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Literaturvermarktung in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

Bachelorarbeit 2008 50 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Fragestellung

2. Die Erfindung des Buchdrucks

3. Die historische Situation als Marktgrundlage
3.1. Der Humanismus und das gesteigerte Bildungsbedürfnis
3.2. Die Reformation und das Religionsbedürfnis der Massen

4. Die Handschrift als Vorbild und Basis des Buchdrucks
4.1. Herstellung und Gestaltung
4.2. Vertrieb und Vermarktung

5. Werbewirksame Gestaltung des gedruckten Buches
5.1. Titel und Titelblatt
5.2. Vorrede und Dedikation
5.3. Themen und Inhalte
5.4. Illustration
5.5. Drucker- und Verlagssignete
5.6. Weitere Merkmale der der Druckgestaltung

6. Raubdrucke und Privilegien

7. Werbemittel
7.1. Bücheranzeigen - Einzelprospekte und Sammelverzeichnisse
7.2. Kataloge

8. „Zur Literatur Gehörige“ - Vermarktende Berufszweige
8.1. Textproduktion: Die Autoren
8.2. Personalunion in der Vermarktung: Die Drucker-Verleger
8.3. Die Entwicklung des Verlagswesens: Differenzierung in Drucker und Verleger
8.4. Vertreibende Berufe: Buchführer, Kommissionäre und Sortimenter
9. Der Vertrieb - Von Messen und Märkten zum stationären Handel

9.1. Der ambulante Verkauf am Beispiel der Frankfurter Buchmesse
9.2. Vertrieb zwischen den Messen - Die Entwicklung des stationären Buchhandels

10. Fazit

Anhang

11. Quellenverzeichnis
11.1. Literaturverzei chnis
11.1.1. Primärliteratur
11.1.2. Sekundärliteratur
11.2. Abbildungsverzeichnis

1. Zur Fragestellung

Im 21. Jahrhundert empfindet es der Leser als alltäglich, dass ihm nicht nur in fast jeder Stadt mindestens eine gut sortierte Buchhandlung zur Verfügung steht, sondern dass er darüber hinaus über das Internet rund um die Uhr bestellen kann, was sein Herz begehrt. Selbstverständlich erscheint ihm ebenso die Vielfalt der Bücher, die er in Bibliotheken ausleihen, in Antiquariaten günstig gebraucht erwerben oder online sogar in elektroni­scher Form herunterladen kann. Genauso natürlich nutzt er verschiedene Medien, um Neuerscheinungen und Katalogtitel zu bibliographieren.

Buchhandel und -produktion sind in Deutschland allgegenwärtig, und das Buch ist auch in Haushalten ohne literarische Interessen ein ständiger Begleiter - beispielsweise in Form des Koch- oder Schulbuchs. In jeder städtischen Einkaufszone gehören große Buchhandelsketten zum Erscheinungsbild, und die Verlage rücken ihre Erzeugnisse auf den großen Messen in Frankfurt und Leipzig durch geschickte Publicitymaßnahmen in den Fokus der Öffentlichkeit. Auch wenn heute vielfach über den Rückgang der Lese­begeisterung geklagt und das Internet zunehmend als Informationsquelle genutzt wird - das Buch und seine Vermarktung haben ihren festen Platz in unserem Alltag.

Die Geschichte des gedruckten Buches ist inzwischen rund 550 Jahre alt. Die heutige Vermarktungsstruktur und der aktuelle Stand einer Medien- und Informationsgesell­schaft bedingen und fördern einander. Doch diesen Status besaß Deutschland im ausge­henden Mittelalter noch längst nicht. Folglich stellt sich die Frage, wie die Literatur­vermarktung zu Beginn der Frühen Neuzeit eigentlich aussah: Welche Entwicklungen führten zur Erfindung des Buchdrucks? Welche Überlegungen standen am Anfang sei­ner Entwicklung? Auf welchen altbewährten Grundlagen baute der Buchdruck auf? Welche Faktoren trugen zu seiner Entwicklung als Massenmedium bei, und welche Strukturen entstanden während dieser Zeit? Wie veränderte sich das Buch durch die massenhafte Herstellung? Die vorliegende Arbeit möchte mit einer Übersicht durch in die Forschungsliteratur zum Thema und ihrer Interpretation hinsichtlich der Fragestel­lung Einblick in diese Problematik geben.

Die ersten Kapitel sind der Einführung in die historische Situation des Buchdrucks gewidmet: In Kapitel 2 wird zunächst die Erfindung des Buchdrucks thematisiert. Das Kapitel 3 beschäftigt sich den zeitgenössischen Begleitumständen des Drucks. Die strukturellen Voraussetzungen in Form der Handschrift werden in Kapitel 4 untersucht.

In den nachfolgenden Kapiteln findet die Analyse der frühen Literaturvermarktung statt: Kapitel 5 thematisiert die vermarktungsorientierte Gestaltung des gedruckten Bu- ches; ergänzend werden in Kapitel 6 die negativen Auswirkung der massenhaften Buchproduktion in Form des Raubdrucks sowie rechtliche Gegenmaßnahmen behan­delt. In Kapitel 7 wird im Anschluss die Entwicklung der Werbemittel beschrieben. Mit den an der Vermarktung beteiligten Berufsgruppen und deren Entwicklung beschäftigt sich Kapitel 8; zum Abschluss wird in Kapitel 9 der vermarktungstechnische Wechsel vom ambulanten zum stationären Handel erörtert.

Sofern in neuhochdeutschen Zitaten die alte Rechtschreibung verwendet wurde, ist die Schreibweise in der vorliegenden Arbeit an die neuen Regeln angepasst worden. Frühneuhochdeutsche Zitate wurden im ursprünglichen Zustand belassen.

2. Die Erfindung des Buchdrucks

Die Erfindung des Buchdrucks geht auf Johannes Gensfleisch,[1] genannt Gutenberg, zurück, der ca. 1440[2] verschiedene technische und kulturelle Entwicklungen innovativ zusammenführte.

Gutenberg erkannte die Tendenz zur zunehmenden Verschriftlichung und der damit zusammenhängenden, explosionsartig zunehmenden Handschriftenproduktion.[3] Der steigende Bedarf an Schriftwerken erzwang die Entwicklung einer gewinnbringenden Produktionsweise. So stand am Anfang von Gutenbergs Wirken die Frage, wie man möglichst schnell, fehlerlos und in ansprechender Gestaltung in einem Bruchteil der Abschreibzeit möglichst viele Exemplare eines Textes herstellen könne.[4]

Handdrucklettern aus Ton für einzelne Silben oder ganze Worte waren bereits aus dem Fernen Osten bekannt,[5] seit 1420 wurden ganze Buchseiten mithilfe eines Holz­stempels gedruckt[6] und im 15. Jahrhundert wurde die Abschrift von Handschriften be­reits in „größeren kaufmännisch organisierten Abschreibunternehmen“[7] betrieben. Gu­tenberg kombinierte diese Elemente mit seinen eigenen Erfindungen - einem Handgieß­instrument zur Herstellung beweglicher Einzellettern, der dazu passenden Metalllegie­rung, einer kompatiblen Druckertinte und der Druckerpresse[8] - so geschickt in einem durchorganisierten Arbeitsablauf, dass die Wirkungsgeschichte des Buchdrucks als Massenmedium beginnen konnte.

Dennoch beruht Gutenbergs „Erfindung“ nicht allein auf seinem technischen Ge­schick: Ohne einen Innovationsschub in den verschiedensten Gewerbezweigen von der Metallverarbeitung bis zur Papierherstellung wäre der Buchdruck in diesem Ausmaß gar nicht möglich gewesen.[9] Insbesondere das Papier als billiger Beschreibstoff[10] macht das Buch für ein größeres Publikum erschwinglich[11] und schafft so die Grundlage für das zukünftige Massenmedium[12] und seine vermarktungstechnische Bedeutung.

Die neue Technik wurde zu Beginn als ein „von Gott verliehenes Geschenk“[13] und als „Wunder“[14] bestaunt. Nach der Fertigstellung des Regensburger Messbuchs im Jahr 1485 wurde der Buchdruck nicht nur für seine Schnelligkeit und die Tauglichkeit zur massenhaften Herstellung gelobt,[15] sondern vor allem die genaue Übereinstimmung aller Exemplare bewundert, welche die Geistlichen selbst nachprüften:

„Und nach dem Druck und der Fertigstellung des Satzes ließen wir durch hervorragende Sachkenner (...), das Gedruckte Wort für Wort durchsehen, abhören und nochmals durchlesen, und siehe, es er­gab sich wie durch ein Wunder Gottes, daß in den Buchstaben, Silben, Wörtern, Sätzen, Punkten, Abschnitten und anderem, was dazugehört, der Druck bei allen Exemplaren und in jeder Hinsicht mit den Vorlagen. unseres Domes übereinstimmte. Dafür danken wir Gott.“[16] Doch diese „edelste Kunst“,[17] dieser „Segen der Menschheit“,[18] hatte schon bald mit der irdischen Sorge um eine lukrative Vermarktung zu kämpfen: Ende des 15. Jahrhunderts war die Ausübung des Handwerks aus Gewinnstreben verpönt,[19] aber die Beliebigkeit der gedruckten Menge[20] brachte es mit sich, dass sie auch abgesetzt werden musste. Hohe Produktionskosten erfordern große Investitionen, dies zwingt die Drucker zu einer sorgfältige Kalkulation[21] der Auflage[22] und einer umsichtigen Textauswahl. Die Zeitge­nossen übten zwar Kritik: „Es ist die ganze Welt auf Kaufen und Verkaufen eingestellt, wobei weder Treu noch Glauben gehalten wird“,[23] doch lässt sich die Tatsache, dass die Buchbranche durch den Druck in ein unleugbar härteres Stadium der Vermarktung ein­trat, nicht verleugnen.

3. Die historische Situation als Marktgrundlage

Die massenhafte Ausbreitung des Buchdrucks wurde dabei im Wesentlichen durch die Entwicklung der Stadtkultur[24] und der Bildungslandschaft im ausgehenden Mittelalter begünstigt.

So beschreibt Rodenberg den Buchdruck neben seiner Eigenschaft als alltäglicher Begleiter der Menschen in enger Verbindung zu den Ereignissen der Weltgeschichte: „Der Buchdruck [wurde schon in der Frühzeit; d.Verf.] zu dem, was er später immer noch mehr ge­worden ist, zum fernwirkenden Begleiter der bedeutenden geschichtlichen Ereignisse wie der klei­nen, am Rande des Weltgeschehens sich abspielenden Tagesbegebenheiten.“[25] Schon in der Frühzeit des Drucks zeigt sich eine Wechselwirkung von Buchdruck und historischer Situation: Die historischen Ereignisse liefern dem Buchdruck seine Themen - und diese Themen erreichen wiederum erst durch die massenhafte Publikation ihre geschichtliche Bedeutung. Je mehr Ereignisse durch den Buchdruck vermarktet werden, desto mehr Menschen interessieren sich für die Schrift - und desto mehr wird Lesen zur selbstverständlichen Fähigkeit. Je mehr Menschen die Fähigkeit zum Lesen besitzen, desto größer wird die Zielgruppe des Buchdrucks - umso mehr Werke, Ereignisse und umso höhere Auflagen können an die Öffentlichkeit gebracht werden. Dementsprechend entwickelt sich der Buchdruck zum selbstverständlichen Begleiter und Wissensvermitt­ler in allen Bereichen des Lebens.

Die historische Situation als Markt- und Vermarktungsgrundlage für das gedruckte Buch darf dabei keinesfalls als gezielte oder steuerbare Entwicklung aufgefasst werden. Die benannten Wechselwirkungen konnten zur Inkunabelzeit noch gar nicht im vollen Ausmaß abgeschätzt werden, dennoch reagierten die im Buchdruck tätigen Berufsgrup­pen feinfühlig auf kleinste Beobachtungen (zum Beispiel: Welche Themen verkaufen sich, welche Textarten eignen sich, welche Titelschlagworte fördern den Verkauf?) und entwickelten die ersten vermarktenden Maßnahmen auf dieser Grundlage.

Auf die bevorzugten Themen wird in Kapitel 5.3. genauer eingegangen; in den fol­genden Absätzen werden zunächst die wichtigsten historischen Begleiter des Buch­drucks beschrieben: Humanismus und Reformation.

3.1. Der Humanismus und das gesteigerte Bildungsbedürfnis

„Die Geschichte der mitteldeutschen Bildungslandschaft im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit“[26] erweist sich als prägend für die Entwicklung des Buchdrucks. Als eine der wichtigsten Strömungen für beide - Bildung und Buchdruck - muss der Huma­nismus genannt werden.

Diese Strömung italienischen Ursprungs erstreckte sich über das 14. bis ins 16. Jahrhundert und umfasste zunächst nur die kleine, elitäre Gruppe der Gelehrten.[27] Die Humanisten vertraten ein allgemeines Streben nach Bildung, eine Hinwendung zur Welt und zum Menschen, sie propagierten Individualismus und forderten eine Lockerung der Kirchenherrschaft, förderten die Diesseitskultur und strebten nach dem Ideal des uomo universale. Zu ihren Interessen gehörten vor allem das Studium und die Pflege der wie­derentdeckten, antiken Autoren.[28]

Obwohl die Gruppe der Humanisten alles andere als eine volksweite Bewegung war, vollzieht sich durch ihren engen Bezug zur Schriftlichkeit[29] ein geistiger Um­schwung, der alle Bevölkerungsschichten erreicht. Dieser Umschwung lässt das Lern- und Bildungsbedürfnis, und damit auch die Nachfrage nach schriftlichen Hilfsmitteln, eindrucksvoll ansteigen:[30] So entsteht die Grundlage für die Vermarktung des gedruck­ten Buches.

Die ersten Humanisten lebten vereinzelt in Mittel- und Westeuropa, daher dienten ihnen Buchdruck und -handel als „Träger von Ideen und Gedankengut“,[31] welcher den „geistigen Verkehr selbst über Ländergrenzen hinweg“[32] ermöglichte. Da die Humanis­ten sich besonders für die antiken Autoren und Weltanschauungen interessierten, kom­munizierten sie auf Latein, was die internationale Vermarktung ihrer Texte ermöglichte.

Die Humanisten der Blütezeit nutzen des Buch als „typische Vermittlungsform“[33] und bilden einen geschlossenen Kreislauf von der Produktion bis zur Rezeption: Als „erste Publizisten der Neuzeit“[34] schrieben sie Verse, Dialoge und vor allem Briefe; außerdem edierten und kommentierten sie antike Werke.[35] Viele Drucker und Buchfüh­rer als Angehörige von Produktion und Vertrieb besaßen eine humanistische Bildung,[36] die sie in ihren Verlags- und Sortimentsprogramme darstellten und pflegten. Viele der Gelehrten schrieben nicht nur, sondern sammelten auch die Bücher ihrer Geistesgenos- sen.[37] Diesen Kreislauf fasst Monika Toeller folgendermaßen zusammen:

„Die Verbindung des Humanismus mit dem Buchdruck war letzten Endes ein Geschenk der ge­schichtlichen Stunde. Indem der Humanismus den Buchdruck in seinen Dienst nahm, gab er ihm sei­ne Aufgabe und ließ ihn sein Ethos finden. Indem der Buchdruck sich dem Humanismus zur Verfü­gung stellte, verlieh er ihm seine Bedeutung und eröffnete ihm sein Wirkungsfeld.“[38] Auf dieser Grundlage des Schriftinteresses und der Wechselwirkung mit zeitgenössi­schen Strömungen bauen Buchdruck und Vermarktung auch in ihrer weiteren Entwick­lung auf.

3.2. Die Reformation und das Religionsbedürfnis der Massen

In Hinsicht auf eine Reformierung der Kirche knüpft die lutherische Reformation ge­wissermaßen direkt an den Humanismus an: Schon den humanistischen Gelehrten ging es darum, die Herrschaft von Kirche und Scholastik[39] zu brechen[40] - allerdings strebten sie eher eine allmähliche Umformung von innen heraus an.[41] Ihre gelehrte Argumentati­onsweise vermochte das religiöse Bedürfnis der Massen jedoch nicht zu befriedigen.[42]

Die allgemeine Unsicherheit - entstanden durch eine soziale Umwälzung der Gesell­schaft,[43] eine religiöse Autoritätskrise der katholischen Kirche sowie die ständige au­ßenpolitische Gefahr durch die Türken[44] - ließ die Menschen nach neuen Lösungen suchen. Die für die breite Masse unerreichbare Bewegung des Humanismus konnte und wollte dieser Unsicherheit des gemeinen Volkes keinen Halt bieten,[45] daher wandten sich viele Menschen der wesentlich radikaleren Reformation zu:

Luthers Erfolg beruhte auf seinem Charisma und seiner wortgewaltigen Sprache, welcher er bis heute den Ruf des „größten sprachschöpferischen Genie[s; d.Verf.]“[46] der deutschen Geschichte verdankt. Da Luther nicht auf Latein schrieb, sondern dem „Volk aufs Maul“[47] schaute, waren seine Streitschriften für die breite Öffentlichkeit der illite- rati zugänglich. Gleichwohl wurde Luther missverstanden: Seine eigentliche Intention, die Kirche von ihrem Anspruch auf die Vermittlerrolle zwischen Mensch und Gott ab­zubringen und die Bibel als das Wort Gottes zum einzige Richtwert der Gläubigen zu erklären,[48] wurde praktisch übersehen, und Luther unversehens zum Anführer einer glü­henden Erneuerungsbewegung erkoren.

In dieser prominenten Rolle setzte er seine Popularität und seine Sprachfertigkeit geschickt zur Verbreitung seiner Schriften ein:

„Die Sprache hatte für ihn rein praktischen Zweck, nämlich dem Wort Gottes eine möglichst große Verbreitung in der Bevölkerung zu verschaffen. Deshalb wollte Luther die Sprache ,einsetzen’(...). ,Sprachschönheit’ (...) war für ihn kein Selbstzweck, sondern nur ein Vehikel, die Wahrheiten der Bibel dem Volk nahe zu bringen - und zwar so, dass sie möglichst viele Menschen verstanden.“[49] Als Luther um 1517 seine ersten Texte veröffentlichte,[50] konnte er bereits über den Buchdruck als adäquates Medium verfügen: Was Luther inhaltlich an Kaufanreiz schuf, wurde vom massenhaften Buchdruck vermarktungstechnisch umgesetzt.[51]

Durch die Reformation wurde die Entstehung einer Laienkultur gefördert,[52] welche als Absatzgruppe für Buchdruck und -handel eine wichtige Rolle spielte, denn wie schon der Humanismus fungiert der Konfessionsstreit einerseits als Stofflieferant und andererseits auch als Gewinngarant für Druckwerke.[53] [54] Zugleich hätte sich die Reforma­tion mit der zeit- und kostenintensiven Produktionsweise der Handschriften nie so weit und schnell ausbreiten können, und wäre wohl nur ein lokales Phänomen geblieben:

„Die Druckkunst [war, d.Verf.] der Schrittmacher bei der Vorbereitung und im Kampf selbst. Mit der Handschrift hätte der Streit nicht die Ausdehnung gewonnen, die er mit Hilfe des Buchdrucks nahm; er wäre mehr örtlich beschränkt geblieben.“[55]

Durch den Anstoß der Reformation und ihrer Gegenbewegung beziehungsweise der daraus resultierenden Massennachfrage nach Gedrucktem, wurden die Herstellung von und der Handel mit Büchern vor ganz neue Herausforderungen gestellt.

4. Die Handschrift als Vorbild und Basis des Buchdrucks

Schon zur Zeit der Handschrift wird der Grundstein den Erfolgs des Buchdrucks gelegt: „Ein besonders ausgeprägter Literaturbedarf setzte mit dem Entstehen der Universitäten im 13. Jahrhundert ein“,[56] und parallel zur Lesefähigkeit nahm der literarisch orientierte Schreibstubenbetrieb in der Mitte des 15. Jahrhunderts zu.[57] Das bewährte Absatzsys­tem der Handschriften bietet dem Handel mit Drucken erprobte Vertriebsmöglichkeiten. So trifft die Erfindung des Buchdrucks auf die bestmögliche Vermarktungsgrundlage.

Die Handschrift besitzt auch im Bereich der Herstellung eine vorbildhafte Funktion. Somit nimmt der Inkunabel druck in allen Bereichen erst einmal die Merkmale der Handschrift auf, und baut seine eigenen Vorteile - ein einheitliches und klar gestaltetes Schriftbild,[58] die Regelmäßigkeit des Aufbaus und die einfachere Illustrationsmöglich­keit - sowie deren aktive Vermarktung erst allmählich aus.

4.1. Herstellung und Gestaltung

Die Herstellung der Handschriften war durch die kostbaren Materialien und die oft prachtvolle Gestaltung extrem zeitaufwändig und kostspielig. Die Einführung des Pa- piers als billiger Beschreibstoff machte das Buch zwar einer breiteren Öffentlichkeit als Gebrauchsgegenstand erschwinglich, aber die Handschriftenproduktion selbst blieb weiterhin mühselig. Man suchte daher nach Verbesserungsmöglichkeiten, indem man zum Beispiel mehrere Kopisten an der Abschrift eines einzelnen Werks arbeiten ließ.[58]

[...]


[1] Weidhaas, Peter: Zur Geschichte der Frankfurter Buchmesse. Frankfurt am Main 2003, S. 16. Im Fol­genden zitiert als: Weidhaas.

[2] Das Entstehungsjahr von Gutenbergs erstem Druck ist unbekannt; es wird in dem Zeitraum zwischen 1440 und 1450 vermutet. Vgl. Widmann, Hans: Geschichte des Buchhandels. Bis zur Erfindung des Buchdrucks sowie Geschichte des deutschen Buchhandels. Wiesbaden 1975, S. 43. Im Folgenden zi­tiert als: Widmann 1975.

[3] Vgl. Weidhaas, S. 18.

[4] Vgl. Brandis, Tilo: Handschriften- und Buchproduktion im 15. und frühen 16. Jahrhundert. In: Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Symposion Wolfenbüttel 1981. Hg. von Ludger Grenzmann/ Karl Stackmann. Stuttgart 1984, S. 178. Im Folgenden zitiert als: Brandis. Der Druck wird sogar als „ein Kontinuitätsphänomen, das den aus der Handschriftenzeit ,aufgestautem Altbedarf an Büchern durch rationellere Produktionsmethoden befriedigen kann“ bezeichnet. Bünz, Enno: Bücher, Drucker, Bibliotheken in Mitteldeutschland. Zur Einführung. In: Bücher, Drucker, Biblio­theken in Mitteldeutschland. Neue Forschungen zur Kommunikations- und Mediengeschichte um 1500. Hg. von Enno Bünz. Leipzig 2006, S. 18. Im Folgenden zitiert als: Bünz.

[5] Vgl. Widmann 1975, S. 42.

[6] Die 1-seitig bedruckten Seiten wurden zu Blockbüchern zusammengeheftet. Vgl. Schulz, Gerd: Buch- handels-Ploetz. Abriss der Geschichte des deutschsprachigen Buchhandels von Gutenberg bis zur Ge­genwart. Freiburg im Breisgau 1980, S. 9. Im Folgenden zitiert als: Schulz.

[7] Brandis, S. 182.

[8] Vgl. Widmann 1975, S. 43.

[9] Vgl. Bünz, S. 17.

[10] Im Gegensatz zum aufwendig hergestellten und nur in beschränkten Mengen greifbaren Pergament. Vgl. Bünz, S. 18.

[11] Vgl. Weidhaas, S. 22.

[12] Vgl. Widmann 1975, S. 44.

[13] Zit. nach ebd., S. 46.

[14] Zit. nach Der deutsche Buchhandel in Urkunden und Quellen. Hg. von Hans Widmann. Hamburg 1965 (Band 1), S. 13-46. , S. 18. Im Folgenden zitiert als: Widmann 1965(1).

[15] Vgl. Widmann 1975, S. 46.

[16] Zit. nach Widmann 1965(1) S. 18.

[17] Zit. nach ebd.

[18] Zit. nach ebd., S. 19.

[19] Vgl. ebd., S. 25.

[20] „Die niedrigste Auflage, bei der ein Druck noch rentabel war, lag bei etwa 100-200, doch kamen in der Frühdruckzeit auch schon Auflagen von 1.800 Exemplaren vor.“ Lesen - Ein Handbuch. Lesestoff, Le­ser und Leseverhalten, Lesewirkungen, Leseerziehung, Lesekultur. Hg. von Alfred Clemens Baumgärt­ner. Hamburg 1973, S. 574. Im Folgenden zitiert als: Baumgärtner.

[21] Vgl. Fleischmann, Isa: Metallschnitt und Teigdruck. Technik und Entstehung zur Zeit des frühen Buchdrucks. Mainz 1998, S. 79. Im Folgenden zitiert als: Fleischmann.

[22] „[...] Verkaufsauflagen von unter 100 und über 1000 Exemplaren im 15. Jahrhundert sehr ungewöhn­lich [...] bei der ständig wachsenden Aufnahmefähigkeit des Marktes um 1480 durchschnittlich 300­500 Exemplare [...] darnach deutlich steigende Tendenz [...]. Anfang des 16. Jahrhunderts waren dann bald sehr viel höhere Auflagen üblich.“ Brandis, S. 187.

[23] Zit. nach Widmann 1965(1), S. 29.

[24] Die Städte fungierten als Betätigungszentren der Drucker. Vgl. Toeller, Monika: Die Buchmesse in Frankfurt am Main vor 1560. Ihre kommunikative Bedeutung in der Frühdruckzeit. München 1983, S. 98. Im Folgenden zitiert als: Toeller.

[25] Zit. nach Rodenberg, Julius: Die Druckkunst als Spiegel der Kultur in fünf Jahrhunderten. Berlin 1942, S. 21. Im Folgenden zitiert als: Rodenberg.

[26] Bünz, S. 31.

[27] Vgl. Toeller, S. 72.

[28] Vgl. ebd., S. 62.

[29] Vgl. ebd., S. 7.

[30] Vgl. ebd., S. 30.

[31] Toeller, S. 32.

[32] Ebd.

[33] Ebd., S. 8.

[34] Ebd., S. 7.

[35] Vgl. ebd., S. 75.

[36] Vgl. ebd., S. 145.

[37] Vgl. ebd., S. 74.

[38] Ebd., S. 88.

[39] Die Scholastik als mittelalterlicher Philosophie- und Theologieansatz versucht die kirchlichen Glau­benslehren durch Vernunftbeweise zu begründen und in ein einheitliches Gedankensystem zu bringen.

[40] Vgl. Toeller, S. 59.

[41] Vgl. ebd., S. 62.

[42] Vgl. ebd.

[43] Die Herrschaftsmacht verlagerte sich von Autoritäten des Klerus und des Adels zunehmend auf die intellektuellen Wirtschaftsmächte des entstehenden Bürgertums. Vgl. Toeller, S. 43.

[44] Vgl. Toeller, S. 46.

[45] Vgl. ebd., S. 62f

[46] Ebd., S. 66.

[47] Luther verfasste seine Schriften in der nationalen Volkssprache. Vgl. Ernst, Peter: Deutsche Sprachge­schichte. Eine Einführung in die diachrone Sprachwissenschaft des Deutschen. Wien 2005, S. 166. Im Folgenden zitiert als: Ernst.

[48] Vgl. Toeller, S. 64.

Das Wort Gottes auch für die illiterati zugänglich zu machen, war die Intention von Luthers Bibelüber­setzung. Vgl. Toeller, S. 66.

[49] Ernst, S. 164.

[50] Vgl. Ernst, S. 165.

[51] Die Popularität der reformatorischen Streitschriften führte dazu, dass die katholische Kirche ihre Mei­nung über die Gottesgabe des Buchdrucks änderte. Vgl. Toeller, S. 30.

[52] Vgl. Toeller, S. 69.

[53] Vgl. Rodenberg, S. 18.

[54] Ebd., S. 19. „Die Auffassung, dass die Druckerpresse der neuen Lehre zum Durchbruch verholfen habe, hat Erdmann Weyrauch auf die griffige Formel „Reformation durch Bücher’ gebracht; es gilt aber auch, wie Weyrauch betont, der Umkehrschluss: Ohne Reformation kein Massen-Buchdruck.“ Bünz, S. 25.

[55] Vorderstemann, Jürgen: Augsburger Bücheranzeigen des 15. Jahrhunderts. In: Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Hg. von Helmut Grier/ Johannes Janota. Wiesbaden 1997, S. 55. Im Folgenden zi­tiert als: Vorderstemann.

[56] Vgl. Janota, Johannes: Von der Handschrift zum Druck. In: Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Hg. von Helmut Grier/ Johannes Janota. Wiesbaden 1997, S. 125. Im Folgenden zitiert als: Janota.

[57] Vgl. Fleischmann, S. 77.

[58] Dies ist die früheste Form des Verlagswesens – später arbeiteten entsprechend mehrere Drucker an einem Werk. Vgl. Vorderstemann, S. 33.

Details

Seiten
50
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640739974
ISBN (Buch)
9783640740420
Dateigröße
927 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160326
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,65
Schlagworte
Spätmittelalter Frühe Neuzeit Literaturvermarktung Buchmesse

Autor

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