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Umgang mit heterodoxer Medizin

Magisterarbeit 2007 131 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Forschungsfeld
1.2 Forschungsinteresse und Fragestellung
1.3 Forschungsmethoden
1.4 Vorgehensweise

2 Relevante Erkenntnisse der Lebensstilforschung
2.1 Begriffsabgrenzungen
2.2 Theoretische Lebensstilforschung
2.3 Angewandte Lebensstilforschung
2.4 Gesundheitsstile

3 Moderne Medizin
3.1 Begriffsabgrenzungen
3.2 Medizinkonzepte
3.2.1 Biomedizin
3.2.2 Heterodoxe Medizin

4 Portraits der Interviewpartner

5 Gesundheitsstilmerkmale
5.1 Sozialdemographische Merkmale der Interviewpartner
5.2 Subjektive Wahrnehmungen und Bewertungen
5.2.1 Der Zugang zu heterodoxen Heilmethoden
5.2.2 Die Wahl der Heilmethode
5.2.3 Erlebnisse mit weiteren heterodoxen Heilmethoden
5.2.4 Die Wahl des Heilers
5.2.5 Raumwahrnehmungen
5.2.6 Bewertung der Heilmethode
5.2.7 Deutungsmuster von Gesundheit und Krankheit
5.2.8 Das Für und Wieder der Biomedizin(er)
5.2.9 Vorstellungen über das Verhältnis Arzt/Heiler - Patient/Klient
5.3 Handlungsmuster der Gesundheitspraktiken
5.3.1 Ernährungspraktiken
5.3.2 Bewegungspraktiken
5.3.3 Therapieform im Krankheits- oder Gesundheitsfall
5.3.4 Gesundheit als Kostenfaktor

6 Nutzerkategorien aus den Gesundheitsstilen
6.1 Anwendung heterodoxer Medizin als Ergänzung der Biomedizin
6.2 Anwendung heterodoxer Medizin als Ersatz für die Biomedizin

7 Schlussbemerkungen

8 Anhang
8.1 Glossar
8.2 Transkriptionsnotation
8.3 Interviewleitfaden

9 Literaturverzeichnis
9.1 Monographien, Sammelbände und Zeitschriften
9.2 Internetquellen

1 Einleitung

„ Also, ich habe einen Freund, dem habe ich von Feldenkrais erz ä hlt. Da sagte er ganz stolz: ‚ Nein, ich mache jetzt Grinberg. ‘“ (O-Ton Andrea am 11. 05. 2006)

1.1 Forschungsfeld

Feldenkrais, Grinberg, Shiatsu, Bachblüten und Globuli - unser Gesundheitssystem befindet sich in einer Umbruchsphase.

Neben der bisherigen ärztlichen Behandlung von Krankheiten wird die Vorsorge für die Gesundheit und damit die Eigenverantwortung des Einzelnen für seine Heilung und Gesundheit immer wichtiger.

Mit der Umstrukturierung der Krankenkassen begann für diese die Suche nach einem neuen Profil. Ein Hauptanliegen aller Kassen ist die Zunahme von sogenannten ‚guten Risiken‘.[1] Die aktuellen Angebote[2] zahlreicher Krankenkas- sen weisen einen hohen Anteil an Maßnahmen zur Prävention und Gesundheits- förderung auf. Prävention zielt auf Verhaltensänderung und ist ein Eingriff in den Bereich individueller Entscheidungen. Die Förderung der Mitarbeit der Kassen- mitglieder wird durch dafür entwickelte Bonusprogramme unterstützt. Darunter fällt zum Beispiel der Besuch einer Rückenschule, der Erwerb eines Sportabzei- chens oder ein Nikotinentwöhnungskurs. Des Weiteren werben die Krankenkassen u. a. auf ihren Websites mit Kostenübernahmen für einige heterodoxe[3] Heilmethoden[4], empfehlen die Anwendung ‚traditioneller Hausmittel‘ und bieten Zusatzversicherungen für die Konsultation von Heilpraktikern[5] an.

1.1 Forschungsfeld 5

Während es in Deutschland vor Jahren nur wenige Nutzer von Medizinformen außerhalb der Biomedizin[6] gab, gewinnen diese seit rund zwanzig Jahren bei Pa- tienten und Ärzten an Akzeptanz.[7] Die Auswahl der Heilmethodenangebote ist heutzutage ein weites Feld. Neben altbekannten Mitteln wie Wasseranwendungen und Pflanzenheilkunde begleiten zunehmend Heilformen aus der ganzen Welt den interessierten Patienten. Besonders Teile der asiatischen Medizinsysteme haben Hochkonjunktur, so ist beispielsweise in Modellversuchen[8] die Akupunkturbe- handlung über die Krankenkassen abzurechnen. Auch abseits der Gesundheits- versorgung hält ein neuer Geist Einzug in viele Lebensbereiche. So gibt es bei- spielsweise in Berlin kaum ein Fitnesscenter ohne Yoga im Repertoire, selten einen Lebensmitteldiscounter ohne ,Bio- oder Vitalecke‘ im Angebot. Eine Erklärung geben Cant und Sharma (1999) dafür, indem sie breite soziale und kulturelle Wand- lungsprozesse - wie veränderte Körperkonzeptionen, Wertewandel, gestiegene Re- flexivität und verstärkte Selbstverantwortung - verantwortlich machen. Douglas (1996) verweist auf eine wachsende gesellschaftliche Neigung zur Sanftheit (gen- tleness). Auch für Astin (1998) stehen postmoderne Werte, zu denen er Technik- feindlichkeit, Ganzheitlichkeit und Sanftheit zählt, im Vordergrund. Die gestiege- ne Nachfrage nach Angeboten heterodoxer Medizinformen ist nach Beck (1986) auch Ausdruck von Individualisierungsprozessen der Moderne.

Individualisierung meint, dass der oder die einzelne in unserer Gesellschaft zu- nehmend gefordert ist, sich in einer Lebensgestaltung nicht mehr auf höhere Ins- tanzen zu berufen, sondern die eigene Biographie selbst zu gestalten und zu ver- antworten.[9]

Das medizinische System, schrieb Landy 1977 in einem der frühen Einführungswerke in die Medical Anthropology, ist Teil der jeweiligen Kultur und verändert sich entsprechend deren Bedürfnissen.

In dieser Arbeit werden die individuellen Gesundheitsstile von Nutzern[10] hete- rodoxer Heilmethoden in Berlin untersucht. Ich beschränke mich dabei auf den Raum Berlin, da eine bundesweite Auswertung den Rahmen dieser Arbeit spren- gen würde. Die Beobachtung von Lebensstilen ist Gegenstand verschiedenster Disziplinen, z. B. der Wirtschaftswissenschaften (Y. Wind), der Psychologie (G. A. Kelly), der Soziologie (H.-P. Müller) und der Ethnologie (G. Schulze). Ziel ist es nicht, auf die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen der Lebensstile einzugehen, vielmehr geht es darum zu untersuchen, welche Merkmale, die für einen Lebens- stil stehen, zu einer Nutzung der heterodoxen Medizin führen und wie diese ge- nutzt wird. Hier werden die Gesundheitsstile der Menschen untersucht, die in un- abdingbarer Verbindung mit der heterodoxen Medizin stehen. Das heißt, alle gesundheitsstilbildenden Prozesse der Untersuchten beziehen sich auf die hetero- doxe Medizin und ihre Nutzung.

1.2 Forschungsinteresse und Fragestellung

Der Auslöser für das Interesse an der Thematik der vorliegenden Arbeit war die akute Blinddarmentzündung einer Freundin. Die behandelnden Ärzte wiesen sie unmissverständlich darauf hin, das sie sich in einer lebensgefährlichen Situation befände und rieten ihr zu einer sofortigen Operation. Entgegen des ärztlichen Therapievorschlages verließ sie jedoch die Klinik und begab sich in die Betreuung eines ihr schon länger bekannten thailändischen Heilers. Dieser verordnete ihr eine Diät, die sie wochenlang einhalten sollte. Ich bewunderte ihren Mut, sich in dieser Situation darauf einzulassen und überlegte lange, ob auch ich dazu bereit gewesen wäre. Da mein Interesse für Medizin im Allgemeinen und heterodoxe Heilmethoden im Speziellen sich auf Grund diverser Aktivitäten in diesen Berei chen schon länger abzeichnete, fasste ich den Entschluss, die Gelegenheit der Ma- gisterarbeit zu nutzen, um mich für eine Weile mit diesem Thema zu beschäfti- gen.

In meiner Arbeit möchte ich herausfinden: Wie werden Angebote aus dem Gesundheitsbereich wahrgenommen und genutzt? Wer sind die Nutzer heterodoxer Heilmethoden und warum entscheiden sie sich für welche Methoden? Gibt es Besonderheiten in ihrer Lebensführung oder ihren Alltagsrealitäten?

Welche Faktoren beeinflussen die Nutzer, heterodoxe Heilmethoden auszuwählen? Welche Kriterien sind ausschlaggebend für die Wahl bei der Entscheidung des Heilers? Sind die Akteure von Bildern, Vorstellungen und Annahmen der Biomedizin beeinflusst? Haben sie möglicherweise ganz andere Konzepte von Krankheit und Heilung? Entstehen durch den Einfluss heterodoxer Heilmethoden neue Sichtweisen von Krankheit und Heilung in unserer Gesellschaft? Welche sind das und wenn ja, welche sind das?

Theoretische Grundüberlegungen für diese Arbeit sind folgende Fragen: Gibt es in der heutigen Zeit Gesundheitsstile und wenn ja, was sind die charakteristischen Merkmale von Gesundheitsstilen der Nutzer heterodoxer Medizin?

Fortführend wird versucht, mit einer empirischen Inhaltsanalyse anhand in- haltlicher Stilmerkmale meiner Feldforschung folgende Fragestellungen zu erör- tern:

1. Welche Entscheidungspraktiken beeinflussen die Wahl der jeweiligen Heilme- thode?
2. Welche Bedeutung wird der Qualifizierung der Mediziner beigemessen?
3. Wie werden die Angebote heterodoxer Heilmethoden genutzt?

1.3 Forschungsmethoden

Gegenstand der empirischen Untersuchung in dieser Arbeit ist die durchgeführte Feldforschung. Der Untersuchungszeitraum wird eingegrenzt und umfasst alle Be- obachtungen und Interviews, die in dem Zeitraum vom 01. April bis 31. Juli 2005 erfasst wurden.

Die empirische Grundlage sind sechs offene qualitative Leitfaden orientierte Interviews mit Nutzern der heterodoxen Medizin, im Alter von 26 bis 42 Jahren, die erwerbstätig sind oder sich in einer Hochschulausbildung befinden. Den Inter views gingen weitreichende Literaturrecherchen voraus. Des Weiteren habe ich mir anhand von Probestunden in den jeweiligen Heilmethoden Kenntnisse ver- schafft. Die Gespräche dauerten zwischen 40 Minuten und 3 Stunden und bein- halteten vier Themenblöcke. Sie fanden in Cafes oder den Geschäftsräumen der Befragten statt. Die Interviews wurden mit einem Diktiergerät auf Kassette auf- genommen und anschließend transkribiert. Ich habe die Gespräche nicht ins schriftdeutsch übersetzt, um die Qualität der Aussagen (Aussagekraft) weitest ge- hend identisch zu halten und auch, um die volle Lebendigkeit der Sprache wieder- zugeben. Ich habe mich dafür entschieden, längere Passagen von Originaltönen wiederzugeben, um ein möglichst unverfälschtes Bild von Sichtweisen der inter- viewten Personen aufzuzeigen. Dabei habe ich gefragt, welche Umstände zur Nutzung heterodoxer Heilmethoden geführt haben, welche Faktoren bei der Hei- lerwahl ausschlaggebend waren, wie sich das jeweilige Verhältnis zur Medizin ge- staltet, wie sich die Vorstellung zur eigenen Krankheit darstellt. Meine Interview- partner erzählten bis auf eine Ausnahme ausgiebig und gern von ihren Erfahrungen um die eigene Nutzung heterodoxer Heilmethoden. Bei Zitaten aus den Interviews gebe ich den Anfangsbuchstaben des Interviewpartners und die jeweilige Seite aus dem Interviewtranskript in Klammern an. Interviewpassagen ohne Kennzeich- nung beziehen sich auf die folgende Zitatkennzeichnung.[11] Eine Erklärung der je- weilig verwendeten Transkriptionsweise und der Interviewleitfaden finden sich im Anhang. Des Weiteren habe ich ein Glossar zur Erklärung der vorkommenden Heilmethoden verfasst, welches sich ebenfalls im Anhang befindet.

Zur Gewinnung der Interviewpartner wurden Aushänge an Laternenmasten in den Bezirken Prenzlauer Berg und Mitte angebracht, da diese Bezirke laut Tele- fonbranchenbuch einen hohen Heilpraxenanteil aufweisen. Dementsprechend sind also in diesen Bezirken Nutzer dieser Einrichtungen zu erwarten gewesen. Des Weiteren habe ich Aufrufe per E-Mail in mir bekannte Verteilernetzte gesendet.

Ich habe dann die Leute, die sich gemeldet haben, getroffen und befragt. Wo- bei sich jedoch zwei von insgesamt neun Probanden aus Zeitgründen nur telefo- nisch interviewen ließen. Die Ergebnisse der Telefoninterviews habe ich nicht für diese Arbeit verwendet, da sie mir auf Grund der Kommunikationsverluste durch das Telefon nicht relevant genug erschienen. Meine Interviewpartner habe ich selbstverständlich anonymisiert. Das bedeutet, dass ich sämtliche Eigennamen verändert habe. Die Notwendigkeit der Wahrung von Anonymität wird von Schein treffend beschrieben:

“We must stop kidding ourselves that traditional research based on resear- chers going organisations to gather data by counting, surveying, or interviewing is either valid or harmless. There is a real possibility that such resarch not only harms members of the organisation but also produces superficial and incorrect insights into what happens in organisations … In any case, the clinical view would argue that the real name of the organisational client must never be used because there is no way of telling ahead of time where a given organisation will be vulnerable and in what way publishes material, I have seen examples where identified cases have led years later to organizational ‘harm’”. (Schein, E. 1987: 65, 67)

Der Versuch der Darstellung von Gesundheitsstilen anhand eines Interviews muss sich auch stets mit der Frage beschäftigen, wie weit diese Annäherung gelin- gen kann. Die Frage, ob ich die von mir interviewten Personen ,richtig‘ verstan- den habe und ob ich sie in einer ihnen entsprechenden Art und Weise portraitiert habe, hat mich dabei immer wieder beschäftigt. Bei aller Sorgsamkeit der Metho- dik beinhaltet die Deutung eines Interviews jedoch immer ein subjektives Ele- ment, oder wie es Gerhard Schulze fasst: „Der Versuch, fremde Subjektivität zu verstehen, muss mit dem Medium der eigenen Subjektivität operieren“ (1993: 281). Aus diesem Grund kann jedes vermeintliche Verstehen immer nur ein wis- senschaftliches Fremdverstehen sein.

Obwohl ich in der Auswahl der zu beschreibenden Themenbereiche innerhalb meiner Feldforschung selektiv sein musste und somit zu untersuchende Probleme unweigerlich aus dem Gesamtzusammenhang herauskristallisiert wurden, war ich mir dessen bewusst und folgte der Sichtweise Bohms, der folgende Ansicht bezüglich der Realität von Subjekt und Objekt vertritt:

“What is required here, then, is not an explanation that would give us some knowledge of the relationship of thought and thing, or of thought and ‘reality as a whole’. Rather, what is needed is an act of understanding; in which we see the totality as an actual process that, when carried aut properly, tends to bring about a harmonious and orderly overall action, incorporated both thought and what is thought about in a single movement, in which analysis into separate parts (e. g., thought and thing) has no meaning.” (Bohm 1980: 56)

Da es sich um einen Versuch handelt, am Beispiel von einigen Interviewpro- banden darzustellen, wie in der heutigen Gesellschaft Gesundheitsstile von Nut- zern heterodoxer Medizin entstehen und geführt werden, kann nicht auf die um- fassende Komplexität der heterodoxen Medizin im Allgemeinen eingegangen werden. Das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und zu einer schwer- punktmäßigen Arbeit über die heterodoxe Medizin machen. Vielmehr soll die Möglichkeit gegeben werden, anhand der herausgearbeiteten Gesundheitsstil- merkmale Diskussion und Anregung auch für die Analyse anderer Gesundheits- stile zu geben. Wobei eingrenzend gilt, dass die herausgearbeiteten Merkmale und Strategien nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

In der Europäischen Ethnologie, den Empirischen Kulturwissenschaften und der Volkskunde ist nicht nur dieses Thema, sondern die Beschäftigung mit Nut- zern von Medizinsystemen generell ein noch wenig bearbeitetes Randgebiet. Seit mindestens zwanzig Jahren wird eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum darum geführt, wie denn nun die Disziplin bzw. Subdis- ziplin am besten heiße: ob Medizinethnologie, Ethnomedizin oder Medizinanth- ropologie.[12] Während sich das Interesse an der Ethnomedizin in den 1970er und 1980er Jahren hauptsächlich auf die außereuropäischen Medizinsysteme konzent- rierte, hatte die Volkskunde dem Gebiet der europäischen Volksmedizin seit jeher ihre Aufmerksamkeit gewidmet (u. a. Grabner1967; Dornheim 1983; Hauschild 1976/77).[13]

In den neunziger Jahren verschob sich das Interesse auf den Körper und die Körperlichkeit. Unter dem Einfluss konstruktivistischer Forschungsansätze wird Krankheit als ein kulturabhängiges Phänomen betrachtet, das Teil des soziokul- turellen Kontextes ist und durch diesen Kontext hergestellt wird (Kleinman 1980, Herzlich/Pierret 1984, Duden 1987, et. al). Seitdem hat sich die Forschung über Krankheit, Medizin und Heilung so vervielfältigt, dass es kaum möglich ist, hierüber noch einen überschaubaren Abriss zu geben.

In meiner Arbeit möchte ich beschreiben, welche Lösungen meine Interview- partner für den Umgang mit heterodoxen Heilmethoden gefunden haben. Dabei stelle ich keine These auf, sondern versuche gestellte Fragen zu beantwor-ten: Die eigentliche Aufgabe der deutenden Ethnologie ist es nicht, unsere tiefsten Fragen zu beantworten, sondern uns mit anderen Antworten vertraut zu machen, die andere Menschen (…) gefunden haben, und diese Antworten in das jeder-mann zugängliche Archiv menschlicher Äußerungen aufzunehmen (C. Geertz: 1983: 43).

1.4 Vorgehensweise

Im ersten Teil der Arbeit handelt es sich um den Versuch, sich dem Lebensstilbegriff theoretisch und wissenschaftlich zu nähern. Grundfrage ist hier: Kann man heute von aktuellen bzw. modernen Lebensstilen sprechen?

Es wird ein Überblick über die unterschiedliche Verwendung und Interpretation des Lebensstilbegriffs gegeben und eine für diese Arbeit relevante Begriffsabgrenzung vorgenommen.

Anschließend werden die einflussreichsten Theorien vorgestellt. Des Weiteren werden Beispiele für die empirische Lebensstilforschung dargestellt. Die hier exemplarisch ausgewählten Stile erheben keinen Anspruch auf vollständige Dar- stellung des Forschungsstandes. Es geht vielmehr darum, Richtungen aufzuzei- gen, um sich der Frage nach den modernen Gesundheitsstilen zu nähern und so- mit eine Grundlage für die Analyse der Gesundheitsstile der Nutzer heterodoxer Medizin zu schaffen.

Da es keine eindeutige Definition des Gesundheitsstils gibt, wird versucht, anhand der Funktionen und Stilmerkmale des Lebensstils einen Corpus festzulegen, mit dem analysiert werden soll, dass es sich bei den Vorstellungen der Nutzer heterodoxer Medizin um Gesundheitsstile handelt. Es wird herausgearbeitet, welche Strategien der Gesundheitsstilbildung es gibt und welche grundlegende Funktion die heterodoxe Medizin in diesem Prozess hat.

Anschließend werden die begrifflichen und wissenschaftlichen Grundlagen zur Medizin, Biomedizin und Heterodoxen Medizin erarbeitet.

Nachdem die für diese Arbeit relevanten Forschungszweige vorgestellt worden sind erfolgt die Analyse, die Inhalt des zweiten Teils der Arbeit ist, basierend auf dem im ersten Teil festgelegten Corpus. Sie besteht aus Stilmerkmalen des Ge- sundheitsstils und bezieht sich hauptsächlich auf die empirischen Daten der Feld- forschung.

Anschließend werden die sich aus den Daten der Feldforschung ergebenen Nutzerkategorien vorgestellt. Es folgen die Schlussbemerkungen.

2 Relevante Erkenntnisse der Lebensstilforschung

2.1 Begriffsabgrenzungen

Im Folgenden wird eine exemplarische Übersicht über die verschiedenen Lebens- stilbegrifflichkeiten gegeben und diese in den Kontext der jeweiligen Forschungsrich- tung eingebettet. Der Schwerpunkt liegt aufgrund der Aufgabenstellung dieser Arbeit auf dem kulturtheoretisch- und ethnologisch orientierten Lebensstilbe- griff.[14]

In der psychologischen Forschung entspringt das Lebensstilkonstrukt der Per- sönlichkeits- und Motivationsforschung[15] und verfolgt den Zweck, Persönlich- keiten voneinander abzugrenzen.[16] Der Begriff bezieht sich also auf das einzelne Individuum und dessen einzigartige Organisation der eigenen Persönlichkeit.

Die marketingorientierten Begriffsdefinitionen interpretieren den Lebensstil im Hinblick auf seine Anwendungsgebiete im Marketing. Kotler und Bliemel fas- sen den Begriff des Lebensstils wie folgt zusammen: „Unter Lebensstil versteht man das sich in Aktivitäten, Interessen und Einstellungen manifestierende Mus- ter der Lebensführung einer Person. Der Lebensstil zeigt den ganzen Menschen in Interaktion mit seiner Umwelt. Der Lebensstil eines Menschen umfasst mehr als seine soziale Schicht und seine Persönlichkeit. (…) Mit dem Lebensstil versucht man (…) menschliche Existenz- und Handlungsprofile darzustellen.“[17]

Abgesehen von seiner semantischen Bedeutung und Herkunft[18] wurde der Be- griff des ,Lebensstils‘ zuerst in der Soziologie eingeführt: Im Jahre 1900 in Sim- mels „Philosophie des Geldes“ sowie etwa 20 Jahre später von Max Weber in sei- nem Werk „Wirtschaft und Gesellschaft.“ Simmel beschrieb schon damals Aspekte, die wesentliche Determinanten des heutigen Lebensstilverständnisses ausmachen[19]. Er macht die Anonymität des Tauschmediums Geld für „eine ge- wisse Charakterlosigkeit“[20] der Individuen im Umgang mit Menschen und Din- gen verantwortlich, daraus folgend müsse nun von einer „Unpräjudizierbarkeit der Charaktere“[21] ausgegangen werden. Ein Mittel, auf die in dieser Entwicklung angelegte Unsicherheit zu reagieren, stellt Simmel anhand von zahlreichen Einzel- beobachtungen fest, ist die Ausprägung unterschiedlicher „Stile des Lebens“, durch die Individuen situations- und milieuübergreifend eine Lebensweise und Le- benshaltung anzeigen, die sie mit - oft sogar anonym bleibenden - anderen verbin- den. Simmel versteht Lebensstil als eine Ausdrucksform des Innersten eines Men- schen, die dazu dient, die eigene Individualität auszudrücken und sich gegenüber anderen abzugrenzen.[22] Für Weber umfasst der Lebensstil Gemeinsamkeiten des Denkens und Handelns und dient als Definitionskriterium für soziale Gruppen.[23]

2.2 Theoretische Lebensstilforschung

Heutzutage ist das Konzept des Lebensstils für die Sozial- und Kulturwissenschaften insofern von großer Bedeutung, als dass die traditionellen sozialen Unterscheidungsmerkmale wie Schicht, Klasse und Mobilität keine zufriedenstellende Trennschärfe mehr aufweisen: „Das Verhalten der Menschen in fortgeschrittenen Industriegesellschaften wird zu wachsenden Teilen durch die relative Autonomie subjektiver Interpretation und Zielsetzung bestimmt.“[24]

In den siebziger und achtziger Jahren hat in Westdeutschland eine Reihe von Entwicklungen die Pluralisierung der Lebensstile gefördert: die Erhöhung des Le- bensstandards, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, eine mit der Bildungsexpansi- on einhergehende freiere Jugendphase, der Wertewandel und kulturelle Ausdiffe- renzierungen. Nach Gerhard Schulze (1992) hat die historische Situation der Wohlstandsgesellschaft der achtziger Jahre dazu geführt, dass die Lebensplanung nicht mehr vorrangig durch den Kampf ums Überleben bzw. durch das „Wohl standsparadigma“, sondern durch die Suche nach einem „sinnvollen Leben“ bestimmt ist, mit einer begrenzten Anzahl von zwar sozialstrukturell (hauptsächlich durch Bildung und Alter) geprägten, doch sehr unterschiedlichen und in jedem Fall subjektvermittelten Lösungsmöglichkeiten.

In den neunziger Jahren führte u. a. die ökonomische Krise zu einer Stagnation der Lebensstilpluralisierung.[25]

Da bisherige Unterscheidungsmerkmale der Ungleichheitsforschung nicht mehr greifen, wird als neues Unterscheidungskriterium der Lebensstil verwendet, auch wenn sich die Forschung noch um eine einheitliche Definition und ein einheitliches Verständnis bemüht.[26]

Exemplarisch herausgegriffen ist für Spellerberg (1995)[27] Lebensstil ein regel- mäßig wiederkehrender Gesamtzusammenhang von Verhaltensweisen, Interakti- onen, Meinungen, Wissensbeständen und bewertenden Einstellungen eines Men- schen. Die Unterscheidung zu Milieus von Hradil (1999)[28] beschreibt ein komplexes und flexibles Lebensstilbild: „Anders als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu ändert sich der Lebensstil eines Menschen, das heißt seine Verhal- tens- und Denkroutinen, unter Umständen sehr schnell. Denn sie sind weit mehr als die typischen Werthaltungen eines sozialen Milieus, abhängig von den jeweils verfügbaren Ressourcen, von aktuellen Lebenszielen, von der momentanen Le- bensform und von persönlichen Entscheidungen.“ Lebensstile haben die doppelte Funktion, Zugehörigkeit und Abgrenzung innerhalb und zwischen „sozialen Kreisen“ wie auch in Beziehung zur Gesellschaft im Ganzen zu demonstrieren und auf diese Weise Identität herzustellen.[29] Nach Soeffner (2001: 82) ist die scheinbare Ambivalenz des (Lebens-)Stils - nämlich einerseits Kollektive in eine gemeinsame Darstellungsform einbinden zu können, andererseits aber auch von Individuen als Abgrenzungsinstrument gegenüber Kollektiven eingesetzt zu wer- den - abhängig davon, wie sich ein Stil herausbildet und von wem er geprägt wird. Er unterscheidet zwei Extremformen, zwischen denen sich einige Mischformen der Stilentwicklung und -prägung finden lassen: die allmähliche, in eher anonymi- siert kollektiver Anstrengung entstehende Herausbildung eines Stils, dem kein Urheber zugeschrieben werden kann, und die Prägung eines Stils durch ein star- kes Vorbild. Des Weiteren ist ein Stil Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung: Er ist Ausdruck, Instru- ment und Ergebnis sozialer Orientierung. Dementsprechend zeigt der Stil eines Individuums nicht nur an, wer wer oder was ist, sondern auch, wer wer für wen in welcher Situation ist.[30]

Das Lebensstilkonzept wird hauptsächlich von drei Theorien genutzt:

- Die erste Forschungsrichtung sieht die Pluralisierung von Lebensstilen als Be- leg für die Individualisierungsthese an. Es wird angenommen, dass im Zuge der Auflösung traditioneller Bindungen in der modernen Gesellschaft und einer allge- meinen Steigerung des Lebensstandards die Wahlmöglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung zunehmen. „Jenseits von Klasse und Stand“ bilden sich neuar- tige Lebensstilgruppen, die mit traditionellen Schichtmodellen nicht erfasst wer- den können (Beck 1983, Kreckel 1985, Zapf et al. 1987). Diese Theorien folgen Simmels Konzeption der individualistischen Lebensweise. Während Hradil (1999: 142) eine Reihe von Einwänden verschiedener Autoren zu Becks Theorem auf dessen unklare und überzogene Formulierungen zurückführt, kritisieren Müller/ Weihrich (1991: 112) hauptsächlich einen unvollständigen theoretischen Rah- men.
- Ohne den Optionszuwachs und die Verfügbarkeit über Ressourcen abzustrei- ten, behauptet eine zweite Forschungsrichtung, dass die Wahl des Lebensstils nach wie vor von der Klassenzugehörigkeit abhängt - und zwar nicht nur die gro- ben, sondern auch die „feinen Unterschiede“ (Bourdieu et al. 1982). Im Gegen- satz zur ersten Position wird mit dem Lebensstilkonzept gerade der Nachweis für die ungebrochene Gültigkeit von Klassen- und Schichtkonzepten zu erbringen versucht. Bourdieu geht aus von der ungleichen Verteilung dreier Ressourcenarten unter der Bevölkerung: dem ökonomischen Kapital, dem Bildungskapital und dem sozialen Kapital. Je nach Ausmaß ihres Kapitalbesitzes gliedern sich Gesell schaftsmitglieder in eine Klassenordnung und gehören der ,Arbeiterklasse‘, dem ,Kleinbürgertum‘ oder der ,Bourgeoisie‘ an. Das Aufwachsen innerhalb der jewei- ligen Lebensbedingungen bestimmter Klassen lässt Bourdieu zufolge „automa- tisch und weitgehend unbewusst klassenspezifische Habitusformen entstehen. Dies sind latente Denk-, Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster der Menschen, die einerseits ihre Möglichkeiten alltäglichen Verhaltens begrenzen, andererseits in diesem Rahmen eine Fülle von Handlungsformen hervorbringen.[31] Bourdieus Habitus-Theorie konnte in vielen Studien, u. a. in der Bildungs- und Frauenfor- schung angewendet werden, jedoch werden seine Annahmen im Hinblick auf so- ziale Ungleichheiten von einigen Autoren als übertrieben gewertet (vgl. Krais 1983; Blasius/Winkler 1989; Hradil 1989). Des Weiteren stammen Bourdieus theo- retische und empirische Studien im wesentlichen aus dem Frankreich der sech- ziger Jahre. Wohlstandsmehrung, Bildungsexpansion, Wertewandel, Individuali- sierung etc. hielten sich damals noch in engeren Grenzen.[32]
- Eine dritte Richtung begreift die Pluralisierung von Lebensstilen als Innova- tionschance, die die Organisation bestimmter gesellschaftlicher Bereiche verbes- sern (oder zumindest verändern) kann. Die neue Moralökonomie „alternativer“ oder „utopischer“ Lebensstile (Heubrock 1988, Kanter 1972, Zablocki/Kanter 1976) wird in neuen Formen der Organisation des Zusammenlebens (Lüscher et al. 1988), der Arbeit (Gorz 1980, Opielka/Ostner 1987), der politischen Betäti- gung (Hondrich et al. 1988), der Gestaltung des eigenen Wohnumfeldes (Hauff 1988), der Emanzipationsversuche bestimmter Gruppen (insbesondere die Frauen- bewegung, Gerhardt/Schütze 1988, Müller/Schmidt-Waldherr 1989) gesehen.[33]

2.3 Angewandte Lebenstilforschung

Im Folgenden werde ich einige Beispiele für Möglichkeiten qualitativer Untersu- chungen der empirisch-ethnologischen Lebensstilforschung vorstellen. Der Stil zeigt die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer Gemeinschaft und steht hier repräsentativ für die Haltung und soziale Lebensform des Einzelnen.

Wohnstile, Musikstile, Bekleidungsstile ermöglichen die Untersuchung bestimmter Sektoren des Konsumverhaltens, wie beispielsweise Geschmack, ästhetische Vorlieben usw.

Damit lassen sich beispielsweise an Wohnstilen Zugehörigkeiten verschiedener sozialer Schichten erkennen:

„Der Mehrheitsgeschmack und die ihm entsprechende Wohnungseinrichtung ist also in wesentlichen Grundzügen als recht konstante Größe Ernst zu nehmen und nicht als bloß vorübergehende Erscheinung zu betrachten, die sich via Ikea demnächst von selbst erledigen werde.“[34]

Auch Bekleidungsstile stehen nicht für sich allein, sondern symbolisieren die ästhetischen Werte und Wahrnehmungsweisen verschiedener Typen. Kleidung übernimmt die Funktion der Visualisierung eines Lebensstils. So bezieht die heu- tige Haute Couture ihre Inspiration aus dem Milieu der Subkulturen. „Seit den siebziger Jahren wird Mode nicht mehr von der Aristokratie und der Bourgeoisie lanciert; sie steigt vielmehr von der Straße in die Salons der Haute Couture auf, wird von ihr adaptiert und ihrerseits nachgeahmt. Die Schichten, die Mode kau- fen, haben sich ihrerseits verbreitert; auf der anderen Seite sind es nicht mehr sie, die die Trends setzen, sondern sie reagieren auf das, was an Trends kommt und zu erwarten ist aus den Gegenkulturen.“[35]

Im Prozess der Stilisierung findet eine intensive, existenzbezogene Demonstra- tion des Lebensgefühls von Subjekten statt. Durch bestimmte Bewegungen, Ver- haltensweisen, Handlungen und Modetypisierungen entstehen im jugendkultu- rellen Kontext vielfältige Möglichkeiten der Überhöhung des Alltäglichen. „Im Gegensatz zu alltäglicher Typenbildung enthält jeder Stil zusätzlich eine ästhe- tische Komponente - eine ästhetische Überhöhung - des Alltäglichen.“[36]

Jugendkulturen, wie die Punks oder die Teds, haben ihre spezielle Stilisierung stets ganz bewusst nach Außen transportiert, um für den Beobachter als Reprä- sentant ihrer Gruppe identifizierbar zu sein und um sich von anderen Jugend- gruppen unterscheidbar zu machen. Stil wird also produziert, um beobachtet zu werden.

Aus einem Kaleidoskop von Angeboten werden von verschiedenen Personen immer wieder ähnliche Dinge ausgesucht, daraus entsteht ein Stil. Ebenso könnte es sich mit medizinischen Heilmethoden verhalten. Durch eine ganz bestimmte Auswahl von Heilmethoden entstehen individuelle Gesundheitsstile. Diese geben einen Einblick in einige gesundheitliche Aspekte des jeweiligen Lebensstils.

2.4 Gesundheitsstile

Die Beobachtungen und Gespräche, die ich zum Thema Handlungs- und Denkpraxen bei der Nutzung von heterodoxer Medizin führte, zeigen einen Moment im Gesundheitsverhalten von sieben Menschen, die zur Zeit des Interviews zwischen 26 bis 42 Jahre alt waren. Obgleich alle Akteure die Möglichkeiten heterodoxer Heilmethoden für sich oder ihre Kinder in Anspruch nehmen, sind doch erhebliche Unterschiede in den einzelnen Lebensweisen existent. Einige Aspekte davon habe ich herausgegriffen und zu einem ,Gesundheitsstil‘ geformt. Das Stilisierungselement ist dabei die heterodoxe Medizin.

Folgende Schwerpunkte haben sich bei der Ausarbeitung ergeben:

Bei den Betrachtungen des jeweiligen Gesundheitsverhaltens wird deutlich, dass dieses von gesammelten Erlebnissen und den daraus gebildeten Erkenntnis- sen abgeleitet wird. Die Erkenntnisse werden zusammen mit Wissen so geformt, das die Akteure in der Lage sind, das eigene Selbst im Gesundheitsstil zu verwirk- lichen. Dabei wird auch das Wissen aus Quellen gezogen, die mit dem individu- ellen Gesundheitsstil konform gehen. So sind die Akteure durch die Eindrücke, die sie empfangen und durch das Wissen, über das sie verfügen, konditioniert; in der gegenwärtig dominierenden Philosophie der ,Wahrheit‘ wird Wahrheit mehr oder weniger gleichgesetzt mit dem, was innerhalb eines Kreises von akzeptablen Mitmenschen intersubjektiv akzeptabel ist.[37]

Beispielsweise wird als Grund für die Wahl der Homöopathie als Heilmethode von einigen Interviewpartnern deren weite gesellschaftliche Akzeptanz angegeben. Die Wahl der jeweiligen heterodoxen Heilmethode ermöglicht den Nutzer eine freie Aus- bzw. Abwahl der Therapieform und ermöglicht damit den Klienten die Wahl zwischen passiver oder aktiver Anteilnahme am eigenen Gesundheitser leben. Jedoch bleiben dabei einige Grundsätze der Biomedizin bei allen Akteuren verinnerlicht - so wird sich immer wieder darauf bezogen. Das gewählte Gesund- heitsangebot wird ersetzt, wenn es den Erwartungen nicht mehr entsprechen kann. Es werden partielle Elemente der Biomedizin völlig abgelehnt und durch Alterna- tiven der heterodoxen Medizin ersetzt. Andere Bereiche der Biomedizin werden wie bisher weitergenutzt. Je nach Bedarf werden also die passenden Teile verschie- dener Medizinsysteme kombiniert. Die Formen der Kombination lassen dabei verschiedene Möglichkeiten erkennen. Es werden Teile heterodoxer Medizin als Ergänzung bzw. Erweiterung genutzt, in anderen Fällen als Ersatz. Einige Nutzer sehen darin auch eine Möglichkeit, für sie interessante Methoden kennen zu ler- nen und zu testen. Für andere Klienten bieten die Angebote der heterodoxen Me- dizin eine neue Darstellungsform für die eigene Identität. Sie wollen ,in‘ sein und demonstrieren das mit der Wahl der jeweils ,angesagten‘ Therapieform.

Unter den tiefgreifenden Veränderungen, die die Verwandlung der klassischen Medizin- und Gesundheitssysteme der Jetzt-Zeit entscheidend vorantrieben, ge- hört die Neudefinition des ,Patienten‘. Der Patient steht in der Medizin des späten 20. Jahrhunderts nicht mehr als ein diskretes Objekt, ein von diagnostizierbaren Krankheiten befallener und entsprechend therapierbarer ,Körper‘, sondern als ein ,System‘, das ihn zum Verwaltungsobjekt eines vielarmigen Dienstleistungs- systems macht.[38]

Die Vorstellungen und Einstellungen der Nutzer heterodoxer Medizin zum Arzt-Patienten-Verhältnis sind bei der Wahl des Heilers von entscheidender Wichtigkeit. Für die Mehrheit der Nutzer ist die Dauer der aufgebrachten Zeit des Heilers ein Qualitätsmerkmal. Ebenfalls positiv eingeschätzt wird eine neutrale Umgebung (ohne weißen Kittel und Desinfektionsmittel).

Mit der Einführung der Sozialversicherung - Arbeitslosengeld, Unfallversicherung, Krankenversicherung und dergleichen - und der Durchsetzung einer Vielzahl von Methoden zur politischen Steuerung der Ökonomie (Besteuerungssystem, Zinssätze und andere Techniken) übernahm der Staat im Namen der Gesellschaft die Verantwortung für die Regulation einer ganzen Reihe von Risiken, die sowohl den Einzelnen als auch den Staat betrafen.

Heutzutage wird das Schicksal des Menschen eines bestimmten Staatsgebietes von dem seiner Mitmenschen abgekoppelt. Es erscheint fortan als Funktion des Maßes an Unternehmungsbereitschaft, an Fertigkeiten, an Erfindungsreichtum und Flexibilität, über das der Einzelne verfügt.[39]

Implizierte unter dem alten Sicherheits-Vertrag die Tatsache der Krankheit ein Recht auf Behandlung, so ist die heutige ,Krise der Medizin‘ eine Liquidierung dieses Rechts durch den doppelten Mechanismus von Prävention und Selbstfüh- rung. Der Patient wird dazu gebracht, die Verantwortung für seine Gesundheit selbst zu übernehmen.

Der britische Kultursoziologe Nikolas Rose geht noch einen Schritt weiter, indem er, angelehnt an die Überlegungen Michel Foucaults, von einem „regime of the self“ spricht, das er für die Gegenwart wie folgt charakterisiert:

“If there is one value that seems beyond reproach, in our current confused ethical climate, it is that of the self and the terms that cluster around is - autonomy, identity, individuality, liberty, choice, fullfillment.” (Rose 1998: 1)

Im Mittelpunkt der ethischen Botschaft dieses „regime of“ the self steht das selbstbestimmte Individuum, das - so Rose - in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens propagiert, gefördert und gefordert werde. Das Konzept des autonomen Selbst bestimme die Grundannahmen politischen Handelns, bestimme die Erwar- tungen von Beziehungspartnern und das häusliche Leben, es reguliere das Konsum- verhalten, leite die Praxen von Marketing und Werbeindustrie, werde verbreitet über das Fernseh- und Kinoprogramm, durchtränke die gesetzlichen Rahmenbe- dingungen und sei Grundlage für den bioethischen Streit um neue Reproduk- tionstechnologien oder Abtreibung.[40]

Mit dieser Umbruchphase von der verwalteten zur selbstverwalteten Verantwortung für das eigene Leben befinden sich auch die Nutzer heterodoxer Medizin in einer Lernphase, die es zu bewältigen gilt.

Krankheit wird verschieden beschrieben, bei der Eliminierung von Krank- heiten liegen die Meinungen dicht beieinander - sie wird gern in die Hände von Ärzten oder Heilern gelegt. Stellt sich der erwartete Erfolg nicht umgehend ein, wird der Heiler oder die Heilmethode gewechselt. Wenn auch die Eigenverantwor- tung für die Gesundheit nicht ausschließlich am eigenen Lebensstil praktiziert wird, so wird doch ein Teil der Verantwortung dahin gehend übernommen, dass sich Wissen angeeignet wird, um dann über die Therapieform zu entscheiden. Für viele Nutzer stellen die vielfältigen Angebote der heterodoxen Heilmethoden eine Erweiterung des Medizinangebotes dar, da sie über die Therapieform selbst frei entscheiden können.

Damit stellt die Wahl der Heilmethode innerhalb des individuellen Gesundheitsverhaltens einen zeitlich begrenzten Aspekt dar, sie ist also im stetigen Wechsel begriffen und hängt von den jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen ab und den subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen.

Borck (2003: 124) skizziert eine Medizin, die nach Jahrzehnten spektakulärer Erfolge in der operativen Therapie und Behandlung in eine Krise geraten ist. Er behauptet, dass diese Krise nicht auf Misserfolge zurück zu führen sei, sondern auf die Akzeptanz der Gesellschaft.

Gleichzeitig erleben alternative, ganzheitliche und esoterische Therapieange- bote einen bisher nicht da gewesenen Aufschwung. Patienten ziehen aus ihren Er- fahrungen mit der Biomedizin ihre eigenen Konsequenzen und suchen nach neu- en Therapieangeboten. Damit einher geht ein Körperkonzept - wie beispielsweise das unter dem Begriff der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) - bei dem Körper, Geist und Seele als Einheit betrachtet werden. Demgegenüber zeichnete sich in der Biomedizin schon früh ein partikulares Körperverständnis ab, das in den vielfältigen graduellen Spezialisierungen medizinischer Unterfächer auf be- stimmte Körperteile Ausdruck findet. Beide Systeme greifen also auf eigene Dis- kurse zurück und können als Wissenssysteme gelten. Ein relativ „abgeschlossenes Wissenssystem“ ist ein Denkstil.[41] Da jedoch ein Denkstil, der in Deutschland mit der Geburt „biomedizinisch“ geprägt wird nicht austauschbar ist[42], entwickeln die Akteure „Kombinierdenkstile“, die ihnen so eine Nutzung heterodoxer Heilme- thoden ermöglichen.

2.4 Gesundheitsstile 23

Die Mehrheit der Nutzer, die ich für diese Arbeit interviewt habe, sind Frauen bzw. Frauen mit Kindern. Diese Mütter nehmen hauptsächlich für ihre Kinder die Angebote alternativer Heilmethoden wahr und begreifen diese als eine Alternative für invasive Pharmazeutik. Des Weiteren haben die Nutzer überwiegend einen höheren Bildungsabschluss oder zumindest ein abgebrochenes Hochschulstudium. Dimensionen der objektiven Vorraussetzungen, d. h. Alter, soziale Herkunft, Geschlecht, Bildungs- und Berufsstatus und die aktuelle Lebensform sind ein weiteres Kriterium der Gesundheitsstile.

Die von mir beschriebenen Gesundheitsstile setzen sich also aus Gesundheits- praktiken, wie: Therapieformen im Krankheits- oder Gesundheitsfall, Ernährungs- praktiken, Gesundheitsaktivitäten (Bewegung, Sport) und Finanzierung von Ge- sundheitskosten, subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen, wie: Selbstbilder, Fremdbilder, Wertorientierungen, Lebensziele, Meinungen, Einstellungen, Wis- sensquellen, Denkweisen und objektiven Voraussetzungen, wie: Alter, soziale Her- kunft, Geschlecht, Lebensform, Bildungs- und Berufsstatus zusammen.

Dabei stehen die Gesundheitspraktiken in Abhängigkeit von subjektiven Wahr- nehmungen als auch von den objektiven Voraussetzungen. Der von mir aufgezeigte individuelle Gesundheitsstil kann als ein Muster der Äußerung einer aktuell praktizierten Gesundheitsführung gelten. Der Gesundheitsstil ist also veränderlich, denn Verhaltens- und Denkroutinen sind abhängig von den jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen, von aktuel-len Lebenszielen, von der momentanen Lebensform und von persönlichen Ent-scheidungen der einzelnen.

Während demgegenüber Kleidungs- oder Wohnstile oft persistenter in Erschei- nung treten, sollte hierbei die oben beschriebene Veränderung des Gesundheits- managements beachtet werden. Denn erst seit Kurzem stellt der Patient eine von der Medizin ,anerkannte, autonome Persönlichkeit‘ dar. Die neuen ,Mitbestim- mungsrechte‘ erfordern ein bis dahin nicht gefragtes medizinisches Wissen. In die- sem Zusammenhang sehe ich die Pluralisierung der Gesundheitsstile als eine Chance, die die Organisation der medizinischen Versorgung verbessert.

3 Medizin

Das moderne Medizinsystem der westlichen Welt besteht aus einer Vielfalt von medizinischen oder medizinnahen Formen, die in unterschiedlicher Wertigkeit zum Teil nebeneinander existieren, miteinander konkurrieren, einander ausschlie- ßen oder ergänzen.

Je nach Wissenssystem, auf das sie sich beziehen, verfolgen die einzelnen Me- dizinformen unterschiedliche Konzepte zu Krankheit, Gesundheit und Körper und verfügen über unterschiedliche Verfahren bei Diagnose, Therapie und Hei- lung. Damit haben sie auch jeweils unterschiedliche soziale und kulturelle Impli- kationen in Bezug auf die Selbstverantwortung des Menschen gegenüber seinem Körper, der Seele-Geist-Körper-Entität und der Umwelt oder in Bezug auf die Rollengestaltung und Aufgaben der Ärzte bzw. Heiler und der Kranken.

Medizinische Systeme fungieren als soziokulturell bedingte Gedankengebäude von Wissen und Verstehen, die Kriterien liefern, um die Krankheitserfahrung in einer Kultur zu interpretieren und Normen für Körperwahrnehmung und Gesundheitsverhalten festzusetzen. Gemeinsam prägen diese Medizinformen das bestehende Gesundheitssystem.

Im Kulturkreis der heutigen westlichen Welt gibt es also nicht DIE Medizin, sondern unterschiedliche medizinische oder medizinnahe Formen, die zu einem „pluralen Geflecht medizinischen Wissens und medizinischer Praktiken“ beitragen (Stollberg 2002).

3.1 Begriffsabgrenzungen

Im Zusammenhang mit den neuen medizintechnologischen Entwicklungen und den so genannten Lebenswissenschaften wird vermehrt von Bioethik, Biowissenschaften und auch Biomedizin gesprochen.[43]

Die Biomedizin gilt als dominante Medizinform, sie wird auch Schulmedizin, wissenschaftliche Medizin oder orthodoxe Medizin genannt, da sie die Naturwis- senschaften zur Referenz nutzt und primär an biologischen Prozessen und orga- nischen Pathologien orientiert ist. Als eine Erweiterung der Biomedizin um den psychischen, sozialen und systemischen Bereich verstehen sich die psychosoma- tische und die anthropologische Medizin. Daneben gibt es eine breite Palette wei- terer heterodoxer Medizinformen mit ganzheitlichen Ansatz. Diese werden u. a. auch als alternative, komplementäre, unkonventionelle oder auch Volks- und Au- ßenseitermedizin bezeichnet. Wie Stollberg (2002) ausführt, ist diese Begrifflich- keit immer kontrastiv zum vorherrschenden Konzept der Biomedizin gebildet. So werden die Konzepte alternativ genannt, weil sie Aspekte der Biomedizin kritisie- ren, auf Änderungen des medizinischen Systems zielen und medizinische Hand- lungsalternativen eröffnen (Jütte 1996).

Dabei handelt es sich bei vielen der so genannten alternativen Heilformen um in ihren Kulturkreis genuine Methoden. In der angelsächsischen Literatur wird der Begriff komplementäre Medizin bevorzugt, da die Biomedizin um Aspekte und Techniken ergänzt und nicht ersetzt werden soll (Fulder 1996). Des Weiteren gibt es die Bezeichnung unorthodoxe Medizin (Stollberg 2002), die einen Gegen- satz zur Biomedizin als etablierter ,orthodoxer‘ Medizin eröffnen soll. Das Pro- blem dieser Begriffsbildung ist, dass eine mangelnde Bindung an Ideologien im- pliziert wird, die so nicht stimmt, da es sich auch bei den unorthodoxen Formen um Medizinkonzepte handelt, denen ein bestimmtes Welt- und Menschenbild zu- grunde liegt und einer daraus abgeleiteten Krankheits- und Therapielehre. Um diesen Aspekt der vorhanden Lehrgebäude sichtbar zu machen, schlägt Stollberg (2002) in Anlehnung an Bourdieu die Bezeichnung heterodoxe Medizin vor. Ob- wohl ich in dieser Arbeit nicht die Lehrgebäude unterschiedlicher Medizinformen herausarbeiten möchte, habe ich mich für diesen Begriff entschieden, da er die Medizinformen außerhalb der Biomedizin mit heterodox treffend beschreibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung)

3.2 Medizinkonzepte

Medizinische Konzepte, gleich welcher Herkunft, sind nach Stollberg (2002) als Gedankengebäude zu verstehen, die einen durchgängigen Begründungszusam- menhang zwischen einer bestimmten Krankheitslehre und dem daraus herzulei- tenden Therapieprogramm beinhalten. Das heißt, die Definitionen und Zuschrei- bungen von körperlichen Zuständen als gesund und normal oder abweichend und pathologisch sind in Abhängigkeit von dem jeweiligen medizinischen Konzept zu betrachten. Das Gleiche gilt für die Vorstellungen des ,richtigen‘ therapeutischen oder sozialen Umgangs mit Erkrankungen oder körperlichen Zuständen. Die un- terschiedlichen Zuschreibungen agieren auf unterschiedliche Bedeutungssysteme und Bezugsgrößen. Damit prägen sie das jeweilige spezifische medizinische Hand- lungssystem: Diagnose, Therapie, Umgang mit den Kranken, aber auch Ausbil- dung und Rollenbild der Ärzte bzw. Heiler und Gestaltung der medizinischen Ins- titutionen einer Gesellschaft. Das Ausmaß seiner sozial normativen Bedeutung und Wirkung ist in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Relevanz oder sogar Dominanz einer Medizinform. Die Medizin, d. h. alle Medizinformen einer Ge- sellschaft oder Kultur, ist als eines der gesellschaftlichen Handlungs- und Funk- tionssysteme zu verstehen (Stollberg 2002), das in seiner Entwicklung von den be- stehenden soziokulturellen Bedingungen beeinflusst wird und diese selbst wieder beeinflusst.

Im folgenden möchte ich beispielhaft einige Unterscheidungsmerkmale der Biomedizin und der Homöopathie aufzeigen.

3.2.1 Biomedizin

Die Biomedizin stellt keine homogene Einheit dar, sondern umfasst vielmehr die unterschiedlichsten Disziplinen: von der Allgemeinmedizin über die Chirurgie bis hin zur Psychiatrie und psychoanalytischen Praxis. Trotz allem liegt diesen ver- schiedenen biomedizinischen Disziplinen eine gemeinsame Basis zugrunde, die sie deutlich von anderen Medizinsystemen - beispielsweise dem Ayurveda, der Tra- ditionellen Chinesischen Medizin oder der Homöopathie - unterscheidet. Der Biomedizin liegt ein naturwissenschaftliches, kausal-analytisches Denkmodell zu- grunde. Sie ist an einer biomedizinischen Beschreibung und Erfassung von Krank- heitssymptomen ausgerichtet. Die Biomedizin muss als Produkt der westlichen Kultur und ihrer philosophischen Traditionen betrachtet werden (Kathan 1999): Als Folge der cartesianischen Trennung von Geist und Körper wurde der Mensch als geschaffene Natur verstanden, die Funktionsweise des Körpers als „Körper- maschine“ wurde den Naturgesetzen unterstellt. Das führte zu einer Systematisie- rung von Krankheiten, was Ordnung, Überschaubarkeit und damit eine gewisse Sicherheit im verunsichernden Krankheitsgeschehen versprach. Der nachteilige Aspekt dabei ist, dass die ,erkrankte Person‘ abhanden gekommen ist. Denn Krankheit stellt sich als eine Störung einer Organfunktion dar und definiert sich über das Vorhandensein typischer pathologischer Merkmale. Infolge dessen wird der kranke Mensch zum Objekt einer Behandlung. Krankheit kann also unab- hängig von der erkrankten Person erfasst und behandelt werden. Der Körper wird in Organe, Körperteile oder physiologische Abläufe geteilt und dementsprechend fragmentiert wahrgenommen. Das zeigt sich nicht zuletzt in der bekannten Spezi- alisierung der Fachgebiete, wie Ophthalmologie, Gynäkologie, Orthopädie etc.

Der Therapieansatz ist die Diagnose. Dabei werden typisch pathologische Merkmale erfasst. Ziel dabei ist die kausale Analyse.

Die Therapie zielt auf die Behebung der Funktionsstörung, also Ausschaltung oder Kontrolle der Symptome. Therapeutische Mittel sind biochemische Veränderungen oder invasive Eingriffe wie Operationen. Dabei kann es oft zu Nebenwirkungen kommen.

Krankheit und Gesundheit sind in der Biomedizin einander ausschließende Werte.

Grenzen der Biomedizin sind u. a. Menschen mit Symptomen, die keine pathologischen Befunde haben. Umgekehrt können abweichende Befunde auftreten, bei Menschen die sich gesund fühlen.

Die Biomedizin gibt es nicht als einzelne homogene Einheit in Europa, USA und anderen Ländern, sondern sie muss als Pluralität von Biomedizinen gesehen werden, die soziokulturell unterschiedlich situiert und beeinflusst sind (Payer 1988).

3.2.2 Heterodoxe Medizin

Die Wahl von heterodoxen Heilmethoden kann als subkulturelles medizinisches Verhalten gesehen werden, als ein von der normierten, kanonisierten und profes- sionellen Medizin abweichendes Denken über Krankheit. Das Laienbewusstsein und -wissen zu Krankheit und Alternativen zur Schulmedizin hat zugenommen. Darin zeigt sich eine Zurückweisung der absoluten Abhängigkeit vom Arzt; der Professionelle soll nicht mehr allein entscheiden und einem seine Sicht der Krank- heit aufzwingen.[44] [45] Wie kontrovers die heterodoxen Heilformen inzwischen disku- tiert werden, sowohl in den Medien wie fachintern, zeigt ein Buch der englischen Journalistin Coward. Sie vertritt in einer Streitschrift zu den „Mythen der Alter- nativmedizin“ die These, die Alternativmedizin habe ein „Ideal perfektionierbarer Gesundheit“ erschaffen, in dem der einzelne für seine Krankheiten haftbar ge- macht werde.[46]

Die Inanspruchnahme heterodoxer Heilmethoden ist international und in Deutschland weit verbreitet und weiter ansteigend. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen heterodoxe Heilmethoden besonders beliebt und häufig sind.[47]

Aus der Vielfalt der heterodoxen Heilmethoden möchte ich die Homöopathie herausgreifen, weil diese von meinen Interviewpartnern am häufigsten genutzt wurde.

Das ungefähr zweihundertjährige Heilsystem Homöopathie steht in beinahe allen westlichen Ländern an erster Stelle der in Anspruch genommenen heterodoxen Medizinformen.[48]

Der Homöopathie liegen die Prinzipien des systemischen, vernetzten Denkens, der Regulation, der Wiederherstellung des Gleichgewichts und der individuellen Abstimmung der Behandlung zugrunde. Krankheit wird als gesamtheitliche Stö- rung des Regulationssystems eines Menschen betrachtet und als Ausdruck des Kampfes seiner Abwehrkräfte gegen diesen disharmonischen Zustand. Behandelt wird also nicht die Krankheit, sondern der kranke Mensch in seinem Lebensum feld. Ziel der homöopathischen Behandlung ist es, die körpereigenen Selbsthei- lungskräfte anzuregen und regulativ zu begleiten. Bei der Diagnose konzentriert sich das homöopathische Gespräch auf die detaillierte Beschreibung der Symp- tome. Dabei werden im Gegensatz zur Biomedizin nicht typische, sondern indivi- duelle, ungewöhnliche und auffallende Symptome gesucht. Die Behandlung der Beschwerden, auch Similefindung genannt, erfolgt durch Wirkstoffe, die bei einem gesunden Menschen die gleichen Symptome wie beim erkrankten hervorrufen. Dies ist die Grundlage des homöopathischen Prinzips similia similibus curentur, also Ähnliches vermöge Ähnliches heilen. Die verwendeten Substanzen sind pflanzlichen, tierischen, mineralischen oder metallischen Ursprungs.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bock 1993: 69, nach dem Homöopathen Gebhardt.

4 Portraits der Interviewpartner

Die folgenden Kurzportraits geben einen Einblick in die persönlichen Lebensum- stände und Lebenseinstellungen meiner Interviewpartner. Ich habe sie erstellt, um eine bessere Orientierung für die darauf folgenden Originaltöne zu ermöglichen.

Nadine ist 36 Jahre alt und Mutter eines 4 jährigen Sohnes. Sie lebt in einer Bezie- hung zu dem Vater ihres Kindes, die sie lange Zeit als anstrengend empfand. Mitt- lerweile haben sich beide, wie sie sagt, arrangiert mit der Situation. Sie wohnt in Berlin-Friedrichshain. Nadine hat ein Germanistikstudium abgebrochen und vor 2 Jahren einen Kindersecondhandladen in ihrem Wohnbezirk eröffnet.

Ihr Laden ist übersichtlich eingerichtet und vermittelt den Eindruck von einer Betreiberin mit vielfältigen kreativen Fähigkeiten. Von der Decke hängt ein riesi- ges selbstgebasteltes Raumschiff und je nach Jahreszeit dekoriert sie mit aufwen- dig handgefertigten Accessoires und gibt damit dem Geschäft ein gemütliches Ambiente. Das Angebot an Kleidungsstücken reicht von kultigen Einzelexem- plaren und Markenware bis zu selbstentworfenen T-Shirtdrucken für Kinder. Darüber hinaus bietet sie Frauenkonfektion als auch selbst kreierte Kleidung für Schwangere an. Nadines unüberhörbare Affinität zum Reden ermöglicht ihr eine fast pausenlose Kommunikation, die den Laden zu einem Drehpunkt im Viertel werden ließ.

Deshalb ist sie - in und mit diesem - fast rund um die Uhr beschäftigt, daher habe ich sie zum Zwecke des Interviews dort mittags während der Ladenöffnungs- zeit besucht.

In der Mittagszeit, in der die Kundinnen den Laden nicht so stark frequentieren, führt sie Telefonate oder beschäftigt sich mit dem bürokratischen Ablauf. Für Essen hat sie selten Zeit, manchmal holt sie sich ein Sandwich aus einem gegenüberliegenden Bistro. Einmal in der Woche hat sie für den Nachmittag eine Aushilfe. Die freie Zeit dann verbringt sie mit ihrem Sohn und erledigt Einkäufe. Gern würde sie sich und ihren Sohn mit Biokost ernähren, aber dafür fehlt ihr wie sie sagt Zeit und Geld. Sie mag auch sportliche Aktivitäten, aber auch dafür hat sie momentan nur wenig Zeit. Nadine nutzt für ihren Sohn die Homöopathie, weil ihr andere heterodoxe Heilmethoden zu unerforscht sind.

[...]


[1] Gute Risiken sind junge gesunde Mitglieder, bei denen eine kostensparende Mitgliedschaft ab- zusehen ist.

[2] Vgl. http//www.aok.de, www.barmer.de/barmer/web/Portale/Versichertenportal/Startseite/Start seite.html, www.innungskrankenkasse.de, www.tk-online.de/centaurus/generator/tk-online.de/tk- online.de.html vom 18. 02. 2007.

[3] Andere Bezeichnungen sind alternative, komplementäre oder auch unorthodoxe Medizin, siehe Begriffsbestimmungen 3.1 in dieser Arbeit.

[4] Seit 01. 01. 2006 gehören anthroposophische Behandlungen und Therapien und seit dem 01. 06. 2006 die Klassische Homöopathie zum Leistungskatalog der Innungskrankenkasse (IKK) Hamburg.

[5] Da eine Kennzeichnung der weiblichen Form an manchen Stellen erheblich den Lesefluss beein- trächtigen würde, bezeichnet in der vorliegenden Arbeit die männliche Form beide Geschlechter.

[6] Biomedizin wird von Robert Hahn und Arthur Kleinman wie folgt erklärt: “By the name Biomedicine we refer to the predominant medical theory and practice of Euro- American societies, a medicine widely disseminated throughout the world. We use ‘Biomedicine’ as a name for the medicine, refering to it’s primary focus on human biology, or more accurately, on physiology, even pathophysiology.” Hahn, R.; Kleinman, A. (1983), S. 305 -333.

[7] Vgl. Stollberg, G.; Frank, R. (2006), S. 2.

[8] In diesen Studien werden medizinische und gesundheitsökonomische Effekte heterodoxer Verfahren erforscht. Allein im Falle der Akupunktur schließt die Erhebung rund 300 000 Patienten ein. (Vgl. Marstedt, G.; Moebus, S., 2002).

[9] Beck-Gernsheim, Elisabeth (Hg.) (1995), S. 63.

[10] Ich verwende hier und im Folgenden nicht den Begriff Patient, da die Mehrheit meiner InterviewpartnerInnen nicht als Kranke oder Leidende eine heterodoxe Heilmethode anwendeten. Der Begriff ,Patient‘ leitet sich ursprünglich aus dem Lateinischen ab: pati: erleiden, erdulden; passio: das Leiden und bedeutet demnach der Leidende/Erduldende. Ich ersetze den Begriff ,Patient‘ für diese Arbeit mit Begriffen wie: Klient, Akteur oder Nutzer. Des Weiteren möchte ich damit den Wandel in der ,Patientenkarriere‘ verdeutlichen.

[11] Die Zitate aus dem Transkript habe ich mitunter geringfügig geändert, um das Lesen zu erleich- tern. Vor allem habe ich Füllwörter (wie „irgendwie“, „oder so“) herausgenommen, wenn sie ge- häuft auftraten. Ich habe sie dort gelassen, wo sie m. E. sprachlich einen Sinn machen oder einfach den Redestil der jeweiligen Person wiedergeben. Da ich versucht habe die Interpunktion an den Sprachfluss anzupassen, haben sich manchmal sehr lange Sätze ergeben, die nicht der Schriftspra- che entsprechen.

[12] Vgl. Greifeld, K. (2003), S. 12.

[13] ebd., S. 17.

[14] In der vorliegenden Arbeit werden keine weiteren Differenzierungen zwischen den Begriffen Lebensstil, Lifestyle, Lebensführung, Lebensweise, etc. gemacht. Dies bleibt den einzelnen Wissen- schaftsdisziplinen überlassen. Die Begriffe werden synonym unter dem Begriff ,Lebensstil ‘ zusam- mengefasst.

[15] Vgl. Reeb, M. (1998), S. 5.

[16] Vgl. Trommsdorff, V. (2004), S. 217.

[17] Kotler, P.; Bliemel, F. (2001), S. 336 f.

[18] Stil: „Einheit der Ausdrucksformen (eines Kunstwerkes, eines Menschen, einer Zeit); Darstellungsweise, Art (Bau-, Schreibart usw.)“ Duden (1996), S. 711. Der Begriff ,Stil‘ leitet sich ursprünglich aus dem Lateinischen ab: stilus stand etwa ab der Spätantike (3. Jh. n. Ch.) für eine spezielle Schreib- und Redeweise. Erst ab dem 17. Jh. Beschreibt der ,Stil‘ andere Phänomene als rhetorische, wie z. B. künstlerische. Vgl. hierzu Drieseberg (1995), S. 6.

[19] Vgl. Simmel, G. (1900), S. 509.

[20] ebd. S. 594.

[21] ebd. S. 597.

[22] Vgl. Simmel, G. (1900), S. 509.

[23] Vgl. Weber, M. (1964), S. 4.

[24] Hradil, S. (1987), S. 93.

[25] Vgl. Spellerberg, A. (1995), S. 231.

[26] Vgl. Hartmann, P. (1999), S. 15.

[27] Vgl. Spellerberg, A. (1995), S. 231.

[28] Vgl. Hradil, S. (1999), S. 432.

[29] Vgl. Müller, H.-P.; Weihrich, M. (1991), S. 97.

[30] Vgl. Soeffner, H.-G. (2001), S. 84 f.

[31] Vgl. Hradil, S. (1999), S. 138 f.

[32] ebd. S. 140.

[33] Vgl. Müller, H.-P.; Weihrich, M (1991), S. 92 f.

[34] Vgl. Pfennig, H.-J. et al. (1988), S. 155.

[35] Vgl. Vincken, B. (1994), S. 63.

[36] Baacke, D. (1988), S. 319.

[37] Vgl. Galtung, J. (1985), S. 152.

[38] Vgl. Duden, B.; Zimmermann, B. (1999), S. 33.

[39] Vgl. Bröckling, U.; Krasmann, S., Lemke, T. (Hg.) (2000), S. 91 f.

[40] Vgl. Rose, N. (1998), S. 1.

[41] Fleck, L. (1993/1935), S. 54.

[42] ebd. S. 62.

[43] bios - griechisch ,Leben‘

[44] Das Glossar im Anhang dieser Arbeit enthält Erklärungen für die in dieser Arbeit genannten heterodoxen Heilmethoden.

[45] Vgl. Herzlich, C. (1991), S. 300.

[46] Vgl. Coward, R. (1995).

[47] Vgl. Ernst, E. (2000), S. 1 133 ff.

[48] Vgl. Jütte, R. (1996).

Details

Seiten
131
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640742585
ISBN (Buch)
9783640742899
Dateigröße
750 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160591
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Europäische Ethnologie
Note
2,3
Schlagworte
Umgang Medizin

Autor

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Titel: Umgang mit heterodoxer Medizin