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Die Eigenen und die Anderen

Zur Konzeption von Sippe und Verwandtschaft im "Willehalm" Wolframs von Eschenbach

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzepte verwandtschaftlicher Beziehungen
2.1 geslehte
2.2 sippe

3. Inklusion und Exklusion durch die Sippe
3.1 Die Gegenüberstellung als Mittel zur Konstitution des Eigenen
3.2 Gyburcs Grenzsituation
3.3 Motiv der Fremdheit

4. Fazit

Die Fremden[1]

Karlstadt Wir haben in der letzten Unterrichtsstunde über die Kleidung des Menschen gesprochen und zwar über das Hemd. Wer von euch kann mir nun einen Reim auf Hemd sagen?

Valentin Auf Hemd reimt sich fremd!

Karlstadt Gut – und wie heißt die Mehrzahl von fremd?

Valentin Die Fremden.

Karlstadt Jawohl, die Fremden. – Und aus was bestehen die Fremden?

Valentin Aus „frem“ und aus „den“.

Karlstadt Gut – und was ist ein Fremder?

Valentin Fleisch, Gemüse, Obst, Mehlspeisen und so weiter.

Karlstadt Nein, nein, nicht was er ißt, sondern wie er ist.

Valentin Ja, ein Fremder ist nicht immer ein Fremder.

Karlstadt Wieso?

Valentin Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.

Karlstadt Das ist nicht unrichtig. – Und warum fühlt sich ein Fremder nur in der Fremde fremd?

Valentin Weil jeder Fremde, der sich fremd fühlt, ein Fremder ist und zwar so lange, bis er sich nicht mehr fremd fühlt, dann ist er kein Fremder mehr.

Karlstadt Sehr richtig! – Wenn aber ein Fremder schon lange in der Fremde ist, bleibt er dann immer ein fremder?

Valentin Nein. Das ist nur so lange ein Fremder, bis er alles kennt und gesehen hat und dann ist ihm nichts mehr fremd.

Karlstadt Es kann aber auch einem Einheimischen etwas fremd sein!

Valentin Gewiß, manchem Münchner zum Beispiel ist das Hofbräuhaus nicht fremd, während ihm in der gleichen Stadt das Deutsche Museum, die Pinakothek und so weiter fremd sind.

Karlstadt Damit wollen Sie also sagen, daß der Einheimische in mancher Hinsicht in seiner eigenen Vaterstadt zugleich noch ein Fremder sein kann. – Was sind aber Fremde unter Fremden?

[…]

1. Einleitung

Die Problematik, die im Dialog zwischen Karl Valentin und Liesl Karlstadt zu Tage tritt, scheint aktueller denn je: Migration, aus den tagespolitischen Debatten in der gegenwärtigen Globalisierung stets ein zentrales Thema, bedeutet Aufbruch in die Fremde, was oftmals vor die Wahl zwischen Marginalität und Assimilation stellt. Das Spannungsfeld von Identität und Fremde liegt auf der Hand. Interessant ist im obigen Dialog besonders die Feststellung, ein Fremder sei nur in der Fremde fremd. Es wird deutlich, dass sich ein Mensch nur dann an der Kategorie der Fremdheit bestimmen lässt, wenn die Voraussetzung einer bestimmten Umgebung, nämlich die der Fremdheit, gewährleistet ist. Demnach ist jemand nur dann ein Fremder, wenn auch die Außenwelt eine Fremde ist. Was jedoch den Fremden zum Fremden angesichts seiner Umwelt macht, ist die Frage, deren Beantwortung die Abgrenzung seiner selbst von der Umwelt abverlangt und damit Identität schafft. Die Verschiedenheit in der pluralen Gesellschaft kann also – und das wird insbesondere im Zusammenhang mit Valentins Fremdheitsdiskurs deutlich – erstaunliches leisten, nämlich die Förderung von Identität durch das Nebeneinander verschiedener Kulturkreise. So Emmanuel Lévinas: „Das Ich ist nicht autark und autonom, sondern ein von Fremdheit und Verschiedenheit des Anderen geschaffenes und durchzogenes Ich – der ‚Andere des Anderen’.“[2]

Unter diesem Aspekt der „Interdependenz zwischen Identität und Alterität“[3] kann auch der Willehalm Wolframs von Eschenbach betrachtet werden. Eines der zentralen Themen des Romans stellt dasjenige der Sippe dar, also der Verwandtschaft bzw. Zugehörigkeit des Einzelnen zu einem größeren Beziehungsgeflecht. Die Grenze der Sippe markiert die Grenze zur Fremdheit, die durch die Heirat des Helden Willehalm, der der christlichen Sippe angehört, mit Gyburc, die ehemals Heidin war, übertreten wird. Bindende Faktoren der Sippe, wie Verwandtschaft, Religion und Schutz, werden durch den Übertritt von beiden Seiten neu in Frage gestellt. Wer sind nun die Eigenen, wer die Anderen? Die schiere Unmöglichkeit einer scharfen Grenzziehung zwischen der Heiden- und der Christensippe birgt den großen Konflikt im Roman, der imstande ist, einen ganzen Weltkrieg zu generieren. Wodurch konstituiert sich also die Sippe in Wolframs Willehalm, dass so viel Macht von ihr ausgeht? Dieser Frage soll zunächst aus morphologischer Perspektive nachgegangen werden, indem die häufig verwendeten Begriffe sippe und geslehte untersucht und ihre etymologischen Hintergründe geklärt werden. Weiterhin ist der inhaltliche Aspekt der Sippe im Zusammenhang mit der Problematik der Fremde bzw. mit der jeweils anderen Sippe von Bedeutung. Hierbei spielt etwa Gyburcs Doppelbindung eine besondere Rolle.

2. Konzepte verwandtschaftlicher Beziehungen

Im Willehalm tauchen diverse Begriffe zur Beschreibung verwandtschaftlicher oder sozialer Beziehungen auf. So etwa sippe, geslehte, mage, künne oder art. Sie meinen nicht alle den gleichen Verwandtschaftstypus und dennoch fällt es schwer, sie voneinander abzugrenzen. In Anbetracht dessen, dass sie von Wolfram in jeweils andere Situationen und für verschiedene Personenkreise verwendet werden, ist es jedoch interessant, die genauen Verwendungsweisen der jeweiligen Bezeichnungen näher zu betrachten und zu untersuchen, ob eine Abgrenzung zu anderen Begriffen möglich ist bzw. ob sich ihre Verwendung im Roman regelhaft verhält – ob also von einer Art Konzept gesprochen werden kann. Besonders interessant ist das Verhältnis der Bedeutungen von geslehte und sippe, da die Relation, in der die beiden Begriffe zueinander stehen, schwierig scheint. Die Betrachtung der Begriffe erfolgt durch Interpretation der Stellen, an denen die Bezeichnungen in signifikanter Weise auftreten sowie der Erschließung etymologischer Information zum jeweiligen Begriff.

2.1 geslehte

geslehte taucht sowohl bei Wolfram als auch in anderen mittelalterlichen Quellen ferner als slahte auf. Vor allem letzteres, seiner Funktion nach das Kollektivum zu geslehte, lässt den etymologischen Zusammenhang bereits erahnen: Durch den Grammatischen Wechsel gibt es den Zusammenhang zum neuhochdeutschen Verb „schlagen“ oder zum Substantiv „Schlag“.[4] Umgangssprachlich findet sich die Verwendung des Begriffs in ähnlichem Zusammenhang, etwa in Wendungen wie „nach dem Vater schlagen“, „beide waren vom gleichem Schlag“, „sie war ein Mensch seines Schlages“.[5] (Vor allem jedoch findet sich das Wort im heutigen Gebrauch bei der Beschreibung der rassenspezifischen Eigenschaften von Tieren.[6] ) Gemeint ist also durchaus auch heute noch die Artung eines Menschen, die beschrieben wird, indem auf einen weiteren Menschen (oder eine Menschengruppe) Bezug genommen wird. Gegenüber der Verwendung im Mittelalter tritt heute offensichtlich der Aspekt der direkten genetischen Vererbung zurück. Einem geslehte angehören bedeutet einer bestimmten verwandtschaftlichen Linie angehören, die auf einen gemeinsamen Stammvater zurückgeht. Besonders augenscheinlich wird dies bei Bezeichnungen, die ihren gemeinsamen Ahnenvater explizieren (wie etwa „Das Geschlecht Davids“).[7]

In Wolframs Willehalm scheint sich diese Bedeutung ebenfalls festzumachen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beide Textbeispiele handeln von Gyburcs Verdacht, Rennewart stamme aus ihrer Familie. Durch Sippe sind Gyburc und Rennewart zunächst nicht verbunden, da sie sich fast nicht kennen. Besonders im ersten Textbeispiel wird deutlich, dass sich Gyburc auf die äußerliche, durch Erbanlagen beeinflusste Ähnlichkeit zur ihren Verwandten bezieht. geslehte ist hier klar als Verwandtschaft zwischen Personen zu verstehen, die, wie oben beschrieben, auf einen gemeinsamen Ahnenvater zurückgehen. Verwandte der Seitenlinie sind nicht mit einzubeziehen.

Weiterhin wird der Begriff gelsehte oft verwendet, wenn es um die Ehre oder Macht der Familie geht. Auch dann meint der Ausdruck die Genealogie, die der Familie zugrunde liegt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Karl Valentin: Die Fremden. In: Karl Valentin: Gesammelte Werke. Jubiläumsausgabe in vier Bänden. Bd. 1: Monologe und Dialoge. S. 158-160, S. 158f.

[2] Emmanuel Lévias: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Freiburg ²1987, S. 224.

[3] Hendrikje Haufe: Zwischen Welten. Fremdheit und Subjektivität im Willehalm Wolframs von Eschenbach. In: Inszenierungen von Subjektivität in der Literatur des Mittelalters. Hrsg. v. Martin Baisch, Jutta Eming [u.a.]. Königstein 2005. S. 140-154, S. 140.

[4] Vgl. Grimmsches Wörterbuch, Bd. 4, S. 3903.

[5] Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache: „Schlag“. Hrsg. v. Ruth Klappenbach u. Wolfgang Steinitz. Bd. 5: Schinken- Vater-, vater-. Berlin ²1977. S. 3218-3219, S. 3129.

[6] Vgl. Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, S. 3129.

[7] Vgl. Grimms Wörterbuch: „Geschlecht“. Hrsg. v. ??. Bd. 4. S. 3903.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640738229
ISBN (Buch)
9783640738540
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160824
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Eigenen Anderen Konzeption Sippe Verwandtschaft Willehalm Wolframs Eschenbach

Autor

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