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Zur Funktion des Gender-Diskurses in Thomas Meineckes Pop-Roman "Tomboy"

Examensarbeit 2008 54 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Wissenschaftliche Positionen zu Tomboy

II. Der Diskurs

III. Der Gender-Diskurs
1. Judith Butlers Theorie
2. Kritik an Butler
3. Weiterführende Überlegungen

IV. Pop-Literatur

V. Besondere Verfahren des Textes
1. Das Pastiche
2. a) Sampling
2. b) Meine
3. Die Überschneidung von Diskursen im Text
4. Die BASF-Liste
5. Die Weinger-Exzerpte

VI. Besondere Figuren und Motive
1. Judith Butler als Romanfigur
2. Angelo/ Angela
3. Masturbation
4. Vivian und Korinna
5. Mode
6. Susan Sontag; Anmerkungen zu ‚Camp’
7. Das Spiegel-Motiv

Schluss

Literatur

Einleitung

Die hier vorgelegte Arbeit hat den Gender-Diskurs in Thomas Meineckes Pop-Roman „Tomboy“ und dessen Funktion zum Gegenstand.[1] Diese Vorgabe macht es erforderlich, auch die Begriffe Diskurs und Gender-Diskurs gesondert zu erläutern. So folgen hier auf die Darstellung einiger wissenschaftlicher Positionen zum Roman eine kurze Darstellung der Diskurstheorie und eine Darstellung der Theorie Judith Butlers, deren dekonstruktivistischer Feminismus den zentralen Anknüpfungspunkt an den im Roman aufgenommenen Gender-Diskurs darstellt. Außerdem wird hier kurz der wissenschaftliche Begriff der Pop-Literatur vorgestellt, der der Roman zuzuordnen ist. Des Weiteren wird auch die besondere im Roman verwendete Sampling-Technik erläutert. Darauf folgt eine nähere Analyse des Textes in Bezug auf verschiedene Themenkomplexe. Diese Analyse kann dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, da die Vielschichtigkeit des Textes es nicht zulässt, ihn in dieser Arbeit vollständig zu erfassen. Vielmehr wurde der Versuch unternommen, bestimmte prägnante Motive und Themen im Text besonders herauszustellen. Die Konzentration auf den Gender-Diskurs bringt es auch mit sich, dass andere Diskurse, die im Roman durchaus auch eine große Rolle spielen, vernachlässigt werden mussten. Da der Gender-Diskurs im vorliegenden Werk aber eine besondere Rolle spielt, ist die Konzentration auf diesen einen Diskurs sinnvoll und kann zu umfassenden Ergebnissen führen.

I. Wissenschaftliche Positionen zu Tomboy

Laut Mazenauer bietet die Qeerness in „Tomboy“ Strategien der Dekonstruktion.[2] Die spielerischen Dekonstruktionsstrategien der Queerness könnte man auch der Pop-Literatur zusprechen. Auch Pop-Literatur zitiert bestimmte Diskurse und Gegenstände und bringt sie so in einen neuen spielerischen Zusammenhang. Demnach lässt sich folgende These formulieren: Die parodistische Aufnahme von Geschlechterrollen birgt ein Potential der Dekonstruktion, das auch den Verfahren der Pop-Literatur im Allgemeinen innewohnt. In „Tomboy“ fallen also zwei Verfahren zusammen, die sich beide des Mittels der Parodie bedienen. Sowohl der moderne Gender-Diskurs nach Judith Butler, der die Festlegungen der Geschlechterhierarchie im Diskursiven verortet, als auch die zitierenden Verfahren der Pop-Literatur bergen ein Potential, das gewisse Elemente in einen neuen Zusammenhang stellen und sie so verändern kann. Dieser Position widerspricht die Interpretation von Baßler, der dem Pastiche in Tomboy die subversive Kraft abspricht. Laut Baßler handelt es sich bei „Tomboy“ nicht um eine Parodie, die den zu archivierenden Gender-Diskurs „durch den Kakao“ zieht, sondern um ein Pastiche, also ein Imitationsverfahren, das Judith Butler selbst der Parodie entgegengesetzt hat.[3] Im Gegensatz zu Butler bestreitet Baßler aber das subversive Potential des Pastiche, zumindest in Bezug auf den vorliegenden Roman.[4] Das subversive Potential ist kritisch einzuschätzen, da eine solche Zuordnung des Roman in die Nähe politisch engagierter Literatur rücken würde, dessen rein ästhetische Geltung durch einen politischen Anspruch untergraben würde. Ganz abgesehen davon soll diese Arbeit nicht politische Fragestellungen, sondern literaturwissenschaftliche untersuchen. Daher spielt das politische Potential des Pastiche hier keine Rolle. Entscheidend ist hier nur die Abgrenzung zur Parodie. Begreift man „Tomboy“ mit Baßler, als den Versuch, einen Diskurs literarisch zu archivieren, muss man hervorheben, dass der archivierte Diskurs, hier also unter anderen der Gender-Diskurs im Roman lokalisiert und terminiert wird.[5] Im Roman wird nicht etwa der gesamte Gender-Diskurs vorgeführt, was aufgrund des unbegrenzten Charakters eines Diskurses unmöglich sein dürfte, sondern der Gender-Diskurs, der die Protagonisten des Romans im Jahr 1997 in Heidelberg beschäftigt. So bekommt das Archivierungsprojekt einen Rahmen, der es davor bewahrt, uferlos zu werden.[6] Laut Baßler tragen weder die Figuren noch die Handlung den Roman, sondern dienen allein dem Transport des Diskurses und seiner Reflexion in immer neuen Konstellationen.[7] Schon hier lässt sich aber anmerken, dass auch das Spiel der Diskurse als eine Art Handlung angesehen werden kann, wenn man die performative Ebene des Textes stärker in Betracht zieht. Dieser These könnte man auch entgegenhalten, dass die Figuren sich zu den Diskursen in einer bestimmten Art und Weise verhalten und durch deren Wiedergabe und Bearbeitung möglicherweise ihrer Identität versichern. Allerdings ist auch Identität eine Kategorie, die durch den Gender-Diskurs und die Verfahren des Romans in Frage gestellt wird. Laut Winkels verkörpern die handelnden Figuren in „Tomboy“ einen Mix aus Theorieversatzstücken, die mittels Zitieren, Reflektieren und Übertragen zeitgenössischer Theoreme nicht nur ihre gesamte Weltwahrnehmung strukturieren, sondern auch handeln wie Vollzugsorgane einer vorgängigen Diskurses.[8] Bezieht man das auf Butler, muss man aber auch kritisch anmerken, dass man jede Figur als Vollzugsorgan eines Diskurses bezeichnen könnte. Der Diskurs wird hier nur besonders deutlich dargestellt. Handelt es sich bei „Tomboy“ um ein Butler-Pastiche, so ist es nur konsequent, dass die Figuren sich wie Vollzugsorgane eines Diskurses darstellen. Gerade durch den Vollzug des Diskurses wird hier aber auch eine Auswahl getroffen, die die Figuren durch den Diskurs hindurch wiederum als Individuen erscheinen lässt. Laut Dunker werden in „Tomboy“ Identitäts-Postulate auf der Gender-Ebene dekonstruiert.[9] Hierbei handelt es sich allerdings um die herkömmlichen Identitäts-Postulate in Bezug auf die Geschlechtsidentität, die von den Figuren des Romans ganz bewusst hinterfragt werden. In „Tomboy“ werden philosophische Thesen laut Dunker nicht diskursiv erörtert, sondern performativ ausgeführt.[10] Tatsächlich werden in Tomboy die Diskurse archiviert, ohne argumentativ erörtert zu werden. Zwar diskutieren die Figuren des Romans verschiedene Thesen, deren Geltung erweist sich aber vor allem auf der Diskursebene des Romans. Laut Dunker äußert sich in „Tomboy“ diese performative Ausführung in der formalen Analogie zu den im Roman verarbeiteten Thesen des dekonstruktiven Feminismus, der die Vorgängigkeit der Diskurse vor dem biologischen Geschlecht postuliert.[11] Die Frage ist nun, wie diese formale Analogie sich darstellt. Einen wichtigen Bestandteil des Romans machen die ganz direkt von ihm aufgerufenen Diskurse aus, die sich in ihrer deutlichsten Form als direkte Zitate aus anderen Werken im Text wiederfinden, so wird dem Verhältnis von Diskursen und den Diskursen selbst hier ohne Zweifel ein großer Spielraum eingeräumt. Dunker bezieht sich zur Darstellung des dekonstruktiven Feminismus auf Butlers Theorie, die besagt, dass der geschlechtlich bestimmte Körper performativ ist, also keinen ontologischen Status über die verschiedenen Akte hinaus besitzt, die seine Realität bilden.[12] Sieht man „Tomboy“ als Versuch, die Butlerschen Thesen literarisch zu verarbeiten, so muss man also gerade der performativen Ebene besondere Aufmerksamkeit schenken. Laut Dunker wird die zentrale These Butlers, dass der geschlechtlich bestimmte Körper performativ ist im Text formal-ästhetisch dadurch inszeniert, dass die Körper der Figuren reine Diskursereignisse sind.[13] Wie später noch zu zeigen sein wird, erscheinen die Körper der Figuren immer schon eingebunden in einen größeren Diskurs, den Gender-Diskurs. Dies zeigt sich laut Dunker besonders deutlich an der Stelle des Textes, an der Korinna Vivian mit einem Dildo penetriert und so den lesbischen Phallus aus Butlers Theorie materialisiert.[14] Diese Materialisierung, also das performative Nach-Inszenieren abstrakter Theoreme bringt für Dunker einen Abstand zwischen Butlers Theorie und deren romaneskes Nachschreiben, den man als ironisch bezeichnen muss.[15] Dieses performative Nach-Inszenieren der Butlerschen Theoreme kann man auch auf der Diskursebene des Textes verorten. Zum Beispiel wird auch Butlers Stil, der sich durch eine Häufung von Fragen auszeichnet auch im Text wiederaufgenommen. Die Ironie wird hier hergestellt durch ein Butler-Pastiche, wobei mit dem Pastiche einer der zentralen Begriffe Butlers aufgegriffen wird.[16] So wird Butlers Text hier auf verschiedenen Ebenen wiederaufgenommen. Der Roman bedient sich einer Sampling-Technik, die eine Gleichzeitigkeit mehrerer Ebenen oder Schichten verschiedener Diskurse herstellt, die über das Nacheinander Schneiden der Montage hinausgeht.[17] Die verschiedenen Ebenen sind gleichzeitig präsent und gerade durch diese Technik beeinflussen sie sich gegenseitig und erzeugen einen ganz neuen Diskurs. Unter der Pastiche-Überlagerung stecken nur Banalitäten, es handelt sich um die reine „Oberfläche“ des pastichisierten Stils, ohne dass eine parodistische Absicht zu erkennen wäre.[18] Gerade der Oberflächencharakter der einzelnen Schichten macht es möglich, sie so variabel aufeinander zu beziehen. Die Schlussfrage des Romans: „Was werden wir tragen?“ ist daher die Entscheidende, weil sich alles als Oberfläche darstellt und sich unter den diskursiven Schichten keine Essenz ausmachen lässt.[19] Vielmehr wird die Schlussfrage zur letzten Frage, an die sich keine weiteren mehr anschließen, das die Oberfläche selbst schon alles in sich trägt. Der Begriff der Oberfläche ist demnach eine Schlüsselkategorie zur Beschreibung des Werkes. Tomboy ist also die tatsächliche Archivierung eines Diskurses, beschränkt sich aber nicht auf die Terminierung und Lokalisierung des Diskurses, sondern bezieht sich auch auf das epistemologische Problem der Wahrnehmung der Welt durch den Diskurs hindurch.[20] So setzen sich die Figuren in ein immer neues Verhältnis zum Diskurs, den sie auf ihre Welt anwenden. Das Aufrufen der verschiedenen Diskurse bleibt im Roman nicht ohne Folgen und prägt die Entwicklung der einzelnen Figuren, vor allem die der Protagonistin. Laut Kyora arbeitet Meinecke mit gewissen Diskursvorgaben und deren Wiederholung, wobei er die wiederholten Diskurse gleichzeitig verschiebt und dadurch ihren Aberwitz erkennbar macht.[21] Durch immer neu hergestellte Bezüge beleuchten sich die Diskurse gegenseitig. So wird in „Tomboy“ das Nachschreiben und Verschieben des Diskurses der Gender Studies stilistisch mit rhetorischen Fragen vorangetrieben, wobei diese Technik dem Diskurs selbst entstammt, da auch Judith Butler wie schon erwähnt mit diesen Fragen arbeitet.[22] Der Diskurs der Gender Studies wird so stetig auf weitere Themen ausgeweitet, bis alles Teil des Gender-Diskurses zu sein scheint.

[...]


[1] Meinecke, Thomas; Tomboy, Roman; Frankfurt a. M. 1998.

[2] Mazenauer, Beat; Auf der Suche nach dem Qeer-Potential, Amerika und das Pop-Konzept in den Romanen von Thomas Meinecke; in: Vogt, Jochen; Stephan, Alexander (Hg.); Das Amerika der Autoren, Von Kafka bis 09/ 11; München 2006; S. 391.

[3] Baßler, Moritz; Der deutsche Pop-Roman, Die neuen Archivisten; München 2002; S. 138 ff.

[4] Baßler; Pop-Roman; S. 140 f.

[5] Baßler; Pop-Roman; S. 135.

[6] Ebd.

[7] Baßler; Pop-Roman; S. 137.

[8] Winkels, Hubert; Grenzgänger, Neue deutsche Pop-Literatur; in: Sinn und Form 51 (1999); S. 589.

[9] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch keiner kennt die Platten“, Pastiche, Sampling und Intertextualität in Thomas Meineckes Roman „Tomboy“; in: Weimarer Beiträge 1, 2006; S. 105.

[10] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 105.

[11] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 105.

[12] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 106.

[13] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 106.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 107.

[17] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 107 f.

[18] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 108.

[19] Ebd.

[20] Dunker, Axel; „Alle tanzen, doch niemand kennt die Platten“; S. 109.

[21] Kyora, Sabine; Postmoderne Stile, Überlegungen zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur; in: Zeitschrift für deutsche Philologie; 122. Band; Berlin 2003; S. 300.

[22] Kyora, Sabine; Postmoderne Stile; S. 300.

Details

Seiten
54
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640747009
ISBN (Buch)
9783640747207
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160889
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Schlagworte
Zulassungsarbeit Deutsch Germanistik Pop Thomas Meinecke Tomboy Gender

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