Lade Inhalt...

Die Gesundheitsreform der USA

Seminararbeit 2010 29 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

2 Gesundheitssystem in der Geschichte der USA
2.1 Darstellung der Ausgangslage
2.2 Problemanalyse aus Sicht der Akteure
2.2.1 Versicherungsunternehmen
2.2.2 Krankenhäuser
2.2.3 Ärzte
2.2.4 Pharmaunternehmen
2.2.5 Unversicherte US-Bürger
2.3 Strukturelle Finanzierungsprobleme
2.4 Gesundheitspolitischer Handlungsbedarf

3 Ablauf der Gesundheitsdebatte
3.1 Politische Rahmenbedingungen
3.2 Relevante geschlossene Kompromisse

4 Kernelemente der US-Gesundheitsreform
4.1 Auswirkungen für die Vereinigten Staaten
4.1.1 Krankenversicherungsschutz für alle US-Bürger
4.1.2 Kostensenkungen
4.1.3 Qualitätssicherung der Gesundheitsversorgung
4.2 Finanzielle Rahmenbedingungen
4.3 Positionen und Kritikpunkte der Akteure im US-Gesundheitssystem

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

2.1 US-Bürger ohne Krankenversicherungsschutz, 2008

2.2 Vergleich der Gesundheitsausgaben unterschiedlicher Länder, 2007

4.1 Prognostizierter Anstieg der Gesundheitsausgaben in den USA, 2001 bis 2019

1 Einführung

„Welcome to the club of states who don’t turn their back on the sick and the poor.“[1] Dies äußerte der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy bei seinem letzten Besuch der Vereinigten Staaten von Amerika. Hintergrund dieser Aussage ist die kurz vor dessen Besuch beschlossene Realisierung von Barack Obamas bisher größten innenpolitischen Projektes. Am 23. März 2010 unterzeichnete der US-Präsident die von den Parlamentariern im Kon- gress zuvor definitiv verabschiedete Gesundheitsreform und konnte somit sein Wahlversprechen einlösen.[2]

Damit ist Barack Obama die bisher größte Erweiterung staatlicher Sozial- fürsorge seit den sechziger Jahren gelungen, woran viele US-Präsidenten vor ihm scheiterten. Einige sehen daher in diesem Erfolg einen Meilenstein in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, denn diese regulierende Maßnahme kann zur Stabilisierung des US-Gesundheitssystem beitragen.[3] Bislang verfügte das Land als einzige Industrienation über keine allgemeine staatliche Krankenversicherung und litt seit Jahren an den damit verbundenen Nachteilen.[4] Mit den geplanten Änderungen durch die Gesundheitsreform sol- len diese Defizite nun ausgeglichen werden.[5]

Das Ziel dieser Seminararbeit ist es, die wesentlichen Grundzüge der US- Gesundheitsreform aufzuzeigen. Im Zentrum der Betrachtung stehen dabei die bedeutendsten Auswirkungen auf die Akteure im US-Gesundheitssystem und die mit der Gesundheitsreform verbundenen finanziellen Aspekte. Um die Bestrebungen in den USA, das Gesundheitssystem neu zu strukturieren, besser nachvollziehen zu können, erweist sich zunächst ein Blick in dessen geschichtliche Hintergründe als hilfreich. Anschließend folgt eine Betrachtung des Ablaufes der Debatte im Kampf um die US-Gesundheitsreform, die auf- zeigt, welche Hürden überwunden werden mussten, um eine solche Reform erfolgreich durchzusetzen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die Eck- punkte der US-Gesundheitsreform konkret und ausführlich dargelegt und ana- lysiert. Abschließend rundet das Fazit zusammen mit einem Ausblick die im Hauptteil behandelte Thematik ab.

2 Gesundheitssystem in der Geschichte der USA

2.1 Darstellung der Ausgangslage

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind seit Jahrzehnten von einem enor- men Kostenaufwand im Gesundheitssektor geprägt, während ein großer An- teil der Bevölkerung über keinen bzw. ungenügenden Krankenversicherungs- schutz verfügt. Die einzelnen Bürger waren hinsichtlich ihrer Absicherung im Krankheitsfall bisher größtenteils auf sich alleine gestellt. Es gab kaum öffentli- che Unterstützung, was dazu führte, dass einige US-Bürger durch schwerere Erkrankungen oder Operationen schlagartig in Armut gerieten. Einer Studie der Harvard-University zufolge waren 2007 ca. 62 % der Privatinsolvenzen in den USA auf Krankheiten zurückzuführen.[6]

Diese Problematik wurde in der Vergangenheit durch verschiedene Umstän- de verstärkt. Die gravierendsten gesellschaftspolitischen Einflüsse waren ei- ne hohe Arbeitslosenquote, verbunden mit einer sich verschärfenden Einkom- mensungleichheit und steigenden Kosten in der Gesundheitsversorgung be- sonders in Krisenzeiten.[7] 1934 boten kommerzielle Versicherungsunterneh- men erstmals eine Krankenversicherung an, oft in Verbindung mit Kollektivver- trägen großer Konzerne für deren Mitarbeiter. Somit waren 1958 zwei Drittel der Bevölkerung hinsichtlich der Krankenhauskosten versichert. Besonders Arbeitslose, Arme, Beschäftigte kleinerer Firmen und ältere Menschen blie- ben jedoch unversichert. Aufgrund dieser Versorgungslücken verabschiede- te die Regierung unter Präsident Lyndon B. Johnson die sog. Medicare- und Medicaid-Programme, womit nun auch für ältere und arme Menschen eine ge- wisse staatliche Mindestversorgung gewährleistet war, wenn auch mit zahlrei- chen Zuzahlungen und weiterhin bestehenden Lücken.[8] 1997 wurde dies mit einem gesetzlich eingeführten „State Children’s Health Insurance Program (SCHIP)“ zur Unterstützung von Kindern aus armen Elternhäusern ergänzt. Dieses Mischsystem aus privaten Versicherern, über Arbeitgeber finanzier- ten Teilversicherungen und staatlichen Programmen war in den USA bisher größtenteils vorherrschend.[9]

2.2 Problemanalyse aus Sicht der Akteure

2.2.1 Versicherungsunternehmen

Neben den wenigen staatlichen Programmen wie Medicaid und Medicare gibt es nur noch private Versicherungen mit hohen Selbstbeteiligungen. Grün- de für die hohen Versicherungsbeiträge sind die enormen Kosten des US- Gesundheitswesens und das profitorientierte Agieren privater Versicherer. Meist werden die Krankenversicherungen als Gruppenvertrag mit den Ar- beitgebern an deren Mitarbeiter angeboten. Die Arbeitgeber beteiligen sich freiwillig und höchstens zu 50 % an den Beiträgen. Verliert ein Arbeitneh- mer seinen Job, muss er die vollen Kosten für weitere sechs Monate alleine tragen. Kann er sich nach dieser Zeit keine Privatversicherung leisten, fällt er aus dem Versicherungsschutz heraus. Dazu kommt, dass private Versi- cherungsunternehmen oft Menschen mit Vorerkrankungen, Behinderungen oder geringem Einkommen ablehnen, um sich vor Forderungsausfällen und teuren Versicherungsleistungen zu schützen. Zudem schränken viele Versi- cherer die freie Arztwahl ein.[10] Die fünf Top-Versicherer in den USA konnten 2009 insgesamt 12,2 Mrd. US-Dollar Gewinn erwirtschaften, was einer Stei- gerung um 56 % zum Jahr 2008 entspricht. Aus Sorge um weitreichender Einschränkungen durch den Staat leistete die Versicherungsbranche der neuen US-Gesundheitsreform den stärksten Widerstand.[11]

2.2.2 Krankenhäuser

Private Krankenhäuser versuchen sich ihr Klientel selbst auszusuchen, indem sie ihr Angebot auf Bereiche spezialisieren, mit denen sie Gewinne erwirt- schaften können und von den Patienten einen Krankenkassenschein oder Vorschuss verlangen. Dies wirkt sich negativ auf die vom Staat oder der Ge- meinde getragenen Krankenhauseinrichtungen, den sog. „public hospitals“, aus, denn diese sind dazu verpflichtet, alle Patienten aufzunehmen und zu behandeln. Folglich versorgen sie überwiegend ärmere, kränkere und unversi- cherte Patienten. Da sich das Bezahlungssystem von Krankenkassen und So- zialleistungsträgern nicht an der Behandlungsdauer oder -intensität orientiert, sondern an einem Diagnoseschlüssel, entsteht hier zwangsläufig eine Defizi- terwirtschaftung.[12] Weiterhin argumentieren konservative Interessengruppen, dass jede staatliche Sozialtätigkeit ein Verstoß gegen ideologische Gesetze sei. Dies verstärkt die Problematik, dass es den „public hospitals“ an nötigem Kapital fehlt, so dass deren Ausstattung und die Qualität der Behandlung eher dürftig sind.[13]

2.2.3 Ärzte

In den USA sind selbstständige private Ärzte, die eine Gebühr für jeden Be- such eines Patienten verlangen, die Regel.[14] Der Beruf des Arztes zählt zu den bestbezahlten Berufen in den Vereinigten Staaten, was als eine der Ur- sachen für die enormen Kosten im US-Gesundheitssystem angesehen wird. Als Begründung für das hohe Einkommen der Ärzte wird oft die lange und kostspielige Ausbildung angeführt, die sie durchlaufen müssen.[15] Aus diesem Grund zählten sie bisher zu den größten Gegnern einer Gesundheitsreform in den USA. Sie fürchteten zum einen, dadurch ihre Autonomie zu verlieren, zum anderen, dazu verpflichtet zu sein, in einem Gruppenpraxis-Modell zu agieren, bei dem sie als Angestellte einer Health Maintenance Organization (HMO) tätig sind und mit einem festen Gehalt bezahlt werden.[16]

2.2.4 Pharmaunternehmen

Die Pharmaindustrie in den USA hat seit einigen Jahren mit sehr hohen Ver- trauensverlusten der Verbraucher und einer sehr negativen Reputation zu kämpfen. Eine Studie der Firma PricewaterhouseCoopers (PwC) von 2007 zeigt, dass viele Verbraucher wie Patienten, Ärzte und Versicherer die Preise der US-Pharmaunternehmen als viel zu hoch einschätzen, während sie am medizinischen Nutzen neuer Präparate zweifeln.[17] Hier handelt es sich um ein grundsätzliches Problem der Pharmaindustrie. Offensichtlich gelingt es dieser Branche auch nach verschiedenen Methoden zur Imageverbesserung nicht ausreichend, die Konsumenten vom Nutzen der Pharmaforschung und neuer Präparate im Verhältnis zu den hiermit verbundenen Kosten zu überzeugen. Dadurch befürchtete die Pharmaindustrie, von einer US-Gesundheitsreform in ihrer Forschung und Unabhängigkeit aufgrund von Regulierungen der Pharmapreise oder anderen staatlichen Eingriffen zur Kostensenkung einge- schränkt zu werden.[18]

2.2.5 Unversicherte US-Bürger

2009 waren 47 Mio. US-Bürger nicht krankenversichert. Die Menschen, die krankenversichert waren, hatten Angst, bei Verlust ihres Arbeitsverhältnisses ihren bestehenden Versicherungsschutz zu verlieren oder im Falle einer kost- spieligen Behandlung ihre Selbstbeteiligungen nicht bezahlen zu können, al- so trotz der hohen Versicherungsbeiträge unterversichert zu sein.[19] Die US- Bürger ohne Krankenversicherungsschutz erhalten nur in medizinischen Not- fällen Unterstützung vom Staat. Reguläre medizinische Behandlungen müs- sen sie komplett selbst finanzieren.[20] Da die Unversicherten eine schlechtere gesundheitliche Versorgung erhalten, besteht für sie ein höheres Risiko, an den Folgen von Krankheiten zu sterben. Ungefähr 45.000 Menschen sterben jährlich in den USA infolge eines mangelnden Krankenversicherungsschut- zes.[21]

[...]


[1] Vgl. The Economist (29. April 2010).

[2] Vgl. whitehouse.gov (2010f).

[3] Vgl. Murphy (24. März 2010); Vgl. Welter (23. März 2010a).

[4] Vgl. Welter (23. März 2010b).

[5] Vgl. n-tv.de (22. März 2010).

[6] Vgl. Butters (2002); Vgl. Kuls/Lindner (27. März 2010).

[7] Vgl. Andersen (2007), 43-45.

[8] Vgl. usembassy (2010), 1-4; Vgl. Andersen (2007), 45-48.

[9] Vgl. Stevens (2007), 1-4; Vgl. Hoffman (2009), 2-8; Vgl. Hildebrandt (1992), 12-22.

[10] Vgl. Hildebrandt (1992), 14; Vgl. Oelrich (2010).

[11] Vgl. Pitzke (23.02.2010); Vgl. Niedorf (22. März 2010).

[12] Vgl. Barr (2007), 72-76: Vgl. Hildebrandt (1992), 14-17.

[13] Vgl. usembassy (2010), 2.

[14] Vgl. Pischon (2002).

[15] Vgl. Garber/Skinner (2008), 18-21; Vgl. Barr (2007), 65-67; Vgl. usembassy (2010), 2-4.

[16] Vgl. Haeske-Seeberg (2008), 29-33.

[17] Vgl. pwc.de (2007).

[18] Vgl. Barr (2007), 180-191; Vgl. Marstedt (2007); Vgl. PWC (2007), 1-26.

[19] Vgl. Andersen (2007), 42-43; Vgl. Barr (2007), 12-14, 224-233.

[20] Vgl. Butters (2002); Vgl. Murphy (24. März 2010).

[21] Vgl. Garber/Skinner (2008), 2-17; Vgl. AJPH (2009).

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Gesundheitsreform der USA