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Antisemitische Stereotype und Mythen

Der Weg vom religiösen Vorurteil des Mittelalters zum rassistischen Feindbild des Nationalsozialismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 27 Seiten

Gemeinschaftskunde / Sozialkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Juden – antisemitische Vorurteile und Feindbilder
2.1. Der Jude als
2.1.1. Brunnenvergifter
2.1.2. Hostienschänder
2.1.3. Ritualmörder

3. Vom christlichen Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus
3.1. „Der Stürmer“– traditionelle Feindbilder im „modernen Antisemitismus“
3.2. Das Feindbild des jüdischen Ritualmordes im „Stürmer“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Unglücklicherweise zeigt der Antisemitismus der Welt immer wieder sein hässliches Gesicht. Das ist absolut inakzeptabel.“[1] Unmissverständlich verurteilte Papst Benedikt bei seiner Ankunft in Israel den Antisemitismus, seine Folgen und betonte die Dringlichkeit, diese Judenfeindlichkeit im Keim zu ersticken und zu bekämpfen, wo immer diese auftrete. Doch was ist Antisemitismus? Warum verliert dieses Phänomen nicht an Aktualität? Schon der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno bezeichnete den Antisemitismus als Gerücht über die Juden. Für das Volk der Juden sind es Jahrhunderte überdauernde Erfahrungen von Feindseeligkeit und Hass der Mehrheit, artikuliert auf der ganzen Skala vom Vorbehalt über Ausgrenzung und Diffamierung bis zur Gewalt gegen Menschen, von der organisierten Verfolgung zum Pogrom und letztendlich zur Spitze der Steigerung, dem Völkermord unter nationalsozialistischer Ideologie und Herrschaft[2]. Wolfgang Benz unterscheidet dabei vier Erscheinungsformen: zum Ersten den christlichen Antijudaismus, also die religiös motivierte aber auch kulturell, sozial und ökonomisch determinierte Form des Ressentiments gegen Juden vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Diese Art der Judenfeindlichkeit spielt gegenwärtig in Deutschland eine untergeordnete Rolle. Die zweite Form der Judenfeindschaft ist der – scheinbar wissenschaftlich, nämlich anthropologisch und biologistisch argumentierende Rassenantisemitismus, der im 19. Jahrhundert entstand und im Holocaust mündete. Die dritte Form des Vorbehalts, ein sekundärer Antisemitismus nach dem Holocaust, ist aktuell und bildete sich im westlichen Nachkriegsdeutschland heraus. Diese neue Version speist sich aus Gefühlen wie Scham und Schuldabwehr: Nicht trotz, sondern wegen Geschehnissen wie Auschwitz werden Vorbehalte und Feindschaften gegen Juden mobilisiert, die sich an Entschädigungsleistungen und Wiedergutmachungszahlungen kristallisieren. Die vierte Form ist letztendlich ein den jüdischen Nationalismus und den Staat Israel kritisierender Antizionismus. Diese vier Grundphänomene bilden den Rahmen der Betrachtung von Judenfeindschaft.[3]

Diese Feindschaft gegen Juden gehört zu den ältesten und widerstandsfähigsten Erscheinungen gegen eine Minderheit, die mit stereotypen Bildern von Juden, mit Klischees und Mythen transportiert wird. Definiert werden die Juden über Stereotype und Feindbilder, um so als Instrument für Ausgrenzung und Selbstaufwertung zu dienen.

Diese Arbeit wird sich mit einigen Produkten antisemitischer Phantasie beschäftigen, deren Auftreten konkretisieren und ihre Überlieferung bis in den Nationalsozialismus verfolgen. Hierbei konzentriert sich die Arbeit allgemein auf die Entwicklung vom religiösen zum rassistischen Antisemitismus, die Verwendung mittelalterlicher antijüdischer Stereotype im Nationalsozialismus und im Besonderen auf die Benutzung dieser Stereotype und Feindbilder in Julius Streichers Wochenblatt „Der Stürmer“. Die dabei vorgestellten antisemitischen Bilder von Juden sind Stereotype aus einem völkischen und religiösen Umfeld. Besonders diese im Mittelalter geprägten und über die Jahrhunderte verfestigten Vorurteile und Mythen bildeten Typen eines Menschen – des Juden – heraus, geprägt von hässlichem Aussehen, einer geheimnisvollen Sprache und dem Vorwurf des Gottesmordes. Diese Bilder wandelten und modernisierten sich, ließen sich mit neuen Inhalten füllen verloren aber nie wirklich an Aussagekraft.

Die Verfasserin distanziert sich von Begrifflichkeiten wie „Rasse“, „Arier“, „Judensau“ etc., sieht sich jedoch gezwungen, diese zu verwenden, um der Auseinandersetzung mit dem Thema gerecht zu werden.

2. Die Juden – antisemitische Vorurteile und Feindbilder

Stereotype, die die kognitive Basis für Vorurteile bilden, sind vorgefasste Meinungen über soziale Gruppen, die meist auch negative Attribute beinhalten. Das Unbekannte an einem Menschen oder gar an einer ganzen Bevölkerungsgruppe ist geradezu prädestiniert dafür, Nährboden für Spekulationen und Interpretationen zu sein. „Man geht davon aus, dass das menschliche Bedürfnis, die Umwelt zu verstehen, vorauszubestimmen, zu ordnen und (potentiell) zu kontrollieren zur Festigung von Stereotypen (als soziale Ordnungsschemata) führt. Die Welt ist komplex, die kognitiven Fähigkeiten des Menschen sind begrenzt und so greift man gerne auf diverse Kategorisierungen zurück, die Menschen in Gruppen aufteilen.“[4] Diese „Bilder im Kopf“, zwangsläufig ungenau, stellen sich oft vor die wirkliche Erfahrung[5], verfremden diese und schreiben einer Gruppe von Ausgegrenzten letztendlich meist negative Eigenschaften zu. Der Begriff des Stereotyps wird häufig synonym mit Begriffen wie „Einstellung“, „Vorurteil“ oder „Feindbild“ benutzt, wobei „Feindbilder“ einem pathologischen Extrem eines Stereotyps näher kommen.[6] Darüber hinaus können sie sich, geprägt von negativen Vorurteilen, zu einer Furcht vor Fremden (Xenophobie) entwickeln und somit zum Drang nach Erhalt des Eigenen werden. Dieses Interesse, die eigene Macht zu erhalten und zu verteidigen fördert im Gegenzug die Benachteiligung und später auch die Verfolgung von Fremdengruppen.

Positive und negative Einstellungen gegenüber einem Individuum basieren meist auf dessen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Diese unabänderlichen Annahmen – Vorurteile – enthalten oft Spuren von Realität, mit anderen Worten, Vorurteile knüpfen an Erscheinungen oder Eindrücke, die der Realität entnommen und in einen anderen, hier feindlichen, Zusammenhang gebracht werden.

Gerade die religiöse und auch die soziale Andersartigkeit der Juden, die von der Antike bis hin zur Gegenwart reicht, bildete schon früh eine antijüdische Tradition bei den Menschen aus. Der jüdische Glauben und deren spätere vornehmlich zwingende Spezialisierung auf Handel und Geldleihe distanzierten und isolierten sie von ihrer Umgebung.

Die Feindschaft gegenüber Juden kann also als großes, historisch geschichtetes Ressentiment gesehen werden, dessen ältere Schichten des Vorurteils durch neuere überlagert wurden. Als erste Schicht ist hierbei wohl die religiös motivierte Ablehnung der Juden durch die Christen zu sehen, die seit dem ersten Jahrhundert nach Christus als Konkurrenten zum Judentum standen. Aus dieser Nachfolge- und Rivalitätssituation keimte das spätere zentrale religiöse Vorurteil des großen Anteils der Juden an der Leidensgeschichte Christi, das in den Vorwurf des Christusmordes gipfelte. So verbreitete sich die Judenfeindschaft durch die Christianisierung Europas und die damit einhergehenden innerkirchlichen Reformbewegungen über die Theologen hinaus bis zum Laien, sodass Vorurteile gegen Juden bald zu einem festen Bestandteil der gottesgläubigen Bevölkerung wurden. Mit diesem Bild des „Gottesmordes“ ist eine Weisung geschaffen worden, an der sich andere Vorstellungen orientierten.

Doch der Antisemitismus ist nicht nur bloße Xenophobie oder religiös und sozial begrenztes Vorurteil, sondern ein spezifisches weltanschauliches, widerstandsfähiges Phänomen, das in der Existenz der Juden die Ursache sozialer, politischer, religiöser und kultureller Probleme sieht. Darunter leidet das jüdische Volk bereits seit mehreren Jahrhunderten, denn viele der antijüdischen Vorurteile und Mythen wurden trotz Aufklärung, bürgerlicher und jüdischer Emanzipation und Alphabetisierung bis in die Gegenwart überliefert. Nach den früheren Vorwürfen der Ermordung Christi durch Juden, sahen sich diese bald schon mit weiteren Vorurteilen konfrontiert. Ausgegrenzt und diskriminiert wurden die Juden nun, weil sie der Brunnenvergiftung, der Hostienschändung oder des Ritualmords bezichtigt, oder in sprachlichen Bildmotiven karikiert wurden. Tiermetaphern zählen hierbei mit zu den am häufigsten verwendeten Sprachbildern. In diesem Zusammenhang war vor allem die “Judensau“ im 15. und 16. Jahrhundert eine weit verbreitete antijüdische Darstellung. „Stein- oder Holzskulpturen in Reliefform an Kirchen, Chorstühlen oder öffentlichen Gebäuden behandelten fast ausschließlich das Thema der ‚Judensau’ “.[7] Bei diesem Vergleich von Juden mit Schweinen wurden die durch charakteristische optische Merkmale gekennzeichneten Juden beim Saugen an den Zitzen einer Sau gezeigt, selten auch beim Umarmen und Küssen einer Sau. Dieses zunehmend drastischer verwendete Motiv wurde später auch in judenfeindliche Literatur übernommen, häufig mit Ritualmordszenen kombiniert (siehe dazu 1.1.3) und obszön gesteigert.[8] Hierbei zielt insbesondere das Schweinemotiv auf eine Demütigung ab, denn in den antijüdischen Darstellungen finden sich oft Anspielungen auf das jüdische Religionsgesetz, das den Verzehr von Schweinefleisch und das Berühren des Kadavers kategorisch verbietet.

2.1. Der Jude als

Brunnenvergifter, Hostienschänder oder Ritualmörder. Diese Produkte antisemitischer Phantasie entstammen einem völkischen und religiösen Hintergrund und waren immer wieder die drei am häufigsten formulierten Anschuldigungen gegen Juden, um Verfolgungen und Pogrome gegen diese Bevölkerungsgruppe zu rechtfertigen. Diese hier vorgestellten Stereotype sind Gegenbilder zum Modell des Guten, des Eigenen und als Konstruktion eines Bildes vom Anderen zu sehen.

2.1.1. Brunnenvergifter

Die Angst vor der Pest und dem rätselhaften Sterben der Menschen bildete den Nährboden für den, dem Judentum zur Last gelegten Vorwurf der Brunnenvergiftung. “Der Schwarze Tod“ konnte zweifelsohne nur das Werk von Verschwörern sein, die versuchten, die christliche Bevölkerung auszurotten.[9] Der allgemeinen Meinung nach konnten Seuchen weder auf eine göttliche Strafe noch auf natürliche Gründe zurückzuführen sein. Denn wie, wenn nicht durch heimtückische Giftanschläge, konnten sie sich ausgebreitet haben? Das Gift musste also durch Menschenhand verteilt worden sein und der Verdacht lag nahe, dass es kein Anderer gewesen sein konnte, als der “Feind der Christenheit“ höchstpersönlich – der Jude.[10] Durch die schon lange zuvor geschaffenen und zwischenzeitlich manifestierten Feindbilder der Juden, in denen den Juden nicht selten Heimtücke, Verschwörung und Teufelei zugesprochen wurde, gingen die Menschen zu jener Zeit davon aus, dass die Juden und deren Helfer kleine Säckchen oder Beutel gefüllt mit giftigem Pulver in Brunnen und Quellen gelegt haben mussten, um die christliche Bevölkerung so zu vergiften. Obwohl die Juden unter dem Schutz des Papstes Klemens VI standen und dieser Verfolgungen und Bestrafungen derer untersagte, wurde die Brunnenvergiftungslegende im Herbst 1348 durch erpresste Geständnisse in Savoyen scheinbar bestätigt.[11] Nach den ersten blutigen Judenverfolgungen in Südfrankreich gab es vielerorts vermehrt Verhaftungen von Juden, denen mittels Folter Geständnisse abgepresst und dann als Beweismaterial verbreitet wurden. Dies war nur ein weiterer Beweis für eine Verschwörung seitens der Juden und infolge dessen wurden immer weitere Verfahren zur Bestrafung angestrengt.[12] Der Verdacht der Brunnenvergiftung entfesselte trotz des Zweifels an der Schuld der Juden schwerste Verfolgungen und im Winter 1348 dehnten sich die Prozesse und Pogrome auf das deutschsprachige Gebiet aus. Nacheinander wurden die Juden in vielen deutschen Städten heimgesucht, verfolgt und getötet. Beinahe keine jüdische Gemeinde blieb dort in der Zeit der Pest verschont, so dass die Verfolgungswelle schon bald die Pestwelle überholte und daraufhin auch in Mitteleuropa die meisten Judengemeinden auslöschte.

Durch die allgemein verbreitete Annahme, dass die Brunnenvergiftung eine unmittelbare Angelegenheit aller Juden sei, wurden diese, die den Verfolgungen durch die Taufe entkommen waren, auch noch nach den eigentlichen Pogromen beschuldigt, weiterhin das Wasser in Brunnen oder Quellen zu vergiften und aus diesem Grund zum Tode verurteilt.[13] Sobald die Bevölkerung der Meinung war, die Brunnenvergiftungen wären das Zeichen einer weitreichenden Verschwörung gegen die Christen, wurden verschiedenste Motive in Erwägung gezogen. So war die Annahme, die Brunnenvergiftungen würden aus Geldgier, Rache oder Gehorsam gegenüber den jüdischen Gesetzen geschehen, weit verbreitet. Doch es waren nicht nur persönliche Eigenschaften die den Juden vorgeworfen wurden, sondern auch zunehmend kollektive Eigenschaften, die den Tatbestand einer weit verbreiteten Verschwörung erst ermöglichten.[14] Der eigentliche Grund für die Ausrottung der Christen lag für die Allgemeinheit jedoch in dem abgrundtiefen Hass, den die Juden den Christen angeblich entgegen brachten.

Die Brunnenvergiftungslegende verbreitete sich im Unterschied zum Hostienfrevel und zur Ritualmordlegende (vgl. 1.1.2) nicht durch die Predigt, sondern durch Gerüchte.[15] Es handelte sich hierbei folglich nicht um eine klerikal begründete Anschuldigung gegen das Judentum, sondern vielmehr um eine weltliche. Damit sich diese Gerüchte verbreiten und eine weit gefächerte Wirkung erzielen konnten,

[...]


[1] http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/23/0,3672,7586871,00.html (Stand: 14.06.09; 18:36 Uhr)

[2] Vgl. Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? München 2004, S. 9.

[3] Vgl. Ebd. S. 19 f.

[4] http://www.social-psychology.de/sp/konzepte/stereotyp (Stand: 16.06.09; 10:31 Uhr)

[5] Vgl. Schoeps, Julius H./ Schlör, Joachim (Hrsg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München 1995, S. 7

[6] Vgl. Plum, Angelika: Die Karikatur im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Eine ikonologische Untersuchung zu Feindbildern in Karikaturen. Aachen 1998, S. 78 ff. / S. 104.

[7] Schoeps, Julius H.(Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums. Gütersloh 2000, S. 451

[8] Vgl. Ebd.

[9] Vgl. Graus, Frantisek: Pest-Geissler-Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit. Göttingen 1994, S. 299 ff.

[10] Vgl. Ebd. S. 300

[11] Vgl. Schoeps, Julius H.(Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums. Gütersloh 2000, S. 145.

[12] Vgl. Rohrbacher, Stefan/ Schmidt, Michael: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Reinbek bei Hamburg 1991, S. 197.

[13] Vgl. Graus, Frantisek: Pest – Geissler - Judenmorde. Das 14.Jahrhundert als Krisenzeit. Göttingen 1994, S. 305 f.

[14] Vgl. Ebd., S. 324

[15] Vgl. Ebd., S. 325

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640739479
ISBN (Buch)
9783640739813
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160899
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Zeitgeschichte
Note
2,7
Schlagworte
Antisemitische Stereotype Mythen Vorurteil Mittelalters Feindbild Nationalsozialismus

Autor

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