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Die Christenverfolgung unter Nero

Ursachen und Rechtsgrundlagen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt:

I. Einleitung

II. Ursprung und Motivation der Verfolgungen

III. Verlauf und Anklage

IV. Das Vorgehen der Behörden

V. Institutum Neronianum? - Fazit

VI. Bibliographie

I. Einleitung

Unter Nero begegnet uns der erste größere Konflikt[1] zwischen Christentum und römischem Staat. Wenn Chadwick hierzu meint, dass dies weniger einer „Prinzipienfrage von grund­legender Bedeutung“ als einem „unglücklichen Zufall“ geschuldet sei,[2] so trifft dies vielleicht in Bezug auf den Auslöser der Geschehnisse zu, wird aber sicher nicht den Ursachen gerecht. Schließlich muss man doch ganz klar sagen, dass in Rom schon eine Stimmung vorgeherrscht haben muss, die Nero den Nährboden lieferte, dem Volk die Christen als Verantwortliche für den Brand Roms oder zumindest als Sündenböcke unterzuschieben.[3] Auf die verschiedenen ur­sächlichen Momente, die die noch junge Religion in eine solch exponierte Position bringen und schließlich zum Ziel von Verfolgung werden lassen, wird im Weiteren noch einzugehen sein.[4]

Für die christliche Tradition wird Nero mit seinen Taten zum Inaugurator der staatlichen Verfolgung von Christen,[5] eine Sichtweise, die auch in der modernen Literatur vertreten wird. So ist man versucht gewesen, die systematische Verfolgung von Anhängern des christlichen Glaubens auf eine lex des letzten julischen Kaisers zurückzuführen, eine Hypothese die mit Vehemenz verteidigt, beziehungsweise angefochten wird.[6] Auf welchen rechtlichen Grund­la­gen die neronische Verfolgung fußte, ob und welche Auswirkungen sie für die zukünftige Behandlung der Christen hatte, wird uns ebenso interessieren wie die Frage nach der Existenz eines institutum neronianum. Man wird jedoch auf Grund sowohl christlich-apologetischer als auch vor allem paganer Quellen ganz klar erkennen müssen, dass die Berichte über die Maß­nahmen des princeps und deren Folgen maßgeblich für die Tradition seiner Rolle als erster Verfolger sind. Berufen sich doch auch die christlichen Autoren auf die heidnischen als aus­sagekräftige Quellen für staatlich exekutive Repressionen.[7] Auf die Anfeindungen im Volke sowie die intellektuelle Auseinandersetzung mit der neuen Religion, die uns im Folgenden noch beschäftigen werden, muss hier nicht explizit hingewiesen werden. Dennoch bedarf diese traditionelle Sichtweise einer genaueren Analyse, folgt sie doch immer einer Intention,[8] wie zum Beispiel bei Tertullian, dessen Werkestitel „Apologeticum“ schon äußerst aussagekräftig ist. Sie wirkt dennoch bis in die heutige Zeit nach, so dass der Name Neros selbst in der Moderne untrennbar mit dem Christenverfolger und Brandstifter Roms ver­bunden wird. Über die Motivation, Ernsthaftigkeit und die Auswirkungen der neronischen Verfolgung mag gestritten werden, dennoch findet sie in jeder Biographie des Kaisers und jedem kirchengeschichtlichen Handbuch ihren Platz.

Die Interpretation der Motivlage, die Analyse der rechtlichen Grundlage und auch der exekutiven Maßnahmen sind somit entscheidend, um einen Ausblick auf die weitere Behandlung der nach Tacitus[9], Sueton[10] und Plinius[11] so ungeliebten superstitio externa zu geben.

II. Ursprung und Motivation der Verfolgungen

Vom taciteischen Bericht abgesehen ist Sulpicius Severus der einzige, der einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Brand Roms und der Verfolgung der Christen herstellt. Allerdings kann man hier davon ausgehen, dass der spätantike Autor Tacitus nutzt bzw. diesen fast ausschreibt.[12] So bleibt Tacitus als einzige der wenigen paganen Quellen, die ein etwaiges Motiv liefert. Die Mehrheit der Berichte über die Christenverfolgungen findet sich bei den Anhängern der neuen Religion, für die ein solcher topos natürlich von besonderer Bedeutung war. Aber auch sie machen meist nur eine ungenaue Angabe über die Gründe von Repressionen, die vor allem Furcht und Neid gegenüber dem erstarkenden Christentum beinhalten. Dass wir so wenig aus heidnischen Quellen über das Thema der Verfolgungen erfahren, mag am anfänglichen Desinteresse oder möglicherweise an dem späteren großen Einfluss der Christen liegen, so dass solcherlei Schriften der damnatio memoriae anheim fielen.

Sueton als weiterer paganer Autor berichtet zwar über die Hinrichtungen von Christen unter Nero, gibt keine konkreten Gründe für diese Maßnahmen an, lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass er die Todesurteile für gerechtfertigt und sinnvoll hält: afflicti suppliciis Christiani, genus hominum superstitionis novae ac maleficae.[13] Interessant ist hier die Wortwahl Suetons. So wird dem an sich schon problematischen Faktum eines neuen Glaubens oder eines neuen Kultes, wobei die superstitio eindeutig negativ konotiert ist, durch die Konstruktion mit ac das nachdrücklich wichtigere Merkmal maleficus angeknüpft. Ebenso ordnet Sueton diese Maßregel Neros nach seiner eigenen Bucheinteilung unter die positiven Unternehmungen des princeps, so dass hier eine Interpretation der Beurteilung des Kaiser­biographen nicht schwer fällt.

Tacitus hingegen gibt einen klaren Grund für die Verfolgung der Christen. Nach ihm zeitigen die gemäß seinem Urteil hervorragenden Maßnahmen des princeps zum Wiederaufbau der Stadt zwar halbwegs Erfolg,[14] dennoch wollen die Gerüchte, Nero hätte die Stadt angezündet, nicht verstummen.[15] So schiebt er dem Volk die Christen als am Brand Schuldige unter:
… ergo abolendo rumori Nero subdidit reos.[16] Tacitus, der selber offen läßt, ob er Nero für den Brand der Stadt schuldig hält, lässt hier keinen Zweifel, dass die Christen in diesem Fall lediglich als Sündenböcke dem Volk präsentiert werden. Für den Autor selber sind die Christen auf Grund ihrer flagitia bei der plebs verhasst und, wie im weiteren Text zu sehen ist, der „ausgesuchtesten“ Strafen durchaus würdig. Die Schwierigkeit der Beurteilung der Berichte sowohl des Tacitus als auch des Sueton besteht hier in der Tatsache, dass beide mit einem Abstand von rund fünfzig Jahren nach dieser Episode schreiben, sie sich zwar auf zeitgenössische Berichte stützen, aber dennoch in ihrem Denken geprägt sind von ihrer eigenen Zeit. Hat sich doch das Christentum bis zu dieser Zeit um einiges mehr ausbreiten können und ist nach dem heidnischen Urteil zu einer Plage nicht nur in Judäa, sondern auch in Rom und in den Provinzen geworden.[17] So stehen Tacitus und auch Sueton unter dem Eindruck ihrer Zeit, wenn Tacitus von den flagitia der Christen berichtet. Die flagitia bezeichnen hier einen „Vergehenskatalog“, wie ihn der Apologet Minucius Felix in seinem Dialog Octavius auf den Punkt bringt[18] und den Tacitus bei seinem zeitgenössischen Leser anscheinend als bekannt voraussetzt, indem er sich hier nicht noch einmal die Mühe macht einzelne Vorwürfe aufzugreifen. Aber sicher lässt sich diese Stimmungslage nicht nur auf die Zeit fünfzig Jahre nach dem Brand Roms projizieren, sondern es muss auch zur Zeit Neros eine Stimmung unter dem Volk geherrscht haben, die es dem princeps einfach machte, der plebs die Christen als Verbrecher und am Brand Schuldige vorzuführen. Denn diese scheint die Opfer dankbar angenommen zu haben, zumindest be­richtet Tacitus nichts Gegenteiliges und für ihn ist diese Episode nach den „Schauspielen“[19] in Circus und den Gärten beendet. Dennoch nutzt der Historiograph auch am Ende dieses Absatzes noch die Gelegenheit für einen Seitenhieb gegen den von ihm so ungeliebten princeps, indem die grausamen Todesarten schließlich Mitleid erregten, da die Verurteilten ja der Grausamkeit eines Einzelnen statt dem öffentlichen Interesse geopfert wurden.[20] Diesen Nachsatz kann man wohl getrost der Intention des Tacitus zuschreiben. Vielmehr herrschte im an wilde Spiele gewöhnten Rom eine gewisse Abgestumpftheit oder sogar ein Verlangen nach solcherlei Grausamkeiten,[21] berichtet doch auch Seneca von den ausufernden Gelüsten der turba.[22] Endlich muss man konstatieren, dass die den Christen angehängten Strafen weder allzu absonderlich waren noch in irgendeiner Weise nicht den üblichen entsprachen.[23]

[...]


[1] Sieht man hier vom Konflikt zwischen Juden und Judenchristen unter Claudius ab, Suet. Claud. 25, 4.

[2] Chadwick 21.

[3] Vgl. Tac. Ann. XV, 44, 2.

[4] Dazu unten Art. II.

[5] Dedicator damnationis nostrae, Tert. apol. 5,3; ad nat. I 7, 8; christianum puniunt leges, Tert. ad nat. I 6, 4;

hoc initio in Christianos saeviri coeptum. Post etiam datis legibus reliogio vetabatur. Palamque edictis propositis Chritianum esse non licebat, Sulp. Sev., Chron II 29,3.

[6] So z. B. die Kontroverse zwischen Borleffs und Zeiller.

[7] Vgl. Tert. apol. 5, 3.

[8] So und vor allem auch bei Lactantius, De mortibus persecutorum.

[9] Tac. Ann XV, 44, 3.

[10] Suet. Nero 16, 2.

[11] Plin. epist. X 96, 4b-6.

[12] Hierzu auch die Untersuchung bei Sonnabend 115.

[13] Suet. Nero 16, 2.

[14] Vgl. Tac. Ann. XV, 43; 44,1.

[15] Sed non ope humana, non largitionibus principis aut deum placamentis decedebat infamia, quin iussum incendium crederetur, Tac. Ann. XV 44, 2.

[16] Tac. Ann. XV, 44, 2.

[17] Beredtes Zeugnis ist der Briefwechsel zwischen Trajan und Plinius, Plin.ep. X 96.

[18] Vgl. Min. Felix Octavius, 9, 2-7.

[19] Vgl. Tac. Ann XV 44, 4.

[20] Vgl. Tac. Ann. XV, 44, 5.

[21] So auch Schiller 437.

[22] Vgl. Sen. ep. 7, 3-6.

[23] Zum Strafenkatalog s. Art. III.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640739301
ISBN (Buch)
9783640739592
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160662
Note
Schlagworte
Christenverfolgung Nero Ursachen Rechtsgrundlagen

Autor

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