Lade Inhalt...

Autor und Autorschaft im Mittelalter

Überlegungen zum Herzog Ernst und der Bedeutung des Ich-Erzählers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Autor und Autorschaft im Mittelalter
2.1 Problematisierung
2.2 Die Überlieferung mittelalterlicher Texte
2.3 Nicht-anonyme Texte
2.4 Anonyme Texte
2.5 Erzähler und Autor

3. Herzog Ernst
3.1 Einordnung in das Themenfeld Autor und Autorschaft
3.2 Überlieferungsgeschichte des Herzog Ernst
3.3 Der Erzähler im Herzog Ernst

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Der Autor stellt in der Literaturwissenschaft eine wesentliche Interpretationsgröße dar. Der über Jahrzehnte meist verwendete Intentionsansatz ist subjektorientiert und lässt nur solchen Texten eine Bedeutung zukommen, denen ein Autor zuzuordnen ist.[1] Uns aus dem Mittelalter überlieferte Texte hingegen sind meist autorlos. Dies kann verschiedene Gründe haben, auf die in dieser Arbeit noch eingegangen werden soll. Die neue Diskussion um Autor und Autorschaft entwertet diese Größe des Autors und entwirft ein neues Konstrukt von Autorschaft.[2] Für die Mediävistik bedeutet dies eine enorme „Aufwertung“ ihrer anonym überlieferten Texte, da nun auch diese als vollwertig anerkannt und mit Hilfe anderer Interpretationsverfahren analysiert werden können.[3]

Im ersten Teil dieser Arbeit soll nach einer Einführung in die Problematik dieses Themas und dessen Begrifflichkeit (2.1) analysiert werden, welchen Stellenwert die Überlieferungsgeschichte einzelner Texte einnimmt und wer an der Entstehung von mittelalterlichen Texten beteiligt ist (2.2), wann und warum Texte anonym oder mit Autornennung überliefert werden (2.3 und 2.4) und welches Verhältnis zwischen Autor und Erzähler auszumachen ist (2.5). Der zweite Teil der Arbeit stellt Überlegungen zum Heldenepos Herzog Ernst an. Zuerst soll das Werk in das Themenfeld Autor und Autorschaft eingeordnet werden (3.1). Im Weiteren soll anhand der Überlieferungsgeschichte aufgezeigt werden, wie schwer und aussichtslos es ist, einen Autor im heutigen Wortsinn ausfindig machen zu können (3.2). Anschließend soll die Rolle des Erzählers untersucht werden, um zu analysieren, welchen Stellenwert dieser im Herzog Ernst einnimmt und welche Konsequenzen dies für das Konzept der Autorschaft im Mittelalter haben kann (3.3). In einem Fazit sollen die Ergebnisse der Arbeit zusammenfassend dargestellt werden (4.).

2. Autor und Autorschaft im Mittelalter

2.1 Problematisierung

Die Vorstellung von einem Autor, der alleine für einen Text verantwortlich ist, gibt es im Mittelalter nicht. Als biographische Größe ist der Autor nicht greifbar.[4] Das Problem erschließt sich, wenn man dem Autor die Begriffe Authentizität und Autorisation gegenüberstellt.[5] Autorisiert ist ein Text, wenn er durch den Autor oder mit dessen Hilfe anerkannt wird. Da aber die Textüberlieferung dazu beiträgt, dass sich jede weitere Handschrift vom Autor entfernt, spricht Bein von einer „unautorisierten Textkultur“.[6] Ebenso verhält es sich mit der Authentizität mittelalterlicher Texte: Authentisch ist ein Text, wenn alle im ihm enthaltenen Einzelheiten ausschließlich von einem Autor stammen. Auch hier muss die Mediävistik einsehen, dass dies in mittelalterlichen Texten nicht der Fall sein kann. Der Autor hat nur über eine sehr kurze Zeit Einfluss auf seinen Text. Baisch spricht hier von einer „Pluralität weiterer Autorinstanzen“.[7] Durch andere Autoren, fehlerhafte Überlieferungen, Paralleldrucke oder andere äußere Einwirkungen, ist davon auszugehen, dass der Zustand des Originaltextes nicht lange Bestand hat und wir es mit Kontaminationen zu tun haben. Wie problematisch sich die Autorfrage in mittelalterlichen Werken gestaltet, zeigt sich an dem von Bumke ausgewählten Beispiel des „Nüwen Parzival“.[8] Die Donaueschinger Handschrift Nr. 97 von Claus Wisse und Philipp Colins weist auf den ersten Blick eine klare Autorzuweisung auf. Doch was legitimiert Wisse-Colins zur Autorschaft? Bei der Handschrift handelt es sich um eine Vers für Vers-Übersetzung aus dem Französischen. Das heißt, dass der Inhalt des Textes schon besteht.[9] An der Niederschrift des Textes scheinen mindestens sieben Autoren beteiligt. Bumke sieht die Lösung der Autorzuweisung nicht über das Autor-Werk-Verhältnis, sondern durch eine Analyse der Handschrift gegeben.[10] Einen eigenen Gliederungswillen bescheinigt er Wisse und Colins dadurch, dass sie den Text neu strukturieren, Textstücke einfügen und als erste Großinitialen und Zwischenüberschriften verwenden. Autorschaft nach heutigem Verständnis kann hier nicht bezeugt werden. Wichtigstes Indiz für Autorschaft sind die Schreibernotizen. Diese stammen in diesem Beispiel aber nicht von Wisse und Colins, sondern können dem Redaktor zugewiesen werden. Erst dieser fügt die einzelnen Teile zusammen und macht aus ihnen ein Werk. Nach Bumke sind Wisse und Colins nicht an der Niederschrift des Textes beteiligt gewesen.[11] Hier zeigt sich, dass die Unterscheidung zwischen Dichter, Schreiber und Redaktor in mittelalterlichen Texten kaum möglich ist. Auch zeigt Bumke auf, dass Weiterdichtungen, und somit auch die Zusammenfassung von ursprünglichem, fremdem Werk und neuen Teilen, für die Gattung der Heldenepik typisch sind. Er nennt hier die Tristan- und Willehalm-Fortsetzung Ulrich von Türheims, die vielfache Weiterdichtung der Nibelungen-Klage und auch Herzog Ernst sei im 13. Jahrhundert schon überarbeitet worden.[12] Am Beispiel des Strickers macht er nochmals deutlich, dass sich mittelalterliche Autoren nicht als geistige Entdecker ihres Stoffes, sondern als Weiterentwickler alter Stoffe ansehen.[13] Ihnen kommt somit nur die Funktion eines Kompilators zu. Überhaupt kann nicht die Rede davon sein, dass das Mittelalter einen Autor, der für seinen Text verantwortlich ist, kennt. Gerade vor dem Durchbruch schriftlicher Fixierung ist das Bewusstsein von einem Autor in der üblichen Vortragssituation gar nicht gegeben. An dessen Stelle tritt dann der Vortragende, der nicht der Autor sein muss, aber kann. Diese Instanz nimmt für das Publikum, also die Rezipienten der Texte, eine bedeutende Rolle ein und befriedigt die Frage nach dem Ursprung des Textes hinreichend. Erst mit dem Übergang zur Schriftlichkeit scheint es wichtiger geworden zu sein, den Autor zu kennen und zu benennen.[14] Auch Gärtner stellt fest, dass erst im ausgehenden 13. Jahrhundert die Autorbezeichnung tihtœre an Häufigkeit zunimmt und sich hier etabliert. Auch ist hier ein Unterschied im Selbstbewusstsein der Autoren auszumachen, die zwischen singer, dem Verfasser von Liedern, und dem tihtœre, dem Verfasser epischer Texte, unterscheiden.[15] Wichtig in Bezug auf den Begriff Autor, der im Mittelalter wohl seine beste Übersetzung im auctor findet, ist auch die Bezugsgröße der auctoritas. „ Auctores waren im mittelalterlichen Verständnis diejenigen Autoren, denen auctoritas zukommt.“[16] Dieses Verständnis wird erschwert, wenn man bedenkt, dass die höchste Autorität der Schrift Gott zukommt. Die auctores verstehen sich dann meist nur noch als compilator oder scriptor, nicht aber als geistige Verfasser ihrer Werke. Als was sich jeder Autor im Einzelnen selbst ansieht, hat also verschiedene Ursachen. Je nach Gattung und Zeit finden sich verschiedene Autorbezeichnungen. Zu erwähnen ist ebenfalls, dass sich das Selbstbewusstsein der Autoren innerhalb der mittelalterlichen Schriftepoche verändert. Finden sich zu Beginn des 12. Jahrhunderts eher autorlose Handschriften und Bezeichnungen wie Pfaffe Konrad und Pfaffe Lamprecht, die die Legitimation zur Verkündigung heilsgeschichtlicher Stoffe implizieren[17], kommen dann Autorbezeichnungen wie Eilhart von Oberg oder Heinrich von Veldeke auf, die die geographische Herkunft des Autors kenntlich machen. Da diese Entwicklung der Autorkennzeichnung aber mit der „Ausgestaltung einer Erzählerkonzeption“ einherläuft, sind diese Angaben kritisch zu hinterfragen.[18] Der Erzähler, der dann vorgibt, den Text verfasst zu haben, ist meist für dessen Zwecke konstruiert. So gibt sich Hartmann von Aues Erzähler im Iwein als Ritter aus, um legitimieren zu können, warum er über eben diesen Stand berichten kann.[19] Dieses Konzept der Augenzeugenschaft findet sich wiederholt in mittelalterlichen Texten und darf nicht zu der Annahme verleiten, Informationen über den Autor erhalten zu können. Somit ist die Autorbezeichnung als solche schon zum einen problematisch, weil sie nicht mit dem heutigen Verständnis vom Autor gleichgesetzt werden kann, zum anderen kann gesagt werden, dass eine Autorzuordnung, sofern es einen Autor gäbe, fast unmöglich ist. Die Überlieferungsgeschichte einzelner Werke macht hier dem Ziel einer Autorzuweisung Einhalt. Schließlich muss gesagt werden, dass den Zeitgenossen mittelalterlicher Literatur die Kenntnis des Autors nicht sehr wichtig gewesen zu sein scheint, da entweder der Vortragende diese Rolle übernahm, oder der Autor in spezifischen Texten, wie denen des Liturgie-Umfeldes, redundant war. Dies bestätigen auch die Erkenntnisse zur Autorbezeichnung von Gärtner, der festhält, dass diese so unregelmäßige Verwendung fanden, dass es kaum „ein Bedürfnis [gegeben haben könnte] Autor und Autorschaft so differenziert zu bezeichnen, wie wir das heute tun.“[20] Im Folgenden soll näher auf die für das Thema wichtige Überlieferungsproblematik eingegangen werden.

2.2 Die Überlieferung mittelalterlicher Texte

Wie schon oben angesprochen, stellt die Überlieferung mittelalterlicher Texte ein Problem dar, wenn es um eine konkrete Autorzuweisung geht. Das Beispiel des Strickers zeigt, dass Autor und Werk immer miteinander in Beziehung gesehen werden. Aus dem biographischen Stricker wird im Laufe der Überlieferung eine Werkbezeichnung.[21] Dies kann nur mit einer hohen auctoritas erklärt werden, die der Stricker auch nach seinen Lebzeiten seitens der Buchgelehrten zugeschrieben bekommt. Doch stellt dieses Beispiel leider einen Einzelfall dar. Die meisten Autorkennzeichnungen erhalten sich nicht. Baisch kritisiert in diesem Zusammenhang die Lachmann’sche Methode.[22] Mittelalterliche Texte werden mit Hilfe von weiteren Textzeugen zu einem Text zusammengefügt (Kantamination). Durch die Methoden der Textkritik entsteht dann der Archetypus A, der dem Originaltext am nahsten kommen soll. Hierdurch werden aber verschiedene Überlieferungsstadien und somit auch verschiedene Autoren vermischt. Die Konsequenz ist, dass der Autor des Originaltextes nicht nur selbst schlechte Chancen hat, weiter über seinen Text zu wachen, sondern dass auch die Methode der Mediävistik, den Text wiederherzustellen, dazu führt, dass der Autor des Originaltextes aus dem Blick gerät. Hieraus ergibt sich, dass mittelalterliche Texte nicht mehr im Hinblick auf ihren Autor, sondern auf die verschiedenen Fassungen analysiert werden müssen, wie es Bumke am Beispiel der Nibelungen-Klage macht.[23] Der Text wird losgelöst vom Autor hinsichtlich seiner Fassungen analysiert. Diese Distanz vom Autor ist hier nicht die Konsequenz der neuen Diskussion um Autorschaft, sondern eine Notwendigkeit, die sich aus den Methoden ergibt, die der Mediävistik zur Verfügung stehen. Der Autor kann nicht mehr rekonstruiert werden, also muss man sich von ihm distanzieren. Die Diskussion um den „Tod des Autors“[24] begünstigt nur diese neue Sichtweise. Des Weiteren muss gesagt werden, dass sich die Überlieferung mittelalterlicher Texte schon im Mittelalter selbst einer Veränderung unterzieht. Hier ist der Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit die Ursache. Texte, die der mündlichen Vortragsdiskussion dienen, sind nicht für die Überlieferung konzipiert. Ihnen fehlt von Anfang an eine Autorzuweisung. Formen konzeptueller Schriftlichkeit, wie die Nennung des Autors, die Einbettung in den Vortragskontext oder Inzipit und Explizit fehlen hier meist, denn für eine schriftliche Fixierung sind diese Texte nicht vorgesehen und die uns heute fehlenden Angaben erschließen sich damals aus der Vortragssituation und waren nicht nötig. Erst mit dem Übergang zum Medium Schrift verändert sich diese Situation. Autoren geben nun ihre Werke in fremde Hände, was dazu führt, dass sie ihren Namen nennen und konzeptuell schriftliche Ausdrucksformen benutzen. Hellgardt weist darauf hin, dass anonyme Texte erst dann eine Besonderheit darstellen, wenn sie aus der Aufführungssituation gelöst seien.[25] Die Überlieferung mittelalterlicher Texte stellt demnach also ein zweiseitiges Problem dar. Aus zeitgenössischer Sicht verhindern verschiedene Motive die Überlieferung des Originaltextes und der Autor kann seinen Text vor Fremdeingriffen nicht schützen, aus forschungsperspektivischer Sicht fehlen die Methoden, den Originaltext mit seinem Autor wiederherzustellen. Eine Abkehr vom Autor nach heutigem Verständnis wird dadurch nicht nur gefördert, sondern auch notwendig. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, unter welchen Voraussetzungen Texte nicht anonym, also mit Autor, überliefert wurden. Einher damit geht die Frage nach der Selbstdarstellung mittelalterlicher Autoren.

[...]


[1] Vgl. Kleinschmidt (2004). S. 7.

[2] Vgl. hierzu Barthes (2000): Der Tod des Autors und Foucault (2000): Was ist ein Autor?

[3] Vgl. Wenzel (1998). S. 1.

[4] Vgl. Bein (2004). S. 19.

[5] Vgl. Bein (2004). Im Rahmen eines Vortrages verfasst er drei Folien, die die Begriffe Autor, Autorisation und Authentizität in einen sachlogischen Zusammenhang bringen und aufzeigen, dass keine der drei Größen auf mittelalterliche Texte anwendbar ist.

[6] Vgl. Bein (2004). S. 21.

[7] Vgl. Baisch (2002). S. 97.

[8] Vgl. Bumke (1997). S. 87.

[9] Vgl. Ebd. S. 90.

[10] Vgl. Ebd. S. 93.

[11] Vgl. Bumke (1997). S. 95.

[12] Vgl. Ebd. S. 96ff.

[13] Vgl. Ebd. S. 99.

[14] Vgl. hierzu den Beitrag von Hellgardt (1995), der anhand vieler Beispiele eindrucksvoll aufzeigt, wie sehr das Verständnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit Auswirkungen auf das Selbstverständnis des Autors und letztlich auch auf seine Nennung hat.

[15] Vgl. Gärtner (1998). S. 41.

[16] Bumke (1997). S. 102.

[17] Vgl. Reuvekamp-Felber (2001). S. 2.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Ebd. S. 6ff.

[20] Vgl. Gärtner (1998). S. 45.

[21] Vgl. Holznagel (1998). S. 168.

[22] Vgl. Baisch (2002). S. 93ff.

[23] Vgl. Baisch (2002). S. 95ff.

[24] Vgl. Fußnote 2 dieser Arbeit.

[25] Vgl. Hellgardt (1998). S. 50.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640738311
ISBN (Buch)
9783640738618
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160625
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
Autor Autorschaft Mittelalter Herzog Ernst Bedeutung Ich-Erzählers

Autor

Zurück

Titel: Autor und Autorschaft im Mittelalter