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Thietmar von Merseburg - Leben und Werk

Essay 2010 7 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Thietmar von Merseburg

Als Kleriker und Historiograph geht Thietmar von Merseburg in die mittelalterliche Geschichte ein. Im Reich Ottos des Großen lebt er in Merseburg, das im heutigen Sachsen-Anhalt liegt. Besonders seine Chronik liest sich als bedeutende Quelle zu den Beziehungen des Reiches zum Osten. Im Folgenden soll Thietmars Lebensweg nachgezeichnet werden, um den Stellenwert seiner Chronik in den historischen Kontext und die Forschungsgeschichte einordnen zu können.

Herkunft

Biographische Daten zur Person Thietmars sind nur geringfügig vorhanden. Die meisten Hinweise zur seiner Person finden sich in Form von Selbstaussagen in seiner Chronik. Nach eigenen Angaben wird er als Kind der Familie der Grafen von Walbeck als dritter Sohn Graf Siegfrieds und seiner Frau Kunigunde 975 geboren. Seine Verwandtschaft mit den Stader Grafen, den Billungern, den Ekkehardingern, den Konradinern und dem Markgrafen von Schweinfurt führt ihn in die hochadeligen Kreise ein. Väterlicherseits ist Thietmar mit der königlichen Familie in Sachsen, also dem Kaiserhaus verwandt. Diese Verbindung zeigt sich auch in seiner Chronik.

Ausbildung

Er genießt seine erste Erziehung im ottonischen Familienstift Quedlinburg durch seine Großtante Emnild. Als Hochadliger ist für Thietmar eine standesübliche theologische Ausbildung vorgesehen. 987 tritt er in das Johanneskloster in Magdeburg ein, 990 wird er in das Magdeburger Domstift aufgenommen. Unter den etabliertesten Lehrern des Reiches Ekkehard dem Roten und Geddo genießt er eine hervorragende Ausbildung. Neben den theologischen Studien und der Lehre antiker, lateinischer Autoren gehört auch die Schulung reichspolitischer Themen. Um 1000 wird Thietmar Mitglied des Magdeburger Domkapitels, 1002 Probst des Walbecker Familienklosters, welches sein Großvater Lothar II. stiftete. Der Nachfolger des verstorbenen Magdeburger Erzbischofs Geiseler, Tagino, weiht Thietmar 1004 in Allstedt zum Priester. Diese Beziehung ist insofern wichtig, als Tagino Thietmar mit Heinrich II. in Kontakt bringt. Tagino wird Thietmar auf seinem Lebensweg nicht mehr verlassen und ihn auch 1005 zu seiner Synode nach Dortmund und zwei Jahre später auf seinen Feldzug gegen Boleslaw Chrobry als Führer begleiten. Thietmars verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen führen ihn dann auch schnell auf der Karriereleiter einen Schritt hinauf: Seit 1004 lenkt Kaplan Wigberg die Geschicke des neu restaurierten Bistums Merseburg. Tagino wirbt bei Heinrich II. um Thietmar, der dann auch nach Wigbergs Tod den Merseburger Bischofsstuhl besetzt. Besonders an dieser Promotion ist die Tatsache, dass Thietmar kein Mitglied der königlichen Hofkapelle gewesen ist.

Der Reichsbischof

Thietmar gehört als Bischof von Merseburg nun den Reichsbischöfen an. Das Reichskirchensystem gründet auf der Verfügungsgewalt des Königs über das als Reichsgut behandelte Kirchengut und auf der Investitur der höheren geistlichen Würdenträger durch den selbigen. Durch dieses System entsteht eine Art Abhängigkeitsverhältnis zwischen Herrscher und Adel. Die Ausbildung des Klerus wird auf die Domkapitel übertragen, die die möglichen Anwärter auf ein Bischofsamt auch in Reichsangelegenheiten schulen. Die Bischöfe erhalten dann Güter und Hoheitsrechte für ihre Diözesen und werden in die Reichspolitik mit einbezogen. Der König kann dafür Treue, Naturalleistungen und die Beherbergungspflicht erwarten. Er konnte so auf Rückhalt im gesamten Reich hoffen und auch finanziell von seinen Beziehungen zum Adel profitieren. Thietmar geht zwar nicht den vorgesehen Weg durch die Hofkapelle, kann dies aber durch andere Faktoren wieder ausgleichen: Er ist mit der slawischen Sprache vertraut und unter den Auseinandersetzungen mit dem Osten aufgewachsen. Die Ostpolitik Heinrichs II. ist darauf bedacht, im strategisch wichtigen Magdeburg, und so auch Merseburg, auch einen Reichsbischof zu haben, der mit dem Problem vertraut ist. Außerdem muss Thietmar mit seinem gesamten Vermögen für das Bistum bürgen. Er beschränkt sich aber während seiner Amtszeit größtenteils auf die Belange Merseburgs. Nur selten verlässt er Sachsen. Hauptaufgabe des neuen Bischofs von Merseburg sind die Probleme, die mit der Wiederherstellung des Bistums verbunden sind. Merseburg gilt schon im 10. Jahrhundert als strategischer Grenzort König Ottos I. bezüglich seiner Ostpolitik. Im Zuge der Neubesetzung des Magdeburger Erzstuhls durch Giselher, wurde das Bistum Merseburg 981 zwischen den Diözesen von Halberstadt, Magdeburg, Meißen und Zeitz aufgeteilt. Schon seit 997, der Synode von Pavia, wird über die Wiederherstellung Merseburgs diskutiert. Als 1004 Giselher stirbt, wird das Bistum wiederhergestellt. Thietmar kämpft seit 1009 für die Rückgewinnung der dem Bistum weiterhin vorenthaltenen Besitzungen, was ihm aber nur zum Teil gelingt. Zahlreiche Urkunden im Merseburger Domstiftsarchiv bezeugen seine Bemühungen. Durch zahlreiche Schenkungen Heinrichs II. kann Thietmar große Teile des alten Gebietes zurückgewinnen. Im Gegenzug unterstützt er Heinrich II. bei seiner Ostpolitik, obwohl Thietmar sich trotzdem seinen eigenen Willen bewahrt und sich nicht völlig dem König unterwirft. So lehnt er zum Beispiel die von Heinrich II. geforderte Klosterreform ab und spricht sich gegen das Privileg der freien Bischofswahl anlässlich der Wahlen in Magdeburg 1012 aus. Auch Urkundenfälschungen, ein übliches Mittel der Zeit, können bei Thietmars Vorgehen ausfindig gemacht werden. 1017 wird die Mulde zur Ostgrenze des Bistums bestimmt. Thietmar legt außerdem 1015 den Grundstein zum Bau einer Kathedralkirche. Seine Bemühungen und deren Legitimationsversuche werden auch in der von ihm verfassten Chronik thematisiert. Sie dient vor allem auch der Untermauerung seiner Ansprüche gegenüber dem König und anderen Territorialherren.

Der Chronist und die Chronik

Neben seinen Pflichten als Geistlicher schreibt Thietmar von Merseburg in den Jahren 1012 bis 1018 seine Chronik. Diese umfasst acht Bücher und hat als Adressaten die Nachfolger Thietmars im Bischofsamt. Thietmar berichtet für eine Historiographie unpassend subjektiv von der Einrichtung, Aufhebung und Wiedererrichtung des Bistums Merseburg. Zum einen werden hier Fakten genannt, auf denen Thietmar dann seine Rückforderungen aufbauen kann, zum anderen stellt er Geschehnisse um die Geschichte Merseburgs als Einwirken Gottes dar, der die Sünder für die Zerstörung bestrafen will. Die Chronik ist reichsgeschichtlich-dynastisch gegliedert. Die ersten vier Bücher erzählen die Herrschaftszeit von Heinrich I. bis Otto III. Die letzten vier Bücher sind Heinrich II. gewidmet, dem hier eine besondere Nennung zu Teil wird. Die Chronik stellt ein einzigartiges Zeugnis der zeithistorischen Geschehnisse des 10. Jahrhunderts dar. Thietmar greift für die ersten beiden Bücher auf die Sachsengeschichte Widukinds, für die ersten vier Bücher insgesamt auf die Quedlinburger Annalen zurück. Ab den letzten Jahren Ottos III. und für die Zeit Heinrichs II. ist Thietmar Zeitzeuge. Neben anderen Viten und Urkunden nutzt er auch das Merseburger Totenbuch. Er lässt in seiner Chronik Quellen parallel nebeneinander sprechen, was seiner Darstellung an Objektivität verleiht. Neben chronologischen Erzählmustern finden sich immer wieder Einschübe von für Thietmar wichtig erscheinenden Begebenheiten. Diese stören den chronologisch Fluss, geben seinem Werk aber eine persönliche Note. Thietmar schreibt Geschichte, in dem sie als Strafe, Vorzeichen oder Vision interpretiert wird. Sein religiös motiviertes Bild vom Verlauf der Geschichte zieht sich durch die gesamte Chronik und gipfelt in den immer wieder eingeschobenen Gebeten für Tote und Geschichten von Wundern. Hier ist der Chronist wieder ganz der Kleriker. Die Beurteilung der einzelnen Herrscherperioden geht einher mit Thietmars Darstellung der Geschichte des Bistums Merseburg. Die Regentschaft Ottos des Großen, dem Gründer des Bistums, wird als positiv bewertet, wohingegen sein Nachfolger nicht so gut abschneidet. In diesem Zusammenhang ist die Darstellungsweise subjektiv und der Geschichte Merseburgs wird eine größere Bedeutung beigemessen als anderen reichspolitischen Entscheidungen. Thietmars adelige Herkunft zeigt sich auch immer wieder in seiner Chronik. Auch seine freundschaftlichen Beziehungen zum sächsischen Königshaus zeigen sich hier. Die Chronik wird von Thietmar nicht vollendet, da er 1018 stirbt. Ihr fehlt deshalb auch eine Beurteilung der Regentschaft Heinrichs II. sowie eine Gesamtbeurteilung der in der Chronik behandelten Zeit.

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Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640736935
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160620
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2
Schlagworte
Thietmar Merseburg Leben Werk

Autor

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Titel: Thietmar von Merseburg - Leben und Werk