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Der 'praefectus Aegypti' im Vergleich mit ritterlichen Statthalterschaften der 'provinciae Caesaris' und 'provinciae populi Romani'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 32 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die verfassungsrechtliche „Sonderstellung“ Ägyptens
2.1 Das Betretungsverbot
2.2 Die ritterliche Statthalterschaft

3. Der ordo equester und der ordo senatorius

4. Ausgewählte Aspekte der Statthalterschaft des praefectus Aegypti und ihre Besonderheiten
4.1 Der praefectus Aegypti im Vergleich mit der Prätorianerpräfektur als ritterliche Spitzenposition
4.2 Andere ritterliche Statthalter
4.3 Das Imperium
4.4 Das Ius gladii oder die potestas gladii
4.5 Gehälter
4.6 Rangtitulaturen und weitere Amtszeichen
4.7 Die Finanzverwaltung
4.8 Das Militär

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellenverzeichnis
6.2 Sekundärliteratur

7. Anhang

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Besonderheiten der Statthalterschaft von Ägypten. Dabei soll vor allem die verfassungsrechtliche Sonderstellung Ägyptens und das Spezifikum der ritterlichen Statthalterschaft im Vergleich mit anderen Statthalterschaften senatorischer und kaiserlicher Provinzen ritterlichen und senatorischen Ranges betrachtet werden.

Dafür ist es zunächst vonnöten, die grundsätzliche Unterscheidung zweier Provinztypen zu treffen, die der provinciae populi Romani und provinciae Caesaris (Kapitel 1). Im zweiten Kapitel wird die verfassungsrechtliche Sonderstellung Ägyptens im Hinblick auf die ritterliche Statthalterschaft und das Einreiseverbot für Senatoren und hochrangige Ritter untersucht. In diesem Zusammenhang werden auch mögliche Gründe Augustus für die Ernennung Cornelius Gallus als Statthalter und des von Tacitus widergegebenen Einreiseverbots aufgearbeitet sowie der Vorwurf der kaiserlichen „Privatprovinz“ durchleuchtet.

Kapitel drei bietet einen kurzen Überblick über die Unterscheidung der beiden ordines ordo equester und ordo senatorius, um Unterschiede in der Statthalterschaft besser überblicken zu können.

Das Hauptgewicht dieser Arbeit liegt auf Kapitel 4 und der Ausarbeitung einiger Aspekte der Statthalterschaft des praefectus Aegypti und ihrer Besonderheiten in Bezug auf andere Statthalterschaften und Amtsträger.

Dabei sollen die Prätorianerpräfektur als ritterliche Spitzenposition und weitere ritterliche Statthalter mit einer kurzen Einführung als Referenzobjekte dienen (Kap. 4.1 und 4.2).

Im folgenden werden dann die Aspekte des imperium (Kap. 4.3) und des ius gladii (Kap. 4.4) in Bezug auf den Präfekten von Ägypten untersucht.

Kapitel 4.5 und 4.6 geben Aufschluss über die Besoldung des Präfekten und damit über seine hierarchische Stellung innerhalb der römischen Statthalterschaften und allgemeinen Beamtenschaft. Kapitel 4.7 beschäftigt sich mit den Rangtitulaturen des praefectus und besonderen Insignien, wie etwa das der Liktoren und ornamenta.

In Kapitel 4.8 liegt der Fokus auf der allgemeinen Gestaltung der provinzialen Finanzverwaltung und den Besonderheiten Ägyptens. Darüber hinaus werden auch militärische Aspekte der ritterlichen Statthalterschaft Ägyptens untersucht, wie etwa das Kommando über Legionen und Auxiliartruppen.

Der zeitliche Schwerpunkt der Untersuchungen liegt in Kapitel 1 bis 3 vor allem im Prinzipat, wobei sich die Ausführung in Kapitel 2 konkret auf die Zeit Augustus beziehen. Die anderen Kapitel bewegen sich ihren Inhalten entsprechend in der gesamten Kaiserzeit.

Als Quellen dienen vor allem Auszüge aus Cassius Dios römischer Geschichte, Tacitus Annalen und Historien, Strabons Berichte über Ägypten und Ulpians Digesten. Als singuläre epigraphische Zeugnisse werden Augustus res gestae divi augusti und eine Inschrift eines sardinischen Statthalters aus Dessaus ILS herangezogen. Auf Grund der Quellenlage liegt der Schwerpunkt allerdings auf den literarischen Quellen.

1. Die provinciae populi Romani und provinciae Caesaris

Der Begriff der provincia, der ursprünglich lediglich den räumlichen und sachlichen Aufgabenbereich eines Magistrats bezeichnete,[1] entwickelte sich mit der Einrichtung der ersten römischen Außenbesitzungen zu einem genau definierbaren Territorium, das einem römischen Amtsträger unterstand.[2] Seit der späten Republik bis Caracallas allgemeiner Verleihung des Bürgerrechts (212 n. Chr.) ist unter einer Provinz also ein Gebiet zu verstehen, dass kein römisches Bürgerterritorium ist, Rom Steuern zu leisten hat und einem Statthalter untersteht, dem je nach Art der Statthalterschaft dieses Gebiet als imperium zugewiesen sein kann.[3]

Bis Augustus waren alle römischen Provinzen vom rechtlichen Status provinciae populi Romani, die von gewählten Statthaltern konsularischen und prätorischen Ranges verwaltet wurden.[4] Mit der Herrschaft Augustus änderte sich dies: Seit der spätaugusteischen Zeit waren die provinciae populi Romani zahlenmäßig auf 10 (zeitweise 12) beschränkt, die weiterhin von 10 senatorischen Statthaltern, davon zwei (Pro)Konsuln und acht (Pro)Prätoren, verwaltet wurden. Alle neu entstandenen Provinzen hingegen wurden kaiserliche Provinzen, provinciae Caesaris.[5]

Wesentlicher Unterschied zwischen den sogenannten „senatorischen“ und „kaiserlichen“ Provinzen bezüglich ihrer Statthalterschaft ist der Auswahlmodus mit dem der betreffende Statthalter bestimmt wurde und die Dauer seiner Amtszeit.

Während der Statthalter einer provincia populi romani über das Los bestimmt wurde und seine Amtszeit dem Grundsatz der Annuität entsprechend nur ein Jahr währte, wobei auch Ausnahmefälle zu verzeichnen sind, wurde der Statthalter einer provincia caesaris vom princeps persönlich erwählt.[6] Darüber hinaus war die Amtszeit eines Statthalters einer provincia Caesaris prinzipiell nicht begrenzt, sondern hing vom Wohlwollen des Kaisers ab.

Der Charakter einer dem Kaiser direkt unterstellten Provinz wurde dadurch unterstrichen, dass der Statthalter den Titel legatus augusti pro praetore (bei Senatoren) oder praefectus, bzw . procurator (bei Rittern) trug. Dies verdeutlich, dass der eigentliche Statthalter der Provinz der Kaiser war, der lediglich an seiner Statt einen Delegatar aussendete.[7] Auch stand dem Statthalter einer kaiserlichen Provinz rechtlich kein imperium zu, was bedeutet, dass er keine unabhängige Befehlsgewalt hatte, wie es rein rechtlich einem Statthalter einer provincia populi Romani zustand.[8]

Im Bewusstsein der Problematik der Bezeichnung der provincia populi romani und provinciae Caesaris als senatorische Provinzen und kaiserliche Provinzen[9] werden in vorliegender Arbeit aus Gründen der Übersichtlichkeit beide Begriffe parallel verwendet.

2. Die verfassungsrechtliche „Sonderstellung“ Ägyptens

Ägypten, das nach der Einnahme Alexandrias durch Octavian 30 v. Chr. der römischen Herrschaft unterstand, war von der Rechtsform nach einem Abkommen von 27 c. Chr.[10] eine provincia Caesaris und unterstand somit direkt dem Kaiser.[11] In der älteren Forschungsliteratur wird häufig der Sonderstatus der Provinz Ägypten[12] betont und auf Grund verschiedener Besonderheiten Ägyptens die Frage gestellt, ob es sich bei Ägypten um eine kaiserliche Provinz oder eine kaiserliche Privatdomäne handele.[13] Um diesen Sachverhalt näher betrachten zu können, sollen im folgenden zunächst die in diesem Zusammenhang viel zitierten Besonderheiten Ägyptens dargestellt werden.

Als markant erweist sich in erster Linie der Stand des Statthalters, der nämlich nicht, wie üblich, aus der Reihe der Senatoren stammte, sondern aus dem Ritterstand kam.

Eine weitere Eigentümlichkeit ist das Betretungsverbot für Senatoren und hohe Ritter, was in den folgenden Kapiteln thematisiert werden soll.[14]

2.1 Das Betretungsverbot

Eine vieldiskutierte Besonderheit Ägyptens ist das von Augustus ausgesprochene Betretungsverbot für Senatoren und equites inlustres, das Tacitus in seinen Annalen im Zusammenhang mit der Reise des Germanicus nach Ägypten darstellt:

Nam Augustus inter alia dominationis arcana, vetitis nisi permissu ingredi senatoribus aut equitibus Romanis inlustribus, seposuit Aegyptum.[15]

So sollten sich in Ägypten ohne Sondergenehmigung des Princeps weder Senatoren, noch Ritter, die in ihrer Position und politischen Gewichtung dem praefectus Aegypti gleichkamen, aufhalten.[16] Tacitus bietet in den Annalen zugleich auch eine Erklärung für dieses Vorgehen: Die „ geheime Verordnung “ wurde erlassen, „ damit niemand Italien aushungern könne, der sich in dieser Provinz und damit in der Schlüsselstellung des Landes und Meeres festsetze und sich hier mit ganz geringer Besatzung gegen mächtige Heere behaupte.“[17]

Vordergründig erscheint diese Erklärung sinnvoll, versorgte doch Ägypten zur Zeit Tacitus Rom mit Getreide und auch Vespasian bediente sich der ägyptischen Getreidevorräte, um die Auseinandersetzung mit Vitellius zu seinen Gunsten zu beeinflussen.[18] Dabei bleibt aber unbeachtet, dass zur Zeit des Erlasses des Einreiseverbots nach Ägypten Rom noch nicht abhängig von ägyptischem Getreide war[19] und Ägypten in der späten Republik nur selten Getreide nach Rom verschiffte.[20] Tacitus projiziert also die Gegebenheiten seiner Zeit auf die Augustus.[21]

Die Angst vor einem senatorischen oder (hochgestellten) ritterlichen Ursupator grundsätzlich war nicht von der Hand zu weisen, hatte doch Octavian gerade erst diese Gefahr von Rom abgewendet.[22] Deshalb scheint es auch nicht verwunderlich, dass der Senat die Provinz Ägypten und die Sorge um die Sicherheit Roms in Octavians Händen beließ.[23]

Brunt geht davon aus, dass nicht ein grundsätzliches Misstrauen in Senatoren im Rahmen einer „Antisenatspolitik“[24] der Auslöser für das Einreiseverbot nach Ägypten war, da Tiberius Germanicus wegen seinem Verstoß gegen das Einreiseverbot vor dem Senat anklagte. Dies impliziert, dass dem Einreiseverbot eine gute Legitimation zugrunde lag, die dem Senat nicht unbekannt war und von ihm akzeptiert wurde.[25]

Da die wahren Beweggründe uns letztendlich nicht bekannt sind, bewegen wir uns damit im Bereich des Möglichen. Brunt stellt die Vermutung auf, dass die Verwaltungsarbeit des Praefectus durch den Besuch eines Senators oder hohen Ritters nachhaltig gestört wurde, da für den Empfang senatorischer und auch ritterlich hoch gestellter Touristen aufwändige Vorbereitungen getroffen wurden, was es zu vermeiden galt.[26] Dieser oder ein ähnlich pragmatischer Grund könnten der Auslöser für das häufig als senatsfeindlich dargestellte Einreiseverbot sein.

Jördens stellt dar, dass Cassius Dio berichtet,[27] den Senatoren sei es grundsätzlich nur erlaubt gewesen, Rom mit Einwilligung des Princeps oder aber auf sein Geheiß hin zu verlassen, es sei denn, sie wären nur nach Sizilien oder Gallia Narbonensis gereist. Stein deutete dies als Maßnahme um die Vollzähligkeit der Senatoren bei den Senatssitzungen zu erreichen.[28] In diesem Zusammenhang könnte auch das Einreiseverbot nach Ägypten verstanden werden, obwohl dieses eigentlich eine Dopplung (Verlassen von Italien und Einreise nach Ägypten) darstellt. Dennoch zeigt es, dass es sich bei einer Reisebeschränkung für Senatoren nicht um eine ungewöhnliche Maßnahme handelt.[29]

Bei der Lektüre Tacitus’ verstärkt sich ferner der Eindruck, Augustus habe sich Ägyptens als Privatprovinz bemächtigt und die Provinz „ bei sich behalten “, bzw. „ ausgesondert “, wie Tacitus in seinen Historien kritisch anmerkt.[30]

Dabei ist zu beachten, dass Tacitus über 100 Jahre später aus der Sicht eines Senators die Ereignisse um die Errichtung der Provinz Aegyptus schilderte. Dass dabei das Einreiseverbot Augustus und die Einsetzung eines Ritters als Statthalter als senatsfeindlich wahrgenommen werden konnte, scheint grundlegend.[31] In der älteren Forschung wird die Anschauung, Augustus habe Ägypten „ bei sich behalten “ aufgegriffen und konstatiert, Ägypten sei nicht im eigentlichen Sinne eine Provinz.[32]

Dabei lässt Augustus selbst in seiner res gestae keine Zweifel aufkommen, dass Ägypten als Provinz Roms und nicht etwa als Privatbesitz verstanden wurde:[33] „Aegyptum imperio populi Romani adieci“[34]. Als Indiz kann auch gelten, dass das ursprünglich königliche Land („ royal land “) in Ägypten zum öffentlichen Land („ „public“ land “) wurde.[35] Auch Strabo schreibt: „ At present Egypt is a (Roman) province, pays considerable tribute, and is well governed by prudent persons, who are sent there in succession.“[36] In aktueller Forschungsliteratur wird folglich die These, Ägypten sei eine kaiserliche Privatdomäne, entschieden verworfen.[37] Dennoch hält Jördens fest, der Mythos des „ kaiserlichen Privatbesitzes “ bestehe weiter,[38] was sich auch an seiner Thematisierung in der einschlägigen Literatur zeigt.

[...]


[1] Galsterer, Provincia, DNP online.

[2] Eck, Verwaltung Bd. I, S. 171.

[3] Eck, Verwaltung Bd. I, S. 171.

[4] Eck, Verwaltung Bd. I, S. 177.

[5] Eck, Verwaltung Bd I, S. 178.

[6] Eck, Verwaltung Bd I, S. 179.

[7] Eck, Verwaltung Bd II., S. 180.

[8] Eck, Verwaltung Bd II, S. 179.

[9] Eck, Verwaltung Bd I, S. 178.

[10] Modrzejewski, Ägypten, S. 463.

[11] Seidlmayer u.a., Ägypten. DNP online.

[12] Jördens, Verwaltung, S. 515.; Vgl. Kuhns Kapitelüberschrift von 1864 „ Der Zustand Ägyptens, ein Gegenbild der römischen Municipalverfassung “ (Kuhn, Verfassung, S. 454ff.).

[13] Modrzejewski, Ägypten, S. 463.

[14] Jördens, Verwaltung, S. 46.

[15] Tac., Ann. II 59,3.

[16] Eck, Verwaltung Bd. I, S. 41.

[17] Tac., Ann. II 59,3.

[18] Jördens, Verwaltung, S. 37.

[19] Jördens, Verwaltung, S. 37.

[20] Brunt, Princeps and Equites, S.61.

[21] Brunt, Princeps and Equites, S.62.

[22] Jördens, Verwaltung, S. 38 und 50.

[23] Jördens, Verwaltung, S. 38.

[24] Eck, Verwaltung Bd. I, S. 29.

[25] Brunt, Princeps and Equites, S.62.

[26] Brunt, Princeps and Equites, S.62.

[27] Cass. Dio 52, 42, 6f.

[28] Stein (1915), 104f zitiert nach Jördens, Verwaltung, S. 39.

[29] Jördens, Verwaltung, S. 39.

[30] Jördens, Verwaltung, S. 54.; Tac., Hist. 1,11 provinciam [...] domui retinere.

[31] Jördens, Verwaltung, S. 55.

[32] Jördens, Verwaltung, S. 25.; Mommsen (1887) II 859 Anm. 2 zitiert nach Jördens, Verwaltung, S. 25: „ Aegypten heisst im legalen Sprachgebrauch nie provincia, so oft es auch die Schriftsteller so nennen.“

[33] Eck, Verwaltung, Bd. II, S. 177.

[34] Res gestae, 26.

[35] Brunt, princeps and equites, S. 57.

[36] Strabo XVII, 1,12.

[37] Modrzejewski, Ägypten, S. 463; Bowman, Egypt, S. 37.

[38] Jördens, Verwaltung, S. 25.

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Titel: Der 'praefectus Aegypti' im Vergleich mit ritterlichen Statthalterschaften der 'provinciae Caesaris' und 'provinciae populi Romani'