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Ein Vergleich des Kommunikationsbegriffs von Luhmann und Habermas

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 15 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Darstellung der Kommunikations- Konzepte
2.1 Luhmann
2.1.1 Doppelte Kontingenz
2.1.2 Elementare Kommunikationseinheit
2.1.3 Anschlusskommunikation
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Habermas
2.2.1 (Nicht signifikante) Geste
2.2.2 Übergang zur symbolisch vermittelten Interaktion
2.2.3 Regeln und Geltungsansprüche
2.2.4 Zusammenfassung

3. Fazit/Vergleich

Literatur

1. Einleitung

Bei Luhmann wie auch bei Habermas spielt Kommunikation für die Möglichkeit sozialer Ordnung jeweils eine zentrale Rolle. Depkat stellt darauf ab, dass die Definitionen von Kommunikation sowie die Auffassung über deren Charakter und die Funktion bei beiden Vertretern völlig unterschiedlich sind (vgl. Depkat 2003: 11). Doch sind die theoretischen Auffassungen wirklich völlig unterschiedlich?

Um den Ähnlichkeiten und Unterschieden in den theoretischen Auffassungen Luhmanns und Habermas näher zu kommen, sollen beide miteinander verglichen werden. Da bei beiden theoretischen Ansätzen die Kommunikation eine entscheidende Rolle spielt, sollen sie auf folgende Frage hin untersucht werden: Was ist die Bedingung dafür, dass Kommunikation zustande kommt? Um diese Frage zu beantworten, werden zunächst die Theorien anhand ihrer entscheidenden Begriffe dargestellt.[1] Im Anschluss daran soll der Vergleich stattfinden.

2. Darstellung der Kommunikations- Konzepte

2.1 Luhmann

Nach Luhmann ist der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende Prozess, ein Kommunikationsprozess. Dieser Prozess muss, um sich selbst steuern zu können, allerdings auf Handlungen reduziert werden. Soziale Systeme werden in Handlungen zerlegt und gewinnen durch diese Reduktion Anschlussgrundlagen für weitere Kommunikationsverläufe. Soziale Systeme bestehen demnach aus Kommunikationen. (vgl. Luhmann 1984: 193) Nach Luhmann besteht die elementare Kommunikationseinheit in der Synthese von drei Selektionen; der Information, der Mitteilung und dem Verstehen. Der Ausgangspunkt für den luhmannschen Kommunikationsbegriff bildet die doppelte Kontingenz.

2.1.1 Doppelte Kontingenz

Wenn etwas kontingent ist, muss es nicht zwingend so sein, wie es ist, sondern kann auch ganz anders sein. Gegeben eine Situation, in der Ego und Alter aufeinander treffen und sich nicht bereits kennen. Kontingent ist die Situation nun insoweit, dass Ego nicht weiß, wie Alter sich verhalten wird.

Doppelt wird die Kontingenz, wenn Ego nicht weiß, wie Alter sich verhalten wird und Ego deshalb nicht weiß, wie er sich gegenüber Alter verhalten soll. Liegt die doppelte Kontingenz sowohl bei Ego wie auch bei Alter vor, wird von doppelter doppelter Kontingenz gesprochen. Ego und Alter sind in diesem Fall wechselseitig aufeinander bezogen. (vgl. Luhmann 1984: 152) Ego erwartet, dass Alters Verhalten Erwartungen an Ego enthält und legt sein eigenes Verhalten aufgrund „dieser erwarteten Erwartung fest.“ (Lindemann 2009: 17)

2.1.2 Elementare Kommunikationseinheit

Wie bereits angeführt besteht die elementare Kommunikationseinheit bei Luhmann in der Synthese von drei Selektionen; der Information, der Mitteilung und dem Verstehen. Es gibt Alter, der als Sender fungiert und Ego, den Empfänger. Während die ersten beiden Selektionen bei Alter liegen, liegt die dritte bei Ego.

Der Begriff „Selektion“ steht für eine Auswahl aus verschiedenen Möglichkeiten. Dementsprechend ist auch jede Information eine Auswahl aus verschiedenen Möglichkeiten; es ist möglich diese oder auch eine andere Information zu kommunizieren.

Das etwas als Information identifiziert und ausgewählt wird, geht in den konventionellen Kommunikationsbegriff[2] nicht mit ein. Nach Luhmann ist aber genau dies wichtig, denn eine Information existiert nach ihm nicht als etwas Fertiges in der Welt, dass ausgewählt werden kann. Luhmann stellt darauf ab, dass die Information durch einen Beobachter konstituiert wird. „Erst durch den selektiven Akt der Aufmerksamkeit wird etwas zur Information gemacht.“ (Berghaus 2004: 78) Informationen sind demnach nicht fertige Einheiten in der Welt, sondern werden durch einen Beobachter erzeugt. Eine Information beinhaltet deshalb auch einen gewissen Neuigkeitswert. Sie wird ausgewählt, weil sie mitteilungswürdig erscheint. (vgl. Luhmann 1984: 194f)

Nachdem eine Information ausgewählt wurde, erfolgt die Selektion der Mitteilung. Alter muss jetzt „[…] ein Verhalten wählen, das diese Information mitteilt.“ (Luhmann 1984: 195)

Zur Mitteilung einer Information stehen verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl. So kann die Information schriftlich oder mündlich mitgeteilt werden, sie kann geschrieen oder geflüstert werden, usw. (vgl. Kneer, Nassehi 1994: 81) Die Mitteilung ist auch ohne Sprache möglich, sie kann ebenso durch Körperbewegungen, Blicke, Gesten usw. erzielt werden. (vgl. Berghaus 2004: 91)

Genauso wie bei der Selektion der Information ist auch bei der Selektion der Mitteilung eine Entscheidung für eine Mitteilung und damit gegen viele andere zu treffen.

Die Selektion des Verstehens liegt im Unterschied zu den ersten beiden Selektionen nicht bei Alter, sondern bei Ego. Diese Selektion ist die wichtigste im gesamten Kommunikationsprozess, denn erst mit dem Verstehen kommt laut Luhmann Kommunikation zustande: „Begreift man Kommunikation als Synthese dreier Selektionen, als Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen, so ist die Kommunikation realisiert, wenn und soweit das Verstehen zustande kommt.“ (Luhmann 1984: 203) Hier wird eine Besonderheit von Luhmanns Analyse von Kommunikation deutlich; er rollt sie nicht von der Mitteilung, sondern vom Verstehen her auf. Sobald Ego etwas als Mitteilung einer Information auffasst, versteht er, dass bei Alter eine Differenz zwischen Information und Mitteilung vorliegt.[3]

Zu beachten ist auch, dass unter dem Begriff „Verstehen“ vielfach Konsens verstanden wird, allerdings steht „Verstehen“ bei Luhmann für etwas anderes. „Verstehen“ bedeutet hier, dass Ego beobachtet, dass es sich um eine Mitteilung handelt. Es kommt beim Verstehen demnach nicht darauf an, ob Ego die Mitteilung inhaltlich richtig versteht. Daraus folgt, dass selbst wenn die Absicht von Alter missverstanden wird, trotzdem Kommunikation zustande kommt. (vgl. Schneider 2005b: 278)

Für das Verstehen ist es entscheidend, dass Alters Verhalten dahin gehend aufgefasst wird, dass ihm Unterscheidung von Information und Mitteilung zugrunde liegt. Das Verstehen wird dadurch an das Vorhandensein von Erwartungs- Erwartungen geknüpft. Ego reagiert folglich nicht einfach auf Alters Geste, sondern erwartet von Alter, die Unterscheidung von Information und Mitteilung gemacht zu haben. (vgl. Lindemann 2009: 17)

Es kann festgehalten werden, dass richtiges und falsches Verstehen für das Zustandekommen von Kommunikation irrelevant sind und nur das kommunikative Verstehen entscheidend ist. Es gilt das als Verstehen, was in der Kommunikation als Verstehen zustande kommt. Dies „schließt auch Situationen ein, in denen ein Verhalten, dem keinerlei Mitteilungsabsicht zugrunde lag, durch andere Äußerungen angesteuert und als Kommunikationsbeitrag gedeutet wird.“ (Schneider 2005b: 281)

Das Verstehen kommt dann im weiteren Verlauf darin zum Ausdruck, wie Ego an das verstandene Mitteilungsverhalten anschließt. An Egos Anschlussverhalten wird sichtbar, wie Ego die Mitteilung Alters verstanden hat.

[...]


[1] Grundlage für den Vergleich sind im Wesentlichen: Luhmann 1984 und Habermas 1981.

[2] Nach dem konventionellen Ansatz handelt es sich bei Kommunikation immer um einen zweistelligen Prozess. Unter Kommunikation im konventionellen Sinn ist die Übertragung einer Information von einem Sender auf einen Empfänger zu verstehen. (vgl. Luhmann 1984: 193)

[3] Kneer und Nassehi betonen, dass von Kommunikation erst dann gesprochen werden kann, wenn alle drei Selektionen zur Synthese gekommen sind. Aus diesem Grund ist es ausgeschlossen, dass Kommunikation als Ergebnis des Handelns eines einzelnen Individuums verstanden werden kann. Bei den drei Selektionen handelt es sich nicht um Operationen der beteiligten psychischen Systeme, sondern um Bestandteile der Kommunikation und damit um Konstrukte sozialer Systeme. Information, Mitteilung und Verstehen werden nicht aus der psychischen Umwelt in das soziale System eingeführt, sondern vom sozialen System selbst erzeugt. (vgl. Kneer, Nassehi 1994: 81)

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640733637
ISBN (Buch)
9783640734283
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160256
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Luhmann Habermas Kommunikation Theorievergleich

Autor

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Titel: Ein Vergleich des Kommunikationsbegriffs von Luhmann und Habermas