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Die Frau zwischen supériorité, infériorité und égalité. Die Querelle des femmes in Frankreich. Marie le Jars de Gournay: Egalité des hommes et des femmes (1622)

Seminararbeit 2002 16 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. VORWORT
Gibt es gleichere Menschen unter den Menschen?

2. DIE QUERELLE DES FEMMES IN FRANKREICH
2.1. „Querelle des femmes“ – Was heißt das?
2.2. Geschichtlicher Überblick

3. EGALITE DES HOMMES ET DES FEMMES,
3.1. Marie le Jars de Gournay (1565/66 – 1645)
3.2. Über die Gleichheit von Männern und Frauen
3.3. Das Unwahre an der Überlegenheit des Mannes

4. SCHLUSSWORT
Einer gleicher, alle gleicher !

5. LITERATURVERZEICHNIS

DIE FRAU ZWISCHEN

SUPÉRIORITÉ, INFÉRIORITÉ UND

ÉGALITÉ

1. VORWORT

Gibt es gleichere Menschen unter den Menschen?

In der Geschichte der Menschheit waren Überlegenheit, Unterlegenheit und Gleichheit schon immer zentrale Themen, die in fast allen Lebensbereichen, wenngleich oftmals im Unterbewußtsein der Menschen, eine wichtige Rolle spielten. Ob man in einer Gesellschaft zum Beispiel die soziale Ungleichstellung der einzelnen Menschen (die Unterschiede zwischen arm und reich, etc.) untersucht oder die militärische Über- bzw. Unterlegenheit verschiedener Völker und Länder, die Geringschätzung von anderen Rassen oder aber auch die – nennen wir es vorerst einfach – Andersstellung von Frau und Mann in einer bestimmten Kultur: Gleichheit und Ungleichheit und damit verbundener Machtanspruch sind aus dem Leben nicht wegzudenken und sind seit jeher ein zentraler Konfliktpunkt auf vielen verschiedenen Ebenen.

George Orwell hat es einst in seinem utopischen Roman The Animal Farm aus dem Jahre 1946 sehr treffend formuliert: „All animals are equal. But some animals are more equal than others“. Dieser Satz beschreibt in einzigartiger Weise, jenen Sachverhalt, daß der Mensch offensichtlich stets das Bedürfnis nach Hierarchie hat und daher auch das Bedürfnis hat, dem Einzelnen einen Platz in einem hierarchischen Ordnungssystem zuzuweisen. Der Mensch versucht stets, zwischen einer Gruppe der Überlegenen und einer Gruppe der Unterlegenen zu unterscheiden. Wenn aber alle gleich sind, bleibt nur mehr die Möglichkeit, zwischen Gleichen und Gleicheren zu unterscheiden. Gerade heute, wo sich doch beinahe überall auf der Welt die Staatsform der Demokratie, die Gleichheit als eines ihrer wichtigsten Leitmaxime versteht, durchgesetzt hat, gilt es, sich zu fragen, ob es nicht doch immer wieder sogenannte „Gleichere“ in der Gesellschaft gab, gibt und geben wird.

Genau dieser Gesichtspunkt soll uns in der vorliegenden Arbeit in Hinblick auf die hierarchischen Unterschiede zwischen Mann und Frau beschäftigen. Als Beispieltext wird uns der französische Text „Zur Gleichheit von Frauen und Männern“ von Marie le Jars de Gournay aus dem 17. Jahrhundert dienen, in dem die Autorin sich an ihre Herrscherin wendet, um ihr die Gleichheit von Mann und Frau anhand von zahlreichen Beispielen und Schlußfolgerungen darzustellen und um die Herabsetzung, die die Frau durch die männlich und patriarchalisch dominierte Welt erfährt, zu verurteilen.

Beginnen wir vorerst mit einigen wesentlichen Bemerkungen und Definitionen die Querelle des Femmes im allgemeinen betreffend, um die folgende Betrachtung des Textes auf eine solide Basis stellen zu können.

2. DIE QUERELLE DES FEMMES IN FRANKREICH

2.1. „Querelle des femmes“ – Was heißt das?

Der Begriff „Querelle des Femmes“ hat sich vor allem im 20. Jahrhundert als Bezeichnung für die sich durch die letzten Jahrhunderte ziehenden „feministischen“[1] [2] Bewegungen eingebürgert. Beginnend im 14. Jahrhundert hat sich bis ins 18. Jahrhundert eine Debatte über den Wert und die Stellung des weiblichen Geschlechts in der Gesellschaft entwickelt.

Jedoch ist das Wort „Querelle“ in seinen Übersetzungsmöglichkeiten durchaus mehrdeutig: Man kann es mit „Wehklage“ oder mit „(An-)Klage“ wiedergeben, nüchterner und neutraler vielleicht mit „Angelegenheit, Sache, Prozess“ oder aber mit dem Wort „Streit“. Und gerade dort, wo wir „Querelle“ als „Streit“ bezeichnen, stoßen wir wiederum auf eine Doppeldeutigkeit: Heißt „Querelle des Femmes“ nun „Streit der Frauen“ oder „Streit um/über die Frauen“? Der zweite Übersetzungsversuch hebt die Frau als Gegenstand bzw. Objekt der Debatte hervor, während man im ersten Fall die Frauen als Subjekte, als selbst aktiv Handelnde oder Mitwirkende des Streits versteht.

Gewiss heißt es beides zugleich, denn die SchriftstellerInnen und DenkerInnen der letzten Jahrhunderte, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, haben den Begriff stets mit unterschiedlich gemeinten Konnotationen verwendet. Die verschiedenen Konnotationen, die die „Querelle des Femmes“ betreffen, sind abhängig von der eigenen Einstellung und Ethik des Autors bzw. der Autorin, vielmehr aber vielleicht von der Epoche, in der ein Autor bzw. eine Autorin lebt und vom Kontext bzw. der Wirkungsabsicht und dem Zielpublikum des jeweiligen Textes.

Dennoch kann man allgemein festhalten, dass die Querelle des Femmes eine Debatte über die physisch – moralisch – geistige Bewertung der Frau darstellt, die aufgrund von Umbrüchen in der Sozialstruktur, den Religionen und den Wissenschaften die Frage aufwirft, ob die Stellung der Frau in der Gesellschaft natur- oder kulturbedingt ist, d.h. ob die Frau von Natur aus oder nur aufgrund gesellschaftlicher Klischees und Vorurteile dem Mann unterlegen ist. Ein immer wieder zentrales Thema dabei ist das Problem der Frauenbildung und der Möglichkeit des Zugangs zur Bildung sowie das Recht der Frauen auf das Schreiben. Wirft man einen Blick auf das Thema der Lehrveranstaltung, so ist das Problem der weiblichen Autorschaft auch dort direkt angesprochen.

[...]


[1] cf. OPITZ, Claudia: Streit um die Frauen? Die frühneuzeitliche Querelle des Femmes aus sozial- und frauengeschichtlicher Sicht. In: Historische Mitteilungen, 8. Jg., 1995, Heft 1, S. 15-27, S. 15-23.

cf. ZIMMERMANN, Margarete: Vom Streit der Geschlechter. Die französische und italienische Querelle des Femmes des 15. Bis 17. Jahrhunderts. In: Baumgärtel, Bettina/ Neysters, Silvia (Hg.): Die Galerie der starken Frauen. Regentinnen, Amazonen, Salondamen. München 1995, S. 14-33, S. 15-17.

cf. HERVÉ, Florence/ NÖDINGER, Ingeborg: Frühaufklärerin und Feministin: Marie le Jars de Gournay. In: Gournay, Marie le Jars de: Zur Gleichheit von Frauen und Männern. Herausgegeben und übersetzt von Florence Hervé und Ingeborg Nödinger. Aachen 1997, S. 9-29, S. 11.

cf. HASSAUER, Friederike: Die Seele ist nicht Mann, nicht Weib. Stationen der Querelle des Femmes in Spanien und Lateinamerika vom 16. zum 18. Jahrhundert. In: Bock, G. / Zimmermann, M. (Hg.): Die europäische Querelle des Femmes. Geschlechterdebatten seit dem 15. Jahrhundert. Stuttgart 1997, S. 203-238, S. 203-208.

[2] Feminismus und Frauenbewegung in unserem heutigen Verständnis hat sich erst zur Jahrhundertwende bzw. im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt. In Analogie zu vielen anderen Abhandlungen zum Thema Frauen- und Geschlechterforschung seien im vorliegenden Text diese Begriffe trotzdem verwendet, und zwar mit dem Hinweis auf die Tatsache, dass der Gebrauch des Terminus „Feminismus“ oder „Frauenbewegung“ in bezug auf frühere Jahrhunderte als Anachronismus zu verstehen ist.

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638109956
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1605
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Romanistik
Note
sehr gut
Schlagworte
Frau Querelle Frankreich Marie Jars Gournay Egalité Literaturwissenschaftliches Seminar Qu’est-ce Autorschaft Kanon Genus Jahrhundert

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Titel: Die Frau zwischen supériorité, infériorité und égalité. Die Querelle des femmes in Frankreich. Marie le Jars de Gournay: Egalité des hommes et des femmes (1622)