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Angewandte Sozialforschung: Die biografische Methode

Fallstudie einer qualitativen Biografieforschung

Seminararbeit 2010 21 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.) Einleitung / Problemstellung

2.) Die verwendete biographische Methode
2.1.) Grundlagen und Grundannahmen der Methode
2.2.) Methodische Vorgangsweise

3.) Politisches Engagement und Selbstkonstituierung als politisches Subjekt: relevante theoretische Konzepte

4.) Fallgeschichte

5.) Schlussfolgerungen und Zusammenfassung

6.) Literaturverzeichnis:

1.) Einleitung / Problemstellung

Themenstellung dieser Seminararbeit ist die der Forschungsleitfrage nach den sozialen Bedingungen für die Selbstkonstituierung junger Erwachsener als politisches Subjekt folgende qualitative Biographieforschung anhand einer Fallgeschichte. Zuerst werden einige theoretische Annahmen der Einflüsse und Determinanten für die Selbstkonstituierung als politisches Subjekt und die als Analyseinstrument verwendete qualitative biographische Methode skizziert. Im Anschluss wird das von der Autorin durchgeführte qualitative Interview, diese Fallgeschichte, dargestellt und der Vorhergehensweise der Interpretation eines biographischen Interviews nach Mühlfeld u.a. (1981) folgend analysiert. Im Schlussteil der Arbeit wird die Fragestellung behandelt, welche Schlüsse aus der untersuchten Fallgeschichte zur Beantwortung der Forschungsfrage nach den sozialen Bedingungen für politisches Engagement junger Erwachsener -und damit einhergehend der Selbstkonstituierung als politisches Subjekt- gezogen werden können.

2.) Die verwendete biographische Methode

Hier wird die verwendete qualitative Methode des biographischen Interviews dargestellt und auf grundlegende Charakteristika und theoretische Annahmen dieser Methode eingegangen. In der individuellen Lebensgeschichte spiegelt sich eine soziale Struktur wider, so die zentrale Annahme der soziologischen Biographieforschung.

2.1.) Grundlagen und Grundannahmen der Methode

Entstanden ist die soziologische biographische Methode in den 20ern des 20en Jahrhunderts durch Znaniecki/Thomas. Diese gingen davon aus, dass einerseits in der individuellen Lebensgeschichte die Eigenperspektive der handelnden Person zum tragen kommt und andererseits objektive soziale Strukturen die Lebensgeschichte bedingen und strukturieren. Znaniecki/Thomas verstanden Biografie also als Zusammenwirken von subjektiver und objektiver Seite. (vgl. Kohli, Martin (1981): Wie es zur „biographischen Methode“ kam und was daraus geworden ist, S. 279)

Die soziologische Analyse qualitativer biographischer Daten ist durch die Fragestellung gekennzeichnet, auf welche Weise ein individueller biographischer Verlauf durch gesellschaftliche Verhältnisse und soziokulturelle Einflüsse beeinflusst und vorgezeichnet wird.

“In der soziologischen Biographieforschung wird in der Regel mit autobiographischen Erzählungen gearbeitet“, die auch bereits die Verarbeitung und Interpretation der lebensgeschichtlichen Erlebnisse durch die einzelnen befragten Personen zum Ausdruck bringen. (siehe Kannonier-Finster, Waltraud/ Ziegler, Meinrad (1996): Frauen-Leben im Exil, S. 34).

Biographische Interviews sind ein Prozess der sozialen Interaktion zwischen ForscherIn und Befragtem/r und daher sollen diese Interviews einer alltäglichen Gesprächssituation möglichst nahe kommen. Ein qualitatives Interview setzt wie eine alltägliche Gesprächssituationen ein hohes Ausmaß an Offenheit und Vertrautheit zwischen InterviewerIn und befragter Person und das Bestehen einer freiwilligen Kommunikationsbeziehung auf der Seite der befragten Person voraus. Eine weitere Gemeinsamkeit von qualitativen Interviews zu alltäglichen Gesprächssituationen ist, dass im qualitativen Interview sich ebenso der Alltagssprache bedient wird. (vgl. Kannonier-Finster, Waltraud/ Ziegler, Meinrad (1996): Frauen-Leben im Exil, S. 36)

2.2.) Methodische Vorgangsweise

In unserem Fall wurde nach der Bestimmung unserer Forschungsfrage und der theoretischen und methodischen Auseinandersetzung mit der Thematik eine für das Untersuchungsthema geeignete Methode bestimmt: Das biographisches Leitfadeninterview. Es wurde ein Leitfragen mit für die Forschungsfrage der Selbstkonstituierung als politisches Subjekt relevanten Fragen erstellt, welcher als Hintergrundfolie für das durchgeführte Interview diente. Das Leitfadeninterview setzt in Gegensatz zum narrativen Interview dem Prozess des Freierzählenlassens des/r Befragten gewisse Grenzen. Im Leitfadeninterview existieren bestimmte Themenpunkte, auf welche hin die ForscherInnen das Interview lenken. Die ForscherInnen müssen vor Beginn des Interviews sich diese vorher überlegten Fragen, welche im besonderen Interesse der ForscherInnen sind, als Hintergrund- und Orientierungsfolie des Gesprächs einprägen. Durch den Leitfaden erfolgt eine Strukturierung des Interviews. Auch kann die/der InterviewerIn bewusst nachfragen -auch über Themen, welche besonders im Interesse der InterviewerInnen liegen, wenn diese nicht von der befragten Person selbst thematisiert und im Interview geäußert werden. (vgl. Kannonier-Finster, Waltraud/ Ziegler, Meinrad (1996): Frauen-Leben im Exil, S. 38f.)

Es wurde Kontakt mit der im Verlauf des Forschungsprozesses von mir interviewten Person aufgenommen, bei welcher davon ausgegangen wurde, dass deren Befragung für die Beantwortung unserer Themenstellung relevant und aufschlussreich sei. Die interviewte Person wurde über Ziele und Ablauf des Interviews informiert und erklärte sich mit dem Interview einverstanden. Das c.a. eine Woche später durchgeführte Interview dauerte 50 Minuten, wurde aufgezeichnet und anschließend transkribiert. Leider antwortete die interviewte Person im Interview, vor allem bei den Bereichen Familie/ Umfeld/ Jugendzeit sehr verschlossen und gab wenig von sich preis- hieraus resultiert auch die kurze Interviewdauer.

Jede erzählte Lebensgeschichte stellt bereits eine Interpretation der Befragten dar, in der Auswertung des Interviews werden diese biographischen Daten durch die ForscherInnen reinterpretiert.

Bei dieser Fallgeschichte, welche Gegenstand der Seminararbeit ist, wurde die Auswertungsmethode nach Mühlfeld (1981) verwendet, welche ein mehrstufiges Verfahren darstellt. (vgl. Mühlfeld, Claus et al; 1981: Auswertungsprobleme offener Interviews. In: Soziale Welt. 32. S.335-341) Zuerst wurde als erster Auswertungsschritt das transkribierte Interview durchgearbeitet, um die objektive Struktur der Biographie herauszuarbeiten. Der nächste Schritt im Auswertungsprozess, also die nächste Interpretationsstufe bestand darin, die Selbstdeutung und Verarbeitung der Lebensgeschichte durch die interviewte Person herauszuarbeiten. Darauf folgte in der nächsten Analysestufe die Bearbeitung des Interviews unter dem Gesichtspunkt der Herausarbeitung des roten Fadens und der subjektiven Verarbeitungslogik der Lebensgeschichte der interviewten Person. (vgl. Kannonier-Finster, Waltraud/ Ziegler, Meinrad (1996): Frauen-Leben im Exil, S. 53).

3.) Politisches Engagement und Selbstkonstituierung als politisches Subjekt: relevante theoretische Konzepte

Es existieren vielfältigste Erklärungen darüber, was dazu beitragt, dass junge Erwachsene politisch aktiv werden und sich als politisches Subjekt konstituieren. Soziologie, Psychologie und viele andere Disziplinen haben ihre jeweils spezifischen Erklärungen und viele dieser Modelle sind wiederum interdisziplinär. Für diese Arbeit identifizieren wir insbesondere folgende Erklärung als relevante theoretische Konzepte:

In der Sozialisation sind die frühe Kindheit und die in dieser Zeit erlebten Erfahrungen für die weitere Entwicklung des Kindes nicht determinierend; sondern es wird davon ausgegangen, dass die Jugendzeit und die in dieser Zeit gemachten Erfahrungen besonders wichtig und den weiteren Lebensverlauf bestimmend sind. Die Jugendzeit ist jene Zeit, in der eine eigene Weltsicht entwickelt wird und die Jugendlichen beginnen, eigene Erfahrungen zu machen, welche den vorher durch das Elternhaus vermittelten Horizont erweitern und Sichtweisen verändern (können). Außerdem findet in der Jugendzeit eine Identitätskonstruktion bei den Jugendlichen statt. Dieses sozialpsychologische/ soziologische Modell, welches von der Bedeutung der Jugendzeit für die Entwicklung von Persönlichkeit ausgeht, wird z.B. von Bob Altemeyer vertreten.

Politisch aktiv zu sein bedeutet immer, mit einer bestimmten Gruppe solidarisch zu sein. Politisches aktiv-sein vermittelt sowohl Selbstidentität als auch Gruppenzugehörigkeit, hiernach stellt also politisches Engagement für Jugendliche eine selbstidentitätsstabilisierende, persönlichkeitsbildende und -festigende Möglichkeit dar, eine positive Selbst(identitäts)konstruktion und -positionierung zu erlangen.

In ihrer Studie über Selbstkonstituierung als politisches Subjekt anhand der Fallbeispiele von 2 Vertreterinnen aus unterschiedlichen Generationen der Frauenbewegung identifiziert Thon -zumindest für das von ihr untersuchte spezifische Milieu-“Widerständigkeit gegenüber Vorgefundenen(m)“,“Affinität zu Abweichenden(m)“und ein“Angezogensein von ..gegenkulturellen und politischen Szenen, in denen Abweichung von der Norm offen zelebriert wird“als Vorbedingungen für politisches Engagement . (siehe Thon, Christine (2008): Selbstkonstituierung als politisches Subjekt. Biographien aus zwei Generationen der Frauenbewegung im Vergleich, S. 180) Das Motiv des “Anderssein“ (siehe Thon (2008): Selbstkonstituierung als politisches Subjekt. Biographien aus zwei Generationen der Frauenbewegung im Vergleich, S.180) als Vorbedingung für politisches Engagement finden wir auch in der von mir untersuchten Fallgeschichte wieder.

Eine psychoanalytische Erklärung für politisches Engagement liefert Paul Parin, welcher die These vertritt, dass politisches Engagement eine Aktivierung und Wiederverarbeitung kindlicher und frühkindlicher Konflikte darstellt. Diese durch politisches Engagement aktivierten frühkindlichen Konflikte wiederholen sich laut Parin durch das politische Engagement in einer veränderten, dem Erwachsenenalter adäquaten Form und so kann politisches Engagement zur Verarbeitung der frühkindlichen und kindlichen Konflikte und Neurosen führen. (vgl. Parin, Paul (1983): Der Widerspruch im Subjekt. Ethnopsychoanalytische Studien; S. 90)

4.) Fallgeschichte

A. ist 24 Jahre alt, alleinerziehende Mutter einer 4-jährigen Tochter und seit ihrem 12en Lebensjahr Vegetarierin. A. ist auf dem Land aufgewachsen, ihre Mutter hat sie- wie A. betont- sehr frei und zu einem kritisch denkenden Menschen, der auch in der Lage ist, sich gegen soziale Normen und Zwänge zu stellen und entgegen diesen zu leben, erzogen. In dem ländlichen Umfeld, in dem sie aufwächst, wird A. schnell zur Außenseiterin, nimmt diese Rolle aber schnell als positiv besetzte Selbstidentitätskonstruktion an. A. bricht die Waldorfschule ab und 19-jährig beginnt sie nach einer Begegnung mit Linzer TierschützerInnen auf der Landstraße zuerst bei dieser Gruppe aktiv zu werden; sie bricht dieses Engagement jedoch alsbald ab, da sie die feindseligen und aggressiven Reaktionen der PassantInnen auf ihr Engagement nicht erträgt. Dann reist sie eine Weile und zurück in Linz bekommt sie ihre Tochter, um die sie sich nun kümmert. Auch reist sie wiederum immer wieder für einige Monate. Sie lebt von Kinderbeihilfe, Alimenten und Gelegenheitsjobs als private Friseurin in einer 1-Zimmer-Wohnung. Vor drei Jahren wird A. schließlich vegan und wird wiederum bei jener Tierrechtsgruppe aktiv, bei der sie ein paar Jahre zuvor bereits kurzzeitig aktiv gewesen war. Nun kommt A. besser mit den Reaktionen der PassantInnen zurecht. As weiterer Lebensplan ist darauf ausgerichtet, so bald als möglich mit ihrer Tochter auszuwandern und in einer auf Selbstversorgung basierenden Ökogemeinschaft zu leben.

A. beschreibt konkret ein Ereignis, an dass sie sich nach 12 Jahren noch detailliert erinnert, dass laut ihr der Auslöser, das Schlüsselerlebnis für ihre weitere Entwicklung hin zur Vegetarierin bzw. dann Veganerin war: Als ihr Vater einmal einen Fisch zubereitete, wurde ihr ganz plötzlich bewusst, dass dieser Fisch ein getötetes Lebewesen ist und sie beschloss, keine Lebewesen mehr zu essen. Genauso an eine konkrete Erfahrung geknüpft beschreibt sie ihren Beschluss vegan zu werden: Beim Milchtrinken erinnert sie sich an die Bilder der schlechten Haltungsbedingungen der Tiere in den Tierfabriken und gleichzeitig überkommt sie ein Ekel vor Milch, was in Kombination es ihr unmöglich macht, weiter Tiermilch zu trinken.

A. antwortet auf die Frage nach einem eventuell existierenden Schlüsselerlebnis für ihr weiteres politisches Engagement:

A: Ja, angefangen hat das eigentlich als Kind, als ich 12 Jahre alt war. Das weiß ich heute noch, da habe ich einen Fisch in einem Plastiksackerl gesehen- da war der Kopf halb abgeschnitten, das Blut ist rausgeronnen- und da habe ich das erste Mal wirklich gesehen auch, dass das Tiere sind, die man da isst. ..

I: Beim angeln? Hat wer geangelt?

A: Nein, bei meinem Vater zu Hause, der hat da Fische gebraten und er hat mir noch erzählt, dass die Fische durch sind wenn die Augen weiß werden. Und das war irgendwie so das ausschlaggebende, wo ich mir gedacht habe: Eigentlich will ich das gar nicht essen und eigentlich sind das Lebewesen. Und ja, mit dem ganzen Blut und so. Und damals bin ich eben dann kurz darauf Vegetarierin geworden.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640745807
ISBN (Buch)
9783640746415
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160645
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
2
Schlagworte
Soziologie Biografieforschung angewandte Sozialforschung biografische Methode Fallstudie Leitfadeninterview

Autor

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Titel: Angewandte Sozialforschung: Die biografische Methode