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Vom Erdbeben zum politischen Beben

Die Post-Erdbebenbewegung in Mexiko-Stadt und ihr Einfluss auf den Demokratieprozess

Hausarbeit 2009 32 Seiten

Amerikanistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Einführung und Fragestellung
a. Urbanität- Stadt aus einer theoretischen Perspektive
b. Urbane soziale Bewegungen in Lateinamerika und ihre Erfolgschancen
i. Koalitionsbildungen und Political oportunity structures als theoretische Erklärung
ii. Urbane soziale Bewegung nach Castells im lateinamerikanischen Kontext

3. Mexiko und Urbanität
a. Kurze Geschichte von Mexiko- Stadt
b. Urbane soziale Bewegungen in Mexiko
i. Erste Organisationsversuche- vor dem Erdbeben 1985
ii. Der soziale Kampf um Wiederaufbau und Verteidigung von Grundsücken- Nach dem Erdbeben

4. Durch ein Erdbeben zum Erfolg- Analyse der urbanen sozialen Bewegung von Mexiko- Stadt
a. Einleitung und erste Überlegungen nach Castells
b. Kollektive Güter und Solidarität
c. Organisation als Faktor
d. Kultureller Einfluss auf den Erfolg
e. Mexiko zwischen Integration und geschlossenem politischen System
f. Zusammenfassender Überblick

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Naturereignisse bzw. -katastrophen sind in der Lage gesellschaftliche Veränderungen freizusetzen, soziale Ungleichheiten offenzulegen oder auch einfach nur für einen bestimmten Zeitraum die Sozialstruktur einer Region oder Stadt durcheinander zu wirbeln, wie beim San- Francisco- Erdbeben 1906, wo die soziale Hierarchie neu definiert wurde und z.B. Immigranten einen neuen Status bekamen, bis hin zur Zerstörung von New Orleans im Jahr 2005 durch einen Hurrikan, wo die sozialen Ungleichheiten sichtbar wurden. Probleme traten meist offen zu Tage, da sich die staatlichen Institutionen und Autoritäten langsam kümmerten bzw. nur eine soziale Gruppe und deren Interessen in den Vordergrund ihrer Hilfstätigkeit rückten. Die Mehrzahl der auftretenden sozialen Probleme blieb lokal oder wurde zumindest auf dieser Ebene gelöst, während es in Mexiko möglich war, dass Erdbebenbetroffene, zusammengeschlossen mit anderen Organisationen und Gruppen, mittelfristig das Monopol der Herrschenden zu brechen. In Mexiko führte in den 1980er Jahren ein Erdbeben, das Teile der Hauptstadt zerstörte zu einem politischen Erdbeben, welches die Alleinherrschaft der bis dahin regierenden Partido Revolucionario Institucional PRI- Partei der Institutionellen Revolution) und ihrer dictadura suave zur Folge hatte. Aus, teilweise bereits vorher bestehenden, Nachbarschaftsorganisationen, unorganisierten Betroffenen des Erdbebens, kleinen linken Parteien, religiösen Organisationen und weiteren Gruppen wuchs rasch eine urbane soziale Bewegung heran, die bereits im Jahr 1988 einen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufstellte, der von der PRI nur durch Wahlbetrug verhindert werden konnte. In der vorliegenden Arbeit soll der Erfolg bzw. die Dynamik die zum Erfolg der urbanen sozialen Bewegung geführt haben untersucht werden. Erfolg soll bedeuten, die Ablösung der PRI als allein regierende Partei und politischer Bezugspunkt. Diese Arbeit befasst sich mit urbanen Bewegungen, weshalb zuvorderst eine kurze theoretische Einführung zu Urbanität geleistet werden. Dem bewegungstheoretischen Teil der Arbeit wird Mexiko- Stadt in den historischen Kontext gestellt und anschließend soll der Koalitionsbildungsansatz herangezogen werden um die Bewegung und ihr Zusammenkommen zu fassen und zu strukturieren bzw. es einzuordnen. Um Erfolg nachzuvollziehen und theoretisch begreifbar zu machen ist der Ansatz der Political oportunity structures hilfreich. Außerdem soll über die Abhandlungen Castells zu urbanen sozialen Bewegungen das explizit urbane Kriterium in der Bewegung der Erdbebenbeschädigten bestimmt werden. Mit diesem Instrumentarium soll der Erfolg bzw. Einfluss der Posterdbebenbewegung und seiner Vorgänger bestimmt werden.

2. Theoretische Einführung und Fragestellung

a. Urbanität- Stadt aus einer theoretischen Perspektive

Laut Prigge ist „Urbanität der Begriff für die sozialen Beziehungen der Bewohner eines Raumes auf diesen- die Stadt" (Prigge 1996: 10), Castells bezeichnet Stadt bzw. das Urbane als „Localización permamente, relativamente extensa y densa, de individuos heterogéneos“ (Castells 2008: 97). Dies ist natürlich zu allgemein für eine Arbeit die Urbanität zum Thema hat und fordert nach einer weiteren Ausführung. Städte und speziell Megastädte sind seit jeher Mittelpunkt des sozialen Lebens. Und das bereits seit tausenden von Jahren im antiken Griechenland oder Rom, aber auch im präkolumbischen Amerika, wie Tenochtitl á n oder Machu Picchu. Auch scheint es seit einigen Jahren eine neue breite Diskussion bzw. einen Diskurs über Städte und Megastädte, zum einen in der Wissenschaft zum anderen aber auch in TV- Programmen (s. National Geographics Serie Megacities), Kultur oder Literatur1, zu geben. Möchte man Urbanität, das Urbane oder eben das gesellschaftliche Phänomen Stadt erklären bzw. theoretisch begreifen, so muss man sich durch ein Konvolut an Theorien, Ansätzen und Vorstellungen arbeiten. Überlegungen zur Stadt und deren neuzeitliche wissenschaftliche Aufbereitungen sind schon bei Max Weber und Georg Simmel (1858- 1918) zu finden. Bereits Max Weber arbeitete kurz vor seinem Tod an einem Text mit dem zutreffenden Namen "Die Stadt", konnte es jedoch nicht vollenden. Dieser Text lässt jedoch v.a. Rückschlüsse auf die Entwicklung europäischer Städte zu. Während Weber eher den historischen Entwicklungsprozess europäischer Städte von der Antike bis zum Beginn der Industrialisierung als Untersuchungsgegenstand hat, nähert sich Simmel eher auf einer Mikroebene und betrachtet das soziale Leben innerhalb der neuentstehenden Großstädte und die Reaktion bzw. Verarbeitung der Bewohner auf die neuen Reizfluten. Ebenso wie Weber geht Simmel v.a. auf europäische Städte (er lebte in Berlin) ein. Walter Benjamin entwickelte abseits oder innerhalb der Soziologie eine unkonventionelle Art und Weise sich Städten zu nähern. Benjamin besuchte Städte wie Moskau, Paris, Berlin und andere und begriff bzw. analysierte sie mit der Methode des Flanierens.

Will man neu entstandene Metropolen v.a. der amerikanischen Hemisphäre oder wie Sassen folgerichtig sagt „Global Cities“ begreifen, dann müssen neuer Theorien bzw. Theorieansätze herangeführt werden. Zudem darf der Fokus, Mexiko- Stadt, nicht unberücksichtigt bleiben. Bei Ledrut findet man einen interessanten Ansatz zum Begreifen von Stadt als Symbol/ „image“: "The City is a symbol, and there is a symbolization of the city, but it is in the image itself, apprehended through and by the discourse, that what the city represents for man is relvealed and expressed, and that the city and its aspects are manifested in various figures" (Ledrut 1986: 223).

Das Image einer Stadt ist eher ein Mythos und bezeichnet zudem eine globale Beziehung des Menschen (des Bewohners) zur Stadt, somit ist es selbst der Sinn und Diskurs von Stadt. Das Image ist auch von Klassenmitgliedschaft abhängig und kann durch diese auch die Rezeption von Kulturprodukten verändern.2 Logischerweise weiter denkend heißt dies auch, dass: „thus the specificity of the various images and of their relations with the various social groups: are the images of the planners and of the group that holds the power of major decisions (financial and political) the same as those of groups without power-i.e., the "public," and in particular, the dominated classes?" (ebd.: 224). Was bedeutet, dass Stadtplaner ihre Ideologie bzw. Kultur von Urbanität dem jeweiligen Gebäude oder der Konstruktion aufdrücken. Ein an kapitalistische Produktionsweise orientiertes System formt zu dem zwangsläufig die urbanen Strukturen bzw. die Organisation von Raum. Gerade in Ländern wie Mexiko, in denen es kaum soziale Sicherung und institutionalisierte, transparente Interessenvertretung gibt, passt sich Raum ohne Grenzsetzung seitens der Gesetzgebung kapitalistischen Interessen untergeordnet an. Gordon Childe drückt dies etwas genereller aus mit: "the city historically [...] as the resultant and symbol of a "revolution" that iniitated a new economic stage in the evolution of society" (Childe 1977: 13). Die von Castells beschriebene urbane Kultur führt zu einer Abwertung der primären sozialen Beziehungen (direkte persönliche Kontakte) und zu einer Vorrangstellung der Sekundären (über spezifische Partnerschaften/ Assoziation), einer Segmentierung der Rollen und einer Multiplizierung von Zugehörigkeit (Castells 2008: 95) und führt die Dichotomie traditionell/ modern und ländlich3 / urban ein, wobei das Urbane als soziale Desorganisation, Individualisierung und Säkularisierung wahrgenommen wird.

Zur urbanen Entwicklung, welche quasi parallel zur Industrialisierung aufkam, kommt auch die Entstehung von Massenkonsum und dem Wunsch nach der Befriedigung neu- entstandener Bedürfnisse, wie Elektrogeräte, Autos, Eigenheim, etc., nachzukommen. Auch diese Wünsche/ Begehren können an Städte bzw. Länder gekoppelt sein („American dream“, New York als Stadt der Hoffnungen von Migranten). Die Rezeption und das „Image“ von Stadt ist, neben Marketingkampagnen von Stadtverwaltungen oder der weiter oben erwähnten Form, auch und v.a. von der persönlichen Assoziation abhängig, wozu auch, ganz banal, Bilder und Filme, als Hilfsmittel für eine persönliche Verbindung zu einer Stadt, dienen können. Miles stellt dazu fest: „An image of a city, such as a postcard view or family snapshot, encapsulates a relation to the city; this is in part determined by the personal associations the image may conjure, and in part by the viewpoint from which the city is seen“ (Miles 1997: 20). Mexiko und speziell Mexiko- Stadt hat in den letzten hundert Jahren eine rasante Bevölkerungsentwicklung hinter sich. Der Grad der Urbanisierung von Mexiko, welche spätestens in den 1930er begann, weist eine der höchsten Raten weltweit auf. So hatte Mexiko- Stadt 1950 bereits 2,9 Millionen Einwohner und war damit bereits unerreichbar als größte Stadt des Landes (Guadalajara hatte zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 401.000 und Monterrey 354.000 Einwohner). Und 1960 machten diese drei Städte zusammen 48,5 % der gesamten urbanen Bevölkerung des Landes aus (Garza 2005: 47ff). Die Bevölkerung wuchs schließlich, durch Migration, auf über 18 Millionen im Jahr 2000 (ebd.: 154), wobei es sich dabei sicherlich nicht um die exakte Angabe handelt, da es unmöglich ist, alle Bewohner des Distrito Federal zu zählen. Zu dem kann man, wenn man die steten Wachstumsraten betrachtet, davon ausgehen, dass heute um die 24-25 Millionen Menschen in der Zona Metropolitana der Hauptstadt leben.

b. Urbane soziale Bewegungen in Lateinamerika und ihre Erfolgschancen

Im zweiten Teil des Kapitels sollen soziale Bewegungen und speziell urbane soziale Bewegungen theoretisch gefasst und Kategorien für die weitergehende Untersuchung angeführt werden. Dabei werden kurze Vorüberlegungen getroffen, um anschließend von allgemeinen Ansätzen zu speziell auf urbane und lateinamerikanische Gegebenheiten zugeschnittene Ansätze überzugehen. Dabei sind Bewegungen an sich nicht statisch zu betrachten, sondern eher als Bewegungen in Bewegung, die sich aus einer Vielzahl von Prozessen, Personen und Handlungen zusammensetzen und dessen Parameter sich stets ändern bzw. nie statisch bleiben oder sind.

i. Koalitionsbildungen und Political oportunity structures als theoretische Erklärung

Bevor spezielle Kriterien für urbane soziale Bewegungen über Castells zugeordnet werden, sollen Koalitionsbildung und der Political oportunity structures hinzugenommen und kurz beleuchtet werden. Hierbei handelt es sich um einen Ansatz der über das Untersuchen von Koalitionsbildungsprozesse bei sozialen Bewegungen ihre Durchschlagskraft bzw. Wirkung herausarbeiten soll. Ausgehend von der Überlegung, wie sich eine kritische Masse bildet, werden Faktoren für die Untersuchung herausgearbeitet, die wichtig sind um den Erfolg einer Bewegung zu ermitteln. Eine kritische Masse ist, wenn man quantitativ und qualitativ von einer sozialen Bewegung mit Erfolgsaussicht bzw.

gesellschaftlicher Relevanz sprechen kann. Dafür benötigt es ein Maß an Selbstbindung der Mitglieder an die kollektiven Ziele, wobei bereits hier gilt: je kleiner der Kreis der Partizipanten desto stärker die Bindung/ das commitment. Koalitionen sind zu unterscheiden zwischen Mitgliederzahl, Dauerhaftigkeit und der Verbindlichkeit von Vereinbarungen. Daraus resultiert eine Aufspaltung von Merkmalen in (a) Akteure, (b) Organisationsgrad und (c) soziokulturelle Gemeinsamkeiten (Kern 2008: 114).

(a) Akteure

Unter der Berücksichtigung der Bildung einer kritischen Masse ist die Verfügung über Ressourcen ein wichtiger Faktor der die Produktionsfunktion ausmacht. Die Verteilung von Interessen und Ressourcen und deren Verhältnis zu einander schlägt sich in der Heterogenität der Partizipanten nieder. Wobei bei homogenen Massen die Frage nach der Quantität entscheidend und bei einer heterogenen Masse die Frage wer partizipiert ausschlaggebend für den Erfolg ist. Für die kommunikative Vernetzung (Netzwerkstruktur) der Akteure ist erstens entscheidend, welche Stationen eine Nachricht von einer Ebene zur nächsten durchlaufen muss und in welchem hierarchischen Muster die Informationsmacht verteilt ist. Letztendlich ist, wie bereits angedeutet, die Gruppengröße von Entscheidung. Wie Untersuchungen ergeben haben, ist die kollektive Handlung bei zunehmender Gruppengröße nur dann unwahrscheinlicher, wenn auch die Kosten für ein kollektives Gut steigen sollten. Kern führt hier als Beispiel den Bau einer Brücke an, bei dem bei zunehmender Gruppengröße auch die Realisierungschance steigt, aber die Kosten sogar sinken könnten (vgl. ebd.: 117).

(b) Organisationsgrad

Erst durch Organisation entsteht Ressourcenbündelung und somit eine gesteigerte Effizienz der kollektiven Handlung. Wobei man zwei Möglichkeiten der Übertragung von Kontrolle bzw. Gründe zur Organisierung bei sozialen Bewegungen auszumachen sind. Zum einen kann die Kontrolle über die Handlungen einseitig ans Kollektiv durch die Beteiligten übertragen werden. D.h. sie agieren in Abhängigkeit voneinander und orientieren sich am Verhalten des jeweils anderen. So etwas geschieht v.a. bei größeren Kampagnen oder Protestwellen, bei denen oft individuell die Teilnahme entschieden wird. Zum anderen kann eine bindende Vereinbarung die Grundlage von Organisation und somit kollektivem Handeln bilden. Die Handlungsfähigkeit wird in diesem Fall größer je weniger die Kontrolle die Mitglieder über ihre Ressourcen haben.

[...]


1 Man beachte nur die Ausstellungen zum Thema „1968“, die im letzten Jahr in Mexiko- Stadt, aber auch in anderen Städten Mexikos organisiert wurden und die Novellen von Carlos Fuentes oder Carlos Monsiváis.

2 Siehe die Studie von Patricia Torres San Martín (2000) über die unterschiedliche Aufnahme des Filmes Amores Perros (Iñarritu 2000) in Bezug auf Klasse, aber auch auf die Stadt Guadalajara und ihre Bewohner.

3 Castells benutzt das Wort folk, jedoch ist die Übersetzung ländlich m.E. passend.

Details

Seiten
32
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640743346
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160978
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,9
Schlagworte
soziale Bewegung Lateinamerika Mexico City Mexiko Erdbebenbewegung terremoto de 1985 Demokratiebwegung Demokratieprozess urbane Bewegung

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