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Dynamik und Ursachen des Fertilitätsrückganges in Südostasien

Erklärungsansätze, Determinanten und empirische Befunde, dargestellt am Beispiel von Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam

Diplomarbeit 2005 306 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. BEVÖLKERUNGSWISSENSCHAFT UND FERTILITÄT
2.1. Theoretische Rahmenbedingungen des Fertilitätsrückgangs
2.2. Fertilität als Variable der Bevölkerungswissenschaft

3. KLASSISCHE THEORIEN ZUM FERTILITÄTSRÜCKGANG
3.1. Einleitung
3.2. Die Bevölkerungstheorie von Thomas Robert Malthus
3.3. Die Bevölkerungstheorie von Karl Marx
3.4. Die Theorie des demographischen Übergangs
3.4.1. Grundlagen der Theorie des demographischen Übergangs
3.4.2. Modellhafte Darstellung der Theorie des demographischen Übergangs

4. VORBEDINGUNGEN DES FERTILITÄTSRÜCKGANGS

5. THEORIEN UND KONZEPTE ZUR ERKLÄRUNG DES FERTILITÄTSRÜCKGANGS
5.1. Makroökonomische Theorien zum Fertilitätsrückgang
5.1.1. Kinglsey Davis’ Theory of Multiphasic Response
5.1.1.1. Migration und ihr potentieller Einfluss auf die Fertilität
5.1.2. Caldwell’s Wealth-Flows-Theory
5.2. Mikroökonomische Theorien
5.2.1. Gary Becker’s fertility demand-theory und price of time model
5.2.2. Easterlin’s synthesis framework und die Easterlin hypothesis
5.2.3. Bulatao und Lee’s demand and supply model
5.2.4. Buchmann, DiPrete & Powell’s wealth maximisation hypothesis
5.2.5. Diane Macunovich’s relative income model
5.2.6. Butz und Ward’s countercyclical fertility
5.2.7. Ermisch’s political economy of demographic change
5.2.8. Kritik an ökonomischen Theorien zum Fertilitätsrückgang
5.2.9. McNicoll’s institutional approach
5.2.10. Political economy of fertility
5.2.11. Hakim’s preference theory
5.3. Natürliche Fertilität

6. KLASSIFIZIERUNG DER DETERMINANTEN DES FERTILITÄTSRÜCKGANGS
6.1. Sozioökonomische und gesellschaftlich-kulturelle Determinanten .
6.2. Das Determinantenmodell von Freedman
6.3. Sozioökonomische Determinanten des Fertilitätsrückgangs
6.3.1. Verringerung der Säuglings- und Kindersterblichkeit
6.3.2. Schulbildung
6.3.3. Erwerbstätigkeit der Frau, Erwerbstätigkeit der Kinder
6.3.4. Gesellschaftlicher Status der Frau
6.3.5. Einkommensverbesserungen, Einkommensverteilung
6.3.6. Zunehmende Urbanisierung
6.4. Intermediäre Variablen des Fertilitätsrückgangs
6.4.1. Festlegung der Variablen
6.4.2. Spezifische Darstellung intermediärer Variablen
6.4.2.1. Erhöhung des Heiratsalters
6.4.2.2. Stillen als Fruchtbarkeitsvariable
6.4.2.3. Freiwilliger Schwangerschaftsabbruch - Abtreibung
6.4.2.4. Empfängnisverh Ütung, Familienplanung und staatliche Einflussnahme
6.5. Die Rolle von Kultur in der Erklärung eines bestimmten Fertilitätsverhaltens
6.5.1. Überblick
6.5.2. Spezifizierung von ‘Kultur’
6.5.3. Diffusion und Verbreitung neuer kultureller Werte

7. BEVÖLKERUNG UND FERTILITÄT IN ASIEN
7.1. Einleitung
7.2. Entwicklung und Struktur der Bevölkerung in Asien
7.2.1. Überblick
7.2.2. Zunahme der Lebenserwartung in Asien
7.3. Veränderungen der Fertilitätsraten in Asien und seinen Regionen
7.3.1. Einleitung
7.3.2. Entwicklung der Fertilitätsraten in Ost- und Zentralasien
7.3.3. Entwicklung der Fertilitätsraten in Süd- und Südwestasien
7.3.4. Entwicklung der Fertilitätsraten in Südostasien
7.4. Gliederung der Länder Asiens nach ihrem Fertilitätsniveau
7.5. Altersspezifische Fertilitätsraten der Länder Asiens
7.6. Länder mit niedriger Fertilität
7.6.1. Das Beispiel Thailand
7.6.1.1. Entwicklung der absoluten Bevölkerungszahl sowie der rohen Geburten- und Sterberate in Thailand
7.6.1.2. Entwicklung der Gesamtfruchtbarkeitsrate in Thailand
7.7. Länder mit mittlerer Fertilität
7.7.1. Das Beispiel Vietnam
7.7.1.1. Entwicklung der absoluten Bevölkerungszahl und der rohen Geburten- und Sterberate in Vietnam
7.7.1.2. Entwicklung der Gesamtfruchtbarkeitsrate in Vietnam
7.8. Länder mit hoher Fertilität
7.8.1. Die Beispiele Kambodscha und Laos
7.8.1.1. Entwicklung der absoluten Bevölkerungszahl und der rohen Geburten- und Sterberate in Kambodscha und Laos
7.8.1.2. Entwicklung der Gesamtfruchtbarkeitsrate in Kambodscha und Laos

8. DETERMINANTEN DES FERTILITÄTSRÜCKGANGS
8.1. Fertilität und kultureller Kontext in Thailand
8.1.1. Einleitung
8.1.2. Fertilität und weibliche Autonomie in kulturellem Kontext
8.1.3. Fertilität in religiösem Kontext
8.1.4. Weitere fertilitätsbeeinflussende kulturelle Faktoren
8.2. Intermediäre Determinanten der Fertilität
8.2.1. Heiratsalter als intermediäre Determinante der Fertilität in Vietnam und Laos
8.2.2. Alter der Frau bei der ersten Geburt in Vietnam
8.2.2.1. Postnatale Unfruchtbarkeit, Abstinenz und Unempfänglichkeit in Vietnam
8.2.3. Abtreibung in Kambodscha und Vietnam
8.2.4. Empfängnisverhütung und Familienplanung
8.2.4.1. Empfängnisverh Ütung und Familienplanung in Kambodscha
8.2.4.2. Empfängnisverh Ütung und Familienplanung in Laos
8.2.4.3. Empfängnisverh Ütung und Familienplanung in Thailand
8.2.4.4. Empfängnisverh Ütung und Familienplanung in Vietnam
8.3. Sozioökonomische Determinanten der Fertilitätsrückgangs
8.3.1. Verringerung der Säuglings- und Kindersterblichkeit
8.3.2. Schulische Bildung als Determinante der Fruchtbarkeit
8.3.2.1. Alphabetisierungsraten
8.3.2.1.1. Thailand
8.3.2.1.2. Kambodscha
8.3.2.1.3. Laos
8.3.2.1.4. Vietnam
8.3.3. Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Fertilität
8.3.4. Erwerbstätigkeit und Fertilität
8.3.5. Migration, Urbanisierung und Fertilität
8.3.5.1. Migration und Urbanisierung in Kambodscha
8.3.5.2. Migration und Urbanisierung in Vietnam
8.3.5.3. Migration und Urbanisierung in Laos
8.3.5.4. Migration und Urbanisierung in Thailand
8.3.6. Urbanisierung und Fertilität

9. SCHLUSSBETRACHTUNG

10. LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Danksagung

Danken möchte ich an dieser Stelle meinen Studienkolleginnen und Studienkollegen. Mit ihrer Hilfe und Unterstützung war der Weg durch das Studium um einiges leichter

Herzlichen Dank an Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr. Karl Husa dafür, dass er die Betreuung meiner Diplomarbeit übernommen hat. Danke für die eine oder andere (manchmal sehr notwendige) motivierende E-Mail

Herzlichen Dank an meine Eltern und meine Oma für die Unterstützung aus der Ferne

Besonders bedanken möchte ich mich auch bei Peter für das Korrekturlesen meiner Diplomarbeit (aus Interesse, wie er sagt)

Einen dicken Kuss an meine Freundin Barbara dafür, dass sie mich während des Schreibens immer unterstützt und motiviert hat; von ihrer großen Hilfe beim abschließenden Korrigieren und Formatieren ganz zu schweigen

1. EINLEITUNG

Bevölkerung, im Sinne ihrer Größe, Komposition und Veränderung, spielt in der Entwicklung jeder Gesellschaft eine herausragende Rolle. Dabei beeinflussen die Bevölkerungsvariablen den sozialen Frieden, Wohlstand und wirtschaftliche Prosperität sowie Ernährungs-, Energie-, Ökologie-, Gesundheits- und Ressourcenfragen. Insbesondere die Geburtenzahlen sind ein maßgebender Einflussfaktor auf die natürliche Bevölkerungsbewegung, sprich deren Zu- oder Abnahme.

Das Reproduktionsniveau zog schon immer die Aufmerksamkeit und das Interesse von Machthabern, politischen und religiösen Führern sowie privater und öffentlicher Gesundheitsorganisationen auf sich. Mit der Einführung des Terminus Bevölkerungsexplosion in den allgemeinen Sprachgebrauch wuchs auch das Interesse der breiten Masse an bevölkerungsspezifischen Themengebieten. Der Begriff wurde zum Schlagwort seiner Zeit. Die Tragfähigkeit der Erde wurde in Frage gestellt, Hungerkatastrophen aufgrund künftiger Überbevölkerung zum Schreckgespenst stilisiert. Viele sahen darin die Befürchtungen von Thomas Robert Malthus - der Anstieg der Nahrungsproduktion wird nicht mit der exponentiell wachsenden Bevölkerung mithalten können - bestätigt. Die rasant zunehmenden Bevölkerungszahlen in den Entwicklungsländern - als Folge sinkender Sterberaten und gleichzeitig auf hohem Niveau bleibender Fertilitätsraten1 - schienen dieses Szenario zu unterstützen und zugleich immer näher zu rücken.

Der Zeitpunkt, dieser Entwicklung in den Ländern der Dritten Welt entgegenzuwirken, war gekommen. Die Implementierung familienplanerischer fertilitätsregulierender Maßnahmen förderte im Gefolge sozioökonomischer und gesellschaftlicher Verbesserungen und Veränderungen den Rückgang der Geburtenraten in verschiedenen Gesellschaften zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in divergierender Ausprägung. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hatten die Fertilitätsraten weltweit einen großteils starken Rückgang erfahren und die globalen Bevölkerungswachstumsraten sich dementsprechend verlangsamt.

Um Interdependenzen der Vielzahl ökonomischer, sozialer und gesellschaftlicher Prozesse und deren Einflussnahme auf das Fruchtbarkeitsniveau erkennen zu können, wird diese Arbeit damit begonnen, die theoretische Fundierung der Bevölkerungswissenschaft zu erörtern und die Position der Fertilität als eine ihrer Variablen festzulegen.

In diesem Sinne wird einleitend auf die Rolle der Fertilität innerhalb der Disziplin eingegangen um anschließend den Überblick über Theorien und Konzepte zum Fertilitätsrückgang mit einer Darstellung ‚klassischer’ Theorien zum Fruchtbarkeitsverhalten beginnen zu können. Darüber komme ich im Anschluss zur Theorie des demographischen Übergangs, die der Bevölkerungswissenschaft innerhalb ihres disziplinären Rahmens in gewisser Weise die Basis wissenschaftlichen Arbeitens ist. Anschließend daran und in Hinblick auf die Klärung der grundlegenden Frage, weshalb man überhaupt Kinder bekommt, wird überblicksartig der Wert des Kindes als Basis von Kindesentscheidungen zu klären versucht.

Da auch die Theorie des demographischen Übergangs Schwächen und Unzulänglichkeiten in ihrer Konzeption und ihrem Erklärungspotential aufweist, wird in einem folgenden Kapitel ein Überblick über Theorien, die diesbezüglich Modifizierungen und die Integration zusätzlicher Ideen und Ansätze versuchen, gegeben. Dabei wird zwischen Theorien auf Makro- und Theorien auf Mikroebene ökonomischen Handelns unterschieden werden. In Anbetracht der Tatsache, dass die Theorie der demographischen Transformation die individuelle ökonomische Ebene des Handelns in ihrer Konzeption großteils unbeachtet lässt, wird in Zuge dessen besonderes Augenmerk auf mikroökonomische Theorien gelegt. Im Anschluss daran beschriebene Theorien beziehen zusätzlich zu ökonomischen und individuellen Verhaltensweisen institutionelle Rahmenbedingungen von Fertilitätsentscheidungen in ihre Überlegungen mit ein.

Nach diesem Überblick der theoretischen Fundierung des Fertilitätsniveaus folgt eine Beschreibung seiner Determinanten. Bevor auf die jeweiligen Einflussfaktoren einzeln eingegangen werden kann, werden diese in unterschiedlichen Determinantenmodellen ihrer Einflussnahme entsprechend klassifiziert und geordnet.

Einleitend zum zweiten Teil meiner Arbeit - in dem anhand ausgewählter Beispiele die Ausprägung und Wirksamkeit der im ersten Teil behandelten Determinanten gezeigt werden soll - wird die Entwicklung der Bevölkerung in Asien und seinen Teilregionen als Ausgangspunkt weiterer Überlegungen dargestellt. Ebenso wird in diesem Teil der Arbeit auf die Entwicklung der Fertilitätsniveaus in Asien, seinen Regionen und Ländern Bezug genommen. Aus den gewonnen Erkenntnissen folgt anschließend eine Gliederung der Länder Asiens nach ihrem momentanen Fruchtbarkeitsniveau.

Basierend auf dieser Gliederung wird im Weiteren die Wirksamkeit fertilitätsbeeinflussender Determinanten an Beispielen aus Kambodscha, der Volksrepublik Laos, Thailand und Vietnam gezeigt, um den Weg, den diese Länder in der Erreichung ihres heutigen Fertilitätsniveaus gegangen sind nachzeichnen und die fertilitätsbeeinflussende Wirkung der Determinanten verifizieren zu können.

2. BEVÖLKERUNGSWISSENSCHAFT UND FERTILITÄT

2.1. Theoretische Rahmenbedingungen des Fertilitätsrückgangs

Will man den Rückgang der Fruchtbarkeit entlang sozialer und ökonomischer Prozesse erläutern, ist es Voraussetzung Demographie und Bevölkerungsgeographie als spezifische Gebiete der Sozialwissenschaften aufzufassen.

Eingebettet in diese Wissenschaft des Sozialen, deren Aufgabe es ist kohärentes Verständnis menschlichen Verhaltens mit all seinen intendierten oder gegebenenfalls auch unbeabsichtigten Folgen zu entwickeln, soll die Relevanz der Demographie anhand einiger theoretischen Überlegungen und Konzeptionen bestätigt werden. Die Rolle von Theorie im wissenschaftlichen Arbeiten, die Position der Demographie bzw. der verschiedenen Theorien zum Fertilitätsrückgang innerhalb der Sozialwissenschaften, sowie eine Klärung der Elemente die dabei eine Rolle spielen, sollen dementsprechend dargestellt werden.

Konzepte, Modelle und auch Theorien werden in den Sozialwissenschaften - mehr oder weniger elaboriert - oftmals explizit, oftmals implizit verwendet. Soll dieses Konzept, dieses Modell oder diese Theorie universal geltend gemacht werden, so muss es einen Rahmen bereitstellen, innerhalb dessen Verhalten interpretiert werden kann. Dieser Rahmen soll stabil in seiner Konzeption und doch auch flexibel in Hinblick auf Neuerungen, Eigenarten und Erfordernisse spezieller Situationen sein. Theorie soll demnach soziales Verhalten abstrahieren helfen, sich in Zuge dessen aber nicht späteren Spezifizierungen gegenüber verschließen (Vgl. Homans 1972, S.812).

Eine grundlegende Rolle dieses theoretischen Rahmens ist es, die in der Analyse involvierten Variablen in ihrer Relation und Relevanz zum studierten, bzw. untersuchten Objekt darzustellen. Diese Einflussnahme soll verstanden werden. Es sollte erklärt werden können, warum eine solche Beziehung besteht. Die Mechanismen - seien es kausale oder, auf individueller Ebene, mentale und logische Prinzipien - durch die sich verschieden Variablen gegenseitig beeinflussen, müssen erfasst werden.

Oft findet dieses Mechanismenspiel auf niedrigerer Ebene statt, als die prinzipiellen Determinanten, die das beobachtete Phänomen beeinflussen. Das bedeutet, dass die Analyse auf diese Ebene hinabsteigen muss, um die ‚oberflächlichen’ Prozesse und Reaktionen verstehen zu können (Vgl. DeBrujin 1999). Jede Ebene eröffnet dabei neue Perspektiven und Chancen des Verstehens, ohne dabei die Integrität und Bedeutung höherrangiger Phänomene zu eliminieren. Die Verbindungen und Interaktionen dieser verschiedenen Ebenen verlangen nach konzeptionellen Rahmenbedingungen, allgemein gültigen und interpretierbaren Standards.

2.2. Fertilität als Variable der Bevölkerungswissenschaft

Fertilität als Variable der Demographie - einer Sozialwissenschaft - umfasst einen weit gespannten Bogen theoretischer Konzeptionen. In ihren Auslegungen oft weit von Gemeinsamkeiten entfernt reichen diese von global bis regional, von institutionell bis individuell; von dort weiter zu zwischenmenschlich und gesellschaftlich. Das Treffen von Entscheidungen, der Erhalt und die Verbreitung von Informationen oder manchmal auch physiologische Prozesse können die Ausformulierung von Theorien ebenso erschweren.

Eine demographische Analyse muss sich also aus dieser Vielfalt von Konzepten, Theorien und Modelle derer Variablen annehmen, welche relevant Einfluss auf das zu untersuchende Phänomen nehmen könnten.

Hilfreich beim Finden einer Perspektive ist dabei die Unterscheidung zwischen Analyse auf Makroebene und Theoriefindung auf Mikroebene. Diese Dualität ordnet dem Begriff Makro Konzeptionen von Gesellschaft und sozialen Systemen sowie diese Systeme betreffende Phänomene zu, wogegen der Begriff Mikro individuelle Aktionen und Reaktionen und die persönlichen Möglichkeiten von Wahl, Emotion, Denken und Motivation meint (Vgl. Lindenberg 1986, 21 ff.).

In ähnlicher Weise kann auch die Demographie innerhalb der Sozialwissenschaften situiert werden. Ihr primärer Focus ist die Erklärung von Makroebene-Phänomenen: Bevölkerungszahl, Alters- und Geschlechter- komposition der Bevölkerung, Migration, Heiratsverhalten, usw. Genauso wird aber zum Beispiel auch die Differenzierung von Sub-Populationen nach sozioökonomischen und soziokulturellen Kriterien auf Makroebene beleuchtet. All diese Inhalte tangieren dabei aber natürlich auch die Mikroebene individuellen Verhaltens und individueller Entscheidungen.

Demographie involviert ferner auch angrenzende Felder wie Verhältnisse am Arbeitsmarkt, Verjüngung und Alterung der Bevölkerung mitsamt deren Folgen, Familienplanung, nachhaltige Entwicklung, Gesundheitssysteme, et cetera. Sie betrifft demnach gesellschaftliche Teilbereiche als auch die Gesellschaft per se. Für die Demographie relevante Sachverhalte sind in vielerlei Hinsicht oft Variablen der Makroebene, wie etwa: Bevölkerungsstruktur, Gesundheitswesen, Erziehungswesen, Wirtschaft, Sozialwesen, Gesetzgebung, Religion und Kultur. Auftretende Phänomene sind dabei wiederum die Folge individueller Aktionen und Interaktionen. Theoretische demographische Annäherungen müssen demnach eine Analyse auf Mikroebene ebenso beinhalten wie obenstehende Faktoren der Makroeben, denn nur so kann Verständnis für demographische Phänomene geschaffen werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Bedingungen der Sozialwissenschaft Grundlage für theoretische Rahmenbedingungen der Demographie schaffen können, denn diese ist - bewiesener Maßen - eng mit gesellschaftlichen und strukturalen Aspekten auf Makroebene verknüpft, bzw. davon abhängig (Vgl. Lindenberg 1990).

Diese Verknüpfung kann auch als das Grundprinzip für die Erarbeitung von Theorien zum Fertilitätsrückgang gesehen werden, denn es ist die Analyse auf individueller Ebene, mit Hilfe derer die Frage nach der Verknüpfung der beiden Ebenen erklärt werden kann. Diese Verknüpfung soll untenstehende Abbildung (Abb. 1) illustrieren. Individuelles Verhalten wird dabei im Kontext, in den das jeweilige Individuum eingebunden ist, dargestellt.

Abb. 1: Zusammenhang zwischen Makro- und Mikroebene.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: DeBruijn 1999, S.18.

Nicht vergessen werden darf bei diesem statischen Modell der Verknüpfung von Mikro- und Makroebene die Komponente Zeit, die dem Ganzen Dynamik im Sinne von Wandelbarkeit in historischem und temporärem Kontext verleiht. Eine Transition der beiden Ebenen findet in zweierlei Hinsicht statt. Einerseits in der Art und Weise wie die mögliche Einflussnahme des sozioökonomischen und des soziokulturellen Kontexts auf das Individuum wirkt und andererseits wie die Millionenschaft verschiedener individueller Verhaltensweisen in ein soziales und kollektives Phänomen gewandelt wird.

Individuelles Verhalten spielt demnach, genauso wie der soziale Kontext und Interaktionen zwischen diesem und dem Individuum, in der Theoriefindung zum Fertilitätsrückgang, eine sehr entscheidende Rolle. Ebenso darf aber die zeitliche Komponente nicht außer Acht gelassen werden, denn das Leben von Individuen ist eine kontinuierliche Kette von Situationen. Dabei bleibt jedem Individuum die Wahl, diesen Situationen entsprechend und nach eigenem Gutdünken aus einer Anzahl von Verhaltensweisen zu wählen. Jeder steht in solchen Situationen vor Entscheidungsproblemen, basierend auf der Bedeutung einer jeweiligen Situation. Entschieden wird dabei nach der Bedeutung eben dieser Situation, aber ebenso anhand der Abwägung von Optionen, Konsequenzen und Zielen, die das jeweilige Individuum, entsprechend seiner Persönlichkeit, einer gewissen Entscheidung abgewinnen kann.

Die Entscheidungen des Individuums werden dabei in einem gewissen Kontext getroffen, der natürlich per se ein beeinflussender Faktor ist. Er determiniert Verhalten indem er Menschen zu Gemeinschaften zusammenfasst und Abhängigkeiten schafft. Kontext ist strukturierende Kraft und ist dabei auch selbst strukturiert. Kontext ist vieldimensional; er beinhaltet zum Beispiel soziale, kulturelle und wirtschaftliche Dimensionen; er ist vielschichtig und reicht von lokal bis global. Kontext muss als Struktur von Institutionen verstanden werden die in Form von Möglichkeiten und Beschränkungen, Folgen und Erwartungen, Rechten und Pflichten, Anreizen und Sanktionen, Richtlinien und Sichtweisen von Welt Einfluss auf den Menschen und seine Entscheidungen nehmen (Vgl. Burns and Flam 1987).

Will man sich einen Überblick verschaffen, über Theorien die alle oben genannten Faktoren in irgendeiner Weise verknüpfen können - in einen Rahmen bringen können - so wird man zweifelsohne ein ambivalentes Bild erhalten. Theoretische Annäherungen an das Thema Fertilität decken viele verschiedene Aspekte des menschlichen Reproduktionsverhaltens ab. Doch all diese Annäherungen scheinen das Ziel, ein grundlegendes Paradigma zu schaffen, in gewisser Weise zu verfehlen. Zu wenig konzertiert scheint die Ideen- und Theorienvielfalt, zu unterschiedlich die diversen Zugangsweisen. Die Situation in der Bevölkerungswissenschaft - der Bevölkerungsgeographie - ist gekenn- zeichnet durch unvollständige bzw. konkurrierende Theorien. Der Demographie und damit auch den Ansätzen zur Erklärung des Fertilitätsverhaltens scheint eine einheitliche theoretische Fundierung zu fehlen.

Demographie wird in höchstem Maße von ihrem Studienobjekt - Bevölkerung und Bevölkerungsveränderung - bestimmt, vielmehr als von konzeptuellen Grundlagen des ‚wie studiert man Bevölkerung und Veränderungen derselben’. Es sind die Eigenschaften bestimmter bevölkerungsrelevanter Phänomene wie etwa Fertilität, Mortalität, Migration, Heiratsverhalten usw. und spezifische Ereignisse wie Geburten, Sterbefälle oder auch Wanderungsverhalten, welche die Demographie als Disziplin ausmachen, vielmehr, als es die theoretischen Fundierungen sind.

Der Focus liegt daher auf der Erklärung bestimmter Ereignisse, vielmehr als auf der Findung einer einheitlichen Konzeption der Demographie als Wissenschaft. Unvoreingenommen könnte man die Demographie nennen. Aufgrund dieser Tatsache ist es möglich, innerhalb der Demographie als Disziplin, eine Vielzahl theoretischer Annäherungen an bevölkerungsrelevante Themenstellungen zu versammeln, die ihren konzeptuellen Ursprung in anderen, manchmal nicht einmal benachbarten Disziplinen haben: Anthropologie, Biologie, Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Geschichte, und Medizin. Ein interdisziplinärer Charakter demographischer Themen ist dadurch gegeben (Vgl. de Bruijn 1999, S.39).

3. KLASSISCHE THEORIEN ZUM FERTILITÄTSRÜCKGANG

3.1. Einleitung

Ein Überblick über Theorien zur Fertilität des Menschen als demographisches Phänomen kann auf verschiedene Arten und entlang differenzierender Kriterien erfolgen. Die Gesamtheit theoretischer Ansätze wiederspiegelt ein weites Feld von Themendefinitionen, Annäherungen, Ausgangspunkten, Abstraktionsebenen sowie variierende Methodologien. Die daraus resultierende Theorienlandschaft zur Fertilität erscheint wie ein Flickenteppich; oft wenig kohärent, manchmal sehr vage.

Einer Klassifizierung nützlich ist die von Hawley (1980, S.174) aufgegriffene Differenzierung zwischen Theorien die sich mit der Makroebene und jenen die sich mit der Mikroebene auseinandersetzen. Theoretische Annäherungen an das Thema Fertilität auf Makroebene - wie etwa die Theorie von Malthus oder die Theorie des demographischen Übergangs - beziehen sich auf Charakteristika der Bevölkerung in ihrer Beziehung zu makroökonomischen und politischen Gegebenheiten und Veränderungen. Sie befassen sich mit einer - im Sinne von kollektiv - oberflächlichen Struktur. Die tiefer liegenden Variablen des menschlichen Verhaltens und der menschlichen Natur werden nur wenig und wenn, dann oft nur implizit in theoretische Überlegungen miteinbezogen. Mithilfe dieser Theorien gewonnene Erkenntnisse sind oft nicht begründbar sondern Schlussfolgerungen, die auf rein empirischen Beobachtungen beruhen.

Theorien, die sich der Fertilität auf Mikroebene nähern - wie psychologische, institutionelle oder mikroökonomische -, sind da schon um einiges elaborierter und expliziter. Das Individuum mit bestimmten Wesenszügen, Fähigkeiten und Einschränkungen - dessen Entscheidungen schlussendlich gesellschaftliche Auswirkungen haben - ist das grundlegende Element der Erklärung. Dies meint auch, dass die relative Autonomie und die Freiheit zu wählen von Wichtigkeit ist. Das Verhalten von Individuen oder Gruppen wird in die Theoriebildung miteinbezogen, ebenso wie soziale Phänomene, seien sie greifbar wie etwa Lebensumstände und hygienischen Bedingungen oder aber abstrakt wie soziale Normen und Familiensysteme.

Andere Theorien wiederum versuchen eine Verbindung zwischen Makro- und Mikroebene zu schaffen. Dabei richtet sich ihr Interesse primär auf soziale Strukturen, wobei die individuelle Ebene aber nicht außer Acht gelassen wird. Sie versuchen damit einen Link zwischen individuellem Verhalten und sozialen bzw. gesamtgesellschaftlichen Folgen zu etablieren.

Jede Art der Fertilitätstheorie hat ihren bestimmten Ausgangspunkt, und nicht unbedingt ist dieser innerhalb der Demographie angesiedelt. Damit wird aber auch klar, dass außenstehende theoretische Konzeptionen in das Feld der Demographie eindringen, ihr dadurch aber auch etwas mehr Farbe verleihen.

Die Rolle, die Theorie in der Bevölkerungswissenschaft - und auch in der Bevölkerungsgeographie - zu spielen hat, ist bis heute nicht explizit festgelegt. Während der 1980er und 1990er Jahre wurden diesbezüglich Stimmen laut, die der Bevölkerungsgeographie und Demographie vorschlugen, „to take heed of developments in other parts of human geography and in related social sciences“ (Graham 2000, S.1).

Trotzdem scheint man in der Bevölkerungsgeographie und Demographie nicht vom vorherrschenden und dominanten Empirizismus abrücken zu wollen. Vielleicht, weil Debatten über Theorien abstrakt und oft empirischen Untersuchungen entrückt erscheinen; weil eine Brücke zwischen Theorie und Praxis nur schwer zu bauen ist. Oder, weil „the nature and variety of theoretical positions that might underpin a (re)theorised population geography make the task of theory development particularly daunting. [...] the explicit articulation of these theoretical underpinnings is a matter of considerable complexity and requires that we attend to several inter-related ‘layers’ of theory” (Graham 2000, S.2).

Die Einbeziehung neuer Ideen, Ansätze und Methoden eröffnet der Bevölkerungsgeographie und allgemein der Demographie neue Möglichkeiten, die ihr dabei helfen könnten, die Reputation einer Wissenschaft „of all methods and no theory“ (Greenhalgh 1996, S.26) loszuwerden.

Dazu aber müssen die Beziehungen zwischen Methoden und Theorien erkannt werden und sich Potential etwaiger neuer Ansätze und Theorien entfalten. Erst dann ist Theorie der Bevölkerungsgeographie kein optionales Extra mehr.

Theorie ist dabei - generalisierend - jede Ideensammlung oder Konzeptionalisierung, die über die Besonderheiten des Einzelnen hinausgeht und damit ein allgemein gültigeres Rahmenwerk - eine generelle umweltliche Darstellung von Umständen, Beziehungen oder Ereignisse - bereitstellt. Zusätzlich muss Theorie Aussagekraft besitzen, sie muss erklären können. Mit anderen Worten, sie muss dazu beitragen können, Umstände, Beziehungen und Ereignisse verständlich zu machen.

Im Folgenden soll ein Überblick über Theorien zur Fertilität gegeben werden. Überblick impliziert dabei ein bestimmtes Niveau an Abstraktion, was wiederum eine gewisse Reduktion auf die wesentlichen Konzeptionen und Aussagen der verschiedensten Theorien bedeutet.

Beginnend mit historischen Annäherungen an das Thema Bevölkerung gelange ich in dieser Arbeit im Anschluss zur klassischen Theorie der demographischen Transformation. Die theoretische Annäherung an das Thema Bevölkerung wurde von Malthus im 18. Jahrhundert begonnen und läuft seitdem - bis heute - weiter. Die Theorie der demographischen Transformation, ein Konstrukt des 20. Jahrhunderts, wird im Anschluss daran zusammenfassend dargestellt. Beide genannten Ansätze bieten ein allgemeines Verständnis von Bevölkerungszusammenhängen und tangieren dabei individuelle Umstände und Ereignisse. Beide zeigten sich ungewöhnlich ausdauernd, trotz manchmal harter Kritik. Wie auch immer man selbst diesen Ansätzen gesonnen ist, sie sind (zumindest) eine Art demographischer Theorie.

Von diesen ‚Klassikern’ gehe ich weiter zu Adaptionen und Adaptionsversuchen der Theorie der demographischen Transformation. Daran anschließend gebe ich einen Überblick über weitere Theorien und Ansätze zum Phänomen sinkender Geburtenraten ohne expliziten Bezug zur klassischen Theorie demographischen Wandels. Wo es mir angebracht scheint, versuche ich eine kurze Kritik - jedoch ohne den jeweiligen Ansatz in Frage zu stellen - anzubringen. Das Gros bilden dabei mikroökonomische Theorien und Ansätze; kurz skizziere ich institutionelle Ansätze sowie psychologische Versuche, wie etwa jenen von Kathrin Hakim (Vgl. Kap. 4.2.11.) Der Rolle, die kulturelle Faktoren im Geburtenrückgang spielen, hoffe ich angemessen zu begegnen, ebenso der Diffusion von Ideen und Werten zum Fertilitätsverhalten.

3.2. Die Bevölkerungstheorie von Thomas Robert Malthus

Wissenschaftliche Abhandlungen, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts verfasst worden waren und sich dem Thema Bevölkerung widmeten, können landläufig als nützliche Basis der Formierung eines bevölkerungs-wissenschaftlichen Faches gesehen werden. Ideen und Beobachtungen waren in vielerlei Hinsicht für viele Prinzipien von Bevölkerung, Bevölkerungswachstum und -entwicklung richtungsweisend. Oft deuteten sie auch auf die Wichtigkeit bzw. mögliche Funktionen öffentlicher Einflussnahme hin, doch blieben solcherlei Untersuchungen zum großen Teil spekulativ und auf einer niederen Ebene der Generalisierung.

Erst die Veröffentlichungen von Thomas Robert Malthus läuteten die Geburtsstunde der modernen Demographie ein. In seinem immer wieder revidierten und neu aufgelegten Essay on the Principles of Population ist er der erste, der sich umfassend mit einem Konzept der Bevölkerung befasst, das sich generalisierten Gesetzmäßigkeiten und deren einflussnehmenden Faktoren von Wachstum und Dekrementierung verpflichtet sieht. Sein theoretisches Gedankengebäude fußt auf den politischen, ökonomischen, sozialen und schließlich noch auf den - zu Malthus’ Zeit - puritanischen Moralvorstellungen (Vgl. DeBruijn 1999, S.42).

Das Großbritannien von Malthus war eine Nation im Wandel. Das Feudalsystem starb einen langsamen Tod, beraubte viele Menschen ihres Grundbesitzes und damit ihrer Arbeit; zwang sie ihr Land zu verlassen. Die Industrielle Revolution steckte noch in ihren Kinderschuhen und die vereinzelt entstehenden Betriebe konnten die Masse der Arbeitssuchenden nicht aufnehmen. Gegen Ende des 18. Jahrhundert war Armut unumgänglich.

Zur selben Zeit brachte die Französische Revolution eine neue Gruppe von Schriftstellern und Philosophen hervor. Nach Meinung dieser Utopisten war die beinahe ubiquitäre Armut in Großbritannien eine Folge davon, dass die wohlhabende Oberschicht die Kontrolle über alle sozialen und politischen Institutionen hatte. Politische Macht sahen sie als indirekte Folge der ökonomischen Vorrangstellung der Oberschicht. Würde deren wirtschaftliche Macht gebrochen, so könnte die Masse der Armen die Gesellschaft in eine neue Form bringen, basierend auf Logik und Vernunft. Eine bessere Zukunft für alle. Niemand würde hungern, denn Ressourcen würden der Nachfrage entsprechend bereitgestellt, nicht zur Allokation von Besitz.

Dagegen aber argumentierte Malthus. Als Antwort auf die ihn umgebende Armut und als eine Art Gegengewicht zu den Zukunftsvisionen der Utopisten, veröffentlichte er seine Thesen. Er verweigert darin eine positiv-utopistische Sichtweise, denn seiner Meinung nach würde es nie genug Ressourcen geben um eine solch idealistische Gesellschaft zu unterstützen. Menschliches Leid und Elend sind für ihn unabwendbar.

Im Vorhinein sei gesagt, Malthus war trotz aller Fehler und Missdeutungen der erste, der eine systematische Analyse von Bevölkerungsgröße und -wachstum bereitstellte und diese modellhaft darstellte und argumentierte. Wie jedes Modell basiert auch das Malthusianische auf bestimmten Vorannahmen und Reduktionen der Realität. Bei ihm gibt es keinen technologischen Fortschritt, der damalige Anbaumethoden effizienter hätte machen können. Es besteht keine positive Beziehung zwischen Fertilität und Einkommen. Malthus sah dies vielmehr als Zusammenhang von Alter und Heirat. D.h., wenn das Einkommen hoch war, so heiratete man früher und die Geburtenrate stieg dadurch an. In schlechteren Zeiten heiratete man später und die Zahl der Geburten sank dementsprechend. Innereheliche Geburtenkontrolle tat er als nicht existent ab. In seinem Modell bestand jedoch eine positive Beziehung zwischen Einkommen und Mortalität.

Weiters nahm er eine negative Beziehung zwischen Einkommen und der Größe der Bevölkerung an. Das war für ihn das Ergebnis von diminishing returns to labour. Das heißt, dass bei gegebener Technologie und gegebenem Landbesitz mehr Arbeit in weniger Einkommen resultierte (Vgl. Guner 2003, S.3-4). Untenstehende Grafik soll die Beziehungen zwischen den einzelnen einflussnehmenden Faktoren noch einmal darstellen.

Abb. 2: Darstellung kausaler Zusammenhänge in der Bevölkerungstheorie von Malthus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Guner 2003, S.7. Geänderte Darstellungsweise.

Malthus beginnt seine Argumentation mit zwei Postulaten:

„First, That food is necessary to the existence of man. Second, That the passion between the sexes is necessary and will remain nearly in its present state” (Malthus 1985, S.70).

In anderen Worten: der Mensch wird auch in Zukunft essen müssen, und er wird sich auch in Zukunft fortpflanzen. Daran anschließend lässt Malthus in drei kurzen Absätzen die Kernaussagen seiner Theorie folgen.

„Population, when unchecked, increases in a geometrical ratio. Subsistence increases only in an arithmetical ratio. A slight acquaintance with numbers will shew [sic!] the immensity of the first power in comparison to the second.” (ibid, S.71; meine Hervorhebung) “By the law of our nature which makes food necessary to the life of man, the effects of these two unequal powers must be kept equal.” (ibid, S.71)

“This implies a strong and constantly operating check on population from the difficulty of subsistence. This difficulty must fall somewhere and must necessarily be severely felt by a large proportion of mankind.” (ibid, S.71)

Die zusammengefasste Aussage von Malthus kann nur folgende sein: eine Gesellschaft, wie sie die Utopisten vorhersagten, ohne Hunger und Armut, ist unmöglich. Die Menschen werden sich solange fortpflanzen, bis alle vorhandenen Nahrungsreserven verbraucht sind. Die Zunahme der Bevölkerung tendiert also dazu, den Produktivitätszuwachs zu übersteigen (Vgl. Lipsey & Carlaw 2000, S.1). Zu diesem Zeitpunkt aber, so Malthus, wird das Bevölkerungswachstum stoppen. Aus einem einfachen Grund: Hunger. Deshalb „The natural inequality of the two powers and of production in the earth, and that great law of our nature which must constantly keep their effects equal, form the great difficulty that to me appears insurmountable in the way to the perfectibility of society […]. And it appears, therefore, to be decisive against the possible existence of a society, all the members of which should live in ease, happiness, and comparative leisure; and feel no anxiety about providing the means for themselves and families. Consequently, if the premises are just, the argument is conclusive against the perfectibility of the mass of mankind.” (Malthus 1985, S.72)

Demzufolge nehmen Bevölkerung und Nahrungsangebot in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander zu, was impliziert, dass Bevölkerungen wachsen wo das Nahrungsangebot steigt. Damit verwarf Malthus auch merkantilistische Ansichten davon, dass die Bevölkerungszahl das nationale Wohlergehen determiniere. Er postuliert indes einen physiokratischen Standpunkt, der von einer durch Ressourcen determinierten Bevölkerung ausgeht. Demnach „population growth would be checked by the growth of food production and the Malthusian trap would emerge as a result of a dismally low level of per capita consumption” (Currais 2000, S.77).

Genauso kann aber auch ein Niveau erreicht werden, ab dem nicht mehr genug Menschen ernährt werden können und die überschüssige Bevölkerung folglich den Hungertod stirbt. Die Bevölkerungszahl wird demnach durch das Nahrungsangebot determiniert (Vgl. DeBruijn 1999, S.42).

In diesem Sinne verglich Malthus die Kapazität des Bevölkerungswachstums - welches geometrisch verlaufen könnte, aber nie völlig ausgeschöpft werden kann - mit einem hypothetischen Beispiel. Er beweist darin die Möglichkeit geometrischen Wachstums an einer bestimmten Sorte Getreide. Jedes gepflanzte Korn produziert dabei sechs Körner. Damit hat dieses Getreide die Reproduktionskapazität um sich innerhalb eines Jahres zu versechsfachen. Es sei dahingestellt zu sagen, dass es auch diesem Getreide nicht möglich ist, seine Kapazität zu erreichen. Nicht nur in Hinblick darauf, sondern auch in der Annahme, das mögliche Wachstum des Getreides auf das mögliche Wachstum der Bevölkerung zu beziehen, hinkt der Vergleich.

Seine Versuche, eine Bevölkerung mit einer solch maximalen Zunahme zu finden, führten ihn schließlich zu den Vereinigten Staaten, die erst jüngst ihre Unabhängigkeit erlangt hatten. Das Überangebot an Land und Nahrung sollten sein Beweis für das Wachstum der menschlichen Bevölkerung in geometrischem Ausmaß sein. Genauso wenig durch empirische Forschung bewiesen, sollte das arithmetische Wachstum des Nahrungsangebots sein. Seiner Meinung nach, würde sich dieses alle 25 Jahre verdoppeln. Er rechtfertigt seine Annahme mit der Aussage, dass „the most enthusiastic speculator cannot suppose a greater increase than this” (Malthus 1985, S.74). Dadurch wird aber auch eine persistente Schwäche in Malthus’ Beweisführung sichtbar; seine augenscheinliche Theoriebezogenheit und seine Abneigung gegenüber empirischen Beweisen.

Akzeptiert man seine Hypothese trotzdem, so ist der nächste Schritt seiner Argumentation eine Analyse der Folgen derselben. D.h., wenn das Bevölkerungswachstum ungehemmt bleibt, würde es das Nahrungsangebot weit übersteigen. Die Konsequenzen wurden bereits oben erwähnt, der Tod der ‚überschüssigen’ Bevölkerung. Doch mit rational denkenden, intelligenten Menschen wird eine solche Vorhersage schwieriger.

Malthus kategorisierte mögliche Einflussnehmer auf das Bevölkerungswachstum nach positive und preventative checks. „The positive checks not only include famine and starvation, but also other ‚misery’, like epidemics, wars and plagues” (DeBruijn 1999, S.42). Die preventative checks hingegen, operieren durch freiwillige Akte der Menschen, um die Anzahl ihrer Kinder zu reduzieren.

„The labourer who earns eighteen pence a day and lives with some degree of comfort as a single man, will hesitate a little before he divides that pittance among four or five, which seems to be just sufficient for one” (Malthus 1985, S.91).

Damit meint Malthus die Idee des Vorausschauens bzw. des Planens. Die Wahl ein Kind nicht zu haben im Gegensatz zu blindem Reproduzieren ist die grundlegendste Form der preventative checks (Vgl. Brezis & Young 2000, S.4). Ähnliche Restriktionen, primär ökonomischer Natur, existieren laut Malthus in allen Gesellschaftsschichten. Doch je weiter man die soziale Leiter nach unten steigt, desto stärker treten diese in den Vordergrund. An diesem unteren Ende sind die preventative checks am stärksten in ihrer Einflussnahme, denn nur ‚gewöhnliche’ Menschen werden jemals die Möglichkeit, zukünftige Kinder nicht ernähren zu können, in Betracht ziehen müssen.

In einer späteren Auflage seines Essay On the Principle of Population, fügte er der Unterscheidung positive und preventative checks noch eine zusätzliche Kategorie hinzu, die Unterscheidung von V ice and Misery. Dieses zweite System der Unterscheidung folgte einer mehr auf moralischen Restriktionen basierenden Sicht. Grob umrissen meint diese Unterscheidung externe, d.h. von Außen auf den Menschen einwirkende Faktoren sowie interne Faktoren, die vom Menschen selbst ausgehen. Misery beinhaltete ähnliche Faktoren wie vorher genannte positive checks, wogegen Vice ein Konzept war, dass Malthus - mit einer für seine Zeit typischen Sensibilität - nicht näher definierte. Erst in einer noch späteren Ausgabe seines Erstlingswerks kam er einer Definition von Vice - im Sinne von preventative - nahe: „The sort of intercourse which renders the women of a large town unprolific; a general corruption of morals with regard to the sex, which has a similar effect; unnatural passion and improper arts to prevent the consequences of irregular connections” (Malthus 1985, S.250).

Mit diesen, zu seiner Zeit äußerst delikaten Worten, bezieht er sich auf Prostitution, Geschlechtskrankheiten, Homosexualität und, das ist besonders erwähnenswert, Abtreibung und Geburtenkontrolle.

Malthus war sich über die äußerst negative Natur seiner Vorhersagen für die Menschheit im Klaren. In der Tat erwähnte er schon im Vorwort der Erstausgabe seines Hauptwerkes, dass er „would rejoice in a conviction of his error“, falls er sich in seinen Überlegungen geirrt hätte (Malthus 1985, S.62). Denn, in grundlegender Weise prophezeite er den Menschen seiner Zeit das Ende aller Hoffnungen für eine friedliche und gerechte Zukunft - Elend und Armut waren unumgänglich.

Die von Malthus postulierten negativen Aussichten für die Menschheit wurden in späterer Folge vom Lauf der Geschichte eines besseren belehrt. Dadurch wurde auch klar, dass viele seiner Schlussfolgerungen zu einfach gedacht oder weitgehend falsch gewesen sind. Malthus’ Bevölkerungstheorie wurde zu einem fruchtbaren Boden für Kritiker; sie fanden genügend Hebel, um seine Thesen zu revidieren oder als gänzlich falsch abzutun.

Am meisten Kritik - in empirischem als auch ideologischem Sinn - muss sich dabei seine Hypothese des Anstiegs landwirtschaftlichen Outputs gefallen lassen. Das simple Ignorieren des technologischen Fortschritts, der dafür Sorge trägt, dass das Nahrungsangebot mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten kann - wird Malthus schwer angekreidet. In vielen Fällen ist Bevölkerungswachstum ausschlaggebender Stimulus für ein Voranschreiten von Innovationen in der Landwirtschaft. Es besteht sogar eine positive Korrelation zwischen technologischem Wandel und der Fertilitätsrate.

Auch die Rolle der positive checks in bezug auf Bevölkerungswachstum wurde oftmals in Frage gestellt. So wird von Livi-Bacci (Livi-Bacci, 1984 in DeBruijn 1999, S.43) angezweifelt, dass Unterernährung unbedingt der wichtigste Einflussfaktor für die Sterberate sei. Ihrer Meinung nach ist es vielmehr das soziale Umfeld und auch die geographische Lage, die dabei viel wichtiger sind.

Ein weiterer Punkt Malthus zu kritisieren ist sein Versäumnis zwischen potentiellem Bevölkerungswachstum und der tatsächlich stattfindenden Bevölkerungszunahme zu unterscheiden. Viele anthropologische Studien haben gezeigt, dass Bevölkerungen eine große Anzahl von Mechanismen zur Balancehaltung zwischen Tragfähigkeit ihrer Umwelt und Bevölkerungswachstum zur Verfügung stehen. Diese reichen von Heiratsverhalten und Migration bis zu Verhütung und Kindererziehung. Diese Ansichten spiegeln eine Adaption Malthusianischer Ideen zum Gleichgewicht zwischen Wachstum und Tragfähigkeit wieder und können deshalb nicht als Absage an Malthus gewertet werden. In dieser Hinsicht bleiben die Aussagen von Malthus ein wichtiger Grundbaustein der Fertilitätsanalyse. Inwieweit sich Bevölkerungswachstum nicht an den vorhandenen Mitteln orientiert wird besonders deutlich, wenn man sich das Null- Wachstum oder das sogar negative Bevölkerungswachstum in den meisten der höchstentwickelten Länder vor Augen hält. Mittel und Motivationen der Fertilitätskontrolle entwickeln gänzlich neue Formen und präsentieren sich als viel komplexer und diverser als von Malthus angenommen.

Aus einem ganz bestimmten Grund bedarf die Erklärung von Fertilität viel mehr als ihre Beziehung zu Einkommen und Nahrungsgrundlage: Menschen leben nicht aus dem einen Grund sich zu reproduzieren. Ganz im Gegenteil. Sie folgen einem komplexen Netzwerk von Motivationen sozialer und kultureller Ausprägung; und es sind diese Beziehungen die in einem ganz bestimmten Fertilitätsniveau resultieren.

Es wäre naiv zu denken, dass die Mehrheit der Menschen sich darum sorgte, ob die von Malthus propagierte Balance eingehalten würde. Auf individueller Ebene sind es nicht Argumente die sich an gesellschaftlichen Nöten oder Bedürfnissen orientieren, sondern es sind solche, die sich nach den persönlichen oder familiären Bedürfnissen richten. Das ist auch der Fall, „even if the overall effects threatens the general well-being, as long as a person’s gains from high fertility exceeds the losses within his or her individual perception, he or she will not prefer few children” (DeBruijn 1999, S. 44).

Auch Malthus behandelte dieses Thema und unterstrich dabei die Diskrepanz zwischen Körperlichkeit und gesellschaftlichen Bedürfnissen. Er verwirft darin die Idee vom rational denkenden und handelnden Menschen der dadurch fähig wäre, Fertilität - entsprechend seiner persönlichen Bedürfnisse - willens zu kontrollieren und zu adaptieren. Sein finales Argument reduziert die Entscheidungsfähigkeit von Menschen auf die Ebene des Sexualtriebes und der Moral. Diese sind laut Malthus die determinierenden Faktoren die zu Fertilitätsentscheidungen führen. (Vgl. Malthus, 1985).

Malthus’ Theorie kann innerhalb der Vielzahl demographischer bzw. fertilitätsbezogener Theorien als Ressourcentheorie klassifiziert werden. Wie bereits erwähnt, wird die Bevölkerungszahl bzw. deren Wachstum durch vorhandene Ressourcen determiniert. Die Bevölkerung tendiert dazu schneller zu wachsen als zusätzliche Nahrung produziert werden kann. Wird demnach nicht die Reproduktion bzw. Fertilität verringert, „some members of society will have lives shortened by starvation or more common by maladies arising from malnutrition“ (Vgl. Caldwell 2000, S. 10).

In diesem Sinne kann der Beitrag von Malthus - auch jener der Neo-Malthusianer - zur Formulierung von rezenten Fertilitätstheorien als ein rein auf die Makroebene reduzierter gesehen werden: Die Erklärung von Bevölkerungswachstum entlang eines Gleichgewichtssystems von Produktion und Reproduktion.

In seinem Versuch die prinzipiellen Mechanismen von Bevölkerung zu erklären, schenkte Malthus individuellem Verhalten wenig Aufmerksamkeit. Wo Menschen als Individuen auf den Plan treten werden sie in gewisser Weise bestimmt durch ihren Sexualtrieb und äußere Umstände, sprich Nahrungsreserve. Malthus bietet keine Basis um individuelle Strategien und Entschlüsse im Bezug auf Fertilität zu verstehen.

Deshalb - und auch wegen Desorganisation, mathematischer Schwächen und beinahe völliger Abstinenz von unterstützenden empirischen Beweisen (Vgl. Malthus 1985, S.4) - kann seine Bevölkerungstheorie nicht als konzeptionelle Basis zum Verständnis von Fertilität geltend gemacht werden.

3.3. Die Bevölkerungstheorie von Karl Marx

Die kritische Hinterfragung bzw. Infragestellung der Bevölkerungstheorie von Malthus erfolgte aber nicht erst in jüngster Zeit. Schon im 19. Jahrhundert war seine Theorie starker Kritik ausgesetzt.

Allen voran waren es Marx und Engels, die sich seiner Theorie wiedersetzten. Voraussetzung für Kritik war dabei eine grundlegend unterschiedliche Auffassung bzw. Konzeption der menschlichen Natur. Für Malthus war der Mensch ein determiniertes Wesen, das sich dem ‚Willen’ der Natur unterordnete. Der marxistische Mensch hingegen ist der Natur überlegen, er vermag sie bewusst zu kontrollieren. Diese Überlegenheit befähigt ihn, über das Subsistenzlevel hinaus zu produzieren und ermöglicht ihm damit der Malthusianischen Falle zu entkommen. (Vgl. Donaldson 1991, S.50-53, Brezis 2000, S.6).

Da - in der Ansicht von Marx - Fertilitätsentscheidungen „are related to the modes of production and also to social class“, sollte es bezüglich Familienentscheidungen einen Unterschied zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum geben (Brezis 2000, S.6). Marx argumentiert, dass Kinder dem Bürgertum in Bezug auf Fortführung ihrer Geschäfte dienlich seien. Die bürgerliche Familie basiert auf Kapital und Privatbesitz. Die Frau wird zum Instrument der Reproduktion reduziert. In anderen Worten heißt das, dass die Kinderzahl des Bürgertums durch seine Kapitalorientierung determiniert wird. Das Proletariat - eine soziale Klasse ohne privaten Besitz - hat bezüglich familiärer Strukturen nichts mit jenen des Bürgertums gemein. Im Gegenteil, die Familien des Proletariats werden durch die gegenseitige Abhängigkeit der Familienmitglieder voneinander bestimmt; jeder ist von der Arbeitsleistung und dem Verdienst des anderen abhängig. In den Worten von Marx „previously, the workmen sold his own labour power, which he disposed of nominally as a free agent. Now he sells wife and children. He has become a slave trader” (Marx 1967, S.395 in Brezis 2000, S.6). Für Marx kommt es im Zuge des Industrialisierungsprozesses zu einer Proletarisierung des Arbeitskräftepotentials. Da das Einkommen eines Einzelnen nicht mehr ausreichte, brachte das Bekommen von Kindern - zukünftiger Arbeitskräfte - einen Anstieg des Familieneinkommens mit sich. Deshalb weil die arbeitende Masse darauf abzielt, den einzigen Produktionsfaktor zu akkumulieren den sie kontrolliert: Arbeitskraft. Damit kontrastiert Marx’ Ansicht auch mit jener von Malthus, der den Menschen - determiniert durch die Natur - dazu bestimmt sah, so viele Kinder wie möglich zu bekommen. Der Mensch von Marx hätte gerne weniger Kinder, doch die triste wirtschaftliche Lage zwingt ihn, diese dennoch zu ‚produzieren’. Darin zeigt sich auch eine Ähnlichkeit zwischen Marx und Malthus; für beide ist die Entscheidung über das Bekommen von Kindern alleinig von wirtschaftlichen Gründen bestimmt. Doch führt wirtschaftliche Prosperität für beide Theoretiker in eine unterschiedliche Richtung der Fertilitätsrate.

Der wichtigste Kritikpunkt von Marx an der Theorie von Malthus - den er als „bought advocate, a pleader on behalf of [the people’s] enemies, a shameless sycophant of the ruling classes“ bezeichnete (Brezis 2000, S.3) - wird in dieser Divergenz sichtbar: Das Modell von Malthus impliziert, dass ein Anstieg des Einkommens zu einem Anstieg der Fertilität führte, wogegen das Marxistische Paradigma besagt, dass das Gegenteil der Fall sei.

Primäre Divergenz zwischen der Bevölkerungstheorie von Malthus und jener von Marx ist die Art wie sie den Menschen in Bezug zur Natur sehen; einerseits von ihr determiniert, andererseits sie determinierend. In diesem Sinne sieht Malthus die Natur als gegeben und als zu akzeptieren. Marx sieht den sozialen und ökonomischen Rahmen in dem der Mensch agiert als wichtig in Hinblick auf menschliche Entscheidungen. Es wäre nicht Marx, hätte er in seiner Bevölkerungstheorie nicht auch Klassenunterschiede beachtet.

Mehr noch, liberale Beobachter, die Schwierigkeiten damit haben, Malthus’ Argumente und seine moralische Haltung, dass Armut in der Eigenverantwortung der Armen selbst liegt und eine primäre Folge ihrer ungehemmten Reproduktion liegt, zu akzeptieren, können darin nur bestätigt werden. Denn diese Argumentation ist falsch und heuchlerisch, besonders dann, wenn man sich im Klaren darüber ist, dass sie von einem Mann der Kirche kam.

Der Zugang von Marx betreffend den demographischen Übergang - und dazu muss man kein Marxist sein - kann geruhsam als Basis für weitere Überlegungen akzeptiert werden.

3.4. Die Theorie des demographischen Übergangs

3.4.1. Grundlagen der Theorie des demographischen Übergangs

Der Rückgang der Geburtenraten in Vergangenheit und Gegenwart hat Demographen und Sozialwissenschaftler immer wieder beschäftigt und auf die Suche nach zugrundeliegenden Prinzipien dieses Fertilitätsrückganges gehen lassen. Die daraus resultierte Theorie des demographischen Übergangs wurde dabei zum führenden Gedankengebäude der Demographie (Vgl. DeBruijn 1999, S.46). Die Theorie stellt einen disziplinären Rahmen für wissenschaftliche Studien zur Fertilität bereit. Den Status, den sie erreicht hat, verdankt sie wohl der Tatsache, eine der wenigen - wenn nicht die einzige - zu sein, die den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und auch global gültige Perspektiven eröffnen kann. Wogleich aber diese Theorie nicht mehr ist, als eine generalisierende Beschreibung von Bevölkerungswachstumsraten und eine modellhafte Beschreibung empirischer Trends (Vgl. Wohlschlägl 1988, S.38).

Während der 1950er Jahre festigte sich unter den Sozialwissenschaftlern und politischen Führungen des Westens und westlich orientierter Nationen die Ansicht von der Existenz einer Beziehung zwischen nationaler Wirtschaftsentwicklung und dem Wachstum der Bevölkerung. Primärer Argumentationspunkt war dabei das Ausmaß, in dem relativ schnelles Wachstum der Bevölkerung das potentielle Wirtschaftswachstum beeinflussen bzw. behindern könnte (Szreter 2004, S.1). In dieser Beziehung wird auch die wachsende Einflussnahme nationaler Politiken auf das Forschungsgebiet der Demographie - damals noch nicht explizit disziplinarisiert - deutlich.

Die Idee des demographischen Übergangs war daher in gewisser Weise die Folge von Sozialwissenschaften, konzipiert als beratende Instanz politischer Entscheidungsträger.

Die Basis der Theorie des demographischen Übergangs ist - wichtig dazu waren natürlich auch schon ältere Ansätze wie die beispielhaft oben angeführten - eine Klassifizierung von Bevölkerungen hinsichtlich ihrer Geburten- und Sterberaten im Modell des demographischen Übergangs. Thompson (1929 in DeBruijn 1999, S.47) ordnete als erster Länder nach solchen Kriterien in drei Gruppen mit unterschiedlich hohem Bevölkerungswachstum ein. In der ersten Gruppe fanden sich Länder Westeuropas sowie jene Länder, welche von dort stammenden Immigranten besiedelt worden waren. Die von Thompson festgestellten Mortalitätsraten waren niedrig, ihre rasch sinkende Geburtenrate wies auf ein stationäres und in späterer Folge abnehmendes Bevölkerungswachstum hin. Die zweite Gruppe bildeten bei Thompson die Länder Ost- und Südeuropas mit bereits gesunkenen Geburten- und Sterberaten. Wichtige Tatsache dabei war, dass die Sterberaten früher als die Geburtenraten gesunken waren. Das führte naturgemäß zu einem sehr raschen und starken Bevölkerungswachstum. Laut Thompson würden diese Länder noch einige Zeit benötigen, bis sie die Niveaus der Länder der ersten Gruppe erreichten. Der Trend ist jedoch mit jenem der ersten Gruppe, 35 bis 40 Jahre vorher, vergleichbar. In Thompsons dritter Gruppe befanden sich nach seiner Ansicht die verbleibenden 75 Prozent der damaligen Weltbevölkerung. Aufgrund Datenmangels hatte sich Thompson dabei auf Länder, die bereits über Daten zu ihrer Bevölkerung verfügten zu beschränken: Japan, Indien und Russland. In diesen Ländern waren weder Geburten- noch Sterberaten unter Kontrolle bzw. wiesen sie keine Tendenzen auf. Thompson titulierte die Länder dieser Gruppe als Malthusianisch.

An Thompson anschließend postulierte auch Landry (1934) drei Stufen demographischer Entwicklung für verschiedene Bevölkerungen: primitive, mittlere und jetzige bzw. heutige Stufe. Seine Gliederung ist jener Thompsons äquivalent, doch fußt seine Unterteilung auf wesentlich genaueren Untersuchungen von Geburten- und Sterberaten (Vgl. Currais 2000, S.89). In den folgenden Jahren gerieten diese Ansätze wieder in Vergessenheit und erst gegen Kriegsende des Zweiten Weltkrieg erlebten sie eine Renaissance und damit verbunden eine finale theoretische Fundierung.

Um diese heute anerkannte Theorie der demographischen Transformation beschreiben zu können, bedurfte es der noch fehlenden Ausformulierung bestehender theoretischer Ansätze - jener von Thompson und Landry -, die in der Folge von Notestein und Davis unternommen worden war.

Ihre klassische Formulierung erhielt die Theorie des demographischen Übergangs mit zwei 1945 erschienen Veröffentlichungen. In diesem klassischen Sinn ist sie eine Theorie die postuliert, dass starkes Bevölkerungswachstum erstmals mit beginnender Industrialisierung auftritt. Begründet wird dieser Anstieg mit unkontrollierter Fertilität auf hohem Niveau, während es zu einem Rückgang der Sterberate kam. Dies resultierte aus Gründen verbesserter Nahrungsmittelversorgung und steigender Lebensstandards, als Folge fortschreitender technologischer Innovationen in Landwirtschaft, Transportwesen, industrieller Produktion und schlussendlich aufgrund der Verbesserung hygienischer und medizinischer Standards. Alles in allem werden diese Veränderungen in der Rubrik ‚Industrielle Revolution’ zusammengefasst.

„Any society having to face the heavy mortality characteristics of the premodern era must have high fertility to survive […]. [In such societies] religious doctrines, moral codes, laws, education, community customs, marriage habits and family organisations are all focused toward maintaining high fertility. These change only gradually and in response to the strongest stimulation.” (Notestein in Szreter 2004, S.4).

Notesteins Theorie meint, dass Fruchtbarkeitsraten nur unter Einflussnahme eines breiten Spektrums von Faktoren fallen würden. Mit anderen Worten würden nur gänzliche Industrialisierung und Modernisierung soweit führen können: Verbesserte Überlebenschancen, eine Kultur des Individualismus, sozial mobile urbane Bevölkerungen, Aufgabe von familiären Funktionen zu Gunsten industrieller Produktion und schulischer Weiterbildung und schlussendlich der Rückgang fatalistischer zu Gunsten selbstbestimmender Denkweisen.

„In short, under the impact of urban life, the social aim of perpetuating the family gave way progressively to that of promoting health, education, and material welfare of the individual child; family limitation became widespread; and the end of the period of [population] growth came in sight.” (Notestein in Szreter 2004, S.4).

Der demographische Übergang läuft demnach in Gefolgschaft bzw. als Folge von Modernisierung und wirtschaftlicher Entwicklung ab. Ausgangslage bilden dabei hohe Fertilitäts- und hohe Mortalitätsraten. Das zu erreichende Stadium der demographischen Transformation ist gekennzeichnet durch niedrige Raten auf beiden Seiten. Dazwischen liegt eine Phase des Übergangs mit sinkenden Sterberaten gefolgt von rückläufigen Geburtenraten.

Diese klassische Repräsentation des demographischen Übergangs behauptet, dass Sterberaten mit dem Beginn der industriellen Revolution - mit Innovationen in der Landwirtschaft, gesteigerte Produktivität und bessere Lebensbedingungen - zu sinken begannen. Fertilitätsraten hingen dagegen mit solcherlei Modernisierungen viel weniger zusammen. Ihr Rückgang beruht vielmehr auf dem Zusammenbruch bestehender ökonomischer, sozialer und normativer Systeme, die allesamt hohe Fertilitätsraten bevorzugten (Vgl. DeBruijn 1999, S.47).

Was als Beschreibung oder Erklärung historischer Trends von Mortalität und Fertilität begonnen hatte, wurde mit der Zeit immer elaborierter und viele zusätzliche Gedanken und Ansätze fanden Eingang in die Theorie des demographischen Übergangs: verschiedenste Konzepte von Modernisierungsprozessen etwa oder das wachsende Augenmerk auf kulturelle und psychologische Determinanten des Fertilitätsrückgangs nebst bestehenden sozioökonomischen Einflussfaktoren.

In diesem Sinne ging man davon aus, dass die Prinzipien eines historischen, evolutionären demographischen Übergangs auf jedwede kontemporäre Bevölkerungssituation anwendbar seien. Jede Bevölkerung sollte den von der Theorie vorgegebenen Entwicklungen von Mortalität und Fertilität folgen. Bevölkerungssituationen sind dabei in jedem Fall kontemporär, doch keineswegs komplementär. Daher:

„determinants of the fertility transition cannot be tied to just one social system, but must operate under conditions where socioeconomic variables are changing. This need is one reason why fertility behavior over the transition is a very difficult area to explore or explain.” (Donaldson 1991, S.21)

Die Analyse des Fertilitätsverhaltens bedarf folglich eines konzeptionellen Rahmens oder eines Modells, das so beschaffen ist, dass historische Unterschiede und kulturelle Faktoren in dieses Schema eingearbeitet werden können. Werden diese Faktoren beachtet, so kann das Modell des demographischen Übergangs in zunehmendem Maße als universal geltende Vorstellung mit Vorhersagequalitäten akzeptiert werden. Doch auch heute noch gibt es keinen einhelligen Tenor, der den Ideen von Notestein den Status einer Theorie im klassischen Sinne einräumen würde. Noch immer gilt der demographische Übergang mehr als modellhafte Konzeption denn als Theorie. Wohl auch deshalb, weil weder Notestein noch Thompson ihre Ideen zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung als Theorie bezeichnet haben (Vgl. Kirk 1996 in DeBruijn 1999, S.47).

Notesteins Argumentation folgt einem Vergleich der demographischen Situation Indiens als abhängiges, koloniales Territorium mit Japan, einem unabhängigen, souveränen Staat. Der demographische Übergang in Japan hatte demnach schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begonnen. Für Notestein sehr wichtig, denn er konnte zeigen, dass seine Theorie auf außereuropäische Räume anwendbar ist. Die Geburtenraten Japans waren bereits seit Beginn des Jahrhunderts im Fallen, ein Beweis für die positive Korrelation zwischen industrieller Entwicklung und Bevölkerungsentwicklung. Dagegen war in Indien keine ähnliche Entwicklung erkennbar. Notestein wies diesen Umstand der suppressiven, kolonialen Ausbeutung zu. Japan durchlief eine endogene wirtschaftliche Entwicklung, wogegen die Briten Indien nur mit der zur Ausbeutung notwendigen Infrastruktur ausstatteten. Dieser rein oberflächliche Einfluss konnte nicht genügen, um tief verwurzelte soziale und kulturelle Traditionen, die hohe Fertilitätsraten unterstützten zu beeinflussen. Diesen Einfluss konnten nur demokratische Gesellschaft, politische Autonomie und die Etablierung der Marktwirtschaft geltend machen.

In den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges stießen diese Aussagen natürlich auf großen Gefallen; sozusagen die Bestätigung für den Export liberaler demokratischer Politik und Wirtschaftsweise. Folgend der Theorie des demographischen Übergangs würde diese Institutionalisierung von Liberalismus und Demokratie in Ökonomie und Gesellschaft Grundvoraussetzung für den Beginn der demographischen Wandlung sein (Szreter 2004, S.8-9).

3.4.2. Modellhafte Darstellung der Theorie des demographischen Übergangs

Wie bereits erwähnt, leitete Notestein seine Idee einer demographischen Transformation von der Bevölkerungsentwicklung europäischer und später, europäisch geprägter Länder ab. Sein ursprünglich formuliertes dreiphasiges Modell erfuhr in späterer Folge mehrmalige Erweiterungen. Eineinheitliches Aussehen in Bezug auf Anzahl der einzelnen Phasen, die eine Bevölkerung zu durchlaufen hat, um von einem verschwenderischen Bevölkerungstyp mit hohen Sterbe- und Geburtenraten zu einem Stadium niedriger Geburten- und Sterberaten zu kommen, erhielt das Modell des demographischen Übergangs erst mit einem von der UNO erstellten Schema eines Fünf-Phasen-Modells (Vgl. Bähr 1997, S.248-50):

1. Prätransformative Phase, Vorbereitungsphase: Die Geburten- und Sterberaten einer Bevölkerung liegen auf hohem Niveau und nahe bei einander. Die Umsatzziffern liegen daher auf sehr hohem Niveau und besonders die Sterberate kann weitreichenden Fluktuationen - ausgelöst durch Epidemien, Seuchen, Hungersnöte und Kriege - unterliegen. Typischerweise handelt es sich dabei um ein Stadium vor Einsetzen der demographischen Transformation. Die Wachstumsrate der Bevölkerung ist niedrig und das Ersetzungsniveau wird nur geringfügig überschritten.

2. Frühtransformative Phase, Einleitungsphase: Es kommt während dieser Phase zu einer Differenzierung der Sterbe- und Geburtenrate in einem zeitlichen Sinn. D.h., die Sterberate beginnt zuerst langsam und unregelmäßig, später schneller und kontinuierlich zu sinken. Dagegen aber bleibt die Geburtenrate auf hohem Niveau. Sie kann - als Folge der besseren Gesundheitsvorsorge, und damit erhöhter Überlebenschancen von Müttern, Neugeborenen und damit auch zukünftigen Müttern - sogar

noch steigen. Die oft zitierte Bevölkerungsschere beginnt sich während dieser Phase zu öffnen.

3. Mitteltransformative Phase, Umschwungphase: Während dieser Phase sind die Sterberaten noch immer im Sinken begriffen. Zugleich kommt es nun aber auch zu einem Rückgang der Geburtenrate. Wiederum erfolgt dies zuerst in mäßigem Tempo, passt sich mit der Zeit aber immer geschwinder der gesunkenen Sterblichkeit an und beginnt damit auch schneller einen Abwärtstrend. Während dieser dritten Phase werden maximale Wachstumsraten erreicht die Öffnung der Bevölkerungsschere - und damit das Wachstum der Bevölkerung - erreicht in der mitteltransformativen Phase ihr Maximum.

4. Spättransformative Phase, Einlenkphase: Die bereits sehr niedrige

Sterberate ist nur noch geringfügig im Sinken begriffen. Auch die Geburtenraten beginnen nun stark zu sinken - man lenkt gegen die hohe Geburtenraten der vorhergegangenen Phasen ein. Auch sind kontrazeptive Mittel während dieser Phase schon bekannt und tragen ihren Teil zum Geburtenrückgang bei. Die Wachstumsrate der Bevölkerung geht nun zurück. D.h., die Bevölkerungsschere schließt sich nun wieder.

5. Posttransformative Phase, Ausklingphase: Das Niveau eines sparsamen

Bevölkerungstyps mit niedrigen Geburten- und Sterberaten und demzufolge niedriger Umsatzziffer ist nun erreicht. Die Wachstumsrate der Bevölkerung ist sehr niedrig und kann sogar ins Negative fallen. Posttransformative Bevölkerungen sind charakterisiert durch Geburtenraten, die stärkeren Schwankungen unterliegen als die Sterberaten. Aufgrund des demographischen Aufbaus der Bevölkerung können letztere sogar steigen.

Der stufenhafte Übergang von hohen Fertilitäts- und Sterberaten zu niedrigen wird landläufig als demographische Transformation bezeichnet. Dieser Übergang passierte in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten und wird generell durch überall anzutreffende Gleichheiten charakterisiert. Genauso gibt es aber auch Irregularitäten, die auf die Ursachen der Transformation zurückzuführen sind. Folgende Charakteristika sollten von Modellen zur Beschreibung des demographischen Wandels möglichst beachtet und in die Analyse miteinbezogen werden (Vgl. Donaldson 1991, S.8 ff):

- Das Fertilitätsniveau zu Beginn der demographischen Transformation ist von Land zu Land verschieden hoch.
- Die Fertilitätsrate kann noch höher ansteigen, bevor sie schlussendlich zu fallen beginnt. Nach heutigem Wissensstand ist dieser letztmalige Anstieg ein integraler Bestandteil der demographischen Transformation.
- Die Geschwindigkeit des demographischen Übergangs von hohem zu
niedrigem Equilibrium ist von Land zu Land verscheiden. Generell gilt, je früher der Rückgang der Sterbe- und Geburtenraten eingesetzt hat, desto mehr Zeit vergeht bis ein niedriges, posttransformatives Niveau beider erreicht ist.
- Der zeitliche Rahmen und die Geschwindigkeit der demographischen Transformation hängen aber auch vom sozialen Umfeld, bzw. der Situierung von Haushalten ab. In diesem Sinne gibt es weitreichende Unterschiede zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung, regionalem Locus oder auch ethnischer Zugehörigkeit. Der nationale Durchschnitt ist daher oftmals nur ein Zerrbild, das reale Verhältnisse oftmals in nur unzulänglicher Weise zu beschreiben vermag.
- Ein Rückgang der Mortalitätsrate ist nicht notwendigerweise Auslöser eines ebensolchen Fertilitätsrückgangs. D.h., Sterberaten können genauso gut parallel zu auf hohem Niveau bleibenden Geburtenraten sinken. Besonders in heutigen Entwicklungsländern ist die Verzögerung zwischen dem Mortalitätsrückgang und dem Beginn des Geburtenrückgangs eklatant größer, als das früher in europäischen Ländern der Fall gewesen ist.
- Der Fertilitätsrückgang ist in den mittleren Phasen des Modells generell am höchsten, weil zu diesem Zeitpunkt im Allgemeinen eine Zunahme des ProKopf-Einkommens stattfindet. In dieser Phase tendieren Länder mit höherem Pro-Kopf-Einkommen dazu, höhere Rückgänge ihrer Fertilitätsraten zu haben.

Will man das Modell des demographischen Übergangs wissenschaftlich nutzen, so ist dies auf vier Ebenen möglich (Vgl. Bähr 1997, S.250-51):

1. Beschreibungsfunktion des Modells

Das Modell des demographischen Übergangs dient dazu, die Veränderung von Mortalitäts- und Fertilitätsraten die im Laufe der Geschichte in westlichen Ländern aufgetreten waren idealtypisch zu beschreiben.

2. Klassifikationsfunktion des Modells

Anhand des Modells ist es möglich, eine Typisierung von Bevölkerungen oder Ländern hinsichtlich ihres Standes der demographischen Entwicklung vorzunehmen.

Oben genannte Funktionen des Modells des demographischen Übergangs sind weitgehend anerkannt und finden in wissenschaftlichen Arbeiten zu Bevölkerungsthemen auch ihre Anwendung. Die beiden folgenden Funktionen des Modells des demographischen Übergangs hingegen bleiben auch heute noch umstritten, und auch die Anwendbarkeit des Modells zur Erklärung der Bevölkerungsentwicklung in den Ländern der Dritten Welt bleibt fraglich.

3. Theoriefunktion des Modells

Um nach den Ursachen der demographischen Transformation zu fragen, ist es möglich, das Modell des demographischen Übergangs in Zusammenhang mit der sozioökonomischen Entwicklung eines Landes zu stellen.

4. Prognosefunktion des Modells

Zukünftige Entwicklungen von Bevölkerungen in Ländern oder Großräumen der Erde werden mithilfe des Modells zu prognostizieren versucht.

Erst wenn man diese beiden Funktionen des Modells genauso wie Punkt eins und zwei als wahr akzeptiert, wird aus dem Modell des demographischen Übergangs mehr als eine generalisierende Beschreibung historischer Vorgänge. Erst dann wird formale Struktur theoretisch interpretiert und erhält dadurch prognostischen Wert. Damit kann das Modell des demographischen Übergangs als Grundlage einer Theorie des demographischen Übergangs fungieren (Vgl. Bähr 1997, S.255). Unten dargestellt ist der phasenhafte Übergang von hohen Geburten und Sterberaten im Modell des demographischen Übergangs.

Abb. 3:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.abi-bayern.de/bio/oekopopulation.htm

[...]


1 In dieser Arbeit werden folgende Fruchtbarkeitsmaße verwendet werden: CBR (Crude Birth Rate), rohe (allgemeine) Geburtenrate: die rohe Geburtenrate ergibt sich aus der Zahl der innerhalb eines Kalenderjahres Lebendgeborenen in Verhältnis zur Bevölkerungszahl zur Jahresmitte. TFR (Total Fertility Rate), Gesamtfruchtbarkeitsrate: Die Gesamtfruchtbarkeitsrate ist die auf eine Gesellschaft kumulierbare Fruchtbarkeit. Sie gibt an, „wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihrer reproduktiven Periode durchschnittlich zur Welt bringen würde, wenn sie den für einen bestimmten Zeitpunkt maßgeblichen Fruchtbarkeitsverhältnissen unterworfen wäre und dabei von der Sterblichkeit abgesehen wird“ (Bähr 1997, S.182-83).

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Seiten
306
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640740086
ISBN (Buch)
9783640740512
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160213
Institution / Hochschule
Universität Wien – Geografie und Raumforschung
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Fertilität Fertilitätsrückgang Südostasien Laos Thailand Kambodscha Vietnam Fertilitätstheorien Entwicklungsland Entwicklungsländer Bevölkerungstheorie Malthus Demographischer Übergang Asien Schwellenland Mortalität

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Titel: Dynamik und Ursachen des Fertilitätsrückganges in Südostasien