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Reflexionen zu Amartya Sens 'Development as Freedom'

Essay 2008 24 Seiten

VWL - Innovationsökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reichtum als Nutzwert und Freiheit als Ziel
2.1 Die Rolle des Reichtums
2.2 Eine denkerische Tradition jenseits wissenschaftlicher Trends
2.3 Reale Chancen: Die konstitutive Funktion der Freiheit
2.4 Verfahren: Die instrumentelle Funktion der Freiheit

3. Empirische Analysen
3.1 Einkommen korreliert positiv mit der Lebenserwartung
3.2 Nachmodellierung der empirischen Analyse
3.3 Kerala: Ein Musterbeispiel für ‚ Development as Freedom
3.4 Bildung: Ein reale Chancen generierendes Verfahren

4. Rückblick und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

‚Development as Freedom’ basiert im Wesentlichen auf fünf Vorlesungen, welche Amartya Sen im Herbst 1996 als Presidental Fellow von James David Wolfensohn bei der Weltbank hielt. In einem Interview mit der ‚Asian Source’ vom 6. Dezember 2004 spricht er über seine Beziehung zum damaligen Präsidenten und das Zustandekommen der Vorlesungsreihe:

“I cannot really claim that my lecturing the Bank has had any particular impact. But Jim Wolfensohn has introduced many new ideas and practices in the Bank which reflect his own thinking. I am very happy that his ideas have much similarity with my way of thinking, but he arrived at them on his own... He is also an old friend and we had worked together as Trustees of the Institute for Advanced Study at Princeton... When he asked me to give these lectures at the Bank, on any subject of my choice, I thought immediately that this was something I would like to do. And it was a good experience, with lots of useful comments on my lectures which I could use in finalizing the book, Development as Freedom.” (Asian Source 2008)

Welche Ideen präsentierte Sen damals der Weltbank? Was versteht er unter ‚Development as Freedom’? Was hat Freiheit mit Wachstum und Entwicklung zu tun? Um diese Fragen überhaupt präziser stellen zu können, wollen wir im vorliegendem Essay einige Aspekte seiner Ideen, wie sie in ‚Development as Freedom’ präsentiert werden, reflektieren. Dazu werden wir zuallererst auf die entwicklungstheoretische Überzeugung eingehen, welche über all seinen empirischen Analysen trohnt: „Entwicklung heißt eben dies - sich auf die Möglichkeiten der Freiheit ernsthaft einzulassen.“ (Sen 2002: 353). Dieser Überzeugung folgend, werden wir uns ausführlich mit Sens Versuch auseinanderzusetzen, die ethische Dimension in der Wirtschaftswissenschaft wieder zu beleben.

In einem zweiten Schritt liegt das Hauptmerkmal auf einer der vielen empirischen Analysen, welche ‚Development as Freedom’ zugrunde liegen. Wie gelingt es Sen, empirische Evidenzen aufzuzeigen, welche für seinen Ansatz sprechen? Was hat Freiheit mit der Chance, nicht an einem frühzeitigen Tod zu sterben, zu tun? Kann die Sterblichkeit ein wichtiger Indikator sein, um den Erfolg eines Wirtschaftssystems zu messen? Um diese Fragen zu beantworten, gehen wir von Untersuchungen zur Lebenserwartung aus und anschliessend auf eines seiner Lieblingsbeispiele (die Region Kerala in Indien) ein. Dieses Vorgehen wird es uns im letzten Teil dieses Essays erlauben, die Rolle, welche Sen der Bildung in der Wirtschaftswissenschaftliches Zentrum der Universität Basel ‚Development as Freedom’ volkswirtschaftlichen Entwicklung zuschreibt, von anderen Sichtweisen auf dieselbe abzugrenzen.

Da es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Arbeit von höchstens zwanzig Seiten handelt, werden wir darauf verzichten, eine Kritik des vorgestellten Ansatzes zu bewältigen. Am Schluss des Textes wird sich dessen Ausgangspunkt dennoch in kritischem Lichte von neuem eröffnen. Das Ziel des vorliegenden Essays ist es also, einen Einblick in Sens Perspektive der Wohlfahrtsökonomie zu gewähren.

2. Reichtum als Nutzwert und Freiheit als Ziel

Vorerst wollen wir uns mit Amartya Sens ethischen und damit präskriptiven Grundannahmen beschäftigen. Er geht von Beginn an des hier besprochenen Werkes explizit davon aus, dass Reichtum ‚nur’ ein Nutzwert ist.

„Wie Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik betont - und wie auch Maitreyee und Yainavalkya fast fünftausend Kilometer entfernt in ihrem Gespräch entdeckten-, ist « Reichtum gewiss nicht das gesuchte oberste Gut. Er ist ein Nutzwert: Mittel für andere Zwecke. » (Sen 2002: 25).

Dieser Gedanke steht im Zentrum des moralphilosophischen Diskurses seines Buches. Moralphilosophische Diskurse mögen für moderne Wirtschaftswissenschaftler altmodisch, ja gar unwissenschaftlich daherkommen. Sens Tendenz, explizit zu moralisieren, kann aber auch als Beispiel seiner Ernsthaftigkeit mit der er an der Wissenschaftlichkeit seines Faches interessiert ist, interpretiert werden.[1] Geht man nämlich davon aus, dass implizite Werturteile den wissenschaftlichen Status des Faches bedrohen und explizite überhaupt erst Raum schaffen, um positive Aussagen machen zu können, so macht es Sinn, dass Sen von Anfang Wirtschaftswissenschaftliches Zentrum der Universität Basel ‚Development as Freedom’ an in seiner Kompetenz als privater Bürger explizit moralisiert. Als Ökonome zeigt er uns schliesslich nur die empirischen Evidenzen dafür auf, wieso man die wirtschaftliche Entwicklung aus guten Gründen so interpretieren kann, wie er dies tut.

Wenden wir uns dem Gedanken etwas genauer zu, Reichtum sei bloss Nutzwert und könne nicht als eigentliches Ziel von Entwicklung gesehen werden, so zieht er alle Ansätze der Entwicklungsökonomie, welche sich ausschliesslich mit dem Wachstum des Pro-Kopf- Einkommens auseinandersetzen, arg in den Verdacht, einem Denkfehler zu unterliegen. Sofern wir nämlich Aristoteles Aussage zustimmen, begehen wir in dem wir solche Ansätze verfolgen, einen Kategorienfehler, weil wir ein Mittel messen, es aber als Entwicklungsstand und damit als den Zweck der Übung deuten. Im Kontrast zu den erwähnten Ansätzen betrachtet Sen Reichtum als Nutzwert der Entwicklung und die Erweiterung der realen Freiheiten des Individuums[2] als ihr oberstes Ziel.

2.1 Die Rolle des Reichtums

Für Sen steht die Frage im Zentrum, die nach den Gründen sucht, welche uns den materiellen Reichtum so sehr schätzen lassen.

„Man wird den entscheidenden Stellenwert des Reichtums bei der Festlegung der Lebensbedingungen und der jeweiligen Lebensqualität erkennen müssen, um die spezifische und kontingente Natur dieser Beziehung zu verstehen. Ein angemessener Begriff von Entwicklung kann sich nicht mit der Anhäufung von Reichtum, dem Wachsen des Bruttoinlandproduktes und anderen auf das Einkommen bezogenen Variablen begnügen. Ohne die Bedeutung des Wirtschaftswachstums deshalb geringzuschätzen, müssen wir unseren Blick darüber hinaus lenken.“ (Sen 2002: 25).

Der Wert des Reichtums liegt in seiner Betrachtung, in den Dingen, die er uns zu schaffen ermöglicht. Das wichtigste, so argumentiert er weiter, was wir u.a. durch Reichtum erreichen können, sei die Erweiterung der substantiellen Freiheiten (siehe Fussnote 2). Wir sollten uns im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung laut Sen also stärker mit den Freiheiten beschäftigen, „die wir geniessen, und das Leben, das wir führen intensivieren. Eine Entfaltung

Wirtschaftswissenschaftliches Zentrum der Universität Basel ‚Development as Freedom’ der Freiheiten, die zu schätzen wir Grund haben, bereichert nicht allein unser Leben und befreit es von Fesseln, es ermöglicht uns darüber hinaus, intensiver am sozialen Leben teilzunehmen, unseren eigenen Willen durchzusetzen, mit der Welt, in der wir leben, in Wechselwirkung zu treten und sie zu beeinflussen.“ (Sen 2002: 26). Es geht ihm also darum, die Rolle der individuellen Freiheit im Prozess der sozialen und ökonomischen Entwicklung hervorzuheben.

Kommen wir aber vorerst zurück zur Beziehung des Reichtums zu den Dingen, die er uns zu tun ermöglicht. Diese ist in der Logik Sens weder exklusiv noch gleichförmig. Exklusiv ist die Beziehung insofern nicht, da unser Leben noch anderen bedeutsamen Einflüssen unterliegt. Daher wäre es ein Trugschluss, davon auszugehen, dass uns nur Reichtum ermöglichen kann, unsere Verwirklichungschancen zu erweitern. Gleichförmig kann die Beziehung des Reichtums zu den Dingen, die er uns zu tun ermöglicht nicht sein, da die Wirkung des Reichtums auf unser Leben sich je nach anderen, noch hinzutretenden Einflüssen als dem Reichtum verändert (Sen 2002: 25). In dieser Logik kann nicht davon ausgegangen werden, dass mehr Reichtum immer auch eine Erweiterung der realen Freiheiten bedeutet.

Aufgrund der bis anhin aufgeführten Zitate und Erörterungen lässt sich folgendes Fazit ziehen: Wer davon ausgeht, dass der Reichtum ein Mittel der Entwicklung ist und nicht gleichzeitig auch ihr oberstes Ziel, sollte konsequenterweise andere, nicht nur auf das Einkommen bezogene Variablen in seine Analyse der ökonomischen Prozesse einfliessen lassen. In diesem Bestreben verfolgt Sen eine illustre denkerische Tradition.

2.2 Eine denkerische Tradition jenseits wissenschaftlicher Trends

Sen verfolgt mit seinem Ansatz gewissermassen die Rückkehr zu einer Perspektive der ökonomischen und sozialen Entwicklung, wie sie der Leser sowohl in ‚Der Wohlstand der Nationen’ als auch in der ‚Theorie der ethischen Gefühle’ vorfindet.[3] Jerry Evensky (2001) weist in seinem Artikel ‚Adam Smiths Lost Legacy’ darauf hin, dass es Smith Intention war ein Erbe an die Menschheit zu hinterlassen, welches es dieser erleichtern soll, sich selber besser zu verstehen. So schreibt er über Smith: “He simply hoped to enhance our understanding of what makes humankind function most constructively, and thereby to contribute to the constructive development of humankind.” (Evensky 2001: 497) Es ist diese ganzheitliche, moralphilosophische Perspektive Smiths, auf welche Sen sich beruft:

„In seiner Analyse dessen, was die Produktionsmöglichkeiten bestimmt, hob Smith die Bedeutung der Schulbildung hervor, wie auch die der Arbeitsteilung, des Lernens durch die Praxis und der Berufsbildung. Die Entwicklung der menschlichen Verwirklichungschancen, um ein lebenswertes Leben zu führen, ist in Smith’ Analyse des „Wohlstands der Nationen“ ebenso wichtig wie das Streben nach höherer Produktivität.“ (Sen 2002: 349).

Sen geht in ‚Development as Freedom’ einen Schritt weiter als Smith, welchen er als seinen wichtigsten Wegbereiter sieht. Individuelle Freiheit hat in Sens Verständnis eminente Bedeutung für die Entwicklung an und für sich. Individuelle Freiheit stärkt sowohl die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu helfen als auch auf die Welt einzuwirken, und beides ist für den Entwicklungsprozess zentral. Schließlich stellt er die These auf, dass Freiheit nicht nur das Ziel der Entwicklung ist, sondern auch ihr wichtigstes Mittel, der Motor, der sie vorantreibt (Sen 2002: 14). Daraus lässt sich ein weiteres Fazit ziehen: Freiheit manifestiert sich bei Sen sowohl in Verfahren, die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit ermöglichen, als auch in realen Chancen, die Menschen angesichts ihrer persönlichen und sozialen Umstände haben. Diese Unterscheidung werden wir im Folgenden genauer ausführen.

2.3 Reale Chancen: Die konstitutive Funktion der Freiheit

Die Freiheit ist für Sen also nicht nur (1) oberstes Ziel sondern auch (2) wichtigstes Mittel der ökonomischen und sozialen Entwicklung. In dieser Entwicklungsperspektive spricht er von der (1) konstitutiven Funktion und der (2) instrumentellen Funktion der Freiheit. Unter der konstitutiven Funktion von Freiheit versteht er „die Bedeutung der substantiellen Freiheit für die Bereicherung des menschlichen Lebens.“ (Sen 2002: 50).

„Zu den substantiellen Freiheiten zählen die elementaren Fähigkeiten, z.b. die Möglichkeit, Hunger, Unterernährung, heilbare Krankheiten und vorzeitigen Tod zu vermeiden, wie auch jene Freiheiten, die darin bestehen, lesen und schreiben zu können, am politischen Geschehen zu partizipieren, seine Meinung unzensiert zu äussern usw. Von diesem konstitutiven Standpunkt aus bedeutet Entwicklung die Erweiterung dieser und anderer grundlegender Freiheiten.“ (Sen 2002: 50).

Die Freiheit ist zudem aus zwei unabhängigen Gründen für den wirtschaftlichen Entwicklungsprozess, welcher sich nicht vom sozialen trennen lässt, von unabdingbarer Bedeutung:

„ 1) Der evaluative Grund: Die Beurteilung des Fortschritts hat vor allem bezüglich der Frage zu erfolgen, ob die Freiheiten der Menschen zugenommen haben.

2) Der Effekivitätsgrund: Ob die Entwicklung erreicht wurde, hängt primär von den Handlungsfreiheiten der Menschen ab.“ (Sen 2002: 14).

So wird der Entwicklungsstand einer Gesellschaft anhand der zu untersuchenden substantiellen Freiheiten evaluierbar. Schliesslich sind es die Handlungsfreiheiten in Form von Verwirklichungschancen der Menschen, welche uns Auskunft darüber geben, ob Entwicklung effektiv erreicht wurde oder nicht.

[...]


[1] Walter Block schrieb einen lesenswert bissigen Artikel mit Rekurs auf Murray N. Rothbards im Frühjahr 1973 im ,American Economist’ erschienen Artikel ‘Value Implications of Economic Theory’. Beide Autoren betonen, dass wir nicht davon ausgehen können, dass die Wirtschaftswissenschaft frei von Werturteilen ist. Blocks Artikel betont speziell, den Unterschied zwischen impliziten und expliziten Werturteilen in der Wirtschaftswissenschaft und versucht diesen folgendermassen zu verdeutlichen: „Instead I would like to consider the difference between implicit and explicit moralizing on the part of economists. We have already indicated that implicit value judgements, snuck in, so to speak, amongst the otherwise value-free positive economic judgements of our discipline, are extremely dangerous in that they are one of the roadblocks to economics becoming a ‘science’.” (Block 1975:38). Ganz anders verhält es sich laut Blocks mit den expliziten Werturteilen, welche ein Ökonome fällt. Denn bei expliziten Werturteilen seiner Kollegen sei klar, dass jene diese, ausschliesslich in ihrer Kompetenz als private Bürger, ,on equal footing with all others’, fällen. So stellen sie keine Gefahr dar für mögliche positive Aussagen, da sie sich nicht mit diesen vermischen und klar von ihnen unterschieden werden können (Block 1975: 41).

[2] Sen spricht in diesem Sinne auch immer wieder von den substantiellen Freiheiten. Was er unter substantiellen Freiheiten genauer versteht, werden wir im Abschnitt 2.3, Die konstitutive Funktion der Freiheit’ erörtern. Vorerst reicht es zu verstehen, dass er mit der Erweiterung der realen Freiheiten des Individuums die Erweiterung der Verwirklichungschancen eines Menschen ansprechen will. Freiheiten sind bei ihm zudem immer auch individuelle Freiheiten, da er schliesslich immer auch im einzelnen Menschen die Möglichkeit und das Ziel der Entwicklung sieht.

[3] Wer sich des weiteren für Verbindungen und Verwandtschaften von Gedanken Smiths und Sens interessiert, sei hier auf die Studien von Martha Nussbaum verwiesen, welche diese bis zu den Anfängen der Wirtschaftstheorie bei Aristoteles zurückverfolgt . Als weitere Beispiele einer ganzheitlicheren Perspektive auf die volkswirtschaftliche Entwicklung, wie Sen sie in „development as freedom“ verfolgt, zitiert er unter anderem William Petty (Sen 2002:343). John Stuart Mill und Friedrich Hayek (Sen 2002: 344). Gregory King, François Quensay, Antoine-Laurent Lavoisier und Joseph-Louis Lagrange (Sen 2002: 37).

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640768561
ISBN (Buch)
9783640769018
Dateigröße
886 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160478
Institution / Hochschule
Universität Basel – Wirtschaftswissenschaftliches Zentrum
Note
5.5 (Schweizer Benotungssystem)
Schlagworte
Amartya Sen Einkommen Lebenserwartung Reichtum Bildung

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