das für die Zeit des Vormärz kennzeichnend ist. Er ist ein Patriot durch und durch, was sich unter anderem in Aussagen wie „Wohin ich trete, ist span´scher Grund/ und wo ich atme, da weht span´sche Luft“ (Grabbe 1963: 9) spiegelt. Seinen Aufgabenbe- reich im Apparat der Staatsorganisation hält er für extrem wichtig, er bezeichnet sich selbst als „Gesandter“ Spaniens und pocht darauf, daher „eigene Gerichtsbarkeit“ ausü- ben zu können und sich nicht fremden Gesetzen unterordnen zu müssen.

Don Gusman ist nicht wie ein freies Individuum in der Lage, eigene Ideen und Lebens- anschauungen zu entwickeln, sondern verkümmert zu einem Repräsentanten seines Heimatlandes (Müller-Kampel 1993: 105), wobei er in dieser Rolle total austauschbar wird. Wie die Bürger, die sich im Biedermeier mit dem Staat assimiliert hatten, ist er stolzer Teil einer Staatsorganisation und hat sich als Grundwerte seiner Existenz Ruhm, Ehre und Loyalität dieser gegenüber auf die Fahne geschrieben (Müller-Kampel 1993: 126). Zudem lässt sein bereits erwähntes, übermäßiges nationales Sendungsbewusstsein den Gouverneur reichlich seltsam, fast schon grotesk, wirken. Im gleichen Maße unpas- send, überzogen und generell lächerlich erscheint auch die Moralpredigt, die Don Gus- man Don Juan hält, bevor er nach ihrem Duell stirbt (Grabbe 1963: 62). An dieser Stelle wird Grabbes Kritik an dem Festhalten an einer sinnentleerten Moral deutlich.

Don Gusman achtet außerdem sehr darauf, seine Ehre unbefleckt zu halten und diese auch bei jeder Gelegenheit herauszustellen (Grabbe 1963: 9), wobei Grabbe zu einer Karikatur der überzogenen Wertschätzung dieses ungreifbaren Ideals ansetzt.

Insgesamt betrachtet übt Grabbe durch die Figur des Gouverneurs Kritik am unüberlegten Handeln der Bürger ohne eigenes Nachdenken im Sinne eines Überwachungsstaates und verspottet ein dadurch möglicherweise entstehendes Mitläufertum.

3.1.2 Signor Negro

Signor Negro (der schwarze Herr) ist das Gegenbild zu Gouverneur Gusman. Er, der Italiener, verabscheut alles Spanische in höchstem Maße (Grabbe 1963: 47) und äußert dies auch mehrfach in der Öffentlichkeit (Gnüg 1993: 105), wobei er sich besonders an dem Ehrgefühl der Spanier zu stören scheint, das er ausdauernd verspottet. Seine über- aus antispanische Einstellung lässt eine nicht gerade positive gesamteuropäische Ein- stellung erkennen, wie sie für die Kurzsichtigkeit der Restaurationszeit, als jedes Land bemüht war, seine Macht in Europa so weit wie möglich zu festigen, nachvollziehbar war.

Signor Negro erscheint politisch resigniert. Dabei kommt er dem Bild des stereotypen Biedermeierbürgers nahe, der sich, hauptsächlich um sein persönliches Wohl besorgt, in sein eigenes Leben zurückzieht und in Konfliktsituationen lieber die Rolle des unbetei- ligten Beobachters einnimmt. Gleichzeitig scheint Signor Negro auch einer jener Bürger zu sein, die sich einen starken Gesellschaftshüter wünschen, der eine Grundordnung schafft und für deren Einhaltung sorgt. Entsprechend beklagt Negro etwa die Selbstjustiz des Gouverneurs in Form des Duells mit Don Juan und auch seine eigene Ohnmacht, möchte jedoch aber auf keinen Fall selbst einschreiten:

Signor Negro: Das sind nun echte spanische Manieren! Statt durch die Hülfe der Gerechtigkeit den Mörder strafen, oder mit dem Dolch den Mörder sicher treffen wollen, - Totschlag um Tot- schlag! - Könnt ich nur den Rubio erwecken! - Eine blutge Hochzeit!“ (Grabbe 1963: 58)

Don Juan hingegen bezeichnet Negro, nachdem dieser den Polizeidirektor dazu bringen wollte, ihn wegen des Duells zu verhaften, als feigen Mitläufer und „Angeber“, der seine Mitmenschen bespitzelt und denunziert, anstatt bestehende Konflikte persönlich zu lösen (Grabbe 1963: 92).

3.1.3 Signor Rubio, der Polizeidirektor

Signor Rubio, seines Zeichens Polizeidirektor von Rom, verkörpert die Doppelmoral staatlicher Institutionen. Während er eigentlich über die Einhaltung der Gesetze und über die Rechte der Bürger wachen sollte, betrinkt er sich bei Donna Annas Hochzeit derart maßlos, dass er schließlich aus dem Saal direkt ins Bett getragen werden muss (Grabbe 1963: 47f), wodurch er den Raub der Donna Anna durch Faust sowie die Mor- de an dem Gouverneur und Don Octavio nicht verhindern kann. Dabei gibt er zu allem Überfluss in volltrunkenem Zustand noch zum Besten, dass Ordnung nur dann eine sinnvolle Sache sei, wenn sie von sich selbst aus halten würde, ohne dass sich weiter jemand darum kümmern müsse (Grabbe 1963: 47). Dass er mit seiner Aussage jedoch zugibt, dass sein Posten eigentlich überflüssig und die Staatsexekutive damit im Grunde handlungsunfähig ist, parodiert wiederum den restaurativen Staatsapparat. Dabei betä- tigt sich Signor Rubio noch rhetorisch, in dem er den Tatbestand der Trunkenheit auf eine vom Autor als Situationskomik angelegte Art und Weise folgendermaßen abhan- delt:

Signor Rubio: […] Ihr kennt meine Polizei noch nicht. - Selbst in der Betrunkenheit bleibt sie möglichst nüchtern - Seht, auf einem Bein kann ich nicht mehr stehen. (Grabbe 1963: 47)

Signor Rubio: […] Jeder Fuß ist betrunken, und steh ich auf zwei Füßen, so fiele ich auch zwei mal um. […]. (Grabbe 1963: 47)

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Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640743872
ISBN (Buch)
9783640743964
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161138
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Grabbe Don Juan Faust NDL Biedermeier Revolution

Autor

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