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Versteckte Sozialkritik in Hortelanos "Tormenta de verano"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 18 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die franquistische Zensur der 60er Jahre
2.1 Allgemeine Situation
2.2 Die novela social als Strategie, die Zensur zu umgehen

3. Versteckte Sozialkritik in Tormenta de verano
3.1 Vergangenheitsbewältigung: Kritik an den Kriegsgewinnern
3.2 La abulia: Kritik an der Passivität und Willenlosigkeit der Oberschicht
3.3 Javiers Bewusstseinskrise: Kritische Betrachtung seines Scheiterns
3.4 Die moral sexual: Kritik am katholischen Reinheitsgebot des Franco-Regimes

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Juan García Hortelanos sozialkritischer Roman Tormenta de verano wurde 1961 verfasst. Das Werk wird im selben Jahr mit dem primer Prix Formentor ausgezeichnet, obwohl es kurz zuvor durch die Zensur verboten wurde. Erst ein Jahr später wird der Roman schließlich doch veröffentlicht und in 12 Sprachen übersetzt.[1] So findet das Werk nicht nur in Spanien, sondern auch in anderen Ländern, eine breite Leserschaft und der Autor wird so zu einem „[…] de los modélicos representantes de las nuevas formas artísticas que intentaban dar una visión diferente, realista y compremetida de la realidad nacional.”[2] García Hortelano gelingt es also trotz der strengen Zensurvorgaben ein realistisches Bild des spanischen Alltags zur Franco-Zeit zu zeichnen.

Jeder Autor, der im franquistischen Spanien veröffentlichen will, hat zwangsweise die „Schere im Kopf“, die ihn ständig zur Rücksichtnahme auf die Zensur ermahnt.[3] Doch die Zensur führt nicht nur dazu, Phantasie und Möglichkeiten der Schriftsteller einzuschränken, sondern „[…] sie reizt sie auch an, nach Wegen zu ihrer Umgehung zu suchen.“[4]

In Tormenta de verano wird versucht, die Zensur durch versteckte Sozialkritik im Stil der novela social zu umgehen. Ziel dieser Arbeit ist es daher, diese impliziten Kritikpunkte im Roman aufzuspüren und zu analysieren.

Zunächst aber soll ein kurzer Überblick über die Zensurpolitik des franquistischen Spaniens der sechziger Jahre gegeben werden, um die Veröffentlichungsprobleme, denen Romane wie Tormenta de verano ausgesetzt waren, zu beleuchten. Außerdem soll die literarische Kunstform der novela social vorgestellt und deren Strategie, die Zensur zu umgehen, aufgezeigt werden.

Im Anschluss wird der sozialkritische Aspekt der novela social in Tormenta de verano herausgearbeitet. Dabei wird García Hortelanos Kritik an der Oberschicht als Basis verstanden, Kriegsvergangenheit, Nichtsnutzigkeit, Javiers gescheiterten Ausbruchversuch und deren Doppelmoral ironisch zu betrachten.

2. Die franquistische Zensur der 60er Jahre

2.1 Allgemeine Situation

Durch die außenpolitische Öffnung in den fünfziger Jahren orientiert sich Spaniens Regime wirtschaftlich um und es kommt zum ersehnten Aufschwung, der bescheidenen Wohlstand mit sich bringt. Allerdings führt dieser wirtschaftliche Aufschwung auch zu neuen sozialen Problemen. So verursacht die wachsende Inflation enorme Preissteigerungen, denen die Regierung durch Lohnerhöhungen jedoch nicht entgegen wirkt.[5] Es kann also behauptet werden, dass die „wirtschaftliche[n] Verbesserung […] keine soziale […]“[6] beinhaltet.

Die Zensurpolitik führt bis Anfang der sechziger Jahre der Informationsminister Gabriel Arias-Salgado an, der eine nationalkatholische Ideologie vertritt. Für ihn dient die Zensur dem allgemeinen Wohl, das nur durch eine katholisch-staatliche Autorität wie den Franquismus gewährleistet werden kann. Tabuisiert werden Veröffentlichungen über staatliche Institutionen, wie den Staatschef, das Militär oder diplomatische Beziehungen.[7] Dagegen gilt es als Ziel, Verstöße gegen die moral sexual zu verhindern[8] und „genügend Raum zur Verteidigung der religiösen Wahrheit einzuräumen.“[9] Die Kirche, die bis dato eine enge Verbindung zum Staat pflegte, distanziert sich jedoch zunehmend von den Ansichten des Informationsministers, worauf ein neues Pressegesetz, welches auch die Zensur gesetzlich regeln soll, ausgearbeitet wird.[10]

Die liberalere Bildungs- und Kulturpolitik der fünfziger und sechziger Jahre führt zu einer Entideologisierung des theoretischen Diskurses in Wirtschaft, Politik und Kultur.[11] Doch trotz dieser zunehmenden Liberalisierung, bleibt die Zensur weiterhin äußerst wirksam.[12]

Die neue Generation von Schriftstellern, denen auch Juan García Hortelano angehört, distanziert sich vom franquistischen Regime und sympathisiert mit den Ideen marxistischer Autoren, deren Literatur jedoch verboten ist und nur in geringen Mengen ins Land importiert werden können.[13] Auch García Hortelano vertritt diese Ansätze und ist Mitglied der Partido Comunista, der er bis Ende der sechziger Jahre angehört.[14]

Die Schriftsteller entwickeln die Kunstform der novela social, die vom italienischen Neorealismus, der amerikanischen lost generation, dem Behaviorismus, sowie dem Neopositivismus inspiriert ist. Trotz des sozialkritischen Hintergrunds erfolgt die Darstellung der sozialen Missstände jedoch möglichst objektiv, detailgetreu und unpersönlich.[15] Als Inhalte der novela social werden „[…] el anquilosamento de la sociedad, o la injusticia y desigualdad que existe en su seno, con el propósito de criticarlas“[16] vermittelt. Die novela social dient so als indirekter politischer Kampf gegen das Regime. Romane dieser Kunstform werden vom Verleger Carlos Barral gefördert, der einen Großteil dieser Literatur veröffentlicht.[17]

2.2 Die novela social als Strategie, die Zensur zu umgehen

Der novela social wird während des Franco-Regimes eine wichtige Rolle zugeschrieben: Während Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen stark zensiert werden, übernimmt die novela social praktisch die Informationsrolle der Presse. Die Regierung toleriert diese literarische Ausdrucksform und kontrolliert sie weniger streng, da „[…]das lesende Publikum als elitäre Minderheit“[18] angesehen wird.

Die Autoren der novela social können von der Zensur relativ unbehelligt veröffentlichen, weil sie ihre sozialkritischen Inhalte durch die scheinbar objektive Erzähldistanz tarnen.[19] So dokumentiert der Erzähler als eine Art Zeitzeuge in externer Fokalisierung negative Aspekte der spanischen Bevölkerung, wie etwa der gesellschaftlichen Oberschicht in Tormenta de verano, ohne sie explizit zu kommentieren oder kritisieren.

Die Handlung von Tormenta de verano wird aus der Sicht des Hauptprotagonisten Javiers erzählt, der Inhalt jedoch meist in dialektischer Form wiedergegeben und nur durch kurze Naturbeschreibungen oder Javiers Selbstreflexionen unterbrochen. Pablo Gil Casado stellt daher fest, dass „esta forma de enfoque limita necesariamente a los demás personajes, ya que el autor no puede colocarse en una posición omnisciente.”[20] García Hortelano hält sich völlig im Hintergrund, was kaum subjektive Äußerungen von Seiten des Autors zulässt.

Einen Großteil der Erzählung nimmt daher der Dialog ein, der die Stimme des Erzählers beinahe gänzlich verschwinden lässt und so eine subjektive Sicht auf das Geschehen vermeidet. Die Personen lassen sich fast ausschließlich über ihre Aussagen im Dialog oder über die Äußerungen anderer Figuren charakterisieren[21]. Die Sozialkritik des Romans versteckt sich in den Verhaltensweisen der reichen Bevölkerung von Velas Blancas. Da die Figuren des Romans jedoch nicht als Regime-Kritiker agieren, sondern der gesellschaftlichen Oberschicht und den Nationalisten angehören, findet keine explizite Kritik an Francos Diktatur statt. Hinzu kommt, dass der Dialog häufig ohne inquit -Formel, die den Sprecher genau kennzeichnet, eingeleitet wird und so „[…] no llegamos a saber con exactidud a quién podemos adjudicar cada opinión […]“[22] .

García Hortelano versteckt seine kritischen Betrachtungen hinter dem Handeln und den Aussagen der Figuren und so liegt es hauptsächlich in der Hand des Lesers, was er aus den Verhaltensweisen der Figuren folgert.[23] Der Leser des Romans sieht wie durch eine Kamera auf das Geschehen und so geht es in Tormenta de verano weniger darum, sich mit den Figuren des Textes identifizieren zu können, als vielmehr diese aus einer gewissen Distanz heraus kritisch zu betrachten.

3. Versteckte Sozialkritik in Tormenta de verano

3.1 Vergangenheitsbewältigung: Kritik an den Kriegsgewinnern

Zu Beginn der sechziger Jahre findet eine thematische Neuerung in der spanischen Literatur statt und es wird erstmals vorsichtig eine Bewältigung der Bürgerkriegsvergangenheit in Angriff genommen.[24] Auch García Hortelano thematisert in Tormenta de verano den Alltag der gesellschaftlichen Oberschicht, also der Kriegsgewinner, und deren Umgang mit der Vergangenheit.

Die Bewohner der luxuriösen Ferienanlage Velas Blancas haben alle den Bürgerkrieg durchlebt, auf Seiten der Nationalisten gekämpft und gesiegt: „ Hicimos la guerra, la ganamos y nos pusimos a cuadruplicar el dinero que tenían nuestras familias antes del treinta y seis.“[25] Javier und seine Freunde leben ein unbeschwertes Leben, fern von den sozialen Problemen der ärmeren Bevölkerungsschicht. Für sie hat der Bürgerkrieg nur Vorteile, wie Reichtum und Sicherheit, mit sich gebracht.

Emilio ist der einzige Bewohner, der „no hizo la guerra“, weil er „ se pasó la guerra mentido en una burhardilla de la calle Muntaner […]“ (TDV: 32). Dafür, dass er nicht im Krieg gekämpft hat, wird er von den anderen verspottet und verachtet. Außerdem wird behauptet, dass seine „ […] manera de educar a los niños es de comunistas“ (TDV: 32). Hier ist die feindliche Haltung der Bewohner gegenüber den Kommunisten zu spüren, was sie als Anhänger des Franquismus charakterisiert. Auch Javier bekennt sich explizit als Nationalist, als ihn die Prostituierte Angus fragt, auf welcher Seite er im Bürgerkrieg gekämpft hat. Die Aussage „Con los nacionales, naturalmente“ (TDV: 154) macht deutlich, dass Javier überzeugter Franquist ist und es für ihn keine politische Option zum Nationalismus gibt. Gegner des Franco-Regimes werden nicht toleriert und als „[…] revoltosos, esos revolucionarios mal vestidos […] (TDV: 87) beschimpft. Niemand soll den Luxus, den ihnen die nationalistische Regierung beschert, gefährden und somit wird jede Regime-Kritik rigoros abgelehnt.

[...]


[1] Vgl. N. N., http://www.clubcultura.com/clubliteratura/clubescritores/hortelano/cronologia.htm, zuletzt besucht am 10.07.2009.

[2] Sanz Villanueva, Santos, 1980, Historia de la novela social española (1942-1975), Bd. II, Madrid, S. 533.

[3] Vgl. Neuschäfer, Hans-Jörg, 1991, Macht und Ohnmacht der Zensur, Stuttgart, S. 38.

[4] Ebd., S. 39.

[5] Vgl. Knetsch, Gabriele, 1999, Die Waffen der Kreativen. Bücherzensur und Umgehungsstrategien im Franquismus (1939-1975), Frankfurt a. M., S. 131f.

[6] Ebd., S. 132.

[7] Vgl. Álamo Felices, Francisco, 1996, La novela social española. Conformación ideológica, teoría y crítica, Almería, S. 84f.

[8] Vgl. Neuschäfer, 1991, S. 43.

[9] Knetsch, 1999, S. 136.

[10] Vgl. ebd., S. 136f.

[11] Vgl. ebd., S. 137.

[12] Vgl. Neuschäfer, 1991, S. 41.

[13] Vgl. Knetsch, 1999, S. 137.

[14] Vgl. N. N., http://www.clubcultura.com/clubliteratura/clubescritores/hortelano/cronologia.htm, zuletzt besucht am 10.07.2009.

[15] Vgl. Knetsch, 1999, S. 137.

[16] Gil Casado, Pablo, 1968, La novela social española (1942-1968), Barcelona, S. VIII.

[17] Vgl. Knetsch, 1999, S. 138.

[18] Ebd., S. 138.

[19] Vgl. ebd., S. 138.

[20] Gil Casado, 1968, S. 47.

[21] Vgl. ebd., S. 47.

[22] Sanz Villanueva, 1980, S. 541.

[23] Vgl. Gil Casado, 1968, S. 44.

[24] Vgl. Knetsch, 1999, S. 139.

[25] García Hortelano, Juan, 1985, Tormenta de verano, Barcelona: Seix Barral, S. 198. Im Folgenden werden Seitenangaben zu diesem Werk, kurz TDV, direkt nach dem Zitat durch Klammern in den Text eingefügt.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640735709
ISBN (Buch)
9783640735952
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160360
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Versteckte Sozialkritik Hortelanos Tormenta

Autor

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