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Der Umgang mit Rollenkonflikten im Fernstudium

Eine empirische Untersuchung

Bachelorarbeit 2010 86 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Danksagung

3. Rollendifferenzierung und Rollenidentität
3.1 .Grundlagen der Rollentheorie und soziologische Aspekte von,,Rolle“
3.2. Kompetenzansprüche an die „Rolle* im Fernstudium

4. Volition
4. 1 .Kognitive und volitionale Mechanismen der intentionalen Handlungssteuerung Anwendung im Fernstudium
4.2. Formen der Selbststeuerung Anwendung im Fernstudium
4.3.Selbstgesteuertes Lernen im Fernstudium Ergebnisse einer Studie an den AKAD Privathochschulen

5. Forschungsarbeit
5.1 .Datenerhebung
5.2. Stichprobe
5.3. Ergebnisse aus den Willenstests
5.4.Interviewergebnisse

6. Auswertung der Interviews
6.1 .Rollentheoretische Auswertung der Ergebnisse
6.2. Auswertung der Lerntypen, Lernstrategien und Kompetenzen innerhalb des Fernstudiums
6.3. Auswertung der Ergebnisse anhand volitionaler Handlungstheorien
6.4. Abschließendes Gesamtergebnis

7. Fazit

8. Ausblick

9. Literaturverzeichnis

10. Glossar

Anhänge:

Ergebnisse aus Willenstests und Interviews

1. Einleitung

„Das Fernstudium ermöglicht mir, meinen Beruf, die Familie und meinen Wunsch nach Bildung zu vereinbaren. Aber das alles unter einen Hut zu kriegen ist manchmal ein Kraftakt!“ Diesen Satz habe ich schon oft gesagt, als ich mich in Gesprächen mit anderen über mein Studium unterhalten habe. Oft werde ich gefragt, „ wie schaffst du das eigentlich? Ich könnte das nicht, abends noch lernen... “. Das ist oft schwer, nach einem harten Arbeitstag, der Kinderbetreuung und dem Haushalt noch die Kraft und Motivation zum Lernen aufzubringen. Ich habe verschiedene Funktionen in meinem Leben, unterschiedliche Rollen, die mich beanspruchen. Jede ist auf ihre Weise wichtig für mich und erfüllt mich, allerdings entsteht oftmals das Problem, dass eine Rolle zu­gunsten der Anderen zu kurz kommt. Es müssen Kompromisse gemacht werden, um die verschiedenen Anforderungen möglichst ausgeglichen zu erfüllen. Es gibt auch immer wieder Phasen, in denen ich mir wünsche, eine Pause zu machen, eine Rolle ab­zulegen, nur für eine Zeit, um etwas Luft zu haben. Doch da dies nicht möglich ist, muss ich einen Weg finden, mich immer wieder aufs Neue zu motivieren, um die Rol­lenkonflikte zu bewältigen.

Meine eigene Situation hat mich dazu bewogen, mich dem Thema näher zu widmen. Welche Rollen und damit verbundenen Erwartungen gibt es in unserer Gesellschaft? In welcher Situation befinden sich andere Studenten*[1], mit welchen Rollenkonflikten ha­be sie zu kämpfen und was tun sie, um diese zu bewältigen? Diese und weitere Fragen werde ich anhand von soziologischen und psychologischen Theorien erörtern. Zunächst gehe ich auf die Rollentheorien ein, die die Grundlage für das Verständnis der ver­schiedenen Funktionen des Individuums in der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Normen und Erwartungen bietet. Anschließend setze ich mich mit den Kompetenzan­sprüchen im Fernstudium auseinander und ziehe Daten einer Studie zu Lernstrategien im Fernstudium dazu. Danach werde ich auf verschiedene Theorien der Volition, Wil­lenspsychologie eingehen und diese im Hinblick auf die Anwendung im Fernstudium erörtern. Der Fokus meiner Arbeit liegt auf der Frage: ,, Wie motivieren sich die Studen­ten im Fernstudium, um die verschiedenen Rollen G Identitäten in ihrem Leben zu ver­einbaren?“ Dazu werde ich 5 narrative Interviews Studenten mit verschiedenen Le­bensläufen auswerten.

Zum Abschluss meiner Arbeit fasse ich die Forschungsergebnisse zusammen, gehe im Fazit auf meine persönliche Situation ein, wäge den Ertrag der Ergebnisse für meinen individuellen Lebenslauf ab und gebe einen Vorschlag zu Lernstrategien ab.

2. Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die mich bei der Anfer­tigung meiner Bachelor Arbeit unterstützt haben. В esonders möchte ich Herrn Markus Deimann für seine gute Betreuung und seine stets schnellen Antworten auf meine Fra­gen danken.

Mein Dank gilt auch meiner Familie, die mich bestmöglich unterstützt hat, mir immer Mut gemacht hat und dank ihr ich freie Zeiten hatte, um mich meiner Arbeit zu wid­men.

Nicht zuletzt möchte ich mich vor allem auch bei meinen Kindern bedanken, die in den letzten Monaten viel Rücksicht auf mich genommen haben.

3. Rollendifferenzierung und Rollenidentität

In diesem Abschnitt geht es darum einen Überblick über verschiedene Rollentheorien zu erhalten. Dazu ziehe ich Theorien von Parsons, Dahrendorf und Beck zur Hilfe, die sich mit den unterschiedlichen Aspekten der Rollen des Individuums in der Gesell­schaft befassen. Danach wird kurz soziologisch eruiert, welche Kompetenzen von Fernunistudenten erwartet werden.

3.1. Grundlagen der Rollentheorie und soziologische Aspekte von,,Rolle“

Was bedeutet der Begriff,,Rolle'? Es gibt dafür in der Soziologie unterschiedliche De­finitionen. Dahrendorf definiert die sozialen Rollen als „ ... Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfend' (Weißhaupt 2008, S31)

Der Begriff Rolle bezeichnet nach Ralph Linton die „ Gesamtheit der kulturellen Mus­ter, die mit einer Position verbunden sind und die unabhängig von einem konkreten einzelnen gelten.“ (Abels 2007, S. 101). Das System ist abhängig von den einzelnen Positionen innerhalb der Gesellschaft, wer diese Positionen einnimmt, das ist wandel­bar und für das Fortbestehen des Systems nicht ausschlaggebend. Die Rolle ist dann die Summe aller Positionen, die ein Individuum innerhalb der Gesellschaft innehat.

Eine Rolle ist immer an Eigen- und Fremderwartungen geknüpft. Dabei sind die indi­viduellen Wünsche der Person in der Rolle nicht immer konform zu den gesellschaftli­chen Rollenerwartungen. Durch Diskrepanzen zwischen dem Individuum und seiner Umwelt kann es zu Konflikten innerhalb der Rolle kommen, die die Handlungen beein­flussen. Denn immer wenn bestimmte Erwartungen an jemanden in einer Position / Rolle gestellt werden, wird gleichzeitig automatisch von gewissen Handlungen ausge­gangen, die das Individuum zur Erfüllung der Rolle auf eine bestimmte Art und Weise ausführen sollte. Diese Handlungen werden positiv oder negativ sanktioniert. Eine po­sitive Sanktion ist für das Individuum eine В efriedigung, da es В estätigung und Aner­kennung für sein Tun erntet. Die Handlung hat also den Zweck, Befriedigung für das Individuum zu schaffen. Parsons geht (neben anderen Soziologen) davon aus, dass das Individuum eine Handlung dann als glückbringend und befriedigend empfindet, wenn es eine positive Sanktion seitens der Gesellschaft erfährt. Demnach ist also eine Hand­lung, die das Wohl und die Befriedigung der Gesellschaft als Ziel hat, auch positiv für das Individuum. Parsons spricht von „ Gruppensolidarität“ (Weißhaupt 2008, S.21) in einem gemeinsamen Wertesystem. Das bedeutet, dass das Handeln des Einzelnen in einer Rolle durch gemeinsame Werte und Erwartungen bestimmt ist. In diesem Zu­sammenhang wird deutlich, dass das Handeln in der Rolle nicht frei ist sondern institu­tionalisiert wird, also abhängig von den jeweiligen der Gruppe entsprechenden Werten und Normen ist. Das geschieht in jedem Kollektiv, die Größe dieser Gruppe hat dabei keine Bedeutung. Es kann die Familie sein, die Einfluss nimmt, der Betrieb in dem man arbeitet oder aber auch die Gesellschaft an sich mit ihren grundlegenden und übergeordneten Normen und Werten, Religionen und Rollenverständnissen. Um die Abhängigkeit des Handelns des Individuums in seiner Rolle nach Parsons nochmal deutlich zu machen, möchte ich folgendes В eispiel eines Fernunistudenten aufführen: Acht Wochen vor der Klausur hat sich eine Skype Lerngruppe gebildet um sich ge­genseitig bei der Vorbereitung und Bearbeitung des Stoffs zu unterstützen. Sie tref­fen sich zwei Mal pro Woche zum gegenseitigen Austausch. Zum einen steht das kollektive Ziel, die Klausur (gut) zu bestehen für alle im Vordergrund. Es besteht in dieser Gruppe ein kollektives Ziel, auf das hingearbeitet wird. Jeder Teilnehmer der Lerngruppe ist verpflichtet sich mit einzubringen, wenn er die Erreichung des Ziels unterstützen möchte. Die Teilnahme an dieser Lerngruppe ist an Eigen- und Fremderwartungen geknüpft. Die Studenten erwarten von ihren Kommilitonen sich aktiv in der Gruppe einzubringen um möglichst fruchtbare Arbeitsergebnisse zu er­zielen. Von sich selbst erwarten die Studenten das Gleiche, denn ein Nichteinbrin­gen in die Gruppe würde seitens der anderen zu einer negativen Sanktion führen was nach Parsons das Bedürfnis des Individuums nicht befriedigt. Es ist demnach sehr wahrscheinlich, dass alle Teilnehmer der Skype Lerngruppe ihr bestes zutun, um die Gruppe möglichst gut zu unterstützen ... zum einen um das kollektive Ziel der bestandenen Klausur zu fördern, zum anderen um eine positive Sanktion in Form von Dank oder Anerkennung der Mitstudenten zu erfahren und sein Bedürfnis somit zu befriedigen. Die Rolle des Fernunistudenten wird durch die engen Erwar­tungshaltungen des Kollektivs stark institutionalisiert.

In diesem Beispiel passiert Bedürfnisbefriedigung auf zwei Ebenen: zum einen die di­rekte Bedürfnisbefriedigung durch die positive Sanktion der anderen Teilnehmer in der Gruppe, zum anderen eine indirekte, instrumentelle Bedürfnisbefriedigung durch die gesellschaftliche Funktionalität, in diesem В eispiel die Funktionalität des Individuums für das Kollektiv. Nach Parsons können Bedürfnisse befriedigt werden, indem das In­dividuum seine Funktion in der Gesellschaft ausübt und zur Aufrechterhaltung des Sys­tems beiträgt. Die Funktionalität des Individuums in einer Rolle kommt durch die Al­lokationsfunktion zustande.

Auch Dahrendorf geht in seiner Theorie von einem sich rollengemäß verhaltendem Menschen aus, dem „Homo Sociologicus“. (Weißhaupt 2008, S.29) Er sieht die Rolle als Schnittpunkt zwischen der Gesellschaft und dem Individuum. Die Rolle verkörpert das vom Individuum erwartete Handeln. Allerdings sieht er die Rollenerwartungen, die von der Gesellschaft ausgehen als Zwang, die das Individuum in seiner Freiheit ein­schränken. Das Individuum muss sich, wie bei Parsons, an bestimmte Rollenerwartun­gen halten, wenn es eine positive Sanktion erfahren möchte. Dahrendorf unterscheidet diese Erwartungen in drei Kategorien: Muss-Erwartungen, Soll-Erwartungen und Kann-Erwartungen. Er drückt damit den Grad der Verbindlichkeit aus. Auf Muss­Erwartungen folgen Muss-Sanktionen, zum Beispiel führt eine unentschuldigte Nicht­teilnahme eines Studenten an einer angemeldeten Prüfung zur Note „durchgefallen[4]. Muss-Erwartungen sind an Richtlinien, Gesetze und Verträge gebunden. Es gibt dort keine positive Sanktion bei Einhaltung der Regeln, da dieses Verhalten vorausgesetzt wird, es gibt auf dieser Ebene nur negative Sanktionen. Soll-Erwartungen sind Hand­lungen, die nicht festgeschrieben sind, durchaus aber in der Erwartungshaltung der Ge­sellschaft stecken. Eine Soll-Erwartung wäre beispielsweise, dass ein Student in einem gewissen Zeitraum sein Studium absolviert und nicht bei jeder Klausur einen zweiten Anlauf benötigt. Soll-Erwartungen werden positiv oder negativ sanktioniert. Auf Kann- Erwartungen folgen positive Sanktionen, diese Erwartungen sind nicht in der Gesell­schaft verankert und es ist nicht schlimm, wenn diese nicht erfüllt werden. Durchge­hend perfekte Noten werden von einem Studenten nicht erwartet, aber durchaus positiv durch Anerkennung und Lob zur Kenntnis genommen. Es stellt sich die Frage, wer die Rollenerwartungen in diese Aufteilungen definiert. Dahrendorf geht davon aus, dass auch ein Wandel der Erwartungen nicht ausgeschlossen ist, so kann beispielsweise eine Soll-Erwartung zur Kann-Erwartung werden oder umgekehrt. Die Legitimität der Er­wartungen begründet sich in der mehrheitlichen Meinung einer bestimmten Gruppe (z.B. des Betriebes, der Familie, der Gemeinde, der Gesellschaft). Stehen verschiedene Kategorien der Erwartungen in Bezug auf eine Rolle durch verschiedene Gruppen ge­genüber, dann entstehen Rollenkonflikte. Diese sind ,,Intra-Rollenkonflikte“, sie bezie­hen sich auf den Konflikt innerhalb einer Rolle durch verschiedene Rollenanforderun- gen. Das Individuum muss priorisieren, welche Erwartungen mehr und welche weniger verbindlich sind. Es gestaltet seine Rolle somit selber aus, allerdings im Hinblick auf die Anforderungen, die von außen herangetragen werden. Dahrendorf spricht in dem Zusammenhang vom Zwang der Rolle in den Allokationsprozessen. Er unterscheidet im Allokationsprozess zwischen zugefallene Allokationen (zum Beispiel das Ge­schlecht, Familie,...), also Faktoren, die nicht beeinflusst werden können, und aktiv erworbene Allokationsprozesse wie zum Beispiel die Berufswahl, die vom Individuum selbst durchgeführt wird.

Neben den Intra-Rollenkonflikten gibt es nach Dahrendorf noch die Inter­Rollenkonflikte. Diese Konflikte beziehen sich auf die Probleme zwischen den Rollen, wenn beispielweise Erwartungen an eine bestimmte Rolle nicht erfüllt werden können weil Erwartungen an eine andere Rolle die Handlungsfähigkeit einschränken. Fernuni- studenten haben beispielsweise oft das Problem, dass sie in Klausurvorbereitungspha­sen andere Rollen vernachlässigen müssen, um den Ansprüchen in der Rolle des Stu­denten gerecht zu werden.

Die Theorie Ulrich Becks hat andere Schwerpunkte und muss in meinen Augen kurz angeführt werden, wenn man über das Rollenverständnis in der Gesellschaft spricht. Im Gegensatz zu Parsons und Dahrendorf geht Beck nicht von einer Rolle aus, die in ihren Handlungen dem Zwang der Gesellschaft unterworfen ist, sondern spricht in „Risiko­gesellschaft“ von der „Freisetzung von sozialen Rollenerwartungen“ (Beck, 1986, S.121). Die Gesellschaft bietet dem Individuum immer weniger Normen und Zwänge, nach denen es sich in seiner Rolle richten muss. Das Individuum kann, und muss, sei­nen Lebenslauf immer mehr selbst gestalten. Dieser Faktor bietet dem Individuum zwar die Freiheit seine Rollen auszugestalten, allerdings ist diese Freiheit an viel Selbstständigkeit geknüpft. Es werden weniger Hilfestellungen seitens der Gesellschaft zur Verfügung gestellt, so dass das Individuum aus der Fülle an Möglichkeiten ent­scheiden muss, wie es sein Leben gestalten möchte.

Ein Beispiel zur Selbstgestaltung des eigenen Lebenslaufes ist das Fernstudium. Aus eigenem Antrieb heraus entscheidet sich das Individuum zur Verbesserung der Lebens­laufchancen für ein Fernstudium, oftmals neben Arbeit und Familie. Geschlechtsunab­hängig und unabhängig vom kulturellen Hintergrund kann mit entsprechender Vorbil­dung eine Höherqualifikation angestrebt werden.

Um den Anforderungen eines Fernstudiums neben der Arbeit und / oder der Familie gerecht zu werden, bedarf es verschiedener Kompetenzen. Im nächsten Abschnitt möchte ich kurz auf die Kompetenzen eingehen, die in einem Fernstudium benötigt werden.

3.2. Kompetenzansprüche an die „Rolle“ im Fernstudium

Die „RollU‘ Fernunistudent ist eine neben vielen anderen Rollen. Ein Fernunistudent kann weitere Rollen innehaben wie z.B.: Berufstätiger, Eltern, ehrenamtlicher Mitar­beiter, politische Rollen, private Rollen (Tochter/Sohn, Partner, Freund, ...) und weite­re ... Um die Rolle des Fernunistudenten neben den anderen, wie auch immer definier­ten Rollen zu meistern, sind gewisse Kompetenzen von besonderer Bedeutung? Die Meinung über die Gewichtung der Kompetenzen geht teilweise auseinander, ich möch­te in diesem kurzen Abschnitt die Kompetenzen erläutern, die in meinen Augen und aus meinen Erfahrungswerten besonders wichtig für das erfolgreiche Gelingen in der Rolle als Fernunistudent sind?

Grundkompetenz für ein Fernstudium ist eine gewisse Vorbildung. Demnach eine fach­liche Kompetenz, die der Studierende mitbringen muss, um sich mit der wissenschaft­lichen Thematik eines Studiums auseinandersetzen zu können. Gerade in einem Fern­studium, bei dem es nur wenig Präsenz und persönliche Kommunikation zwischen den Studierenden gibt, sind soziale Kompetenzen auch ein sehr wichtiger Faktor. Die Stu­dierenden müssen aus meiner Sicht über ein hohes Maß an Offenheit und Kommunika­tionsstärke verfügen, um die virtuellen Lerngruppen oder die moodle Umgebung aktiv für sich gewinnbringend nutzen zu können. Kommunikationsfähigkeit und Offenheit zählen zu dem В ereich, der in der Wirtschaft „Employability“ genannt wird.

Damit sind persönliche Qualifikationen, Handlungskompetenzen und individuelle Fä­higkeiten gemeint, die neben den Fachkenntnissen eine gute Arbeitskraft ausmachen? Diese Kompetenzen sind für ein Fernstudium ebenso relevant wie für das spätere e- rufsleben. Zu diesen Kompetenzen zählen zum В eispiel überfachliche Kompetenzen und Mentalitäten wie sie auch in einer Publikation des Institutes für eschäftigung und Employability von Prof. Dr. Jutta Rump beschrieben werden (Rump 2009, S.7):

- Teamfähigkeit о Konfliktfähigkeit
- Kommunikationsfähigkeit
- Zielorientiertes und aufgabenorientiertes Denken und Handeln
- Reflexionsfähigkeit
- Eigenverantwortung
- Eigeninitiative
- Veränderungsbereitschaft
- Engagement
- Belastbarkeit
- Lernbereitschaft

Gerade der Sektor der Mentalitäten ist an eine starke Selbststeuerung gebunden. In der Rolle als Fernunistudent besteht die Gefahr, in Willenskonflikte zu anderen Rollen zu geraten. Aus Erfahrung weiß ich, wie schwer es manchmal sein kann, die Motivation zum Lernen aufzubringen, gerade wenn Probleme oder Belastungen in den anderen Rollen einem Kraft und Zeit abverlangen. Der Wille es zu schaffen stärkt und leitet in der Rolle als Fernunistudent, allerdings ist der Wille, der auch in anderen Rollen sicht­bar wird, etwas fließendes, das von vielen Faktoren beeinflusst wird.

Im nächsten Abschnitt werde ich näher auf die Theorien der Handlungs- und Selbst­steuerung eingehen und den Bezug zum Fernstudium mit den Theorien herausarbeiten.

4. Volition

Der Willensbegriff wird in der Psychologie vielfältig verwendet. Die Willenspsycholo­gie fand mit Kant seine Anfänge, ging u. A. weiter über Schopenhauer, Feuerbach und Kierkegaard (Petzold 2001, S.23-24). Auch Darwin und Nietzsche befassten sich mit dem Thema des menschlichen Willens, Nietzsche brachte die Diskussion mit seinem „Willen zur Macht[4] (Petzold 2001, S.24) .zu einer Explosion des „Willens“-

Begriffs... “ (Petzold 2001, S.24). Es ist ein schwieriges Unterfangen den Willensbe­griff genau zu definieren, allerdings möchte ich zwei Definitionen anführen, die den Begriff der Volition in meinen Augen für meine В earbeitung und späteren Auswertun­gen gut verdeutlichen:

„ Unter Volition versteht man die durch den Willen gesteuerte Fähigkeit der Umwand­lung antizipierender Emotionen in ergebnisorientiertes Verhalten einschließlich Aus­wahl, Planung und Umsetzung von Handlungen“ (Waldemar, S.3)

Die Willenshandlung ist ein Prozess, geleitet vom Ziel, das man erreichen möchte. Da­bei muss sich das Individuum im Prozess Prioritäten setzen, damit es die Handlung steuern kann. Wille hat mit Vernunft zu tun, das Wissen, das richtige tun zu müssen um sein Ziel zu erreichen, wie auch immer dieses geartet ist.

„Die Willenshandlung im engeren und im spezifischen Sinn des Wortes, die mit einem Kampf der Motive, mit Anstrengung und Überwindung von Schwierigkeiten verbunden ist, entsteht dann, wenn ein Widerspruch, ein Konflikt zwischen dem gewünschten Ziel und unerwünschten Mitteln oder Folgen auftritt und die Handlung nur ausgeführt wer­den kann, wenn die konflikthaften Tendenzen dem zentralen Streben untergeordnet werden(Rubinsetin, 1940/1984).

Auch in dieser Definition wird deutlich, dass die Willenshandlung durch das Individu­um selbst steuerbar ist, dies allerdings mit emotionalen Konflikten behaftet sein kann. Die Fähigkeit, die Schwierigkeiten zu überwinden und sich zu motivieren um sein Ziel zu erreichen ist ein unerlässlicher Faktor im Leben der Menschen. Im Fernstudium werden die Studenten immer wieder mit Konfliktfeldern konfrontiert, die es zu lösen gilt, um das Ziel des erfolgreichen Abschlusses zu bestehen. Wie die verschiedenen Bedürfnisse und Erwartungen Einfluss auf die Studierenden nehmen können und wel­che Mechanismen es zur Selbststeuerung für ein gelungenes Fernstudium gibt werde ich im nächsten Abschnitt ergründen.

4.1. Kognitive und volitionale Mechanismen der intentionalen Handlungssteuerung - Anwendung im Fernstudium

Eine menschliche Handlung zu definieren ist psychologisch nicht immer eindeutig. Es gibt verschiedene Typen von Handlungen, ebenso wie verschiedene Faktoren und Res­sourcen, die für eine Handlung ausschlaggebend sind. An einem Tag vollbringt das In­dividuum mehrere Handlungen, viele von Ihnen unbedacht und automatisch, so dass eine Aussage über die motivationalen Aspekte einer solchen Handlung nur schwer ge­troffen werden kann. Neben den konstituierenden Handlungen gibt es noch die Hand­lungen, die bewusst gesteuert werden. „ ... Funktionsbereiche wie Wahrnehmung, Mo­torik, Kognition, Emotion und Motivation... “ (Hiemisch 2009, S.1) spielen bei solchen Handlungen eine Rolle. Das Handeln ist nach Heckhausen „...organisiertes Verhal­ten... “ (Hiemisch 2009, S.1).

Um über organisiertes Verhalten sprechen zu können, müssen die Intentionen, die hin­ter der Handlung stehen geklärt werden. Die Intention kann in verschiedenen Situatio­nen als Bedürfnis, aber auch als Verpflichtung zur Ausführung der Handlung führen. Abhängig von den eigenen Wünschen und Vorstellungen sowie den Funktionen und Aufgaben der Rolle des Individuums ist eine Handlung für den einen verpflichtend, für den anderen eine Bedürfnisintention. Eine verpflichtende Handlung kann als lästig oder aber auch als erfüllend wahrgenommen werden. Eine Kategorisierung fällt aufgrund der Vielfältigkeit der Persönlichkeiten schwer. Gollwitzer und Malzacher widmen sich mehreren Theorien, in denen die verschiedenen Intentionen, die zu einer Handlung führen, eruiert werden.

N. Ach spricht in seiner Theorie von der „ Intention als Willensakt “ (Kuhl & Heckhau­sen 1996, S.427). Achs Fokus in seiner Theorie liegt auf der Annahme, dass eine In­tention automatisch eine Determination nach sich zieht, die es dem Individuum ermög­licht, die Handlung geleitet von der spezifischen Intention auszuführen. Es ist ein logi­scher Prozess, der prototypisch von Ach dargestellt wird und der bei der Überwindung von Konflikten und Hindernissen in Bezug auf die Handlung positiv Einfluss nimmt. Ein Student müsste demnach nach Ach als logische Schlussfolgerung der Intention „Studienabschluss[4] die Handlung des Lernens deterministisch vollziehen.

Kritik an seiner Theorie musste Ach von Lewin einstecken, der die Intentionen in sei­ner Theorie um die Ebene der Bedürfnisse erweiterte. Er strebt in seiner Theorie nach einer ,Entwicklung eines dynamischen Modells zur Erklärung menschlichen Verhal­tens" (Möller 2007, S.9). Verhalten kann nach Lewin gleichermaßen durch Intentionen wie auch durch Bedürfnisse beeinflusst werden. Zentrale Aspekte, die das Verhalten eines Menschen steuern sind nach Lewin der Lebensraum und dynamische Aspekte wie Spannung, Valenz, Kraft, Lokomotion. (Möller 2007, S.10)

Das Verhalten nach Lewin wird durch den Lebensraum beeinflusst, wobei dieser in zwei Kompetenten unterschieden wird, dem Personenkonstrukt und dem Umweltkon­strukt. In die strukturellen Komponenten des Personenkonstrukts fallen Bedürfnisse, Ziele und Vorhaben. Das Umweltkonstrukt beinhaltet die Bereiche und Regionen der Umwelt, die Einfluss auf das Handeln des Individuums haben. Lewin geht davon aus, dass verschiedene Bedürfnisse eine unterschiedliche Priorität für das Individuum haben und deshalb das Verhalten entsprechend der Bedürfnisspannung gesteuert wird. Das Verhalten eines Individuums in einer bestimmten Situation ist zusammenfassend nach

Lewin davon abhängig, wie hoch die В edürfnisspannung ist und welche Ressourcen ihm von seiner Umwelt zur Verfügung stehen. Lewin erklärt allerdings nicht den Weg, wie aus Intentionen Handlungen werden, er stellt allenfalls eine These auf, durch wel­che Komponenten das Verhalten beeinflusst wird.

Im Studium sind die Teilnehmer von Intention und Bedürfnissen geleitet. Diese richtig zu steuern ist die Kernaufgabe eines Studenten um das Studium zu schaffen. Es gibt dazu kognitive und volitionale Mechanismen der intentionalen Handlungssteuerung. Thomas Goschke, Professor der Psychologie an der TU Dresden, befasst sich im Rah­men der Volitionspsychologie mit diesen Mechanismen.

Bevor ich auf die kognitiven und volitionalen Mechanismen eingehe, möchte ich zu al­lererst den Begriff der Kognition als Definition mit aufnehmen. (Volition siehe weiter oben S.8)

"Unter Kognitionen versteht man jene Vorgänge, durch die ein Organismus Kenntnis von seiner Umwelt erlangt. Im menschlichen Bereich sind dies besonders: Wahrneh­mung, Vorstellung, Denken, Urteilen, Sprache. Durch Kognition wird Wissen erwor­ben" (Edelmann 1995, S. 8 in Stangl). Kognitive Ansätze stehen im Gegensatz zu be- havioristischen Ansätzen. Während sich В ehavioristen nicht mit dem Prozess innerhalb des Gehirns beschäftigen sondern mehr auf bloße В eobachtungen hin forschen, liegt der Fokus der kognitiven Ansätze genau in diesem В ereich der inneren Prozesse.

Es kann zwischen „ Motivations- und kognitionspsychologischen Perspektiven auf den Willen“ (Kuhl & Heckhausen 1996, S.585) unterschieden werden. Der Schwerpunkt der Motivationspsychologie liegt in dem Blick auf die Gesamtheit aller Einfluss neh­menden Faktoren auf eine Willenshandlung. Dadurch können emotionale Konflikte, die die Ausführung einer Handlung behindern analysiert werden. Die Prozesse der Mo­tivationspsychologie sind in Entscheidungs- und Realisierungsprozesse zu trennen. Ei­ne fundierte Theorie zu dieser Trennung einzelner Prozesse in der Willenshandlung kommt von Heckhausen und Gollwitzer (1987) in Form des Rubikon Modells der Handlungsphasen. Heckhausen und Gollwitzer haben versucht, mit diesem Ansatz eine Theorie zu schaffen, die umfassend den Handlungsablauf von Beginn an über die Aus­führung bis hin zur Auswertung nach Zielerreichung analysiert. Hierzu wird in dem Modell zwischen vier distinkten Handlungsphasen unterschieden (Kuhl & Heckhausen 1996, S.534-537):

- Prädezisionale Phase
- Präaktionale Phase о Aktionale Phase о Postaktionale Phase

In der prädezisionalen Phase kommt es zur Abwägung einzelner Wünsche und Vorstel­lungen. Zwischen den unterschiedlichen Wünschen des Individuums, die nicht alle rea­lisiert werden können, muss eine Auswahl getroffen werden, sozusagen Prioritäten ge­setzt werden um sich ein Ziel, das man erreichen möchte, auszusuchen. В ei der Aus­wahl spielt sowohl eine Rolle, wie wahrscheinlich es ist, dass der Wunsch umgesetzt werden kann („Realisierbarkeit“), als auch wie positiv oder negativ die Konsequenzen des Wunsches sind („ Wünschbarkeit“) (Kuhl & Heckhausen 1996, S.534). Nach die­sen beiden Hauptkriterien wird die Auswahl zwischen den verschiedenen Wünschen getroffen.

Hat das Individuum die Auswahl des Wunsches getroffen, erfolgt die zweite, die präak­tionale Phase. In dieser Phase ist es wichtig, dass sich das Individuum klar für die Um­setzung des Wunsches entscheidet. Der „ . ..Wunsch [wird] in eine Intention transfor­miert... “ (Kuhl & Heckhausen 1996, S.535), hinter der das Individuum entschieden für die Realisierung der Absicht steht. Um die Realisierung durchzusetzen erfolgt eine Planungsphase des Individuums, die verfügbaren Ressourcen und die verfügbare Zeit werden geprüft um einen Handlungsplan zur Einbindung gewünschter Umsetzung zu erstellen. In dieser Phase, die eine organisatorische Phase darstellt, kann es zu Konflik­ten aufgrund mangelnder Zeit oder mangelnder Ressourcen kommen, die zu Unterbre­chungen in der Planungsphase führen und erst beseitigt werden müssen, bevor eine weitere Organisation erfolgen kann.

Steht der Handlungsplan, geht es an die aktive Umsetzung, und damit befindet sich das Individuum in Phase drei, der aktionalen Phase. Im Mittelpunkt steht das zielorientierte Handeln. Wie konsequent und energisch der Wunsch in der aktionalen Phase durchge­setzt wird hängt maßgeblich von der Volitionsstärke ab. Auch kann es passieren, dass neben der initiierten Absicht, noch andere Wünsche auftauchen, die Konfliktfelder für die Handlungsausführung aufdecken können. In diesen Konfliktsituationen zeigt sich besonders die Willensstärke des Individuums bei der Zielentscheidung und Umsetzung der in Phase eins ausgesuchten Absicht. Laut Heckhausen (1987a) findet in dieser Pha­se idealerweise schon eine Determination statt, die das Individuum Konflikte lösen und das Ziel im Auge behalten lässt.

Ist das Ziel anscheinend erreicht, folgt die postaktionale Phase, in der das erreichte Ziel evaluiert wird. Ein Vergleich zwischen Ausgangswunsch und tatsächlich erreichtem Ziel wird vorgenommen um abzuschätzen, ob das Zielstreben erfolgreich war. Die Be­wertung des erreichten Ziels ist abhängig vom Handlungsergebnis und von den Erwar­tungen mal leichter, mal schwerer. Es gibt Ziele, wie zum Beispiel das Fenster putzen, die an einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen sind und bei denen das Ergebnis meist nah am Ausgangswunsch liegt. In der Arbeit oder im Studium in einer Lernphase ist ein genauer Abschluss des Ziels oftmals nicht so leicht abgrenzbar. Gollwitzer emp­fiehlt, „ . ..auf Abbruchvorsätze zurückzugreifen [...], die klare Standards definieren, wann das Ziel erreicht ist.“ (Kuhl & Heckhausen 1996, S.538).

Aus der Evaluierung der Ergebnisse der Handlungsphasen können Erkenntnisse für nachfolgende Handlungsabläufe und -pläne erworben werden.

Die Kognitionspsychologie befasst sich im Vergleich zur Motivationspsychologie nicht primär mit der Unterscheidung zwischen Motivation und Volition, sondern mit der „...Unterscheidung zwischen automatischem, reizgesteuerten und willkürlichem, ab­sichtsgesteuerten Verhalten... “ (Kuhl & Heckhausen 1996, S.587). Es werden Mecha­nismen untersucht, die zu einer Handlung führen, ohne dass die volitionalen Aspekte in den Mittelpunkt gerückt werden. Fokus liegt auf der Gesamtheit der informationsver­arbeitenden Prozesse und Strukturen eines intelligenten Systems. Das Modell schließt in seiner Analyse der Mechanismen emotionale Konflikte und selbstregulatorische Strategien weitgehend aus.

Eine Kombination aus den kognitionspsychologischen und motivationspsychologi­schen Ansätzen ermöglicht der Wissenschaft eine ganzheitliche Perspektive auf die Handlungsprozesse, den dahinter stehenden Motivationen und Intentionen und den kognitiven Abläufen.

Willenskonflikte im Fernstudium können gerade in stressigen Phasen auftreten. Wenn solche Probleme da sind ist es wichtig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich ei­ne Lernstruktur zu überlegen, mit der das gesteckte Ziel des В estehens einer Klausur / Hausarbeit / Bachelorarbeit erreicht werden kann. Auch Zwischenziele, wie z.B. der Vorsatz am Wochenende vier Stunden zu lernen, ist eine Absicht, die sich einem Wil­lensprozess unterzieht. Der Studierende muss das gesteckte Ziel verinnerlichen und sich bewusst für die Umsetzung entscheiden. Ein Handlungsplan wird erstellt, bei­spielsweise wann und wo am besten gelernt wird, welche Teilbereiche bearbeitet wer- den sollen und wann Pausen eingeplant werden können. Idealerweise folgt der Hand­lungsprozess einer Determination.

Aus Erfahrung weiß man, dass dieser Ablauf nicht immer 100% gewährleistet ist und sich die Menschen immer wieder von Reizen und dahinter stehenden Bedürfnissen von ihrem Handlungsplan abbringen lassen. Psychologisch betrachtet gibt es Theorien, die von Reiz-Reaktions-Konnektionen (Kuhl & Heckhausen 1996, S.590) ausgehen. Dabei wird durch prozedurales Lernen (Kuhl & Heckhausen 1996, S.588) gelernt, auf be­stimmte Situationen in einer bestimmten Art und Weise zu reagieren. Neue Situatio­nen, veränderte Umweltbedingungen die keinen Gewöhnungseffekt für die Handlungs­ausführung haben, werden allerdings nicht berücksichtigt. Reiz-Reaktions-Prozesse sind im konkreten Sinn keine willentlichen Handlungen sondern zählen durch die Me­chanismen Reiz und Instinkt zu den automatischen Handlungen.

Wichtig, um Willensprozesse definieren zu können, sind selbstgesteuerte Entscheidun­gen und Handlungen. Auf die Formen der Selbststeuerung gehe ich im nächsten Absatz ein.

4.2 Formen der Selbststeuerung - Anwendung im Fernstudium

Selbststeuerung passiert in vielen, aber nicht in allen Handlungen? Es wird zwischen automatisierten Handlungen und willentlichen Handlungen unterschieden? Die Frage, die sich stellt ist, inwieweit willentliche Handlungen tatsächlich von uns selbst gesteu­ert werden?

Über die wirkliche Willensfreiheit wird in der Psychologie viel diskutiert. Wissen­schaftliche Ansätze, die den Handlungen einen Determinismus zu Grunde legen, impli­zieren ein Verhalten nach logisch bestimmten Regeln. Hat der Mensch in diesem Fall wirklich die Wahl, sich für oder gegen eine bestimmte Handlung zu entscheiden, wenn determinierte Handlungen von vornherein ein gewisses Verhalten und eine bestimmte Reaktion vorschreiben? Goschke betrachtet in „ Vom freien Willen zur Selbstdetermina­tion“ (Goschke 2004, S.186-197) die Möglichkeit einer indeterminierten Handlung. Demnach wäre alles wir tun weder von der Umwelt, noch von unserer Persönlichkeit, den Einstellungen, Werten und Wünschen abhängig. Stellt sich dies als Willensfreiheit dar, wenn alles Verhalten eines Individuums durch Zufall bestimmt wäre? Auch dieser Ansatz macht die Menschen zu Marionetten, in diesem Fall nicht zu Marionetten der Determination sondern zu solchen des Zufalls? Die Frage stellt sich, ob es tatsächliche

Willensfreiheit in menschlichen Handlungen überhaupt gibt oder ob sie nur ein Produkt gewünschter Eigenschaften des Menschen sind. Kompatibilistische Ansätze der Philo­sophie scheinen eine Lösung für das Dilemma zwischen Determination und Zufall in Bezug auf die Willensfreiheit zu geben. Rubinstein erklärt dazu:

„Die Freiheit des Willensaktes, die sich in seiner Unabhängigkeit von den Impulsen aus der unmittelbaren Situation ausdrückt, bedeutet, dass das Verhalten des Menschen nicht direkt durch seine unmittelbare Umgebung determiniert ist, sie bedeutet aber na­türlich keineswegs, dass es überhaupt nicht determiniert ist. Willenshandlungen sind nicht weniger determiniert als unwillkürliche ... Bewegungen. Ihre Gesetzmäßigkeit und Determiniertheit ist nur von anderer Art/' (Goschke 2004, S.186-197).

Was will uns das sagen? Die Determination, die unseren Handlungen zu Grunde liegt ist eine Selbstdetermination und für unsere Willensfreiheit in unseren Handlungen un­abdingbar. Wir selbst determinieren uns im Verhalten. Die Selbststeuerung im Wil­lensakt kann sich auf verschiedene Arten bemerkbar machen und auswirken.

Kuhl befasst sich mit verschiedenen Strategien willentlicher Handlungskontrolle (Ta­belle Kuhl in Winther 2006, S.32):

- Aufmerksamkeitskontrolle* о Motivationsaufschaukelung* о Emotionskontrolle*
- Handlungsorientierte Misserfolgsbewältigung* о Umweltkontrolle*
- Sparsamkeit der Informationsverarbeitung*

Das Willenskonzept nach Kuhl wird in Teilbereiche unterteilt, bei jedem Konflikt in­nerhalb eines Bereiches kann eine Handlungsstrategie zur Erreichung des Ziels eigrei­fen. Um den Prozess zu verdeutlichen, möchte ich einen Vergleich anbringen, in wel­chen Bereichen bei einem Fernunistudenten Handlungskontrollmechanismen wichtig für das weitere Lernen und das Studium sind.

Im von mir fiktiv ausgesuchten Beispiel ist der Student, bei dem Handlungskontroll- strategien exemplarisch dargestellt werden 26 Jahre alt, im Hauptstudium, hat die letzte Klausur nicht bestanden. Es ist Sommer, er steht unmittelbar vor dem Wie­derholen der nicht bestandenen Klausur und seine Freundin hat sich gerade von ihm getrennt.

Es tauchen für den Studenten nun mehrere Faktoren auf, die das Ziel, zu lernen und die Klausur zu bestehen stören können. Er darf sein Ziel nicht aus den Augen ver­lieren und muss seine Aufmerksamkeit auf das Bestehen der Klausur lenken (Auf­merksamkeitskontrolle). Dafür muss er in der Lage sein, seine Gefühle hinsichtlich der Trennung von seiner Freundin zurückzustellen und das Ziel zu priorisieren (Emotionskontrolle). Die positive Konsequenz, das weitere Erreichen eines Teilab­schnittes und das damit verbundene nähertreten an den Studienabschluss, steigert seine Motivation (Motivationskontrolle/Motivationsaufschaukelung). Er darf sich durch das Nichtbestehen der vorangegangenen Klausur nicht entmutigen lassen, sondern muss ,,... die emotionalen Folgen (z.B. Enttäuschung oder Ärger) zur Mo­bilisierung zusätzlicher Anstrengung („Energie“) ... “ (Kuhl & Heckhausen 1996, S.684) ausnutzen (Handlungsorientierte Misserfolgsbewältigung /Misserfolgs- und Aktivierungskontrolle). Die Umgebung in dem Ausmaß zu verändern, dass diese lernfördernd wirkt, kann beispielsweise das Einrichten oder erneuern eines Ar­beitsplatzes im Haus sein, der mit einer klaren Ordnerstruktur und übersichtlicher Anordnung der Studienmaterialien zu besseren Lernergebnissen führen kann (Um­weltkontrolle). Zuletzt ist es wichtig, dass sich der Student von Handlungsalternati­ven nicht beeinflussen lässt. Wenn seine Freunde an den See gehen, darf er nicht lange darüber nachdenken, ob er mitgeht, sondern muss sich im Hinblick auf das gesteckte Ziel für das Lernen entscheiden (Sparsamkeit der Informationskontrolle). Diese selbstregulatorischen Mechanismen der Handlungssteuerung sind persönlich­keitsabhängig unterschiedlich ausgeprägt. Auch kommt es auf die Schwere der zu be­wältigenden Konflikte an, die die Handlung stören können, deshalb ist meiner Ansicht nach, auch bei einem vernünftigen Menschen, nicht immer gewährleistet, dass diese Mechanismen immer greifen. Aber sie geben einen Leitfaden um Probleme zu erken­nen und zu analysieren und infolgedessen seine Entscheidungen bewusster abzuwägen. Um nochmals gezielter auf das selbstgesteuerte Lernen im Fernstudium einzugehen, möchte ich im nächsten Abschnitt Ergebnisse einer Studie heranziehen, die sich mit dem Thema befasst hat.

4.3. Selbstgesteuertes Lernen im Fernstudium - Ergebnisse einer Studie an den AKAD Privathochschulen

Mit der Studie habe ich mich befasst, da diese verschiedenen Lernstrategien in die Be­fragung mit aufgenommen wurden. Zudem war es für mich interessant zu sehen, wel­che Ergebnisse aus einer zahlenmäßig sehr viel größeren Gruppe bei ähnlichen Fragen­schwerpunkten im Vergleich zu meiner Befragung erzielt werden.

Das im Jahr 2003 durch die Trägerschaft der AKAD Die Privathochschulen GmbH ins Leben gerufene Projekt befasst sich zunächst mit den Anforderungen nach Lebenslan­gem Lernen in einer sich stetig weiterentwickelnden Wissensgesellschaft. Zielsetzung der Studie ist es, Lernstrategien der Fernunistudierenden herauszuarbeiten und dabei auftretende Einflussfaktoren, auch die medialen Ressourcen zu berücksichtigen. Das besondere an einer Fernuniversität ist, dass die Studenten meist berufstätig sind oder andere Rollen, wie beispielsweise die Rolle der Mutter/des Vaters neben ihrem Studi­um ausfüllen und deshalb nicht den Weg einer Präsenzuniversität gewählt haben. Das Lernen im Fernstudium setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, zum einen aus der Bearbeitung des zugesandten Lernmaterials, der Teilnahme an Präsenzveran­staltungen und der Aufarbeitung des Gelernten in virtuellen Plattformen. Ein Ergreifen eines Fernstudiums neben der Berufstätigkeit hat seinen Ursprung oft in den steigenden bildungsökonomischen Anforderungen an den Arbeitnehmer. Ein höherer Status möch­te durch das Fernstudium erlangt und mehr Chancen und Möglichkeiten auf dem Ar­beitsmarkt ermöglicht werden.

Die Lernstrategien, die nach dem Forschungsstand 2003 der Studie zugrunde liegen, sind (AKAD-Studie, S. 10):

- Kognitive Lernstrategien о Metakognitive Lernstrategien о Ressourcenbezogene Lernstrategien

Um die Strategien zu verdeutlichen, habe ich eine Grafik kreiert, die einen Überblick über die Funktionen und Inhalte der oben genannten Lernstrategien gibt:

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Details

Seiten
86
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640748716
ISBN (Buch)
9783640749164
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160646
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – KSW Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Rollenkonflikte Volition Wille Motivation Kuhl Goschke Parsons Dahrendorf Beck Interview intentionale Handlungssteuerung Selbststeuerung Kompetenzen Lerntypen Lernstrategien

Autor

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Titel: Der Umgang mit Rollenkonflikten im Fernstudium