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Die soziale Konstruktion von Kriminalität am Beispiel jugendlicher Migranten

Bachelorarbeit 2010 52 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Labeling Approach
II.1 Ein Gegenentwurf zur traditionellen Kriminologie
II.2 Die Hauptaussagen des Labeling Approach
II.3 1968 bis heute: Die Entwicklung der Kritischen Kriminologie
II.4 Die Prämissen des „radikalen“ Theorieansatzes

III. Die Erklärungskraft des Labeling Approach bezüglich des Phänomens „Kriminalität migrantischer Jugendlicher“
III.1 Die sozialen Voraussetzungen jugendlicher Migranten
III.2 Die strafrechtlichen Instanzen und deren Kontrollorgane
III.2.1 Die „symbolischen“ Funktionen des Strafrechts
III.2.2 Die Polizei
III.2.2.1 Die praktische Funktion der Kontrolle und Selektion
III.2.2.2 Das theoretische Output: Die Polizeiliche Kriminalstatistik
III.3. Machtpolitische Institutionen als „Mit-Konstukteure“ sozialer Probleme?
III.3.1 Politische Akteure im Wahlkampf
III.3.2 Die Medienberichterstattung
III.3.3 Der gesellschaftliche Diskurs um Kriminalität
III.4 Zwischenfazit
III.5 Erklärungsprobleme des Labeling Approach

III. 6 Ergänzungsvorschläge anderer (ätiologischer) Theorien

IV.Fazit

V.Literatur

I. Einleitung

„Kriminalität wird als eine Konstruktion von Wirklichkeit betrachtet, die erst unter der Berücksichtigung ihres gesamtgesellschaftlichen Kontextes rekonstruiert werden kann, um die gesellschaftlichen Mechanismen von Integration und Ausgrenzung erfassen zu können“1.

Der Theorieansatz des Labeling Approach vertritt eine Sichtweise, die unter anderem von Berger und Luckmanns Beschreibungen der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklich- keit2 beeinflusst wurde. Insbesondere aufgrund der zeitlichen und räumlichen Relativität ist der Verbrechensbegriff nahezu seit den Anfängen der Kriminologie umstritten.3 An der Debatte nahm auch die Kritische Kriminologie und der Labeling Approach teil.

Wenn allerdings vom Labeling Approach gesprochen wird, so kann das viel bedeuten. Über die Jahre hinweg entwickelte sich der Ansatz in die verschiedensten Richtungen und wurde von verschiedenen Theoretikern unterschiedlich interpretiert und aufgenommen. Hier kam es zu vielen Missverständnissen, die zur Nicht-Geschlossenheit des Ansatzes beitrugen, was dazu führte, dass der Labeling Approach heute zwar immer noch rezipiert wird und Verwendung findet, aber in einer Form, die mit der ursprünglichen Intention Fritz Sacks nur noch wenig gemein hat. Es stellt sich die Frage, ob dessen früher Ansatz ein Phänomen erklären kann, das sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen hält und sich schon seit längerer Zeit auffallend häufig in der öffentlichen Diskussion wiederfindet: das

„Problem“ der Kriminalität jugendlicher (männlicher) Migranten.4

Dem frühen Ansatz des Labeling Approach zufolge entsteht Kriminalität durch die Etiket- tierung und Selektion staatlicher Kontroll- und Strafinstanzen. Diese finde vorwiegend zu Gunsten der Oberschicht und zum Nachteil der Unterschicht statt. Doch wie aussagekräftig ist ein Theorieansatz, der vorwiegend die staatlichen Straf- und Kontrollinstanzen unter- sucht und andere Faktoren quasi außer Acht lässt?

Seit der Einführung des Ansatzes in die Theoriedebatte vor vierzig Jahren hat sich viel geändert. Kriminalität wird als soziales Problem behandelt, das von der Bevölkerung hauptsächlich durch die Medien erfahren wird. Vermischt mit dem Diskurs um die allge- meine Jugendkriminalität wird die Thematik seit den 1980er Jahren regelmäßig über die Politik und die Medien in den gesellschaftlichen Diskurs transportiert. Hierbei ist scheinbar weniger von Belang, dass wissenschaftliche Studien schon seit vielen Jahren eine Höher- belastung der Kriminalität jugendlicher Migranten empirisch widerlegen. Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheint, als würden allein die Massenmedien ein Bild aufrecht- erhalten und reproduzieren, das (migrantische) Jugendliche als Bedrohung zeigt, scheinen sich dahinter komplexere Zusammenhänge zu verbergen, die das Bild des kriminellen jugendlichen Migranten5 konstruieren und reproduzieren. Interessant erscheint die Frage, ob es weitere Institutionen gibt, die an einer Etikettierung beziehungsweise Stigmatisie- rung teilhaben. Zur Klärung dieser Frage sollen einzelne, ausgewählte Institutionen6, denen eine Beeinflussung und Konstitution der gesellschaftlichen Wirklichkeit unterstellt werden kann, beleuchtet werden. Kann die Erklärung des sozialen Problems „Kriminalität jugend- licher Migranten“ durch die Überprüfung machtpolitischer Institutionen dem Labeling Approach helfen, deren Funktionen und Interessen offenzulegen und das Phänomen als soziale Konstruktion zu „entlarven“?

Neben den Kontroll- und Straforganen des Strafrechts sollen hierzu das Zuschreibungs- verhalten von Politik, Medien und von der Bevölkerung als gesellschaftliche Institution überprüft werden. Falls die Überlegung einer Selektion beziehungsweise Stigmatisierung zutrifft, muss in einem zweiten Schritt geprüft werden, ob allein diese Erkenntnis ausreicht, um das Phänomen erklären zu können. Schließlich sollen Theorieansätze und Anregungen aufgezeigt werden, die dem Labeling Approach als Ergänzung bei der Erklärung des Phä- nomens der migrantischen Jugendkriminalität dienen können. Zwischen den verschiedenen Ansichten der Kriminologen und Kriminalsoziologen liegen allerdings oftmals ganze Welten. So kann auch der frühe Labeling Approach als Abgrenzung zur vorhergehenden kriminologischen Theorie betrachtet werden.

II. Der Labeling Approach

Das Problem, dass sich beim Versuch der Anwendung des Labeling Approachs stellt, ist darin zu finden, dass der Theoriebegriff sowie der Theorieinhalt von den verschiedensten Theoretikern und Theoretikerinnen zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten, zu denen dem Labeling Approach die unterschiedlichsten Bedeutungen zugeschrieben wurden, ange- wandt wurde. Im Folgenden sollen die zum Teil dramatischen Veränderungen des An- satzes, seitdem er unter anderem von Fritz Sack in die deutsche Theoriedebatte eingeführt wurde, verdeutlicht werden. Um die Debatte um die kritische Kriminologie nachvollziehen zu können, soll außerdem kurz auf die Hauptkritikpunkte an der Theorie eingegangen wer- den. Ziel ist es schließlich, die Hauptthesen des frühen Ansatzes des Labeling Approachs herauszuarbeiten, denn diese sollen die Grundlage für eine Überprüfung am Beispiel der Kriminalität jugendlicher Migranten bieten. Um seine Brisanz und seine Notwendigkeit zu verdeutlichen soll zunächst kurz auf den „negativen“ Ideengeber, die traditionelle Krimi- nologie, als dessen Gegenentwurf die Kritische Kriminologie zu sehen ist, eingegangen werden.

II. 1 Ein Gegenentwurf zur traditionellen Kriminologie

Die kritische Kriminologie7 entwickelte ihre Erkenntnisse unter anderem aus der Abgrenz- ung von den Grundannahmen der positivistischen (traditionellen) Kriminologie. Diese habe sich, so Sack (1968), „zu einer reinen Kriminalätiologie des sich abweichend verhal- tenden Täters eingeengt“8. Im Gegensatz zu traditionellen Theorien abweichenden Verhal- tens ist das Forschungsobjekt des Labeling Approachs nicht die Täterpersönlichkeit und ihr Umfeld; vielmehr soll Kriminalität aus der Definitionsmacht des Staates und seiner Instanzen strafrechtlicher Sozialkontrolle erklärt werden. Denn: „Was Kriminologen für Ursachen abweichenden Verhaltens hielten, sind in Wirklichkeit Personeneigenschaften, die eine Zuschreibung des Etiketts 'Krimineller' aufgrund der jeweiligen Alltagstheorien der Gesellschaftsmitglieder wahrscheinlicher machen.“9 Im Mittelpunkt des (kritischen) kriminologischen Interesses steht darum die Zuschreibungspraxis sowie das Moment und der Prozess der Stigmatisierung. In der Folge werden biologische oder psychologische Erklärungen der Kriminalität von vornherein ausgeschlossen. Die positive (traditionelle) Kriminologie habe die Tatsache ausgeblendet, dass vor der kriminellen Handlung das Gesetz stehe, dass die Handlung erst zu einem Vorgang mache.10 Dies führe auch zu einer Trennung des Abweichenden vom „normtreuen Mitglied der Gesellschaft“11. Hier gelte der Verbrecher als „der Andere“ und werde differenziert von der „normalen“ Hauptgesellschaftsgruppe behandelt.

Die Nicht-Existenz einer „Kriminalität“ in herrschaftsfreien Gesellschaften12, „die (immer- hin) für die weitaus längste Zeit der Menschheitsgeschichte charakteristisch waren“13, führt zu der Annahme, dass diese in enger Verbindung mit gesellschaftlicher Herrschaft stehe.

Trotz der zunehmenden Popularität der Kritischen Kriminologie und des Etikettierungs- ansatzes blieben die Theorieansätze der traditionellen Kriminologie erhalten und erstark- ten mit der zunehmenden Kritik und der Uneinigkeit der Anhänger der Kritischen Krimi- nologie wieder. Eine Art Verbindung von kritischer und traditioneller Kriminologie stellt der sogenannte „neue Realismus“ (im Gegensatz zum „linken Idealismus“) dar. Dieser trug seinen Teil zur Einbindung des Labeling Approach in einen Mehrfaktorenansatz durch die Strafrechtskriminologie bei, was von kritischen Kriminologen stark diskutiert wurde.

II. 2 Die Hauptaussagen des Labeling Approach

Auf die These Durkheims aufbauend, geht der Labeling Approach von der Normalität des Verbrechens14 aus. Jede Handlung wird zunächst als wertneutral angesehen; erst die Defi- nition einer Handlung als kriminell lässt Kriminalität entstehen. Sie konstruiert somit eine Wirklichkeit der Kriminalität. So fallen Strafgesetze nicht vom Himmel, sondern sie wer- den von Menschen gemacht. Werden neue Straftatbestände geschaffen, wird gleichzeitig eine Personengruppe kriminalisiert und es werden neue Straftäter verfolgt. Werden hinge- gen Straftatbestände gestrichen, so nimmt zwangsläufig auch die offizielle Kriminalitäts- rate ab. Durch die Konstruktion des Verbrechens, die Selektion der Verbrecher - also durch die Entscheidung der gesellschaftlich Mächtigen werde die bekannt werdende „Verbre- chenswirklichkeit“ bestimmt.15

„Von diesem Standpunkt aus ist abweichendes Verhalten keine Qualität der Handlung, die eine Person begeht, sondern vielmehr eine Konsequenz der Anwendung von Regeln durch andere und der Sanktion gegenüber einem "Missetäter". Der Mensch mit abweichendem Verhalten ist ein Mensch, auf den diese Beschreibung erfolgreich angewendet worden ist. Abweichendes Verhalten ist Verhalten, das Menschen so bezeichnen."16

Der Labeling Approach will abweichendes Verhalten „von den Reaktionen der Gesellschaft her beschreiben“17. Die delinquente Entwicklung eines Menschen ist hier als prozesshaftes Geschehen zu verstehen, an dem auch der Strafjustiz ein maßgeblicher Anteil zugeschrie- ben werden kann. Die Bestrafung finde aber nicht nur im Gerichtssaal durch die Verurtei- lung statt, sondern setze sich durch das Etikett des Kriminellen in der Gesellschaft fort.

Die Zuweisung des als negativ betrachteten Guts „kriminell“, die Normsetzungscharakter hat, erfolge selektiv und sei abhängig vom sozialen Kontext, in dem sie stattfindet.

„Normales“ Verhalten hingegen könne nicht ohne abweichendes Verhalten existieren. Auf der gesellschaftlichen Ebene profitiere der moralische Haushalt einer Gesellschaft von der Kriminalität, indem sie ihr erlaubt und ermöglicht, „sich ihrer Moral zu besinnen“.18

Den „Tätern“ wird eine Rolle zugeschrieben, die oft nur schwer abzustreifen ist.19 Hierbei kann sich ein Teufelskreis entwickeln. Beginnend mit den ersten Taten und der ersten Sanktionierung kann eine sekundäre Straffälligkeit als Folge justitiellen Handelns die Folge sein.

Zeige die Sanktionierung nicht die gewünschten Wirkungen, setze oftmals ein Strafver- schärfungsautomatismus ein. Schlussendlich bestehe die Gefahr der Selbstzuschreibung und der Identifikation mit dem zugeschriebenen Label in der Logik der self- fulfillin g prophecy. In der Konsequenz befinden sich im Fokus des Forschungsansatzes die Instan- zen strafrechtlicher Sozialkontrolle und deren Zuschreibungspraxis. Hierbei ist deren Funktion und die rechtliche und außerrechtliche Arbeitsweise von besonderem Interesse. Es stellt sich insbesondere die Frage, ob institutionelle Handlungsnormen ermittelbar sind und ob latente Nebenfunktionen des Kontrollhandelns existieren. Die Kritische Kriminologie spricht sich gegen die konventionelle Strafmethodik aus und Sucht verstärkt nach Alternativen zum Strafrecht. Es werden verschiedene Strategien der Entregelung wie Entkriminalisierung und Entinstitutionalisierung herangezogen.20 Hinter diesem Konzept steht der Diversionsgedanke, der beinhaltet, dass vor allem bei Bagatell- delinquenz, begangen von weniger „gefährlichen“ Tätern, die Strafverfolgung oftmals mehr Schaden anrichte als dass sie Nutzen bringe. Hieraus leitet sich in der Konsequenz eine „do less-Strategie“ beziehungsweise eine radikale Nicht-Intervention ab.21 So wird von einigen Vertretern der Kritischen Kriminologie ein Abolitionismus propagiert, welcher ebenso wie der Labeling Approach, die für die Strafe beanspruchte Notwendigkeit und die dem Strafrecht zugewiesene Schutzaufgabe anzweifelt.

Diese Gedanken brachten die Kritische Kriminologie hervor, in der der Labeling Approach nur „ein Mosaikstein in dem Gemälde eines neuen Ansatzes“22 darstellte. So wurden in der Vergangenheit auch innerhalb der Kritischen Kriminologie massiv Kritik sowohl am Labeling Approach als auch an den Ansichten der „radikalen“ Ausprägung des Ansatzes geübt. Diese wurde von Sack (1972) wiederum als willkürlich und partikular bezeichnet.23 Einer der Hauptkritikpunkte bezieht sich auf die sowohl theoretische als auch empirische Vernachlässigung der sogenannten Primärabweichung. Den Ansatz „interessiere“ weder die Entstehung, die Struktur noch den Umfang beziehungsweise die Qualität des Rechts- bruchs. Auch werde eine Tätererforschung und -behandlung ebenso wie die der Opfer als sinnlos verworfen. Dem „Abweichler“ werde der freie Willen zu Handeln abgesprochen; er

werde zu einem „Reaktionsdeppen“ degradiert.24 Hinter dieser Kritik steht der Vorwurf, dass der Labeling Approach zu einer theoretisch übermäßigen Vereinfachung neige, indem die Erklärung des Verhaltens im politisch-ökonomischen Machtverhältnis gesucht werde.25 Dadurch, dass die Verletzung von Humanität, Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit als Ausdruck ungleicher Macht- und Mittelverteilung als Erklärung des Verbrechens vermutet wird, zielen die praktisch-politischen Implikationen des Konzeptes auf eine Gesellschaft, der Verbrechen quasi „wesensfremd“ seien.26 Der Labeling Approach bleibt durch die gewahrte Distanz realitäts- und praxisfern, was auch in der Kritik an fehlenden empiri- schen Belegen Bestätigung findet. So konstatiert auch der Arbeitskreis Junger Krimino- logen, dass das ursprüngliche Ziel einer kritischen Auseinandersetzung mit der traditio- nellen Kriminologie durch strikte empirische Arbeit („action-research“) nicht erreicht wurde.27 Eine auf den Staat beschränkte Theorie der Verbrechenskontrolle könne die Fülle und Probleme außerstaatlicher Anstrengungen informeller Verbrechenskontrolle nicht erfassen, so Kaiser (1997). Das verengte Blickfeld des Ansatzes führe dazu, dass der Labeling Approach zu kurz greife.28

II. 3 1968 bis heute: Die Entwicklung der Kritischen Kriminologie

Wie die Kriminologie im Allgemeinen ist auch die Kritische Kriminologie in Deutschland im Gegensatz zu anderen Disziplinen von einer „Nicht-Geschlossenheit“ betroffen. Dasselbe gilt für die Theorie des Labeling Approach.29 War man sich bei der Ablehnung der traditionellen Kriminologie noch einig, so fand in der weiteren Entwicklung eine ideo- logische Aufspaltung statt, so Lamnek (1994).30 Ein gemeinsamer Nenner der Positionen ist in der Auffassung der „Kriminalität als Resultat von Definitionen und Bewertungen (...), die in Interaktionen reproduziert werden (...)“31 zu finden. Innerhalb der Kritischen Krimi- nologie wird dem Labeling Approach unter anderem über die Jahre hinweg eine „Verwäs- serung“ vorgeworfen. Beispielsweise erinnerte Henner Hess 1986 daran, dass der Labeling Approach ursprünglich nicht nur Normsetzungs- und Kriminalisierungsvorgänge und die „Verdinglichung von Menschen durch deren Etikettierung“ beschrieben habe, sondern den Anspruch hatte, Kriminalität als soziales Konstrukt zu enthüllen und sie unter Berücksichtigung der Verdinglichung analysierte.32

Der Ansatz des Labeling Approach unterlag ebenso wie die kritische Kriminologie, einer Entwicklung zu der zu einem Teil seine Kritiker beitrugen, die die Debatte mit lenkten. Doch „auch die bald schon zahlreichen Sympathisanten der neuen Konzeption selbst leisteten ihren Beitrag zu einer Einflussminderung der Labeling-Theoretiker, indem sie (…) einige zentrale Sichtweisen und Aussagen unbeachtet ließen, andere dagegen überbetonten (...)“33.

So wurde der Labeling Approach von Wissenschaftlern der verschiedensten Ideologiean- sätze verwendet und, häufig nur teilweise, in die unterschiedlichsten Theorien eingebaut.

Dies betrifft unter anderem die Ansicht, dass neben sekundären auch primäre Ursachen, d.h. soziale, kulturelle, psychologische und psychopathologische Faktoren für Kriminalität gesucht und eingebunden werden, während der „radikale“ Theorieansatz primäre Ursa- chen, die beim Täter gesucht werden, gänzlich ablehnt.34

Schon 1975 bemerkte Friedrich W. Stallberg in einem Beitrag zur Diskussion, einen Wan- del im Umgang mit Begrifflichkeiten sowie Befunden des Labeling Approach.35 Neben dem Vorwurf, dass den Theoretikern und Theoretikerinnen das Gespür für die Kompliziert- heit von Abweichungsprozessen verloren gegangen sei36, kritisiert er, dass die deutsche Rezeption des Labeling Approach in zunehmendem Maße die Institutionen allein in den Mittelpunkt der Analyse gerückt habe.37 Pilgram/ Steinert (1975) diagnostizieren zur selben Zeit eine Vereinnahmung der Labeling-Theorie durch die kriminalpolitische Wissen- schaft.38 Es gibt zahlreiche ähnliche Kritikpunkte sowie Beiträge39 zu dieser Diskussion, die unter anderem im Kriminologischen Journal von 1972 bis in die 1980er Jahre in fast jeder Ausgabe abgedruckt wurden. Doch auch heute finden sich noch regelmäßig Reflektionen zur Entwicklung der Theoriedebatte.40 Dies spricht für Helge Peters Einschätzung, dass die Kritik den Labeling Approach nicht getroffen habe. Denn diese greife nicht die Theorie an sich an, sondern nur Teilaspekte.41

II. 4 Die Prämissen des „radikalen“ Theorieansatzes

Der frühe Ansatz des42 Labeling Approach, dessen Ansichten auch innerhalb der Kritischen Kriminologie zu zahlreichen Kontroversen führten, wurde neben Fritz Sack unter anderem durch Helge Peters und später auch durch Stephan Quensel vertreten und kann als eine herrschaftssoziologische Analyse der Klassen- und Machtstrukturen gelesen werden. Direkten Einfluss auf die deutsche kritische Kriminologie hatte die englische Diskussion der „radikalen“ Kriminologie, die der deutschen Theorie vorausging und an der Fritz Sack teilnahm. Die oben genannten Grundannahmen, die ein Grundverständnis für den Labeling Approach bieten sollen, sind Bestandteile des frühen Labeling Approach, auch wenn die einzelnen inhaltlichen Punkte zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich gewichtet wurden.

Als „radikal“ ist hier die Intention zu bezeichnen, die „gesellschaftlich-ökonomischen Ver- hältnisse für Kriminalisierung und Kriminalität“43 aufzudecken, verantwortlich zu machen und vor allem zu verändern beziehungsweise abzuschaffen. An dieser Stelle sollen zwei Grundannahmen des „radikal-soziologischen“ Ansatzes Sacks weiter ausgeführt werden.

(1) Kriminalität ist Ergebnis eines Definitions- und Konstruktionsprozesses. Die Selek- tion der Verbrecher unterliegt der Entscheidung der gesellschaftlich Mächtigen.
(2) Ausgehend von der gesellschaftlichen Wirklichkeit als soziale Ungleichheit haben Unterschichtsangehörige höhere Chancen von Kriminalisierung betroffen d.h.

„kriminell“ zu werden.

Die dritte Annahme, dass es durch die Fremdzuschreibung zur Schaffung eines kriminellen Selbstbildes kommen kann, wird in Kapitel III.3.4 wieder aufgegriffen. Bei der Ausfüh- rung der Grundannahmen des frühen Labeling Approachs besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit und soll vielmehr der Verständlichkeit der Argumentation im zweiten Teil der Arbeit dienen.

(1) Kriminalität wird durch Normsetzung und Kriminalisierung durch Normanwendung in interaktiven Prozessen, also aus einer gesellschaftlichen Reaktion heraus, definiert.44 Kriminalisierung werde hier als machtpolitisches Instrument der herrschenden Klasse ge- sehen. Die Machtverhältnisse spiegeln sich in Definitions- und Zuschreibungsprozessen wieder. Die Verteilung des Etiketts „kriminell“ erfolge dabei ungleichmäßig zu Lasten der Unterschicht.45 In der Folge wird die „prinzipielle Unterschiedlichkeit des Kriminellen vom Nichtkriminellen“46 kritisiert. Lamnek (1994) betont, dass erst die Analyse und Auf- deckung der ökonomischen Bedingungen einer Klassengesellschaft deutlich machen würde, dass die Definition von Kriminalität und Kriminalisierung als ein „Ausfluß der Klassenstruktur“47, deren Erhaltung dadurch gewährleistet werden soll, anzusehen und anzuwenden seien.

(2) Der Labeling Approach unterstellt, dass Kriminalität bezüglich der sozialen Schicht- zugehörigkeit gleichmäßig verteilt ist. Doch nicht jede strafbare Handlung, die begangen wird, besitze dieselbe Chance, erkannt, verfolgt und verurteilt zu werden.48 Mit Selektion und Etikettierung durch staatliche Kontroll- und Strafinstanzen, versuchen die Mächtigen den Status Quo zu wahren. Es seien vorwiegend die „sozial Ohnmächtigen“49 und Rand- seiter, die etikettiert werden. In der Praxis könne davon ausgegangen werden, dass die An- gezeigten, Verurteilten, Bestraften und Eingesperrten häufiger zu einer diskriminierten sozialen Gruppe gehören.50 Die offiziell bekannt gewordene Kriminalität gelte folglich als Ausdruck unterschiedlicher Machtverteilung in der Gesellschaft. Auch der Begriff des Verbrechens, der ursprünglich den Anspruch hatte, für jede Person bestimmt zu sein, finde seinem Schwerpunkt nach seinen Adressatenkreis bei den unteren Sozialschichten und werde als ein Mittel gesehen, dass sich an die Unterschicht wende, um diese zu diszipli- nieren, so Kaiser (1997).51 Aus dieser Überlegung resultierte für die Kritische Kriminologie die verstärkte Fokussierung auf die Mittel- und Oberschichtkriminalität.

Bader (1995) weist darauf hin, dass auf der Interaktionsebene ansetzende soziologische Analysen in ähnlicher Weise wie sozialpsychologische Ansätze „der Gefahr ausgesetzt (sind), Prozesse für spontan zu halten, die in Wirklichkeit das Ergebnis komplexer Wechselbeziehungen von ideologischen und organisatorischen Strategien sind“52. Ob diese Annahme am Phänomen der migrantischen Jugendkriminalität einen Beleg findet und inwieweit bei einer Bestätigung die Mittel des frühen Labeling Approach ausreichen, um sie erklären zu können, soll im Folgenden überprüft werden.

[...]


1 Gransee, Carmen/ Stammermann, Ulla(1992): Kriminalität als Konstruktion von Wirklichkeit und die Kategorie Geschlecht. Versuch einer feministischen Perspektive. Centaurus-Verlagsgesellschaft. Pfaffenweiler, S. 13

2 Weitere „Ideengeber“ sind der Symbolische Interaktionismus, Durkheims Thesen zu Kriminalität, konflikt-theoretische und marxistische Überlegungen sowie die vorausgehenden Ergebnisse der englisch- sprachigen Theoriedebatte.

3 Kaiser, Günther(1997): Kriminologie. Eine Einführung in die Grundlagen, 10. Aufl., C.F. Müller Verlag. Heidelberg, S. 124

4 Der Thematik der vorliegenden Arbeit folgend, seien Sammelbegriffe wie (Jugend-) Kriminalität, Täter, Verbrechen, Migranten, aber auch der Begriff der Normalität jeweils in Anführungszeichen zu denken.

5 Hier müssen zwei Punkte angemerkt werden: zum einen müsste eigentlich von sJugendlichen und Heran- wachsenden sprechen, da beide Gruppen von Problematisierung und Kriminalisierung betroffen sind. Zum anderen handelt es sich bei den Betroffenen häufig nicht um Migranten, sondern um deren Nach- fahren. Beide, in der öffentlichen Diskussion vereinfachte Begriffe werden in dieser Arbeit übernommen.

6 Aufgrund der Beschränktheit der vorliegenden Arbeit kann nur am Rande auf weitere Instanzen wie die Wissenschaft, die Wirtschaft oder informelle Instanzen wie die Schule oder die Familie, deren Einfluss meist unterschätzt wird, eingegangen werden.

7 Weitere verwendete Begriffe bzw. Zuschreibungen sind: „konventionell“, „mainstream“, „alt“ im Gegen- satz zu: „neu“, „kritisch“, „radikal“, „konfliktorientiert“, marxistisch“ oder „sozialistisch“.

8 Sack, Fritz (1968): Neue Perspektiven in der Kriminologie. In: Ebd./ König, René(Hg.)(1968): Kriminal- soziologie. Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt a.M, S.470

9 Sack, Fritz (1968), S.471

10 Ebd.(1993): Kritische Kriminologie. In: Kaiser, Günther et al.(Hg.)(1993): Kleines kriminologisches Wörterbuch, 3. Aufl., C.F. Müller Verlag. Heidelberg, S. 330

11 Ebd., S.336

12 Kaiser (1997, S. 118) merkt an, dass sich hinter der jeweiligen Grundposition eine bestimmte Staatsauf- fassung verberge.

13 Hess, Henner(1986): Kriminalität als Alltagsmythos. Ein Plädoyer dafür, Kriminologie als Ideologiekritik zu betreiben. In: Kriminologisches Journal (1/86), S. 27

14 Durkheim begründet dies mit dem Vorhandensein von Abweichung und Strafe in jeder Gesellschaft. Des Weiteren weist er auf die Funktionalität von Kriminalität bezüglich der Definition sozialer Normen hin. Siehe hierzu: Durkheim, Émile(1968): Kriminalität als normales Phänomen. In: Sack, Fritz/ König, René(Hg.)(1968): Kriminalsoziologie. Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt a.M., S. 3

15 Kaiser, Günther(1997), S. 98

16 Becker, Howard S. (1981): Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, S. 8

17 Sack, Fritz(1968), S. 433

18 Ebd.(1996): Kriminalität dementieren - sonst nichts? In: Kriminologisches Journal (4/96), S. 299

19 Insbesondere Freiheitsstrafen scheinen Stigmatisierungswirkungen innezuhaben. Ehemaligen Gefan- genen wird es besonders schwer gemacht, im gesellschaftlichen Leben und insbesondere auf dem Arbeitsmarkt (wieder) Fuß zu fassen. Gerade aus diesem Grund sind erneute Straftaten zu erwarten.

20 Kaiser, Günther(1997), S. 26/ S. 98

21 Ausführlicher zum Diversionsgedanken sowie der Kritik an demselben,siehe Kaiser, Günther(1997), S.56

22 Sack, Fritz(1972): Definition von Kriminalität als politisches Handeln: der labeling approach. In: Kriminologisches Journal (4/72), S. 8

23 Ebd., S. 8; Allerdings ging Fritz Sack in späteren Schriften auf die Kritik ein und gab seinen Kritikern z.T. Recht.

24 Hierzu siehe: Von Trotha, Trutz(1977): Ethnomethodologie und abweichendes Verhalten. Anmerkungen zum Konzept des „Reaktionsdeppen“. In: Kriminologisches Journal (2/77), S. 98-115

25 Ebd., S. 21/ S. 99

26 Ebd., S. 37

27 Schumann, Karl F.(1973): Ungleichheit, Stigmatisierung und abweichendes Verhalten. Zur theoretischen Orientierung kriminologischer Forschung. In: Kriminologisches Journal (2/73), S. 81 f.

28 Kaiser, Günther(1997)., S. 118

29 Kaiser (1997) hebt drei unterschiedliche Ansätze des Interesses und der Herangehensweise innerhalb des Labeling Approach hervor. Der Ethnomethodologische Ansatz wende sich den gesellschaftlichen Kontrollinstanzen zu. Der zweite Ansatz orientiere sich am symbolischen Interaktionismus. Sein Haupt- interesse gelte den Prozessen der Verfestigung abweichenden Verhaltens aufgrund sozialer Reaktionen. Der dritte, mit der Konflikttheorie verbundene Ansatz, beziehe die gesellschaftlichen Macht- und Schicht- strukturen mit ein. Siehe hierzu: Kaiser, Günther(1997), S. 98

30 Lamnek, Siegfried(1994): Neue Theorien abweichenden Verhaltens. Wilhelm Fink Verlag. München, S.26

31 Ebd., S. 57

32 Hess, Henner(1986), S. 24

33 Stallberg, Friedrich W. (1975): Bemerkungen zur Rezeption des Labeling-Ansatzes in der westdeutschen Kriminalsoziologie. In: Kriminologisches Journal (3/75), S. 163

34 Sack, Fritz(1993), S.335

35 Ebd., S. 161

36 Ebd., S. 168

37 Ebd., S. 167

38 Pilgram, Arno/ Steinert, Heinz(1975): Die Labeling-Theorie aus der Perspektive kriminalpolitischer Pragmatik. In: Kriminologisches Journal (3/ 75), S. 172

39 Beispiele dafür sind: Opp, Karl-Dieter(1972): Die "alte" und die "neue" Kriminalsoziologie: Eine kriti- sche Analyse einiger Thesen des labeling approach. In: Kriminologisches Journal: (4/ 72), S. 32-52; Keckeisen, Wolfgang(1974): Die gesellschaftliche Definition abweichenden Verhaltens: Perspektiven und Grenzen des labeling approach. Juventa Verlag. München; Hess, Henner/ Scheerer, Sebastian (1997): Was ist Kriminalität? Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie. In: Kriminologisches Journal (2/1997), S. 83-155

40 Siehe u.a.: Althoff, Martina(1998): Kriminologisches Journal - 30 Jahre danach. In: Kriminologisches Journal (1/98), S. 2-6; Quensel, Stephan(1998): Kriminologie als gesellschaftliches Vernunftunternehm- en. Aktuelle Nachbemerkungen zum Paradigmen-Streit. In: Kriminologisches Journal (1/98), S. 15-41; Dellwing, Michael(2008): Reste: Die Befreiung des Labeling Approach von der Befreiung. In: Krimino- logisches Journal (3/08), S. 162-178; Schneider, H.(1999): Schöpfung aus dem Nichts. Missverständnisse in der deutschen Rezeption des Labeling Approach, in: MschKrim, S. 202-213

41 Peters, Helge(1996): Als Partisanenwissenschaft ausgedient, als Theorie nicht sterblich: der labeling approach. In: Kriminologisches Journal (2/96), S. 110

42 Die Bezeichnung „radikal“ wurde aus der englischsprachigen Theoriedebatte als Bezeichnung für die „neue“ Kriminologie übernommen, wird jedoch von der kritischen Kriminologie abgelehnt. Fritz Sack bezeichnet den Ansatz 1968 als „radikal-soziologisch“ sowie „marxistisch-interaktionistisch“.

43 Lamnek, Siegfried(1994), S. 39

44 Lamnek (1994, S. 46) fügt an, dass entgegen der traditionellen Kriminologie, die keine Probleme in der Anwendung von Normen sieht, die „radikale“ Kriminologie eine solche als höchst komplexen sozialen Vorgang auffasst.

45 Sack, Fritz(1972), S. 23

46 Ebd.(1968), S. 442

47 Lamnek, Siegfried(1994), S. 40 f.

48 Um solche komplexen Vorgänge zu analysieren, bezieht Sack sprachanalytische Erwägungen ein. Die Interpretationsherrschaft setze sich in den Sprachformen über abweichendes Verhalten fort. Sie zeige sich als wesentliches Mittel der Gestaltung und Sinngebung im Herstellungsprozess sozialer Wirklichkeit. Erst in der Kontrastierung des „Bösen“ und der „Normalität“ könne „Kriminalität“ ihre Bedeutung erlangen. Siehe hierzu auch: Lamnek, Siegfried(1994), S. 47f.

49 Kaiser, Günther(1997), S. 98

50 Cremer-Schäfer, Helga(1997): Kriminalität und soziale Ungleichheit. Über die Funktion von Ideologie bei der Arbeit der Kategorisierung und Klassifikation von Menschen. In: Frehsee, Detlev et al.(1997): Konstruktion der Wirklichkeit durch Kriminalität und Strafe. Nomos Verlagsgesellschaft. Baden-Baden, S. 68

51 Kaiser, Günther(1997), S. 123

52 Bader, Veit-Michael(1995): Rassismus, Ethnizität, Bürgerschaft: Soziologische und philosophische Über- legungen. Westfälisches Dampfboot. Münster, S. 22

Details

Seiten
52
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640745982
ISBN (Buch)
9783656576792
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160687
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Jugendkriminalität Kriminalität Soziale Konstruktion Labeling Approach Migration

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Titel: Die soziale Konstruktion von Kriminalität am Beispiel jugendlicher Migranten