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Vererbbarkeit von Alkoholismus in Gerhart Hauptmanns Werk „Vor Sonnenaufgang“

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eineitung

2. Naturalismus
2.1 Entstehung des Naturalismus
2.2 Einflüsse aus dem Ausland
2.3 Politisch-soziale Anschauungen
2.4 Stellung der Naturwissenschaften
2.5 Vererbung und Milieu
2.6 Dramentheorie

3. Gerhard Hauptmann
3.1 Leben
3.2 Verhältnis zum Naturalismus
3.3 Zeit in Zürich

4. Vererbungsgedanke in „Vor Sonnenaufgang“
4.1 Entstehung und Uraufführung
4.2 Inhalt des Werkes
4.3 Alkoholismus in der Familie Krause/Hoffmann
4.4 Loth – fanatisch oder prinzipientreu
4.5 Helene – zum Alkoholismus determiniert?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Eineitung

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, welche Ansichten zur Vererbbarkeit von Alkoholismus in dem Werk „Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmanns beschrieben werden und wie Hauptmann zu diesem Thema stand. Das Thema wird durch die Figur des Loth eingeführt. In der Rezeption des Werkes wird er oft kritisch betrachtet und Hauptmanns Einstellung zu Loth sehr verschieden gesehen.

Zuerst werde ich den Naturalismus näher betrachten, da das Werk aus dieser Zeit stammt, und mein Augenmerk besonders auf das Verhältnis von Naturwissenschaften und Naturalismus legen. Ich werde aufzeigen, wie die Milieutheorie entstanden ist und welches Menschenbild aus ihr abgeleitet wurde.

Dann werde ich kurz den Lebenslauf von Hauptmann beschreiben und zeigen inwieweit seine persönlichen Erfahrungen - besonders seine Zeit in Zürich - in das Werk eingeflossen sind.

Im dritten Teil meiner Arbeit werde ich auf das Werk selbst eingehen und nach einer kurzen Erklärung zur Entstehung und dem Inhalt den Vererbungsgedanken in „Vor Sonnenaufgang“ herausarbeiten. Das geschieht, indem ich ausführe, wie die Vererbung von Alkoholismus sich in der Familie Krause zeigt, wie Loths Ansichten bewertet werden können und Helenes Verhältnis zum Alkoholismus eingeschätzt werden kann.

2. Naturalismus

Der Naturalismus entsteht Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts und wird schon kurze Zeit später, Ende des 19. Jahrhunderts, von anderen Literaturströmungen abgelöst.[1] Trotz seiner kurzen Dauer, ist er für die Literaturgeschichte wichtig, in Zeiten der Umbrüche stellt er eine Übergangsphase dar.[2] Obwohl die Naturalisten in ihren Ansichten und Theorien oft sehr weit auseinander gehen, verbindet sie doch die Forderung nach „Wissenschaftlichkeit und Gegenwartsbezug“[3].

2.1 Entstehung des Naturalismus

Durch die Industrialisierung und die Reichsgründung 1871 kommt es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland. Das schlägt sich auch auf die Kunst nieder, die Größe und Klasse zeigen will und sich in der Literatur an Dichtern wie Goethe und Schiller orientiert. Die Kunst dient oft nur noch dem „Selbstdarstellungs- und Zerstreuungsbedürfnis der Bourgeosie“[4]. Die „Schattenseiten“ der Industrialisierung, das Elend des Proletariats und die politischen Missstände in Deutschland werden von der Literatur nicht aufgegriffen.[5] Die Literatur der Zeit wird der Wirklichkeit nicht mehr gerecht, die vielen Umbrüche auf gesellschaftlicher Ebene und die neuen Errungenschaften auf naturwissenschaftlichem Gebiet werden von der Literatur nicht verarbeitet.[6] So wird es Zeit für eine neue Richtung, die „die ‚Schönheit’ zugunsten der ‚Wahrheit’“[7] aufgibt.

Die Naturalisten wollten realitätsnah sein, gegenwartsorientiert und wahrhaftig, keine Bereiche tabuisieren, indem sie neue Motive und Techniken verwenden.[8]

2.2 Einflüsse aus dem Ausland

Der deutsche Naturalismus wurde sehr stark von dem Franzosen Émile Zola, der seine Ansichten in seinem Werk „Le roman expérimentale“ begründet, beeinflusst. Nach Zola ist die Aufgabe des Dichters, durch Beobachtung und Analyse Wissen über gesellschaftliche Vorgänge zu sammeln und darzulegen.[9]

Nicht weniger hat der Norweger Henrik Ibsen mit seinen naturalistischen Dramen die deutschen Naturalisten geprägt. Ibsen greift in seinen Dramen tabuisierte Themen auf und versucht gesellschaftskritisch die Wahrheit darzustellen.[10]

Auch russische Autoren wie Tolstoi und Dostojewski üben mit ihren realistischen, psychologischen und sozialen Werken einen Einfluss auf die naturalistische Bewegung aus.[11]

2.3 Politisch-soziale Anschauungen

Politisch standen die Naturalisten meist auf der Seite der Sozialreformer. Die soziale Frage ist laut Conrad „ewige Menschheitsfrage“[12]. Viele Naturalisten kritisieren die gesellschaftlichen Zustände in Deutschland und die Autoren des Naturalismus betrachten Themen wie Armut, Hunger, Elend und Unterdrückung in ihren Werken und stellen sie drastisch dar. Vor allem die Politik in der Bismarck-Ära wird aufgrund ihrer Unterdrückungsaktionen wie den Sozialistengesetzen, Demagogenverfolgung und Zensur stark kritisiert.[13] Außerdem kritisieren die Naturalisten die Interesselosigkeit von Politik und Gesellschaft an der Kunst. Für die Kunst hat der Staat laut Alberti „kaum einen Bettelpfennig“[14].

2.4 Stellung der Naturwissenschaften

Die Naturwissenschaften spielen im Naturalismus eine beherrschende Rolle. Die neuen Entdeckungen in Technik und Naturwissenschaften veränderten das damalige Weltbild maßgeblich.[15] So ersetzt die Evolutionstheorie von Charles Darwin die bis dahin geltende Schöpfungslehre und die Menschheit ist damit laut Wolfgang Kirchbach um ihren „anthropozentrischen Standpunkt der Lebensauffassung“[16] gebracht. Die ganze Welt dreht sich nicht mehr um den Menschen, genauso wenig, wie die Sonne sich um die Erde dreht. Kirchbach folgert daraus, dass die Poeten die „Aufgabe haben, sich mit einem solchen veränderten Gesichtspunkt dichterisch abzufinden und der Mitwelt gerade den poetischen Wert, d.i. den allgemeinen höchsten Lebenswert und Intelligenzwert einer solchen Weltansicht plausibel zu machen.“[17]. Die Naturalisten wollen weg von Mystifikation und Metaphysik, denn Übernatürliches ist nicht erklärbar, nicht wissenschaftlich. Aber „eine Anpassung an die neuen Resultate der Forschung ist durchweg das Einfachste, was man verlangen kann.“[18] wie Wilhelm Bölsche mit vielen Naturalisten meint. Deshalb sieht er den Dichter als „Experimentator“, der nicht mit Chemikalien, sondern mit Menschen und ihren Leidenschaften und Reaktionen arbeitet.[19] Die Naturalisten unterliegen oft einer „Wissenschaftsgläubigkeit“, so dass neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse kritiklos übernommen werden.[20]

2.5 Vererbung und Milieu

Die Vererbungslehre lässt sich auf den Positivismus von Auguste Comte, einen französischen Philosophen, zurückführen. Seiner Meinung nach kann die Wissenschaft die alten Mittel der Erkenntnisgewinnung nicht mehr anwenden, da sie von falschen Annahmen ausgeht. Die spekulative Methode und das heranziehen metaphysischer Erklärungen führen seiner Meinung nach nicht zu wahren Ergebnissen. Die Deduktion, vom Allgemeinen auf das Besondere zu schließen, verwirft er und fordert als Erkenntnismittel nur die Beobachtung und das Experiment zu gebrauchen. Jegliche Erkenntniswissenschaft muss seiner Meinung nach vom Gegebenen (Positivem) ausgehen. Die Ergebnisse müssen überprüfbar sein. Seine Grundannahme ist, dass hinter allem ein unveränderliches Gesetz steht, und diese Gesetzmäßigkeiten gilt es herauszufinden.[21] Hyppolyte Taine, ein Schüler Comtes, wendet diese Theorie für seine Milieutheorie an. Laut seiner Theorie sind Charakter, Intelligenz und Eigenarten eines Menschen durch Rasse, Milieu und die historischen Zeitumstände determiniert. Dass heißt, der Mensch handelt nicht aus freiem Willen, was die Verantwortung für seine Schuld eigentlich nichtig macht.[22] Die meisten Naturalisten übernehmen diese Theorie, aber nicht immer im gleichen Ausmaß. So gibt es nach Bölsche zu den zwei determinierenden Faktoren Milieu und Vererbung noch einen „unbekannten dritten Faktor“[23], da er sich anders die Entstehung von Goethe und Napoleon nicht erklären kann. Für Alberti steht fest, „dass der Wille des Menschen in keinem Augenblick frei ist, sondern jeder Mensch nur das will, was er wollen muss, wozu seine Natur und das Milieu ihn zwingen“[24]. Damit sind Milieu und Vererbung die „Schicksalsmächte“ des Naturalismus.[25]

2.6 Dramentheorie

Die Naturalisten wollten ihre Forderung nach Wissenschaftlichkeit und Gegenwartsbezug im Drama durch die Wahl neuer Stoffe und Techniken umsetzen. So werden in den naturalistischen Dramen Themen aufgegriffen wie „die Arbeiterklasse, das soziale Elend, gesellschaftliche Randgruppen wie Prostituierte, Verbrecher, Alkoholiker und Schwache“[26]. Das Hauptaugenmerk liegt im naturalistischen Drama nicht auf einer Handlung, sondern auf die Zustände. Man will die Wirklichkeit so klar wie möglich zeigen. Die Charaktere sind im naturalistischen Drama nicht wegen der Handlung da, sondern die Handlung wegen der Charaktere. Das naturalistische Drama wird auch als „Zustandsdrama“[27] bezeichnet. Aufgrund der fehlenden Handlung war oft der „Bote aus der Fremde“ notwendig, der die Zustände aufdeckt und Konflikte in Gang bringt.[28] Diese Rolle übernimmt in „Vor Sonnenaufgang“ Loth. Typisch für das naturalistische Drama war auch eine andere Sprache. So sagt Holz: „Die Sprache des Theaters ist die Sprache des Lebens. Nur des Lebens.“[29] Diese Forderung setzt Hauptmann in seinen Werken um, indem er die Figuren in ihren jeweiligen Dialekten sprechen lässt. In „Vor Sonnenaufgang“ finden wir sehr oft den schlesischen Dialekt.

[...]


[1] Nach: Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 3

[2] Nach: Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 11

[3] Bleitner, Thomas: Naturalismus und Diskursanalyse. „Ein sprechendes Zeugnis sektiererischen Fanatismus“ – Hauptmanns Vor Sonnenaufgang im Diskursfeld der ‚Alkoholfrage’. In: Praxisorientierte Literaturtheorie. Annäherung an Texte der Moderne. Hrsg. von Bleitner/Gerdes/Selmer. Bielefeld: Aisthesis Verlag 1999. S. 136

[4] Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 17

[5] Nach: Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 7-9, 17-18

[6] Nach: Poppe, Reiner: Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang, Die Weber, Der Biberpelz. Soziales Engagement und politisches Theater. 3. Aufl. Hollfeld: Beyer 1988. S. 14-15

[7] Cowen, Roy C.: Das deutsche Drama im 19. Jahrhundert. Stuttgart: Metzler 1988. S. 197

[8] Nach: Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 16-17

[9] Nach: Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 30-31

[10] Nach: Hoefert, Sigfrid: Das Drama des Naturalismus. Stuttgart: Metzler 1968. S. 4

[11] Nach: Hoefert, Sigfrid: Das Drama des Naturalismus. Stuttgart: Metzler 1968. S. 4

[12] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 58

[13] Nach: Meyer, Theo: Naturalistische Literaturtheorien. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 7: Naturalismus, Fin de siècle, Expressionismus (1890-1918). Hrsg. von York-Gothart Mix. München: dtv 2000. S. 28-43

[14] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 86

[15] Nach: Kauermann, Walther: Das Vererbungsproblem im Drama des Naturalismus. Diss., Universität Kiel 1933. S. 1

[16] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 90

[17] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 90

[18] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 130

[19] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 131

[20] Nach: Kluwe, Sandra: Gespenst der Vererbung, Moira des Milieus. Über Schicksalsphobien im Drama und Roman des literarischen Naturalismus. In: Vererbung und Milieu. Hrsg. von Michael Wink. Berlin Heidelberg: Springer Verlag 2001. S. 218

[21] Nach: Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 21-22

[22] Nach: Kluwe, Sandra: Gespenst der Vererbung, Moira des Milieus. Über Schicksalsphobien im Drama und Roman des literarischen Naturalismus. In: Vererbung und Milieu. Hrsg. von Michael Wink. Berlin Heidelberg: Springer Verlag 2001. S. 222

[23] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 98

[24] Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 2008. S. 164

[25] Nach: Schmidt, Günter: Die literarische Rezeption des Darwinismus. Das Problem der Vererbung bei Émile Zola und im Drama des deutschen Naturalismus. Berlin: Akademie-Verlag 1974. S. 75-76

[26] Bernhardt, Rüdiger: Sieg und Überwindung des Naturalismus. Gerhart Hauptmanns soziales Drama Vor Sonnenaufgang. In: Klassiker der deutschen Literatur. Epochen-Signaturen von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Hrsg. von Gerhard Rupp. Würzburg: Königshausen und Neumann 1999. S. 117

[27] Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 68

[28] Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008. S. 69

[29] Zit. n.: Poppe, Reiner: Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang, Die Weber, Der Biberpelz. Soziales Engagement und politisches Theater. 3. Aufl. Hollfeld: Beyer 1988. S. 27

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640737215
ISBN (Buch)
9783640737475
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160518
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Schlagworte
Naturalismus Alkoholismus Hauptmann Vor Sonnenaufgang Dramen

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