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Die drei Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795

Die eigentliche Mutter des polnischen Nationalbewusstseins?

Hausarbeit 2008 10 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Funktionsweise des polnischen Staates

II. Die Großmächte ziehen 1772 Nutzen aus den ponischen Wirren des Anfangs und der Mitte des 18. Jahrhunderts

III. Reaktion auf die Verfassung: Progressive Teilungen von 1793 und Fazit und Schlussfolgerungen

Einleitung

Die drei polnischen Teilungen und die damit verbundenen Umstände hatten weitreichende Folgen in Mittel- und Osteuropa: Was für das polnische Volk ein Desaster und das Verschwinden des eigenen Staates darstellte, wurde auch für die Besatzungsmächte mit fortschreitender Zeit zu einem Problem, welches darüber hinaus unverzüglich zur „Polnischen Frage“ führte und über einhundert Jahre einen wichtigen Bestandteil der Innenpolitik der Teilungsmächte ausmachte. Besonders herauszustellen sei hierbei die Tatsache, dass die Teilungen die erste wirkliche Zäsur in der Geschichte der freien Selbstregierung der polnischen Nation darstellen und sich ab diesem Zeitpunkt ein starker Patriotismus zeigte. Waren die Teilungen Polens also die eigentliche Mutter des polnischen Nationalbewusstseins?[1]

Diese Arbeit ist der Versuch die polnische Sicht der Dinge zu beleuchten und im Zusammenhang mit der Leitfrage die Bedeutung der Teilungen Polens[2] für das nationale Verständnis des Volkes herauszuarbeiten. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Rolle der identitätsbildenden polnischen Literatur und Kunst, der Kultur im Allgemeinen gelegt werden. Auf die religiösen Verhältnisse wird auf Grund der Begrenzung der Arbeitslänge nicht in voller Länge eingegangen, da sie den Recherchen nach nicht entscheidend für das Nationalgefühl waren und viel mehr eine Abgrenzung zu den Nachbarstaaten darstellten. Die Minderheiten verhielten sich auf unterschiedliche Art und Weise, wodurch deren Beschreibung den Rahmen der Arbeit gesprengt hätte.[3]

Zur Beantwortung der oben gestellten Frage werden in einem ersten Schritt die Bedingungen des Staates beleuchtet, um anschließend die Situation bis einschließlich der ersten Teilung zu analysieren und in einem dritten Teil schließlich die polnische Reaktion und die Umstände Geschichtliche Tragweite der nächsten beiden Teilungen zu verdeutlichen.

I. Die Funktionsweise des polnischen Staates

Unter anderem als Reaktion auf den Ersten Nordischen Krieg, in dem sich hauptsächlich Russland und Litauen gegenüberstanden und zum daraus notwendig gewordenen Schutz vor Russland kam es 1569 zur Unterzeichnung der Union von Lublin[4]: Sie umfasste die Realunion Polens und Litauens und markierte den Beginn der I. Rzeczpospolita, der polnisch-litauischen Adelsrepublik.[5] De facto war dies ein Staat, der vom polnischen Adel dominiert wurde, wobei Litauen in gewissen Maßen eigene Autonomie zugestanden wurde.[6]

Diese neue Adelsrepublik bestand nicht aus einer Königsdynastie, wie sonst in Europa üblich, sondern verband den Adel in einer gleichgestellten Adelsbruderschaft („Szlachta“), die den König wählte.[7] Der König konnte dabei auch anderer Nation sein und seine Wahl führte später immer mehr zu Wettkämpfen der Nachbarmächte um den Einfluss in Polen, so dass die Wahl des richtigen Königs durch Zahlungen an den korrupten polnischen Kleinadel sichergestellt werden konnte.[8] Das Parlament, der „Sejm“ war das Instrument zur Kontrolle des Königs. Als besondere Errungenschaft wurde hierbei die „goldene Freiheit“ praktiziert, die dem Adel unter anderem Steuerfreiheit, Immunität, Widerstandsrecht gegen den König und jedem Abgeordneten das „liberum veto“, Das Vetorecht gegen jede Initiative des Königs zusprach und letztendlich einen unregierbaren, starren, vom sich bekämpfenden, korrupten Adel beherrschten Staat entstehen lies, in dem der König kaum Macht besaß. Polen-Litauen war der Triumph des adligen Individualismus über das Kollektiv-Interesse des Staates und stellte eine starke Dezentralisierung der Macht dar.[9]

So rutschte die Großmacht der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in die Zweitklassigkeit ab und wurde von seinen Nachbarn in wirtschaftlichen und administrativen Fragen auf Grund weiterer und effektiver Entwicklung überholt.[10]

II. Die Nachbarmächte ziehen 1772 Nutzen aus den polnischen Wirren des Anfangs und der Mitte des 18. Jahrhundert

1764 wurde Stanisław August Poniatoski, ein Liebhaber der russischen Zarin Katharina II. zum König gewählt. Da die nichtkatholischen Minderheiten zu diesem Zeitpunkt nach langer Zeit der Religionstoleranz immer noch diskriminiert wurden, musste auch Stanisław vor seiner Ernennung zum Katholizismus konvertieren.[11] Seine Bestrebungen das „liberum veto“ abzuschaffen und die polnische Politik somit aus der Erstarrung zu holen, verliefen sich auf Grund des starken Adels und des russischen Einflusses im Nichts.[12] Die zu der Zeit vorherrschende russische Macht über Polen kam daher, dass Russland militärisch stark überlegen war. Polens königliches Heer war durch eine Entscheidung des Sejms von 1717 auf die Gesamtgröße von 24.000 Mann begrenzt und somit vielfach größeren Heeren der Nachbarstaaten gegenüberstand.[13] Dies erlaubte es Russland sich häufig unter dem Vorwand die orthodoxen und protestantischen Minderheiten in Polen schützen zu wollen in die innerpolitischen Belange des Landes einzumischen. Dieses Argument wurde bei der späteren ersten Teilung auch von Preußen verwendet.[14] 1768 kam es zur Unterzeichnung eines ewigen russisch-polnischen Vertrags, der Polen de facto zum Protektorat Russlands machte und sämtliche Reformen innerhalb Polens verhinderte.[15]

In kultureller Hinsicht aber war die Zeit der Regentschaft Stanisławs ein besonders ertragsreicher Zeitraum, der im Lichte der Aufklärung von Dramaturgen wie Zabłocki oder Bogusławski und Dichtern wie Krasicki oder Naruczewicz geprägt wurde. Sie werden bis heute zu den größten polnischen Schriftstellern, Dramaturgen und Poeten gezählt. Besondere Beachtung verdient in dem geschichtlichen Zusammenhang ihr Patriotismus, der beispielsweise durch Krasickis Texten der damaligen Hymne „Hymn do miłości Ojczyzny“[16] (übersetzt „Hymne auf die Liebe des Vaterlandes“) zum Ausdruck kommt. Auch Naruczewicz, der laut seines Nachfolgers „den ersten sicheren Zugang zur Geschichte der Nation eröffnete“ (Brock, Stanley, & Wróbel, 2006), war mit seinen geschichtlichen Ausführungen für das stolze Selbstverständnis der damaligen Polen in seinem aufklärerischen Sinn mitverantwortlich.[17]

[...]


[1] Der Begriff Nationalbewusstsein ist im Folgenden nicht als Synonym des Wortes Nationalgefühl zu sehen, sondern als verstärktes Verständnis des Nationalgefühls. Jemand, der nationalbewusst ist hat eine patriotische Einstellung seinem Nationalgefühl gegenüber.

[2] Der Vereinfachung und der ungleichen Machtverteilung im Staate wegen wird im Folgenden die Polnisch-Litauische Union als Polen beschrieben.

[3] Aus diesem Grund werden auch viele Fakten in verkürzter Form angegeben, deren Vertiefung durch das Lesen der angegebenen Quellen geschehen kann.

[4] Davis, N. (2006). Boże Igrzysko. Michigan: Znak. S.94-102.

[5] Heyde, J. (2006). Geschichte Polens. München: C.H. Beck. S. 37-39.

[6] Dwernicki, C. (2000). Géopolitique de la Pologne. Bruxelles: Éditions Complexe. S. 38.

[7] Bos, E. (2004). Verfassungsgebung und Systemwechsel. VS Verlag. S. 133.

[8] Heyde, J. (2006). Geschichte Polens. München: C.H. Beck. S. 34.

[9] Bos Eversley, L. (1915). The Partitions of Poland. New York: Dodd, Mead, and Company. S. 23.

[10] Gerhard Müller, H. B. (1996). Paris - Polen. Walter de Gruyter. S. 764.

[11] Heyde, J. (2006). Geschichte Polens. München: C.H. Beck. S. 44-45.

[12] Urban, T. (2003). Polen. C.H.Beck. 56-57.

[13] Davis, N. (2006). Boże Igrzysko. Michigan: Znak. S. 377-379.

[14] Kunisch, J. (2004). Friedrich der Grosse. C.H.Beck. S. 482.

[15] Davis, N. (2006). Boże Igrzysko. Michigan: Znak. S. 392.

[16] Ebda. S. 400.

[17] Brock, P., Stanley, J. D. & Wróbel, P. (2006). Nation and History. Toronto: University of Totonto Press. S. 18.

Details

Seiten
10
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640743360
ISBN (Buch)
9783640743711
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160861
Institution / Hochschule
Sciences Po Paris, Dijon, Nancy, Poitier, Menton, Havre
Note
1,00
Schlagworte
Szlachta Poniatwski Rzeczpospolita Adelsbruderschaft gewählter König Sejm liberum Veto Krasicki Zabłocki Bogusławski Naruczewicz Konföderation von Bar Österreich Preußen Russland Kleinadel Ustawa Rządowa Verfassung Polnisch-litauische Realunion

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