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Das persönliche Budget in der psychiatrischen Versorgung - Möglichkeiten und Grenzen der Umsetzung

Studienarbeit 2009 50 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Geschichte, Idee und rechtliche Grundlagen des persönlichen Budgets.
2.1 Zum Begriff des persönlichen Budgets
2.2 Das persönliche Budget als Ausdruck des Paradigmenwechsels in der Behindertenhilfe
2.3 Sozialrechtliche Grundlagen des persönlichen Budgets

3. Das persönliche Budget in Europa - Ein Überblick

4. Die Modellprojekte zum trägerübergreifenden persönlichen Budget und ihre Erkenntnisse für seelisch Behinderten..
4.1 Zusammenfassung relevanter Ergebnisse des Modellprojektes für seelisch Behinderte
4.2 Kritische Anmerkungen und weiterführende Überlegungen

5. Die Bedeutung des persönlichen Budgets in den für die psychiatrischen Versorgung relevanten Leistungsgesetzen
5.1 Das persönliche Budget im Bereich der Eingliederungshilfe nach SGB
5.2 Das persönliche Budget und das SGB
5.3 Leistungen der Agentur für Arbeit und der Deutschen Rentenversicherung

6. Die Zielgruppe der seelisch Behinderten und das Verwaltungsverfahren zum persönlichen Budget
6.1 Ermittlung des Hilfebedarfs und der Zielvereinbarung
6.2 Budgetbemessung
6.3 Budgetassistenz und Budgetberatung

7. Das persönliche Budget und der Personenkreis der seelisch Behinderten..
7.1 Das persönliche Budget im psychiatrischen Versorgungssystem
7.2 Das persönliche Budget und die zu berücksichtigenden Aspekte bei seelischer Behinderung

8. Das persönliche Budget als Herausforderung für die Leistungserbringer im komplementär-psychiatrischen Versorgungssystem
8.1 Implementierung des persönlichen Budgets in der gegenwärtigen Angebots- und Organisationsstruktur der Leistungserbringer
8.2 Praktische Konsequenzen für die Leistungserbringer
8.3 Seelische Behinderung und freier Wettbewerb

9. Schlussbemerkung.

10. Literatur

1. Einleitung/ Überblick

Nach einer Modellphase zur Erprobung, besteht seit dem 01.01.2008 ein im SGB IX festgelegter Anspruch, zustehende Hilfeleistungen abweichend von der gesetzlichen Norm in Form eines persönlichen Budgets auszuführen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem persönlichen Budget für die Zielgruppe der seelisch erkrankten und behinderten Menschen. Wie aus dem Abschlussbericht des Modellprojektes hervorgeht, ist dies die größte Gruppe der bisherigen Budgetnehmer. Trotzdem kann von einer adäquaten, quantitativen und qualitativen Umsetzung des persönlichen Budgets für diese Zielgruppe noch nicht gesprochen werden. Tatsächlich findet eine Implementierung, auch im Bereich der über die Eingliederungshilfe nach SGB XII finanzierten sozialpsychiatrischen Versorgung, nur in geringem Maße statt. In der vorliegenden Arbeit versuche ich die aktuellen Erfahrungen zum persönlichen Budget für seelisch Behinderte zusammenzufassen und grundsätzliche Ideen für eine mögliche Umsetzung für diese Zielgruppe zu entwickeln.

Nach einem Überblick zur Historie, zum Paradigma und der sozialrechtlichen Grundlagen des persönlichen Budgets, sowie einer kurzen Zusammenfassung zu dieser Form der Leistungserbringung im europäischen Ausland, erfolgt eine kritische Interpretation zu den Ergebnissen des Abschlussberichtes zu den Modellprojekten in der BRD.

In den nachfolgenden Punkten setzt sich diese Arbeit mit den relevanten Leistungsgesetzen, insbesondere dem SGB XII und deren Bedeutung für das persönliche Budget auseinander. Der Bereich der Pflegeversicherung wurde in dieser Arbeit nicht behandelt, da sie zum jetzigen Zeitpunkt noch keine besondere Relevanz für psychisch Erkrankte hat.

Ein Teil dieser Arbeit ist der praktischen Umsetzung des im SGB IX und in der Budgetverordnung festgelegten Verfahrens zur Feststellung des Hilfebedarfs und des weiteren Verfahrensablaufs, sowie der organisatorischen Voraussetzungen und Möglichkeiten der Umsetzung durch die Leistungserbringer gewidmet.

Da mittlerweile zwar umfassende Literatur zum persönlichen Budget vorhanden ist, jedoch für den Bereich der seelisch Behinderten mit wenigen Ausnahmen kaum entsprechendes zu finden ist, bezieht sich ein Teil der Ausführungen in der vorliegenden Arbeit auf meine langjährige Tätigkeit im Bereich der psychiatrischen Versorgung in verschiedenen Funktionen.

Viele der in der Arbeit angesprochenen Gedanken und Vorschläge stammen darüber hinaus aus Diskussionen mit Kollegen, aus Fachveranstaltungen sowie aus den Ergebnissen eines Arbeitskreises am Bezirk Oberbayern zur Umsetzung des Persönlichen Budgets in dieser Region, an dem ich teilnahm.

2. Geschichte, Idee und rechtliche Grundlagen des persönlichen Budgets

2.1. Zum Begriff des persönlichen Budgets

Das ökonomische Grundprinzip unseres Sozialmarktes lässt sich mit dem Begriff des sozialrechtlichen Dreiecksverhältnis beschreiben. Dabei wird einem Leistungserbringer durch einen Leistungsträger eine Dienstleistung vergütet, die er in Form von so genannten Sachmitteln einem Leistungsempfänger zur Verfügung stellt. Kennzeichnend für diese Organisation der Wohlfahrtspflege ist, dass nur zwischen dem Leistungserbringer und dem Leistungsempfänger, sowie zwischen dem Leistungsträger und dem Leistungserbringer ein Vertragsverhältnis besteht. Zwischen dem einzelnen Kostenträger und dem hilfebedürftigen Menschen mit Behinderung besteht zwar eine sozialrechtliche Beziehung in Form eines Rechtsanspruchs auf Sozialleistungen, jedoch keine direkte Vertragsbeziehung. So finden - wie auf regulären Märkten üblich - keine finanziellen Austauschbeziehungen zwischen dem Leistungsempfänger und dem Leistungserbringer statt. Mit dem im Jahr 2001 in Kraft getretenen SGB IX wurde jedoch die Möglichkeit geschaffen, den Leistungsberechtigten statt einer Sachleistung zur Deckung des individuellen Hilfebedarfs einen Geldbetrag in Form eines persönlichen Budgets zukommen zu lassen.

„Menschen mit Behinderung erhalten einen bedarfsbezogenen Geldbetrag, mit dem sie selbst die für sie erforderlichen Unterstützungsleistungen auswählen und diese finanzieren. Intendiert ist mit diesem Ansatz, Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume für ihr Alltagsleben auszuweiten sowie ihre sozialen Teilhabechancen zu erhöhen.“[1]

Mit der Leistungsausführung durch ein persönliches Budget kann die tradierte Organisationsform der Unterstützung, die eine finanzielle Austauschbeziehung nur zwischen Kostenträger und Leistungserbringer vorsieht, nun aufgelöst oder zumindest eingeschränkt werden. [2]

„Verbunden wird mit diesem Konzept die Erwartung, die Klienten aus der Objektstellung herauszuholen, ihre Eigenverantwortlichkeit zu betonen und zu fördern und damit das Prinzip der Konsumentensouveränität auch im Bereich der sozialen Dienste zur Geltung kommen zu lassen. Zugleich soll die Subjektförderung dazu dienen, ein neues, an den Interessen der Betroffenen ausgerichtetes innovatives Instrument der Sozialplanung zu entwickeln.“[3]

Ein wesentlicher Aspekt den der Begriff des Budgets beinhaltet, ist die Möglichkeit der Planung. Somit werden den Leistungsberechtigten größere Entscheidungsspielräume bezüglich ihrer notwendigen Hilfen in sachlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht ermöglicht. Durch die Intention der individuellen Hilfeleistung erhalten Menschen mit Behinderung durch ein Budget darüber hinaus umfassendere Möglichkeiten, ihren Wünschen und den Notwendigkeiten ihrer Behinderung entsprechende Prioriäten zu setzen.[4]

2.2. Das persönliche Budget als Ausdruck des Paradigmenwechsels in der Behindertenhilfe

Jahrzehntelang bemühten sich Selbsthilfeorganisationen und Betroffenenverbände, zum Teil im Schulterschluss mit den Wohlfahrtsverbänden, um einen Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe. Waren Unterstützungs- und Hilfeleistungen bisher von einem patriarchalischem Fürsorgeprinzip mit geringen Möglichkeiten der Selbstbestimmung der Betroffenen bestimmt, war das Ziel nun die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen zu erreichen (vom Objekt der Fürsorge zum Subjekt des Handelns).

Am 15. November 1994 trat bereits eine Änderung des Grundgesetzes in Kraft, in dem der Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ dem Artikel 3 Absatz 3 angefügt wurde.

Auch auf der Ebene der Europäischen Union wurden Rahmenbedingungen geschaffen, die die Chancengleichheit und Selbstbestimmung der von einer Behinderung betroffenen Menschen fördern sollen.

So wurde in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union die Nichtdiskriminierung und Integration behinderter Menschen aufgenommen.

Article 21

Non-discrimination

1. Any discrimination based on any ground such as sex, race, colour, ethnic or social origin, genetic features, language, religion or belief, political or any other opinion, membership of a national minority, property, birth, disability, age or sexual orientation shall be prohibited.

Article 26

Integration of persons with disabilities

The Union recognises and respects the right of persons with disabilities to benefit from measures designed to ensure their independence, social and occupational integration and participation in the life of the community. [5]

Das neue Leitbild der Selbstbestimmung und Partizipation beinhaltet dabei folgende

Prinzipien der Hilfen für behinderte Menschen:

- Normalisierung
- Deinstitutionalisierung bzw. Enthospitalisierung
- Entprofessionalisierung
- Individualisierung[6]

Diese Sicht auf Behinderung und Teilhabe drückt sich auch in dem Klassifikationssystem der WHO der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) aus, die von ihr im Jahre 2001 verabschiedet wurde. Mit der ICF wird die rein bio-medizinische Betrachtungsweise von Gesundheit und Behinderung zugunsten eines bio-psycho-sozialen Modells verlassen. Durch den zentralen Begriff der funktionalen Gesundheit „…werden Aspekte des Menschen als handelndes Subjekt (Aktivitäten) und als selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Subjekt in Gesellschaft und Umwelt (Teilhabe) einbezogen.“[7].

Darüber hinaus berücksichtigt das Konzept der funktionalen Gesundheit die Kontextfaktoren (Umweltfaktoren und personenbezogenen Faktoren) der betreffenden Person. „Eine Beeinträchtigung der funktionalen Person ist das Ergebnis der negativen Wechselwirkung zwischen dem Gesundheitsproblem (ICD) einer Person und ihren Kontextfaktoren.“[8]

Mit diesem Verständnis von Behinderung, als soziale Konstruktion, die Relativität und Relationalität anerkennend, wurde ein wichtiger Schritt hin zu einem ressourcenorientiertem und ökologischem Verständnis von Behinderung vollzogen.

Mit der Einführung des SGB IX als übergreifendes Recht orientiert sich nun das gesamte deutsche Sozialrecht, basierend auf dem Teilhabekonzept und der Philosophie der ICF, an der Zielsetzung Teilhabe am Leben in der Gesellschaft.

Dabei ist es nicht das Ziel, die Fähigkeit zu einer theoretisch möglichen Teilhabe (Leistungsfähigkeit: Capacity) zu vermitteln, sondern die tatsächliche Teilhabe (Leistung: Performance) zu erreichen.

So reicht es nicht mehr aus, die aufgrund der Behinderung entstandenen Defizite an einer Teilhabe in der Gemeinschaft durch Sach- oder Geldleistungen jeglicher Art zu kompensieren. Vielmehr ist die vollständige Partizipation der Betroffenen ihre Ressourcen und individuellen Kompetenzen und nicht zuletzt ihre persönlichen Wünsche in den Rehabilitationsprozess mit ein zu beziehen.

Eine Grundvoraussetzung zur Erreichung dieser Teilhabe (und auch Lebensqualität) besteht in einem höchstmöglichen Maß an Selbstbestimmung und autonomer Lebensführung. Um diese verwirklichen zu können gilt es Abschied zu nehmen von pauschalen Versorgungseinheiten und individuelle und passgenaue Hilfen für behinderte Menschen bereit zu stellen. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume für behinderte Menschen ausgeweitet werden und ihre Kompetenzen und Wünsche in die Hilfen einbezogen werden.

Diese Entwicklungen werden mit der neuen Leistungsform des persönlichen Budgets in engen Zusammenhang gebracht, mit der Hoffnung durch den dadurch zugewiesenen Status als Experten in eigener Sache die notwendigen Verbesserungen zu erzielen. Die allgemeine Entwicklung in der Behindertenhilfe korrespondiert dabei aufs Engste mit den Forderungen und Entwicklungen im Bereich der Versorgung psychisch Erkrankter. Ansätze wie Empowerment, Recovery, die Forderung nach verstärkter Einbeziehung der Nutzer psychiatrischer Einrichtungen, gemeindeorientierte Ambulantisierung, Peer-Support und vieles mehr, finden sich seit einigen Jahren auf der Agenda einer fortschrittlichen Psychiatriepolitik.

2.3 Das SGB IX, die Leistungsgesetze und die Budgetverordnung als rechtliche Grundlagen in der BRD

In den letzten Jahren gab es diverse rechtliche Entwicklungen, die die Möglichkeit der Leistungserbringung über ein persönliches Budget ermöglichten.

So war es etwa bereits mit der Einführung der so genannten Experimentierklausel nach § 101a im Bundessozialhilfegesetz möglich notwendige Leistungen der Sozialhilfe als pauschale Geldleistung zu erbringen.[9] Mit diesem Modell der Pauschalierung von Sozialhilfe sollten neben „ …größerer Dispositionsfreiheit und Selbständigkeit bei den Hilfeempfängern“[10], vor allem auch „…erhebliche Vereinfachungen und dadurch Einsparungen bei der Verwaltung ermöglicht werden.“[11]

Auf der Basis dieser Experimentierklausel führte etwa Rheinland-Pfalz in einem Modellversuch als erstes Bundesland die Möglichkeit eines „persönlichen Budgets“ im Bereich der Eingliederungshilfe nach SGB XII ein. Allerdings kann dieses Modell („Selbst bestimmen - Hilfe nach Maß“) nicht mit dem persönlichen Budget im Sinne des § 17 SGB IX verglichen werden, da das SGB IX nicht von einer Kostensenkung ausgeht, sondern die eindeutige Teilhabeorientierung, mit dem Ziel der Förderung der Selbstbestimmung und der am individuellen Bedarf ausgerichteten Leistungserbringung verfolgt.[12]

Im Bereich der Pflegeversicherung wird im Rahmen der Experimentierklausel nach § 8 Abs. 3 SGB XI bereits seit 2004 in verschiedensten Modellregionen die Umsetzung eines personengebundenen Budgets für pflegebedürftige Menschen erprobt. Durch die Einführung des SGB IX im Jahre 2001 wurden nun für den Bereich der Rehabilitation und Teilhabe die Grundlagen für die aktuelle Form des persönlichen Budgets geschaffen. Die wesentlichen Bestimmungen sind dabei im §17 SGB IX verankert. Nach einer modellhaften Phase besteht nach § 159 Abs.5 SGB IX seit dem 01.01.2008 ein Rechtsanspruch auf die Ausführung von Leistungen durch ein persönliches Budget, vorausgesetzt es besteht ein Anspruch auf Teilhabeleistungen nach § 5 Nr. 1, 2 und 4 SGB IX. Mit dem Gesetz zur Einordnung des Sozialhilferechts in das Sozialgesetzbuch im Jahre 2003, sowie dem Verwaltungsvereinfachungsgesetz im Jahre 2005, wurden die gesetzlichen Bestimmungen zum persönlichen Budget weiterentwickelt und präzisiert.

So wurde etwa mit dem Gesetz zur Einordnung des Sozialhilferechts in das Sozialgesetzbuch der Absatz 2 des § 17 SGB IX erweitert und die Absätze drei bis sechs hinzugefügt. Die Verantwortung des Leistungsempfängers wurde stärker betont und das persönliche Budget über die Leistungsarten der Teilhabe und Rehabilitation hinaus auf andere Leistungen der Sozialgesetzbücher ausgedehnt.

Mit dem Verwaltungsvereinfachungsgesetz im Jahre 2005 wurde eine weitere Modifizierung des § 17 durchgeführt, die schließlich zur jetzigen Fassung führte.[13]

„Das persönliche Budget ist seitdem nicht mehr nur eine Art der Leistungsausführung im Rahmen des Behindertenrechts, sondern ein Instrument des gesamten Sozialrechts mit dem die Schnittstellen des gegliederten Systems bei der Ausführung von Sozialleistungen auf der Grundlage unterschiedlicher Gesetze durch verschiedene Sozialleistungsträger überwunden werden können und zugleich die Selbstbestimmungsrechte der Berechtigten die Fremdbestimmung durch die Leistungsträger ersetzten“[14]

In der ebenfalls zum Juli 2004 in Kraft getretenen Verordnung zur Durchführung des § 17 Abs. 2-4 des neunten Buches Sozialgesetzbuch (Budgetverordnung) werden die Inhalte und Verfahren zum persönlichen Budget näher geregelt. Die wohl wichtigste Regelung der Budgetverordnung ist die Verpflichtung eine Zielvereinbarung zwischen Antragsteller und Leistungsträger abzuschließen. Darüber hinaus wird in § 3 der BudgetV das Verfahren geregelt, wonach der zuständige Leistungsträger, in Zusammenarbeit mit weiteren beteiligten Leistungsträgern, vor allem den Bedarf und die Höhe des Budgets sowie den Inhalt der Zielvereinbarung feststellt.

Nach § 7 Satz 1 SGB IX gelten die Vorschriften des SGB IX für alle Leistungen zur Teilhabe, falls sich in den einzelnen Leistungsgesetzen keine abweichenden Vorschriften finden. Dies findet ebenso Anwendung bei der Ausführung der Leistung mittels eines persönlichen Budgets. Allerdings wurde in den Leistungsgesetzen auf das persönliche Budget Bezug genommen (siehe § 103 Satz 2 SGB III; § 2 Abs. 2 Satz 2 SGB V; § 13 Abs. 1 Satz 2 SGB VI; § 7 Abs. 1 Satz 3 ALG; § 26 Abs. 1 Satz 2 SGB VII; § 57 SGB XII). Überwiegend enthalten diese Regelungen jedoch kein abweichendes Recht sondern verweisen auf die Vorschriften des SGB IX .[15]

Budgetfähig sind grundsätzlich alle Leistungen zur Teilhabe und Rehabilitation soweit nicht rechtliche Hindernisse in den einzelnen Leistungsgesetzen dem entgegenstehen. Zudem sind auch Leistungen der Krankenkassen, Pflegekassen, Leistungen der Träger der Unfallversicherung bei Pflegebedürftigkeit, die Hilfe zur Pflege der Sozialhilfe, die als Geldleistungen oder durch Gutscheine erbracht werden können budgetfähig.[16] Als Voraussetzung gilt, dass es sich um alltägliche, regelmäßig wiederkehrende Bedarfe handelt.

Die notwendige „Regiefähigkeit“ der Leistungen wurde durch das Verwaltungsvereinfachungsgesetz wieder zurückgenommen.[17]

Dabei soll ein persönliches Budget, insbesondere für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, leistungsträgerübergreifend als Komplexleistung erbracht werden.[18]

In diesem Zusammenhang ist auch auf das Wunsch und Wahlrecht nach § 9 SGB IX hinzuweisen, das durch ein persönliches Budget, in hohem Maße gestärkt wird.[19]

3. Das persönliche Budget in Europa - Ein Überblick

Während in der Bundesrepublik erst seit dem 01.10.2008 ein gesetzlicher Anspruch auf ein persönliches Budget besteht, konnten einige europäische Länder bereits sei mehreren Jahren Erfahrungen mit Formen selbstverwalteter Budgets für Behinderte sammeln. In der einschlägigen Literatur werden dabei im Wesentlichen drei europäische Staaten genannt:

- Großbritannien

In Großbritannien wurden bereits 1997 mit dem „ Community Care Direct Payments Act“ Direktzahlungen für alle Anspruchsberechtigten kommunaler Unterstützungsleistungen eingeführt.

Betrachtet man diverse Veröffentlichungen wird allerdings deutlich, dass in Großbritannien, insbesondere der Personenkreis der seelisch Erkrankten, nur wenig an der Möglichkeit des „Direct Payment“ partizipiert. Im Gegensatz zu anderen Behinderungsarten ist die Zahl der seelisch Erkrankten, die ihre Unterstützung mittels des „Direct Payment“ erhalten, relativ gering.[20]

“Ten years after the Community Care (Direct Payments) Act (1996), take up of Direct Payments amongst mental health service users remains low”.[21]

“In the most recent figures available (Table P2s.1, NHS, 2005) the estimated total number of users receiving Direct Payments was 22,000. The number of those classified as being mental health service users was 1,300. This was an increase from 500 mental health service users with Direct Payments out of a total number of 14,000 Direct Payments users the previous year (Table P2s.1, DH, 2004a).”[22]

[...]


[1] Kastl, Metzler; Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Modellprojekt Persönliches Budget für Menschen mit Behinderung in Baden Württemberg, Mai 2005, S. 13

[2] Abbildungen aus: Metzler et al 2007, Abschlußbericht zum persönlichen Budget

[3] Kapitel Soziale Dienste aus: Bäcker, G., Bispinck, R., Hofemann, K., Naegele, G., Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland, S. 61, Wiesbaden 2006

[4] vgl. Wacker et al., 2006, S. 31 ff

[5] Artikel 21, Absatz 1 aus Charta der Grundrechte http://ec.europa.eu/justice_home/unit/charte/en/charter- equality.html

[6] Kastl, Metzler; Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Modellprojekt Persönliches Budget für Menschen mit Behinderung in Baden Württemberg, Mai 2005, S. 15

[7] Schuntermann Michael F., ICF-Kurzeinführung, www.deutsche-rentenversicherung-bund.de, Berlin

[8] ebd.

[9] vgl. Wacker et al 2005, S.34

[10] Deutscher Bundestag Drucksache 14/820, S. 7

[11] ebd.

[12] vgl. Sozialministerium Rheinland-Pfalz, www.masgff.rlp.de/Soziales/Menschen_mit_Behinderungen/Budget.asp

[13] vgl. Kastl, Metzler; Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Modellprojekt Persönliches Budget für Menschen mit Behinderung in Baden Württemberg, Mai 2005, S. 22

[14] Fuchs in Bihr, Fuchs, Krauskopf, Ritz (Hg): SGB IX - Kommentar und Praxishandbuch. Asgard Verlag, 1. Auflage Dezember 2004 oder http://www.sgb-ix-umsetzen.de/index.php/nav/tpc/nid/1/aid/518

[15] vgl. Welti Felix, 2007, S.7

[16] vgl. Welti Felix, 2007, S.54

[17] Gesetz zur Vereinfachung des Verwaltungsverfahrens im Sozialrecht vom 21. März 2005, BGBl. I, S. 827.

[18] vgl. § 17 Abs. 2 SGB IX

[19] siehe auch: Praxiskommentar von Harry Fuchs zu § 9 SGB IX Wunsch- und Wahlrechte in: http://www.sgb-ix-umsetzen.de/index.php/nav/tpc/nid/1/aid/31

[20] vgl. Direct Payments, independent Living and Mental Health an Evaluation, http://www.hascas.org.uk/pdf_files/HASCAS%20Executive%20Summary2.pdf, zuletzt aufgerufen am 10.09.08

[21] Evidence Cluster: Direct Payments for those using mental health services http://www.ripfa.org.uk/evidenceclusters/displayCLUSTER3.asp, zuletzt aufgerufen am 10.09.08

[22] ebd., zuletzt aufgerufen am 10.09.08

Details

Seiten
50
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640768646
ISBN (Buch)
9783640769049
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160546
Institution / Hochschule
Hochschule München – Angewandte Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Budget Versorgung Möglichkeiten Grenzen Umsetzung

Autor

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