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Die historische Person des "Jud Süß" Joseph Oppenheimer

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Versuch einer Biografie

3. Rezeptionsgeschichte

4. Der Propagandafilm „Jud Süß“

5. Versuch einer Aufklärung

6. Fazit

Literatur

1. Problemstellung

„Es wird so voller Scharteken von meiner Person in der Welt herum fliegen, daß man zuletzt nicht wissen wird, wer ich gewesen“[1] (Oppenheimer)

Mit diesen Worten stellt Oppenheimer selbst die Fragestellung dieser Hausarbeit und beschreibt zugleich das wesentliche Problem, welches mit dieser verbunden ist. Der Versuch, die historische Person des „Jud Süß“ greifbar zu machen, ist verbunden mit einer Suche nach einer Person, die es so, wie sie über 250 Jahre lang dargestellt wurde, gar nicht gab. Erst in der jüngsten Forschung wird sich dem Phänomen „Jud Süß“ angenähert. Der wohl bekannteste Jude der Geschichte ist faktisch dennoch völlig unbekannt. Hingerichtet ohne jegliche rechtliche und moralische Grundlage im wohl Aufsehen erregendsten Schauprozess des 18. Jahrhunderts in Stuttgart, stirbt Oppenheimer als Justizopfer. Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Person Joseph Oppenheimers. Es soll geklärt werden, wer Oppenheimer war und zu was er in der Literatur und den Medien und vor allem durch die nationalsozialistische Propaganda zu welchen Zwecken gemacht wurde. In Kapitel 2 soll der Versuch einer Biographie erfolgen, indem die wenigen gesicherten Daten zu seiner Person erläutert werden. Der weiteren Arbeit wird in Kapitel 3 die Quellenlage und Rezeptionsgeschichte vorangestellt, da eine Beschäftigung mit diesem Thema ohne kritische Begutachtung der Sekundärliteratur nicht funktionieren kann und die zahlreichen Schriften um und über Oppenheimer zum Gegenstand der Problematik, nämlich der Verzerrung seiner Person, gehören. Es muss voran geklärt werden, welche Informationen objektiv und für die Fragestellung verwertbar sind. Des Weiteren wird darauf einzugehen sein, wie die Geschehnisse um die Person „Jud Süß“ schon kurz nach seinem Tode durch Presse und antisemitische Propaganda verfälscht wurden. Als absolutes Negativbeispiel dieser Propaganda soll der Film Harlans „Jud Süß“ besprochen werden. Spätestens seit diesem gilt Oppenheimer als der Stereotyp eines hinterlistigen, verschlagenen und feigen Juden. Dass seine Geschichte in 250 Jahren verzerrt und für antisemitische Propaganda missbraucht wurde, ist Thema von Kapitel 4, in dem gezeigt werden soll, wie die jüngste Forschung und Geschichtswissenschaft mit dieser diffamierten Persönlichkeit umgeht und versucht, Aufklärung zu betreiben. Thema sei hier vor allem eine Wanderausstellung, die sich seinem Leben und der Verzerrung seiner Biografie widmete. Abschließend soll in einem Fazit (Kapitel 6) zusammenfassend dargestellt werden, welchen Stellenwert Oppenheimer heute in der Geschichte der Juden hat.

2. Versuch einer Biografie

Die gesicherten Stationen im Leben Joseph Oppenheimers sind schnell abgeschritten. Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer wird vermutlich 1692 in Heidelberg geboren. Seine Mutter stammt aus einem vornehmen württembergischen Geschlecht, sein Vater ist Rabbi Issachar Süßkind. Durch seine Herkunft hat er die finanziellen Mittel, um sich zu bilden. Seine Interessen sind das Abenteuer und die Reiselust. Mit 17 Jahren bereist er Holland und Prag und kommt schließlich nach Wien. Durch seine dort ansässige Verwandtschaft erhält er Zutritt zu den reichen Häusern der Stadt. Er lernt Finanzwirtschaft und bildet sich als Kaufmann aus. Hiernach arbeitet er für den Kurfürsten der Pfalz und Köln sowie für den Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Als Kreditgeber macht er sich einen Namen, weil Adlige bei ihm Geld leihen, um ihren kostspieligen Lebenswandel bezahlen zu können. 1732 lernt er als Kurgast den Prinzen Carl Alexander kennen. Als dieser Herzog wird, ernennt er Oppenheimer zu seinem Residenten in Frankfurt am Main. Carl Alexander benötigt Geld, um die Schulden seines Vorgängers und den polnischen Nachfolgekrieg zu finanzieren. Er befördert Oppenheimer zu seinem geheimen Finanzrat an den Hof in Stuttgart, eine Aufgabe, die damals mehrheitlich für Juden vorgesehen war, da es den Christen nicht erlaubt war, Geldgeschäfte zu tätigen. Oppenheimer handelt in den folgenden Jahren mit Juwelen und Edelmetallen, pachtet die Münze, beliefert das Heer und macht sich vor allem als Bankier einen Namen. Das Vertrauen des Herzogs ist groß und Oppenheimer hat freie Hand. Er schafft es, den Staatshaushalt Carl Alexanders zu sanieren und erweist sich als kluger und erfolgreicher Geschäftsmann.[2] Aufgrund von Neid und Misstrauen wird das Anzahl seiner Feinde größer. Der Herzog strebt im Geheimen einen Umsturz der württembergischen Stände- und Religionsverfassung an. Das marode System der Feudalherrschaft ist mehrfach kritisiert. Als der Herzog stirbt, versucht Oppenheimer zu fliehen, da ihm bewusst ist, dass nur der Herzog ihm den Rücken deckte und seine Feinde und Missgönner nun versuchen werden, ihm den Prozess zu machen. Bei seiner Flucht wird er dennoch verhaftet. Seien Erfolge und seine jüdische Herkunft „prädestinierten ihn, den Sündenbock zu spielen“[3]. Ohne Oppenheimer als diesen hätte sich der Nachfolger Carl Alexanders den Problemen des Systems stellen müssen. Ein Todesurteil steht schon im Mai 1737 fest, der eigentliche Prozess beginnt erst Wochen später. Die Richter versuchen alles, um ihre Anklage wegen Amtserschleichung, Fälschungen, Mejestätsverbrechen und Hochverrats aufrecht erhalten zu können. Der Angeklagte bekommt unfähige Verteidiger an die Seite gestellt, Zeugen werden manipuliert. Als die Anklage zu kippen droht, weil Oppenheimer weiß, wie er sich zu verteidigen hat, wird er wegen Rassenschande und Onanie angeklagt. Der politische Prozess, der vom Volk als ein Riesenschauspiel betrachtet wird, gerät zur Farce. Der Prozess wird ohne Oppenheimer im Winter 1737 zu Ende geführt. Oppenheimer sitzt inzwischen in der eingeschneiten Hohen Asperg fest. Anfang 1738 wird er nach Stuttgart verlegt, wo ihm das Urteil verkündet wird: Tod am Galgen. Am Hinrichtungstag wird die Stadt besonders gesichert. Tausende Soldaten stehen an den Grenzen Stuttgarts, Juden müssen die Stadt verlassen, da man befürchtet, diese könnten sich gegen das Urteil aussprechen. Die Urteilsverkündung wird verlesen, aber nicht begründet. Oppenheimer wird den Galgen hinaufgezogen und stirbt am 4. Februar 1738. Als Warnung an alle Juden, soll sein Leichnam volle sechs Jahre über dem Marktplatz Stuttgarts im eisernen Käfig gehangen haben.

3. Rezeptionsgeschichte

Generell muss gesagt werden, dass die Berichterstattung seit Oppenheimers Tod nicht gegensätzlicher und subjektiver sein könnte. „Fakten und Fiktion mischen sich von Anfang an.“[4] Schon 1738 erscheint eine Biographie von Wilhelm Casparson. Dieser kritisiert die Flut von Erscheinungen zu Oppenheimer und unterscheidet schon hier nach deren Wahrheitsgehalt:

„ Es sind, seith dem der Jud Süß gefangen genommen und gehenckt worden, so vielerley Nachrichten im Druck von ihm heraus kommen, als die Verfasser derselben zu stillung der allgemeinen Neu-Begierde für nöthig erachtet. An sich, will ich dieses nun in so weit nicht tadeln, weil man sonst Ursach finden möchte, mich selbst durchzuziehen; allein ob die Nachrichten, wovon ich rede, ohne Unterschied ihren Grund in der Wahrheit haben, dabey läßt sich noch vieles erinnern.“[5]

Casparson unterscheidet drei Arten von Schriften: Erstens diese, die wahr seien, zweitens welche, die nicht zwischen Tatsachen und Legenden unterscheiden und drittens die dichterischen Werke, zu denen vieles hinzu gedichtet sei. Das Bild Oppenheimers am Galgen wird seit seinem Tod im Februar 1738 zu einem Synonym für diesen. Auf allen Abbildungen Oppenheimers findet sich die Galgenform wieder. Ein Bildgedicht aus dem Jahre 1738 in Form eines Galgens zeigt, dass dieser zum allgemein verständlichem Emblem von Oppenheimer wurde. Dies zeigt, welches Interesse dieser „Justizfall“ hervorgerufen haben muss und welch weite Kreise dieser in der Öffentlichkeit zog. Erst 1874 begründete Manfred Zimmermann mit seiner Biographie zu Oppenheimer eine neue, objektive Form historischer Darstellung. Er orientiert sich an den wenigen Fakten seines Lebens, dennoch kann er schon knapp 40 Jahre nach dem Tod Oppenheimers nicht mehr Fiktion von Wahrheit unterscheiden. In den Jahren bis 1874 wird Oppenheimer als der „hinterlistige, verbrecherische und bestechliche Jude“ dargestellt und diese Verzerrung des Wirklichkeit hält bis heute an. Die erste Auseinandersetzung mit Oppenheimer auf Grundlage einer Quellenbasis geschieht durch Selma Stern 1929. Der Nationalsozialismus missbraucht in unbekanntem Ausmaße die Legenden und falschen Tatsachenberichte um Oppenheimer, um in ihm den semitischen Stereotypen lebendig werden zu lassen. Der Film „Jud Süß“ von Veit Harlan wird im Auftrag Goebbels produziert und soll noch in dieser Arbeit ausführlich besprochen werden. Historisch objektive Untersuchungen zu Oppenheimer führte dann erst wieder Barbara Gerber 1990 durch.

Jedes Lexikon zum Judentum widmet Oppenheimer einen Eintrag. Auch in der Geschichte Württembergs spielt er immer eine Rolle. Dennoch zeigen die Beiträge auch, wie erfolgreich die antisemitische Propaganda funktionierte und wie sehr die Geschichte des verbrecherischen Hofjudens in den Köpfen der Menschen verankert ist. Ein Eintrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie von Rudolf Krauß aus dem Jahre 1894 zeigt dies eindrucksvoll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Oppenheimer wird hier sehr negativ beschrieben. Die Subjektivität dieses Beitrages ist einem Lexikoneintrag nicht würdig. Oppenheimer wird nachgesagt, er habe nur durch Carl Alexander Ruhm und Erfolg geerntet, sei ein Lügner, Verleumder und Heuchler und wüsse genau, wie er Menschen zu dem bringen könne, was er wolle. „Mit echt semitischer Geschmeidigkeit“ hätte er von Carl Alexander alles abverlangen können.

Der Eintrag in der Neuen Deutschen Biographie von Peter Baumgart aus dem Jahre 1921 ist da schon objektiver gehalten und orientiert sich an den Fakten zur Person Oppenheimers.

[...]


[1] Vgl. Barbara Gerber (1990). S. 299.

[2] Im Folgenden entnommen aus: www.geissstrasse.de/file_download/15/oppenheimer.pdf: Gedenkblatt zu Ehren Oppenheimers und http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Oppenheimer,_Joseph_S%C3%BC%C3%9F.

[3] Vgl. www.geissstrasse.de/file_download/15/oppenheimer.pdf (Stand: 5.5.2010) . S. 2.

[4] Ernst Seidel. Joseph Süss Oppenheimer. Zwischen Fakten und Fiktion. In: „Jud Süß“. Propagandafilm im NS-Staat. Katalog zur Ausstellung. Haus der Geschichte Baden-Württemberg. 2007. S. 88.

[5] Ebd. S. 88.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640736942
ISBN (Buch)
9783640737031
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160622
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
Person Joseph Oppenheimer

Autor

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Titel: Die historische Person des "Jud Süß" Joseph Oppenheimer