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Zum politikwissenschaftlichen Begriff des Populismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 27 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist Populismus?

3. Populismus und Extremismus: Ein Protest, eine Sprache?

4. Populismus und der charismatische Führer: Eine faschistische Nachbarschaft? Exkurs Italien

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

“His entertainments were, for the most part, plain and citizen-like, the company general and popular; good taste and kindness made the pleasanter than sumptuosity would have done. As for the learning he chiefly cared for rhetoric, and would be serviceable with large numbers; he became one of the bst speakers at Rome, and by his pains and industry outdid the best natural orators.”[1]

Diese Beschreibung des griechischen Chronisten Plutarch (um 46 – nach 120 n.Chr.) für den römischen Triumvir Macus Licinius Crassus (um 115 – 53 v.Chr.) könnte zweifelsohne der Gegenwart entstammen. Ähnlich seinem italienischen Pendant Silvio Berlusconi, vermochte Crassus emotional auf die breite Masse der Bevölkerung einzuwirken. Die Funk and Wagnalls Encyclopedia charakterisiert Crassus’ Biographie als eine Anhäufung von permanenten Intrigen. Seinen Reichtum gewann er aufgrund von Spekulationen und Preiswucher im Baugewerbe, was ihn später (60 v.Chr.) - unter anderem durch den damals üblichen Ämterkauf - bis an die Spitze des römischen Staates im Verbund mit Ceasar und Pompeijus (Erstes Triumvirat) brachte. Würde Plutarch heute erneut seine Komparasionen verfassen, er würde kaum einen Vergleich zwischen Crassus und Berlusconi anstellen; zu gering sind die äußeren Unterschiede, zu groß die auffälligen Übereinstimmungen beider Viten auch im Abstand von mehr als zweitausend Jahren.

War demzufolge Marcus Licinius Crassus einer der ersten Populisten? Nach heutiger Definition dieses umstrittenen Begriffs keineswegs. Doch es führt zu den Anfängen des mit sehr unterschiedlichen Konzeptionen behafteten Terminus, der sich schwer in einen überschaubaren Rahmen fassen lässt. Zu sehr fließen andere Begriffe wie Faschismus, Syndikalismus oder die gegenwärtige Telekratie mit ein. Gibt es den Begriff Populismus überhaupt? Oder sollte man vorsichtig eher nur von populistischen Bewegungen oder Handlungen sprechen – Substantiv oder Adjektiv? Gilt ein Ministerpräsident, der noch Monate zuvor einem Gesetz zugestimmt hatte, später im Zeichen des Wahlkampfes aber deutlich gegen eben jenes agitiert hat, als populistisch oder handelt er nur opportunistisch? Gibt es ein Populismus der Mitte oder ist er ein ausschließliches Abonnement der extremen Rechten oder Linken?

Diese Arbeit wird sich mit den oben gestellten Fragen beschäftigen, wobei neben dem im Mittelpunkt kreisenden Begriff des Populismus auch immer wieder die ominöse Figur des aktuellen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mit durchschimmern wird. Anhand seines Auftretens und Handelns, speziell vor vor seiner ersten Amtszeit von 1994, lassen sich eindeutig populistische Züge ablesen. Insbesondere der Aufbau und die Struktur seiner Partei, der Forza Italia, erinnern an die Anfänge des italienischen Faschismus. So genannte Clubs, die überall in Italien entstanden, glichen am ehesten modernen Franchise-Unternehmen denn professionell gegliederten Parteien.[2] Insofern wird auch von der kritischen Parteiensoziologie eines Robert Michels zu sprechen sein, um eine etwaige Definition des Begriffs Populismus auch auf seine Standfestigkeit im Bezug auf Syndikalismus hin abzuklopfen. Zum anderen eignet sich dessen Person hervorragend, um zu zeigen, dass das politische Überleben der populistischen Bewegungen fatalistisch an den charismatischen Führer gebunden ist. Geriet also schon das argentinische Regime unter Peron in den Verdacht, quasi-faschistische Strukturen entwickelt zu haben, so ist es doch angebracht, auch Europa nach solchen abzusuchen.[3] Deshalb wird sich der zweite Teil der Arbeit mit dem charismatischen Führer innerhalb der populistischen Bewegungen beschäftigen.

Anbei noch ein paar kurze Bemerkungen zu der zugrunde liegenden Literatur: Grundlegend, und dies wird sich im folgenden ersten Kapitel zeigen, ist zwischen amerikanischer und europäischer Literatur zu unterscheiden. Aus dem einfachen Grund, da beide Kontinente von unterschiedlichen Konzeptionen des Populismus ausgehen. Zum anderen muss betont werden, dass neben der Basisliteratur, zu welcher ohne jeden Zweifel Helmut Dubiels herausgegebenes Buch „Populismus und Aufklärung“ zählt, aber den entscheidenden Nachteil besitzt, doch etwas in die Jahre gekommen zu sein, sich der Großteil der Autoren scheinbar scheut, konkrete Definitionen zu liefern.[4] Nichtsdestotrotz, es bleibt ein Standardwerk (neben der 2003 erschienen Aufsatzsammlung „Populismus“ von Nikolaus Werz[5]) auf einem weiten, aber spärlich besäten Feld. Umso erfreulicher fällt da die äußerst fruchtbare Dissertation von Susanne Falkenberg auf, in welcher der Versuch unternommen wurde, Begriffsklarheit herzustellen bzw. doch wenigstens einen gewissen Grad an Trennschärfe der unterschiedlichen Termini zu vermitteln.[6] Dies ist zugleich ein Fakt, der an vielen anderen Arbeiten (zumeist Länderstudien oder einschlägig bekannte Arbeiten zu verwandten Themen) als ein Makel (oder auch nicht) anhaftet: Namhafte Autoren wie z.B. Walter Laqueur in seinem Buch „Faschismus. Gestern – Heute – Morgen“ winden sich fast um den Begriff Populismus bzw. vermengen ihn teilweise mit rechtsextremen Gedankengut, ohne aber vorher für eine gewissen Klarheit zu sorgen, was Extremismus von Populismus trennt und was nicht.[7] Oder durchschauen sie einfach nur die Camouflage von Leuten wie Berlusconi oder Haider, dass moderner Populismus in Europa nur ein gekonntes politisches Marketingkonzept der Extremen ist? Diese und die oben angeführten Fragen gilt es in der vorliegenden Arbeit zu diskutieren.

2. Was ist Populismus?

„There is much confusion over the term populism.“[8] So lauten bereits die einleitenden Wort des Autorenpaars Berlet und Lyons und verdeutlichen damit die komplette Komplexität bezüglich eines beabsichtigten Definitionsansatzes. Es ist insofern nicht ganz einfach, sämtliche populistische Strömungen seit ihrer Entstehung gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Nordamerika und Russland bis hin zur gegenwärtigen Situation in Europa auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die US-amerikanische Populist Party bezog zwar eindeutig Stellung gegen die vorherrschende soziale Ordnung, wollte aber im Gegensatz zu dem russischen Narodnaja Wolja keine grundsätzliche Abkehr von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Hingegen wandte sich der argentinische Peronismus mehr als deutlich gegen ein allzu liberales System und bestach vor allem durch seinen permanenten Anti-Amerikanismus, was ihn meist in den Verdacht brachte, eher faschistisch strukturiert zu sein.

Populistische Bewegungen sind weder rechts noch links fest einzuordnen, da sie sich primär gegen das Establishment richten und somit anti-institutionell und anti-elitär ausgerichtet sind. Bestimmte Wählergruppen werden von ihnen nicht angesprochen, vielmehr richten sie sich mit großem moralischen Engagement direkt an das gesamte Volk, wobei sich deren Führungsfiguren betont anti-intellektuell geben. Insoweit verwundert es nicht die Verwandtschaft zum lateinischen Wort popularitas, was in erster Linie Volksfreundlichkeit bedeuten kann, aber auch, und dies dürfte die elegantere Übersetzung sein: Streben nach der Gunst des gemeinen Volkes.

In der spätrömischen Republik bildeten sich die Gruppierungen der Optimaten und Popularen (Volksmänner) heraus. Die Popularen, wie ihre Gegner(!) sie bezeichneten, gingen in ihrer politischen Methode rigoroser vor, da sie gegen die stärker konservative Richtung der „Besten“ (Optimaten) entschlossen waren, bestimmte als notwendig erachtete politische Reformen und Maßnahmen (z.B. Bauernansiedlungen, Veteranenversorgung) durchzusetzen. Allerdings wollte keiner der popularen Führer (z.B. Marius) die politische oder sozioökonomische römische Grundordnung verändern. Es wurden populäre Entscheidungen getroffen, die nur dazu dienten, die eigene Macht zu stärken resp. um den Interessen einer bestimmten Lobby im Hintergrund zu entsprechen. Ähnlich verhielt es sich mit der Populist Party in den USA Ausgangs des 19. Jahrhunderts. Gegründet wurde die Partei zum Schutz der Farmer, die kontinuierlich in die Abhängigkeit des Großkapitalismus und der Eisenbahngesellschaften geraten waren. Sie zählte im politischen Spektrum zu den Third Parties, beschränkte sich allerdings allzu sehr auf ihre agrarischen Interessen, um die Landwirtschaft zu stärken und verhinderte damit eine politische Allianz mit den Industriearbeitern aus den Großstädten Nordamerikas. Dennoch stellten die Populisten mehrere Kongressabgeordnete, ehe die Partei inhaltlich von den Demokraten geschluckt wurde.[9]

Um die Populist Party und den russischen Volkswillen stärker als landwirtschaftlichen Populismus darzustellen, trennt Margret Canovan diese populistischen Bewegungen von dem eigentlichen politischen Populismus ab. Zu diesem zählt sie die populistische Diktatur Perons in Argentinien 1945-1955, das Auftreten Ross Perots in den Wahlkämpfen von 1990 oder das ganz simple Verlangen nach politischer Partizipation in Form von Referenden.[10] Allerdings fügt sie hinzu, dass bei allen Überlappungen und Vermischungen der einzelnen Populismen sich eine Definition auf zwei elementare Dinge beschränkt: Populistische Bewegungen sind anti-elitär ausgerichtet und appellieren an das Volk, um die Massen zu mobilisieren.

Weitaus plastischer wirkt da die Definition von Michael Kazin in seinem Buch „Populist Persuasion“, der den Populismus als spezielle Form des Organisierens begreift.[11] Bewegungen dieser Art können sowohl rechter als auch linker Natur sein oder aber der politischen Mitte entspringen. Sie basieren entweder auf dezentralisierten Parteien oder auf einem charismatischen Füher.[12] Die Rolle des Volkes wird dabei auf die populistische Bewegung zugeschnitten, d.h., wer sich innerhalb des abgesteckten Rahmens befindet oder nicht, entscheidet die Bewegung selbst. Dementsprechend werden Feindbilder entworfen, die es zu dämonisieren gilt. Nach dieser Definition wird also sehr wohl ein bestimmtes Klientel von den populistischen Bewegungen angesprochen. So gewann die rechtsliberale (oder rechtspopulistische) Partei Berlusconis, Forza Italia, die erst wenige Monate zuvor gegründet worden war, die höchsten Stimmanteile im industrialisierten Norden Italiens, während in der Mitte die sozialistische Nachfolgepartei Partito Democratico di Sinistra (PDS) traditionell die Mehrheit erreichte und der Süden unter der neofaschistischen Alleanza Nazionale, der PDS und der Forza Italia aufgeteilt wurde.[13] Entscheidende Faktoren hierfür waren zum einen die ideologische Ansprache Berlusconis, seine verheimlichten Interessen im Sinne eines gesamtitalienischen Konsens sowie das Schüren von unterdrückten Ängsten. Man kann also Populismus durchaus in ideologischer Nachbarschaft zum Extremismus sehen.

[...]


[1] Vgl. Plutarch: Crassus, Übersetzung von Dryden, John, in: http://classics.mit.deu/Plutarch/crassus.hml.

[2] Vgl. Krempl, Stefan: Das Phänomen Berlusconi, S.130.

[3] Hans Fenske begreift den Peronismus dennoch unter einen weitläufigen Faschismusbegriff: „Andererseits war das Herrschaftssystem gewiss nicht nur populistisch, und unzweifelhaft hatte die peronistische Bewegung sowohl nach ihrer programmatischen Grundlage wie nach ihrer der Art ihres Auftretens deutlich faschistische Züge.“ Vgl. Fenske, Hans: Politisches Denken im 20. Jahrhundert, in: Lieber, Hans J. (Hrsg.): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, S.823.

[4] Dubiel, Helmut: Populismus und Aufklärung, Frankfurt/M. 1986.

[5] Werz, Nikolaus (Hrsg.): Populismus. Populisten in Übersee und Europa, Opladen 2003.

[6] Falkenberg, Susanne: Populismus und populistischer Moment in Frankreich, Italien und Österreich, Duisburg 1997.

[7] Laqueur, Walter: Faschismus. Gestern – Heute – Morgen, Berlin 1997.

[8] Vgl. Berlet, Chip/Lyons, Matthew N.: Right-Wing Populism in America, S.4.

[9] Vgl. Filzmaier, Peter/ Plasser, Fritz: Die amerikanische Demokratie, S.178.

[10] Vgl. Canovan, Margret: Populism, S.128-138.

[11] Kazin, Michael: Populist persuasion. An american history, New York 1995.

[12] In der Tat sind die Schicksale rechtspopulistischer Bewegungen in Westeuropa eng an das äußere Erscheinungsbild ihrer leittragenden Akteure wie Haider oder Berlusconi geknüpft. Vgl. Braun, Michael: Populismus an der Macht. Das Phänomen Berlusconi, in: Internationale Politik und Gesellschaft, 3 (2003), S.110-133.

[13] Vgl. Hausmann, Friederike: Kleine Geschichte Italiens von 1945 bis Berlusconi, S.169.

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640743391
ISBN (Buch)
9783640743742
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161106
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Philosophische Fakultät/Politikwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Populismus Extremismus Rechtsextremismus Berlusconi Italien Faschismus

Autor

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