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Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom - Leitfaden und Ideen für die pädagogische Arbeit

Facharbeit (Schule) 2010 79 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Themenbegründung
1.2 These
1.3 Zielstellung und Vorgehensweise

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Alkohol und Frauen 7
2.1.1 Alkoholkonsum in Deutschland
2.1.2 Gesellschaftlicher Umgang mit Alkohol
2.1.3 Frauenalkoholismus
2.1.4 Häufigkeit des Fetalen Alkoholsyndroms
2.2 Das Fetale Alkoholsyndrom
2.2.1 Allgemeine Begriffsbestimmung
2.2.2 Wirkung der pränatalen Noxe Alkohol
2.2.3 Diagnostik und Symptome
2.2.4 Pathologische-, neurologische – und psychologische Störungen des Kindes

3. Praktische Umsetzung
3.1 Strukturierung der persönlichen Vorgehensweise zur Darstellung der Entwicklung eines Kindes mit FAE
3.1.1 Entwicklungsbericht
3.1.2 Berücksichtigung der Lebensbedürfnisse im täglichen Leben 28
3.1.3 Unterstützende gewinnbringende Maßnahmen im Alltag
3.1.4 Skizzierung und Zielstellung einer Angebotsreihe

4. Auswertung
4.1 Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse unter Berücksichtigung der aufgestellten These und Erkenntnisse des Theorieteils
4.2 Reflexion über die persönliche Entwicklung der pädagogischen Tätigkeit während des Wahlpraktikums

5. Anhang

6. Quellenverzeichnis

1.Einleitung

1.1 Themenbegründung

Der Genuss von Alkohol gehört für viele Jugendliche und Erwachsene in Deutschland zum alltäglichen Leben, er wird regelmäßig konsumiert. Somit wird der Alkohol zu einem konstanten Bestandteil unseres Lebens, unserer Kultur, aber auch unserer Wirtschaft. Gleichbedeutend könnte man sagen, Alkohol ist eine gesellschaftsfähig getarnte Droge – eine Art Wolf im Schafspelz und gilt als Volksdroge Nummer eins. Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass über Alkoholismus und andere Suchterkrankungen in den vergangenen Jahren häufig diskutiert wurde. Dabei kommen die damit verbundenen Probleme von Kindern kaum zur Sprache. Die Schädigung eines ungeborenen Lebens wird in der Regel nicht auf den Missbrauch von Alkohol während der Schwangerschaft zurückgeführt, dieser Aspekt wird daher häufig übersehen. Doch das daraus resultierende Fetale Alkoholsyndrom ist in Deutschland stark verbreitet, aber es erfolgt kaum eine Reflexion, demzufolge ist das öffentliche Bewusstsein sehr gering und die Thematik wird nur unzureichend behandelt. Des Weiteren ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt, welche Symptomatik und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern allein darauf zurückzuführen sind, dass während der Schwangerschaft Alkohol von der Mutter konsumiert wurde. Nach wissenschaftlich-medizinischen Erkenntnissen ist jedoch anzunehmen, dass das Fetale Alkoholsyndrom das einzige Missbildungssyndrom ist, das zu einhundert Prozent vermeidbar wäre, wenn die Frau während der Schwangerschaft keinen Alkohol zu sich nehmen würde.

1.2 Thesen

Ich möchte mit dieser Arbeit einen informierenden Überblick über das Fetale Alkoholsyndrom geben. Anhand der dargestellten Informationen werde ich die Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs während der Schwangerschaft auf die kindliche Entwicklung darstellen. Darauf basierend möchte ich für einen Erzieher hilfreiche Maßnahmen im alltäglichen Umgang mit betroffenen Kindern ableiten.

1. These: Durch eine klare Struktur in der kindlichen Umgebung kann das Kind Informationen aus seiner Umwelt gewinnen und die schrittweise Bewältigung von Aufgaben erlernen.
2. These: Die geregelte Betreuung durch einen Bezugserzieher und die konsequente, dauerhafte Anwendung von Alltagsroutinen wirken sich positiv auf das betroffene Kind aus.

1.3 Zielstellung und Vorgehensweise

Mit dieser Facharbeit zum Thema „Das Fetale Alkoholsyndrom“ werden unterschiedliche Zielsetzungen verfolgt, die im Folgenden näher erläutert werden:

1.) Die Arbeit soll einen Überblick über das Krankheitsbild des Fetalen Alkoholsyndroms geben.
2.) Es sollen Entwicklungsrisiken und- chancen von betroffenen Kindern beschrieben werden.
3.) Es sollen die Lebens- und Entwicklungsumstände von Kindern mit Fetalem Alkoholsyndrom skizziert werden.
4.) Die Arbeit soll zur Bewusstmachung und Sensibilisierung der Problematik beitragen und mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen wecken, die Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom betreuen.
5.) Sie soll Leitgedanken für die sonderpädagogische Arbeit entwickeln, um differenzierter mit dem Phänomen umzugehen.

Zunächst werde ich in Punkt zwei auf diverse Aspekte hinsichtlich des Alkoholkonsums in Deutschland eingehen. Hierbei werde ich anhand einiger Zahlen und Fakten den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol darstellen. Dabei werde ich mein besonderes Augenmerk auf den Frauenalkoholismus richten, da eine Alkoholabhängigkeit der Mutter ein erhöhtes Risiko für die Geburt eines alkoholgeschädigten Kindes mit sich bringt. Weiterführend widme ich mich der Beschreibung des Fetalen Alkoholsyndroms. Neben der allgemeinen Begriffsbestimmung werde ich die Wirkung der pränatalen Noxe Alkohol verdeutlichen und daraus resultierend auf Symptome, Schweregrade und Diagnosemöglichkeiten für Betroffene eingehen.

Des Weiteren möchte ich pathologische-, neurologische- und psychologische Störungsbilder kennzeichnen. Anhand dieser werde ich meine praktischen Umsetzungen nachweisen und schließlich zu einer Auswertung gelangen.

Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst und Schlussfolgerungen gezogen.

Da in der deutschen Sprache bzw. Literatur noch immer hauptsächlich die ausschließlich männliche Form in der Schreibweise gebraucht wird, werde ich auf eine ständige Berücksichtigung beider Geschlechter zugunsten der Lesbarkeit verzichten. Für die alkoholbedingte Schädigung des Kindes werden in der Fachliteratur überwiegend drei Begrifflichkeiten verwendet: „Fetales Alkoholsyndrom“ ( FAS ), „Alkoholembryopathie“ ( AE ) und „Fetale Alkoholeffekte“ (FAE ). Die Begriffe Fetales Alkoholsyndrom und Alkoholembryopathie werden in der Regel gleichbedeutend benutzt. Die Abkürzungen FAS, AE und FAE finden häufig Verwendung. Eine einheitliche Bezeichnung gibt es für das oben genannte Fehlbildungssyndrom allerdings nicht. Ich werde in meiner Arbeit den Begriff des „Fetalen Alkoholsyndrom“ verwenden, aber auch mit oben genannten Abkürzungen arbeiten.

2.Theoretische Grundlagen

2.1 Alkohol und Frauen

Die Ursache des Fetalen Alkoholsyndroms und der Fetalen Alkoholeffekte liegt im

Alkoholkonsum der werdenden Mutter[1]. Daher ist es von immenser Bedeutung, das Thema Alkohol und Frauen vorab kurz zu thematisieren. Dabei werde ich vor allem speziell die Problematik des Alkoholkonsums bei Frauen im Blick haben. Vorangestellt werden als Diskussionsgrundlage Fakten und Zahlen zum gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol in Deutschland. Des Weiteren werde ich im Verlauf der Arbeit explizit die Wirkungsweise der pränatalen Noxe[2] Alkohol auf das ungeborene Kind darstellen.

2.1.1 Alkoholkonsum in Deutschland

Vor einer gesonderten Darlegung der Zahlen zur Epidemiologie[3] des Fetalen Alkoholsyndroms werde ich einige Zahlen und Fakten zum Alkoholkonsum veranschaulichen, um das potentielle Gesamtausmaß der hier diskutierten Problematik zu verdeutlichen. Im Jahr 2005 betrug der Pro-Kopf-Verbrauch an alkoholischen Getränken für die Bundesrepublik Deutschland 144,6 Liter. Dabei wurden 115,2 Liter Bier, 5,7 Liter Spirituosen, und 19,9 Liter Wein konsumiert. In allen drei Kategorien konnten jeweils leichte Rückgänge beobachtet werden. Der Schaumweinkonsum allerdings blieb verglichen mit dem Vorjahr konstant bei 3,8 Liter[4]. Derzeit wird ein Alkoholverbrauch von 10,0 Liter an reinem Alkohol je Einwohner angegeben[5]. Anhand dieser Darstellung wird deutlich, dass sich der Alkoholkonsum der Bevölkerung in den hier dargestellten Jahren nicht signifikant verändert hat. Im internationalen Vergleich ist die Bundesrepublik Deutschland, was den gesamten Alkoholkonsum angeht, seit Jahren in der Spitzengruppe, in dem veranschaulichten Ranking an 5. Position.

Somit gehört Deutschland neben Luxemburg, Ungarn, Tschechien und Irland zu den Großverbrauchern der legalen Droge Alkohol. Die Wohnbevölkerung betrachtet ergeben sich hochgerechnet laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen 1,5 Millionen Alkoholabhängige, von denen 1,2 Millionen Männer und 300.000 Frauen[6] sind[7][8].

2.1.2 Gesellschaftlicher Umgang mit Alkohol

Bereits in der Einleitung habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass Alkohol in Deutschland zu einem festen Bestandteil des Lebens, der Kultur und der Wirtschaft gehört. Durch den Missbrauch von Alkohol zeichnen sich hohe soziale, gesundheitliche und wirtschaftliche Schädigungen ab.

In den letzten Jahrzehnten haben diverse Faktoren zu einem erheblichen Anstieg des Konsums von alkoholischen Getränken in der Gesellschaft beigetragen, so z.B. die Veränderungen von Einstellungen, Trinksitten, die Einbeziehung von Frauen, Jugendlichen und gelegentlich auch Kindern hinsichtlich der Trinkgewohnheiten sowie auch wirtschaftliche Veränderungen. Besonders soziokulturelle Bedingungen sind für Art und Menge des Konsums ausschlaggebend. So ist manchen Kulturen, den so genannten Abstinenzkulturen, der Konsum von Alkohol aus religiösen Gründen verwehrt, dazu gehören z.B. der Hinduismus und Islam. In diesem Sachverhalt mag ein Grund dafür liegen, dass sich in diesen Kulturkreisen weitaus weniger Alkoholabhängige als in vielen westeuropäischen Ländern finden lassen.

An dieser Stelle soll auf den gesellschaftlichen Stellenwert von Alkohol in der Bundesrepublik Deutschland verwiesen werden.

„Da in Teilen unserer Gesellschaft Trunkenheit gelegentlich und bei besonderen Anlässen akzeptiert wird, nehmen wir eine Zwischenstellung mit Tendenz zur funktionsgestörten Permissivkultur ein. In unserer Gesellschaft wird der Konsum alkoholischer Getränke jederzeit gebilligt, positiv bewertet und zur Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen und als Kommunikationsmittel angesehen und eingesetzt.

Alkoholkonsum wird in der Regel erwartet und der Abstinente häufig als Außenseiter betrachtet. Bei Ablehnung des Alkoholkonsums wird nicht selten und überrascht und besorgt nach den Gründen, z.B. nach körperlichen Beschwerden […] gefragt, so dass für Trinkverweigerung Begründungen erwartet werden. Alkoholkranke, die abstinent werden, stoßen häufig nicht nur auf Unverständnis, sondern wechseln von einer Außenseiterposition in eine andere. Nicht nur der Alkoholabhängige, sondern auch der Abstinente ist in unserer Gesellschaft ein Normabweichler“[9]. Dieses Zitat soll unterstreichen, wie selbstverständlich die Menschen eine Droge handhaben, die für so viele katastrophale Folgen verantwortlich ist, wie z.B. behinderte Kinder durch Alkohol in der Schwangerschaft, Tote durch Krankheiten und im Straßenverkehr und Verlust von Existenzen.

2.1.3 Frauenalkoholismus

In der Gesellschaft, aber auch in der Literatur, werden alkoholabhängige Frauen als

krankhaft angesehen und ihre Abnormität wird immer wieder betont, sie gelten als pathologisch. Bestimmte Eigenschaften werden dabei dem Frauenalkoholismus zugeschrieben. In Publikationen greift z.B. Berger weit verbreitete Darstellungen auf und erläutert:

(1) Frauen trinken häufiger tagsüber zu Hause statt an öffentlichen Orten,
(2) sie trinken eher allein,
(3) sie kommen überproportional häufig aus alkoholbelasteten Familien und scheinen
(4) härtere Getränke -Spirituosen- zu bevorzugen[10].

Reuband bewertet in seinem Beitrag „Erscheinungsformen des Frauenalkoholismus – Alte und neue Fragen“ die traditionellen Beschreibungen von Alkoholikerinnen negativ. Vor allem aber kritisiert er das entsprechende Urteil, dass diese Frauen besonders pathologisch seien, denn: „nur wenige Untersuchungen zum Frauenalkoholismus existieren überhaupt in der Bundesrepublik, und zu wenige gehen anhand konkreten Materials diesen Fragen nach.

Umfassendere und komplexer angelegte Studien, die den allgemeinen Trinksitten und dem Sozialisationsmilieu gerecht werden, sind notwendig, um die verschiedenen Widersprüche und offenen Fragen zu klären“[11]. Es wird angenommen, dass Frauen häufiger tagsüber zu Hause trinken. Diese Annahme erscheint dadurch logisch, dass z.B. bestimmte Orte im Bereich der Öffentlichkeit/ Gesellschaft eher den Männern zugänglich sind als den Frauen. Dafür scheint die Kneipe beispielhaft, die noch am ehesten ein Ort legitimen Alkoholgebrauchs darstellt.

In unserer Gesellschaft gilt die Kneipe nach wie vor als ein Ort für Männer, gegebenenfalls noch für Frauen in Männerbegleitung. Berger/Legnaro/Reuband regen in ihrer Veröffentlichung dazu an, intensiver hinzuschauen, denn was auf den ersten Blick als Besonderheit des weiblichen Trinkverhaltens erscheint, ist auf den zweiten Blick bei näherer Betrachtung oft als Ausdruck der verschiedenen Lebensbedingungen von Männern und Frauen zu sehen[12]. Auch spielen gesellschaftliche Bewertungsprozesse eine erhebliche Rolle. Dabei verweist Arenz– Greiving darauf, dass der Alkohol im Leben einer Frau weitaus anders beurteilt wird als bei Männern. Demzufolge sollte es nicht verwundern, dass Frauen ihren Alkoholkonsum anders erleben[13].

2.1.4 Häufigkeit des Fetalen Alkoholsyndroms

Die Inzidenz[14] des Fetalen Alkoholsyndroms geht aus Schätzungen hervor.

Hierfür sind die hohe Dunkelziffer über den Alkoholmissbrauch/-abhängigkeit und die Schwierigkeiten der Diagnosestellung ausschlaggebend. Somit kann in keinem Land eine exakte Angabe des Vorkommens gegeben werden. Die veröffentlichten Zahlen sind in Bezug auf Land, Region und sozialer Herkunft sehr schwankend. Dies beruht auf der Stellung des Alkohols in der jeweiligen Gesellschaft. In literarischen Veröffentlichungen finden sich zum Teil voneinander abweichende Aussagen[15].

Nach Zobel liegt die Prävalenzrate des Fetalen Alkoholsyndroms bei etwa 1 bis 3 Fällen pro 1.000 Lebendgeburten.

Es wird davon ausgegangen, dass etwa 2.200 Kinder pro Jahr mit dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms zur Welt kommen, wobei statistisch unter 300 Neugeborenen etwa ein Fall mit Fetalem Alkoholsyndrom auftritt. Bei diesen Erhebungen nicht eingerechnet sind die Fehlgeburten und die Alkoholeffekte. Im Hinblick auf mildere Formen geht man von etwa 10.000 Geburten pro Jahr aus[16]. FAS-World geht sogar von ca. 3.000 Neugeborenen mit dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms aus[17].

2.2 Das Fetale Alkoholsyndrom

2.2.1 Allgemeine Begriffsbestimmung

Unter Fetalem Alkoholsyndrom (FAS) „versteht man eine Schädigung des Kindes, die durch übermäßigen, dauerhaften und krankhaften Alkoholgenuss der Mutter während der Schwangerschaft entstanden ist - in der Bevölkerung unter der negativ bewerteten Bezeichnung „Säuferkind“ oder „Alkoholbaby“ bekannt“[18]. Diese Kinder sind häufig in ihrer Gesamtheit betroffen, da Alkohol alle Zellen und Organe schädigen kann. Das heißt, sie sind sowohl körperlich und geistig- intellektuell als auch in der Verhaltensentwicklung und in der sozialen Reifung beeinträchtigt. Die Ausprägungen der einzelnen Symptome sind allerdings sehr verschieden[19]. Von Fetalen Alkoholeffekten (FAE) spricht man, wenn keine offensichtlichen Symptome für eine Diagnose auf FAS vorhanden sind, jedoch Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft als wahrscheinliche Ursache für Entwicklungsprobleme des Kindes zu vermuten ist. Dies bedeutet nicht, dass FAE eine leichtere Erscheinungsform der Alkoholschädigung ist. Vielmehr ist es eine schwerer feststellbare Form[20]. Zum Beispiel ist das Kind normal groß oder es weist keine Gesichtsveränderungen auf. Dies macht es keinesfalls leichter für die betroffenen Kinder. Häufig werden von ihnen normgerechtes Verhalten bzw. Leistungen abverlangt.

Deshalb verwenden Mediziner auf internationaler Ebene inzwischen den Begriff FASD – Fetal Alcohol Spectrum Disorder . Mit dieser Bezeichnung will man das beständige Vorurteil umgehen, dass die Diagnose FAE weniger gravierend ist, und verdeutlichen, dass alle Formen der angeborenen Alkoholschädigungen besondere Aufmerksamkeit verdienen. FASD ist allerdings keine Diagnose, sondern eine neue Bezeichnung, die alle Formen des Alkoholschadens beinhaltet.

Hieraus ergibt sich, dass das Fetale Alkoholsyndrom das körperliche und geistige Vollbild der Schädigung durch Alkohol darstellt und die Alkoholeffekte die Brücke zwischen der Dimension des Fetalen Alkoholsyndroms und dem Normalen bilden.

2.2.2 Wirkung der pränatalen Noxe Alkohol

Das heranwachsende Baby verbringt die ersten Monate seines Daseins sicher eingebettet in der Gebärmutter. Der Körper der Mutter nimmt dabei eine haltende und schützende Rolle ein. Nahezu schwerelos schwimmt das Baby im warmen Fruchtwasser. Von den Muskelkontraktionen der Gebärmutter umfasst und geschützt, werden die Bedürfnisse des Babys zufrieden gestellt. Dieser Schutz ist unentbehrlich, da das Baby in dieser Zeit überaus verletzlich ist. Schädliche oder giftige Substanzen, die die Mutter in der Zeit der Schwangerschaft zu sich nimmt, gelangen direkt und ungefiltert in den Schutzraum des Babys. Diesen Schutzraum bildet die Gebärmutter[21]. Die Plazenta ist ebenfalls fest in der Gebärmutter verwurzelt und stellt die Brücke zwischen Mutter und Kind dar. Die Fruchtblase und die Plazenta sind das lebenserhaltende System des Babys[22]. Das ungeborene Kind ist über Plazenta und Nabelschnur mit dem Kreislauf der Mutter verbunden. Trinkt die Mutter Alkohol, erreicht dieser direkt über die Plazenta in den Blutkreislauf. Der Alkohol gelangt ungehindert zum Kind, da es keine Plazentaschranke gibt, und kann dort Schaden anrichten[23]. Bei Erwachsenen wird der Alkohol über die Leber abgebaut. Die noch unreife Leber eines Fötus kann den Alkohol aber nicht wie ein erwachsener Organismus verarbeiten. So sinkt der Blutalkoholspiegel des Ungeborenen langsamer als der der Mutter - 10-mal schneller wie der Fötus baut die Mutter den Alkohol ab. Selbst wenn die Mutter die Wirkung des Alkohols schon nicht mehr spürt, ist der Alkoholspiegel im Blut des Kindes noch deutlich höher. Dies kommt daher, dass die körpereigenen Enzyme, die wichtig sind, um den Alkohol abbauen zu können, erst Wochen nach der Geburt gebildet werden können[24]. Im kindlichen Organismus wirkt Alkohol stark nachteilig auf die Zellen und deren Teilung und damit auf die Organentwicklung des Kindes.

Hat die Alkoholkonzentration im Fötus ein bestimmtes Ausmaß überschritten, schädigt sie die wachsenden und sich teilenden Zellen. Am stärksten und empfindlichsten betroffen sind hierbei die Nervenzellen. Sind sie einmal geschädigt, so sind diese Schäden irreversibel[25][26].

Weiterhin ist Alkohol auch eine Blockade für die Blutzufuhr zum Gehirn des Fötus und beeinträchtigt somit die Kommunikation der Nervenzellen. Demzufolge verschlechtert sich die Signalübertragung zwischen den Zellen. Daraus resultiert, dass diese schlecht informierten Zellen falsche Entscheidungen darüber treffen, wann sie tätig bzw. aktiv sein sollten und wann nicht[27][28]. Schadstoffe, wie Alkohol, können während der gesamten Schwangerschaft Schaden beim Kind anrichten. Der Embryo ist in seinem frühen Entwicklungsstadium allerdings besonders verwundbar. Die Schädigungen, die beim Fötus auftreten, sind davon abhängig, in welcher Phase der Schwangerschaft welche Mengen an Alkohol zu sich genommen wurden. Je nachdem, welche Organe sich gerade entwickeln, kann auch eine spätere Schädigung erfolgen[29]. Die folgende Tabelle macht die Entwicklungsschritte während einer Schwangerschaft deutlich[30]. Die Abbildung der Tabelle veranschaulicht deutlich, dass es in der Embryonal- und Fetalentwicklung zur Ausdifferenzierung und Reifung der Organsysteme, einschließlich des Gehirns und der Sinnesorgane kommt.

Hervorzuheben ist dabei, dass sich der Aufbau der Strukturen und Funktionen dieser Organsysteme nicht erst im Nachhinein, sondern gleichlaufend entwickeln[31]. Ferner verdeutlicht dieser Punkt, wie gefährlich Alkohol während der Schwangerschaft für das ungeborene Leben sein kann.

2.2.3 Diagnostik und Symptome

In Deutschland beruht die Diagnosestellung „Fetales Alkoholsyndrom“ auf dem kombinierten Auftreten typischer Auffälligkeiten, d.h., es erfolgt eine Untersuchung des Kindes nach körperlichen oder verhaltensbezogenen Merkmalen in Verbindung mit der Kenntnis eines mütterlichen Alkoholkonsums in der Schwangerschaft[32].

Die Untersuchung muss dabei am betroffenen Kind die folgenden drei Kriterien erfüllen:

1. eine Wachstumsverzögerung; vor und nach der Geburt: zu klein,
2. eine Dysfunktion des zentralen Nervensystems z.B. neurologische Auffälligkeiten,
Intelligenzverminderung, Verhaltensstörungen,
3. charakteristische Auffälligkeiten des Schädels und des Gesichts mit mindestens zwei der folgenden drei Merkmale:

- ein zu kleiner Kopf (Mikrozephalie)
- schmale Lidspalte oder eine schmale Oberlippe mit einer wenig modellierten
Rinne zwischen Nase und Mund[33]
- eine Abflachung des Mittelgesichts[34]. Nur wenn aus beiden Bereichen Ergebnisse vorliegen, kann diese Diagnose eindeutig gestellt werden. In den USA z.B. ist der Nachweis der mütterlichen Alkoholkrankheit nicht zwangsläufig notwendig.

Im Jahr 1996 schlug das Institute of Medicine zwei Klassifikationen für FAS vor: One with confirmed maternal alcohol exposure[35] and one without confirmed maternal alcohol exposure[36][37].

Was die Klassifikation anbetrifft, bestehen internationale Differenzen. Um aufzeigen zu können, wie stark ein Kind geschädigt ist, wird bei europäischen Klinikern nach einer leichten, mäßig ausgeprägten und schweren Form des Fetalen Alkoholsyndroms unterschieden (FAS I-III), wobei die Übergänge zwischen diesen fließend sind. Dieses stimmt allerdings nicht mit den in den USA angewandten Klassifikationskriterien überein. Dort findet keine Einteilung in drei Schweregrade statt. Hier werden die Begriffe FAS und FAE eher entsprechend des Vorhandenseins oder Nichtvorhandenseins von spezifischen Kriterien zur Diagnose von FAS und nicht aufgrund der Schwere an sich verwendet[38]. In der Praxis ergeben sich oftmals Schwierigkeiten, wenn es um die Feststellung geht, ob das Fetale Alkoholsyndrom vorliegt oder nicht. Nach Löser wird nur bei ca. 10% aller geschädigten Kinder das Fetale Alkoholsyndrom als Diagnose gestellt.

Die Zahl der festgestellten Personen mit Alkoholeffekten und derer mit verdächtigen alkoholbedingten Hirnfunktionsstörungen ist noch geringer[39]. Schwierigkeiten, die bereits angesprochen wurden, beruhen unter anderem darauf, dass das Fetale Alkoholsyndrom einer speziellen medizinischen Diagnose bedarf. In der Regel kann diese nur von Ärzten geleistet werden, die auf dem Gebiet von Geburtsdefekten erfahren sind[40].

Durch geringfügige Erfahrungen vieler Ärzte in dem Bereich des Fetalen Alkoholsyndroms bleiben zahlreiche Menschen mit dieser Erkrankung unerkannt[41]. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Klärung der mütterlichen Vorgeschichte nicht so einfach gestaltet – ob diese während der Schwangerschaft getrunken hat, ist nur schwer festzustellen. Diese Klärung beansprucht viel Zeit und Einfühlungsvermögen, da Alkoholkonsum in der Schwangerschaft gerne verheimlicht oder heruntergespielt wird[42]. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffer alkoholabhängiger Frauen, besonders alkoholabhängiger schwangerer Frauen, sehr hoch ist.

Sie bilden eine Personengruppe, die sowohl vor als auch nach der Geburt des Kindes häufig eine ärztliche Betreuung ablehnen.

Falls doch eine medizinische Behandlung stattfindet, wird die Sucht aus den verschiedensten Gründen verschwiegen[43]. Dabei ist die Früherkennung so bedeutend, denn das optimale Alter für die Diagnose liegt zwischen acht Monaten und acht bis zehn Jahren. Die charakteristischen Gesichtsmerkmale im Jugend- und Erwachsenenalter sind weniger ausgeprägt[44]. Besonders die auftretenden geistigen Schädigungen werden in der Regel erst zwischen dem fünften Monat und dem zweiten Lebensjahr offensichtlich[45]. Ist das Krankheitsbild in der Kindheit übersehen worden, so ist es später kaum noch möglich, im Schulkind- oder Adoleszenzalter eine richtige Diagnose zu stellen. Werden kleine, quirlige Kinder mit Hyperaktivität und Lernstörungen vorgestellt, rückt häufig die Behandlung von schulischen Verhaltensstörungen in den Mittelpunkt,

die auf die Umwelt oder die familiären Verhältnisse geschoben werden[46]. So bleibt eine große Chance für die Kinder, gemäß eigentlicher Diagnose therapiert und gefördert zu werden, ungenutzt. Gynäkologen, Pädiater, Sozialarbeiter, Psychologen und Therapeuten, all diese wichtigen Menschen auf dem Weg eines geschädigten Kindes wissen gar nichts oder meist nur zu wenig über das Krankheitsbild und über die Folgen von FAS. Es gibt noch keine spezifische Ausbildung zur Diagnostik von FAS/E.

Variable Erscheinungsbilder und ein breites Spektrum an Fehlbildungen und Symptomen zeichnen das Fetale Alkoholsyndrom aus. Daher gestaltet sich die diagnostische, d.h. die Krankheit feststellende, Sicherheit als schwierig und ergibt sich zumeist aus dem Mosaik vieler kleiner oder größerer Fehlbildungsmuster.

Damit bereits im Säuglingsalter eine Diagnose gestellt werden kann, haben sich neben dem Nachweis der Alkoholabhängigkeit der Mütter und der auffälligen Gesichtsformung der Säuglinge die folgenden fünf Befunde als Leitanzeichen herausgestellt: „ 1. Vorgeburtlicher Minderwuchs

2. Kleiner Kopf[47]
3. Gedeihstörungen[48]
4. Geistige Entwicklungsstörungen[49]
5. Muskelschwäche[50] und /oder
6. Hyperaktivität“[51].

Löser führte an 131 Kindern mit Fetalem Alkoholsyndrom Untersuchungen durch und präsentierte repräsentative Ergebnisse[52]. Diese tabellarische Auflistung veranschaulicht präzise, wie umfassend und mit welcher Inzidenz sich der Alkoholkonsum während der Schwangerschaft auf die Entwicklung der Kinder nachteilig auswirken kann.

2.2.4 Pathologische-, neurologische und psychologische Störungen des Kindes

Gewicht, Länge und Kopfumfang

Bereits bei der Geburt wirken diese Kinder auffällig klein und untergewichtig. Dies ist eine Folge der prä-/ postnatalen Gewichtsretardierung. Diese ist meist ein Leben lang vorhanden. Der Grund dafür ist, dass Milliarden von Körperzellen kleiner sind und eventuell auch in zu geringer Anzahl vorhanden sind. Weiterhin wirken betroffene Kinder oft dünn und mager, da ihr Unterfettgewebe nicht so gut ausgeprägt ist wie bei gesunden Kindern. Jedoch haben Majewski und Schöneck herausgefunden, dass die Körperlänge betroffener Kinder mit der gesunder Kinder fast identisch ist.

Allerdings ist der Kopfumfang bei Kindern mit Fetalem Alkoholsyndrom vermindert, es liegt eine Mikrozephalie vor, die sich negativ auf die Gehirngröße auswirken kann.

Daraus können Beeinträchtigungen in der Wahrnehmung und Reizverarbeitung entstehen. Es sind aber auch oft die Gefühlslage, die Motorik und das Denken betroffen. Dabei bezieht sich die Mikrozephalie nicht nur auf die Gehirnmasse, sondern auch auf die Zellstruktur. Daraus resultiert, dass ebenfalls die Hirnwindungen und die Verbindungen der Nervenstränge von diesen Schäden betroffen sind[53].

Gesichts-, Hals- und Ohrenfehlbildung

Bei Kindern mit Alkoholembryopathie ist das Gesicht weniger differenziert und zugleich sehr charakteristisch. Das Philtrum ist am deutlichsten zu erkennen, dabei handelt es sich um eine meist verlängerte Rinne zwischen Nase und Oberlippe, die eine leichte Einkerbung am Oberrand des Lippenrots aufweist. Dieses Lippenrot ist verschmälert, der Cupido-Bogen und die Ausrundung am Oberrand des Lippenrots fehlen. Weiterhin spricht man bei den fazialen Besonderheiten von einem „Knopfmund“ mit „ Mäusezähnchen“. Dieser Mund ist kleiner und breiter als bei gesunden Kindern und weist zudem kleinere Zähne mit vergrößerten Zahnzwischenräumen sowie mangelhaft entwickeltem Zahnschmelz auf.

Bei den Augen sind die messbar verkürzten Lidspalten auffällig und die zu den Seiten hinab fallenden Lidachsen. Ebenfalls ist es möglich, dass die Oberlider über die Pupillen hängen können. Weiterhin stehen die Augenbrauen bei Kindern mit FAS weiter auseinander als bei gesunden Kindern. Das Kinn ist im Säuglingsalter fliehend, dies bildet sich aber meist im Erwachsenenalter zurück. Nach Untersuchungen von Majewski ist zudem der Nasenrücken verkürzt- „ Steckdosennase“, diese kann sich aber auch im Adoleszenzalter zurückbilden. Des Weiteren scheint die Stirn häufig vorgewölbt und ebenfalls schmaler, wodurch eine geringere Distanz zu den oberen Augenwinkeln entsteht. Die Ohren stehen tief, sind nach hinten gedreht und deren Größe ist unterschiedlich ausgeprägt[54][55].

[...]


[1] vgl. Löser, 1995, S.28; vgl.www.intakt.info/information/alkoholembryopathie.html

[2] „ vorgeburtliches Gift“

[3] Aus- und Verbreitung von Krankheiten

[4] vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen E.V. , 2007, S.23; vgl. Anhang Tabelle 1

[5] vgl. Anhang Tabelle 2

[6] vgl. Deutsche Hauptselle für Suchtfragen E.V., 2007, S.11

[7] vgl. Anhang Tabelle 3

[8] vgl. Anhang Zusatz: Text 1

[9] Schmidt 1997, S41f.

[10] vgl. Berger/Legnaro/Reuband 1982, S.12f.

[11] vgl. Berger/Legnaro/Reuband, 1982, S.11

[12] vgl. Berger/Legnaro/Reuband, 1982, S, 19

[13] vgl. Arenz-Greiving, 1998, S.1

[14] Häufigkeit

[15] vgl. Löser, 1995, S.4

[16] vgl. Zobel, 2006, S.64

[17] vgl. www.fasworld.de

[18] www.intakt.info/131-0-alkoholembryopathie.html

[19] www.intakt.info/131-0-alkoholembryopathie.html

[20] www.nacoa.de/fakten8.html

[21] vgl. Nathanielsz , 2003, S.11f

[22] vgl. Anhang Abbildung 2

[23] vgl. Stoppard, 1998, S.87

[24] vgl. FASworld Deutschland e.V. , 2007, S, 5f.

[25] nicht mehr zu beheben

[26] vgl. Nathanielsz , 1995, S. 181

[27] vgl. Nathanielsz , 2003, S.206

[28] vgl. Anhang Abbildung 3

[29] vgl. Nathanielsz , 2003, S.194f;

[30] vgl. Anhang Abbildung 4

[31] vgl. Krens/ Krens, 2006, S.19

[32] www.intakt.info/131-0-alkoholembryopathie.html

[33] hypoplastisches Philtrum

[34] Maxillarhypoplasie

[35] mit bestätigter mütterlicher Alkoholexposition

[36] ohne mütterliche Alkoholexposition

[37] vgl. Merzenich, 2002, S.34

[38] vgl. Kopera – Frye/ Streissguth, 1995, S, 520f ; vgl. Kriterien Seite 12

[39] vgl. Löser, 1995, S.9

[40] Genetikern, Teratologe – beschäftigt sich mit Entwicklungsmissbildungen Pädiater- Facharzt für Pädiatrie: ist die Lehre von den Erkrankungen des kindlichen und jugendlichen Organismus, seinen Entwicklungsstörungen, den Fehlbildungen u. ihrer Behandlung

[41] vgl. Kopera-Frye/ Streissguth in Seitz, 1995, S.520f.

[42] vgl. Merzenich, 2002, S.34

[43] vgl. Porr in Steiner, 1990, S.175

[44] vgl. Kopera-Frye/Streissguth in Seitz, 1995, S.520f.

[45] vgl. Zobel,2006, S. 60

[46] vgl. Merzenich, 2002, S.35

[47] Mikrozephalus

[48] Dystrophie

[49] Mentale Retardierung

[50] Hypotonie

[51] Bertling1993, S. 87

[52] vgl. Anhang Tabelle 4

[53] vgl. Löser, S. 9-22

[54] vgl. Löser

[55] vgl. Anhang Abbildung 5

Details

Seiten
79
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640765546
ISBN (Buch)
9783640765645
Dateigröße
15.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160314
Note
1,0
Schlagworte
Kinder Fetalem Alkoholsyndrom Notwendigkeit Möglichkeiten Arbeit

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Titel: Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom - Leitfaden und Ideen für die pädagogische Arbeit