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Die Familientherapie unter besonderer Berücksichtigung der systemischen Familientherapie

Familienaufstellung nach Hellinger - Therapie oder Methode sozialer Arbeit?

Seminararbeit 2007 32 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definitionen und Begriffserklärungen
1.1 Familie
1.2 System - Familie als System
1.3 Familientherapie

2. Familientherapie im Überblick
2.1 Ein historischer Rückblick
2.2 Die Ansätze der Familientherapie
2.2.1 Die psychoanalytisch/psychodynamisch orientierte Therapie
2.2.2 Die wachstumsorientierte/erlebnisorientierte, integrative Therapie
2.2.3 Die strukturelle/strategische Therapie
2.2.4 Die systemische Therapie
2.3 Techniken und Grundprinzipien der systemischen Familientherapie

3. Der Unterschied von Sozialarbeit und Therapie

4. Familienaufstellung nach Hellinger - Eingliederungsversuch
4.1 Bert Hellinger
4.2 Der Ablauf der Familienaufstellung
4.3 Kritische Betrachtung

Nachwort

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In dieser Seminararbeit soll verdeutlicht werden, was Familientherapie bedeutet, beinhaltet und in welcher Art und Weise das Modell seine Anwendung findet. Durch die anschließende Vertiefung in der systemischen Familientherapie wird die Methode der Familienaufstellung einer genauen Betrachtung unterzogen, um ihre Unterschiede als Therapieform oder Methode sozialer Arbeit aufzuzeigen.

Nach einigen Begriffserklärungen und Definitionen im ersten Bereich der Arbeit beschäftigt sich der zweite Teil mit der historischen Vergangenheit bis zur gegenwärtigen Situation der Familientherapie. Hier wird zunächst beleuchtet, welche langjährige Entwicklung und die damit verbundenen Veränderungen und Erneuerungen das Modell mit sich trägt. Um das Prinzip der Familientherapie genau verstehen zu können, bearbeitet das zweite Kapitel zudem die Frage nach den Zielpersonen und erläutert die Grundprinzipien und Vorgehensweise. Die Darstellung der unterschiedlichen Ansätze soll dazu beitragen, die unterschiedlichen Formen der Familientherapie kennen zu lernen und dadurch eine Struktur dieses umfangreichen Gebildes zu schaffen.

Um der Fragestellung – Familienaufstellung: Therapie oder Methode sozialer Arbeit – nachzugehen, wird der Schwerpunkt anschließend auf den Bereich der systemischen Familientherapie gelenkt. Die Merkmale und Techniken systemischer Familientherapie werden hier dargelegt.

Im vierten Bereich wird der Unterschied zwischen sozialer Arbeit und Therapie veranschaulicht, der die genaue Zuordnung der Familienaufstellung nach Hellinger zu den beiden Bereichen erleichtern soll.

1. Definitionen und Begriffserklärungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1 Familie

Was ist Familie? Der Begriff Familie wird mit der Überzeugung benutzt, dass dieser für alle Menschen eine einheitliche Bedeutung hat. Trotz dieser Ansicht findet sich keine einheitliche Definition in der Literatur. Über viele Jahre hinweg hat sich dieser Begriff in seiner Bedeutung verändert und verfügt über Interpretation, die von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind. Zudem lassen die zahlreichen Familienformen, wie z.B. Mann, Frau und Adoptivkind oder homosexuelle Paare, die in den unterschiedlichen Kulturen verschiedene Akzeptanz finden, keine einheitliche Definition zu.

Das Wort Familie entstammt aus dem lateinischen Begriff „familia“, dessen Bedeutung nicht die traditionelle Familie – Vater, Mutter, Kind – meint, sondern auf den Besitz eines Mannes hinweist, zu dem auch Sklaven oder Vieh zählen.[1]

In der Soziologie wird mit Familie die engere Verwandtschaftsgruppe angesprochen und schließt viele biologische und soziale Faktoren mit ein:[2]

biologische Faktoren

- Gebärfähigkeit der Frau
- Zeugungsfähigkeit des Mannes
- das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen
soziale Faktoren
- Sozialisationsfunktion (erzieherische Funktion): soziale Kontrolle zur Erleichterung der Sozialisation
- wirtschaftliche Funktion: Schutz und Fürsorge für Säuglinge, kranke und alte Familienangehörige
- politische Funktion: bietet eine legitime Platzierung
weitere Funktionen
- religiöse Funktion (Wertevermittlung): leitet sich aus der Sozialisations- funktion ab, z.B. Rituale wie Tischgebet, …
- rechtliche Funktion: Familie steht unter besonderem staatlichem Schutz und besitzt Gestaltungsrechte (Adoptions-, Erbrecht, …)
- Freizeit- und Erholungsfunktion: diese beinhalten Basisleistungen zur Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit aller Familienmitglieder.

1.2 System - Familie als System

Im Allgemeinen wird der Begriff folgendermaßen definiert:[3]

„System, aus dem lateinischen systema: Gebilde, Zusammengestellte, Verbundene, bezeichnet ein Gebilde, dessen wesentliche Elemente so aufeinander bezogen sind und in einer Weise wechselwirken, dass sie als aufgaben-, sinn-, oder zweckgebundene Einheit angesehen werden und sich in dieser Hinsicht gegenüber der sie umgebenden Umwelt auch abgrenzen.“

Die Familie ist das uns am vertrauteste System. Ihre Struktur, Dynamik und Funktion kann durch sieben Bereiche erläutert werden:[4]

- Familie bezeichnet sich als eine Gesamtheit mit einer Grenze zu anderen Beziehungen.
- Je nach Menge des Austauschs ist die Grenze offen oder geschlossen.
- Die Funktion ist der Erhalt des Systems.
- Regelhaftigkeit innerhalb der Familie bestimmt die Form der Distanz der Beziehungen.
- Das System befindet sich in einem ständigen Gleichgewicht von Interessen und Bedingungen der Familienmitglieder.
- Die Veränderung eines Elementes im System bewirkt die Veränderung aller anderen Elemente im System.
- Die Familie kann auf zwei Weisen reagieren: Die Veränderung des einen Elementes wird verhindert oder rückgängig gemacht (negatives Feedback) oder die Veränderung wird durch ein positives Feedback angenommen.

1.3 Familientherapie

Die Familientherapie, die zu den therapeutischen Angeboten zählt, ist in der

sozialen Arbeit weit verbreitet und kann folgendermaßen definiert werden:

„Familientherapie ist der Sammelbegriff für eine Anzahl verschiedener psychotherapeutischer Ansätze zur Modifikation pathogener Familiensysteme, zur Verbesserung interpersonaler Beziehungen und zur Veränderung des Erlebens und Verhaltens individueller Familienmitglieder. Es werden Individuation und Autonomie, die Lösung von Konflikten und Problemen, die Stärkung der ehelichen Beziehung und ein befriedigenderes Zusammenleben aller Familienmitglieder angestrebt.“[5]

2. Familientherapie im Überblick

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Familientherapie ist ein Bereich, der in den vergangenen Jahren um viele Erfahrungen reicher geworden ist und zahlreiche Veränderungen mit sich trägt. Wo genau die Wurzeln liegen und wann und wo die Familientherapie das erste Mal Anwendung fand, ist nicht genau zu sagen. Die vielen Ansätze und Techniken erzeugen eine hohe Komplexität und lassen die Familientherapie fast undurchschaubar wirken.

2.1 Ein historischer Rückblick

Einige Ideen der Familientherapie finden sich bereits im neunzehnten Jahrhundert. Hier wurden Spuren in der Arbeit von Sozial- und GemeindearbeiterInnen entdeckt, die in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren von amerikanischen ForscherInnen und TherapeutInnen erneut aufgegriffen wurden.[6]

Die konkreten Ansätze der Familientherapie sind in den fünfziger Jahren in den USA zu finden. Im Zuge von Forschungsarbeiten, geleitet von Gregory Bateson (angloamerikanischer Sozialwissenschaftler) und unterstützt von seinen MitarbeiterInnen Don D. Jackson, Virgina Satir, Jay Haley und John Weakland, im Bereich Schizophrenie und Familiensituation wurde die Entwicklung familientherapeutischer Ideen vorangetrieben. In diesem Forschungsprojekt „Palo-Alto-Projekt“ wurden einige Ansätze der familientherapeutischen Arbeit begründet, unter anderem von Virgina Satir und John Haley. Die in den sechziger Jahren von Mara Selvini Palazzoli entwickelte Variante der Familientherapie fand unter dem Namen „Mailänder Schule“ große Anerkennung.[7]

Eine weitere Quelle findet sich in der Psychoanalyse. Freud, Adler und Jung sind neben zahlreichen anderen PionierInnen der Familientherapie, die zuvor psychoanalytisch tätig waren, zu nennen. Auch andere Wissenschaften, wie die Kybernetik, Mathematik, Chemie, Systemtheorie und Biologie erbrachten große Leistungen und verstärkten die Familientherapie in ihrer Entwicklung. Die Forschungen richteten sich daraus auf, dass Beziehungen zwischen Objekten betrachtet wurden und somit eine neue Sichtweise entwickelt wurde. Im Mittelpunkt dieser Beziehungen stand bereits die Familie und es wurde erkannt, dass individuell erlebte Schwierigkeiten durch die Anwesenheit aller Familienmitglieder einfacher gelöst werden können.[8]

Durch die gegenseitige Beeinflussung damaliger TherapeutInnen entwickelten sich die ersten konkreten Ansätze der heutigen Familientherapie. Die dabei bekanntesten Ansätze, die als Schulen betrachtet wurden, waren die strategische und strukturelle Therapieform.[9]

Über Jahre hinweg kam es zu zahlreichen Erneuerungen. Viele neue Ansätze sind entstanden und haben den Bereich sehr weit ausgedehnt und eine Vielzahl von Möglichkeiten geschaffen.

2.2 Die Ansätze der Familientherapie

„Willst du das Land in Ordnung bringen,

musst du erst die Provinzen in Ordnung bringen.

Willst du die Provinzen in Ordnung bringen,

musst du die Städte in Ordnung bringen.

Willst du die Städte in Ordnung bringen,

musst du die Familien in Ordnung bringen.

Willst du die Familien in Ordnung bringen,

musst du die eigene Familie in Ordnung bringen.

Willst du die eigene Familie in Ordnung bringen,

musst du dich in Ordnung bringen.[10]

Hinter dem Namen der Familientherapie verbergen sich zahlreiche Anwendungsfelder. Familientherapie ist somit ein Sammelbegriff für zahlreiche Ansätze. Angewandt wird sie bei einzelnen Personen, Paaren, Familien, Gruppen und Organisationen. Als Zielgruppen können demnach ganze Systeme, Teilsysteme oder Einzelpersonen genannt werden.

Im Mittelpunkt der Familientherapie stehen Beziehungs- und Interaktionsmuster. Sie beschäftigt sich mit individuellen oder familiären Sichtweisen, Verhalten und Bewertungen, die das Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Das lösungs- und problemorientierte Vorgehen zielt darauf ab, den Selbstwert des Einzelnen und aller anderen Familienmitglieder zu stärken, den Zusammenhalt zu festigen, die Kommunikation zu verbessern und beschädigte Beziehungsmuster wieder her zu stellen.

Alle Ansätze der Familientherapie zielen auf dasselbe Ergebnis ab und sehen die Familie als zentrale Behandlungseinheit. In ihren Bestandteilen unterscheiden sie sich jedoch von einander. Insgesamt gibt es bereits 25 verschiedene familientherapeutische Ansätze. Um eine vereinfachte Übersicht darzustellen, werden anschließend die vier wichtigsten Ansätze erläutert.[11]

2.2.1 Die psychoanalytisch/psychodynamisch orientierte Therapie

Dieser Ansatz der Familientherapie wird vor allem durch Helm Stierlin (Begründer der Heidelberger Familientherapie) vertreten. Zentrale Begriffe dieses Ansatzes sind die Dynamik von Bindung und Ausstoßung, Versöhnung und Loyalität zwischen den Generationen sowie die Individualität. Verschiedene Fragekonzepte und die Genogrammarbeit, die auch in anderen Ansätzen zu finden sind, zählen zu den Techniken und Ideen der psychoanalytisch/psychodynamisch orientierten Familientherapie.[12]

In einem Gespräch zwischen Klient/in und Therapeut/in werden durch den Bezug zur Vergangenheit Blockaden und Konflikte erkannt und gelöst. Ursachen und Zusammenhänge der Schwierigkeiten werden verständlich, Krisensituationen erfolgreich bewältigt und dadurch die Lebensqualität gesteigert.

2.2.2 Die wachstumsorientierte/erlebnisorientierte, integrative Therapie

Unter diesem Ansatz lässt sich wiederum eine Anzahl von unterschiedlichen Richtungen zusammenfassen, die sich jedoch nur schwer von einander unterscheiden. Der Begriff „erlebnisorientiert“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das emotionale Erleben der einzelnen Mitglieder in der Familie. Körperreaktionen, nonverbaler Kommunikation und Symptomen wird eine große Bedeutung beigemessen. In der Bezeichnung „integrativ“ zeigt sich das Bemühen, die Ganzheit des Menschen in seinem Kontext zu erfassen.[13]

Dieser Ansatz kann auch als humanistischer Ansatz bezeichnet werden. Leid und Verletzbarkeit des Menschen werden beachtet. Die wichtigste Vertreterin stellt Virgina Satir dar. Laut Satir werden Probleme innerhalb der Familientherapie nicht isoliert betrachtet, sondern das Verhalten aller Familienmitglieder wird mit einbezogen. Durch Gespräche, Familienaufstellungen und eine Vielzahl kreativer Methoden beginnen die Menschen die inneren Prozesse der Familie zu verstehen. Verborgene Strukturen und Bindungen werden erfahrbar. Das Geflecht der Beziehungen wird Stück für Stück entwirrt, sodass Verstrickungen gelöst werden können. Wichtige Faktoren sind die Entwicklung und Steigerung von individuellem und familiärem Selbstwert, die Kommunikationsmodelle (anklagend, beschwichtigend, rationalisierend, ablenkend) in der Familie und die gegenseitige Wertschätzung.

Worte: „Du machst nie etwas richtig!

nicht zustimmend, fordernd, diktatorisch, überlegen, beschuldigend, ablehnend, unterbrechend

Syntax: häufige Verwendung von jeder, alle nie, keiner, jedes Mal, immer, du, …

Stimme: laut, oft schrill, hart, fest

Auftreten: ausgestreckter Finger, Haltung nach vorne gebeugt, stehend, eine Hand in der Hüfte

Atmung: in kleinen, engen Zügen oder angehalten

Selbsterleben: Warten darauf, angegriffen zu werden. Person fühlt sich nicht gehört, unverstanden, wertlos, erfolglos, …

[...]


[1] vgl. Wikipedia (2007): Familie: URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Familie

[2] Ebd.

[3] vgl. Wikipedia (2007): URL: http://de.wikipedia.org/wiki/System

[4] vgl. Sozialpädagogik im Internet: URL: http://www.soz-paed.com/texte/systemi.html

[5] Michael Galuske (2001): Methoden der sozialen Arbeit – Eine Einführung, Weinheim und München, S.219

[6] vgl. Elsa Jones (1995): Systemische Familientherapie – Entwicklungen der Mailänder systemischen Therapien – Ein Lehrbuch, Dortmund, S.13

[7] vgl. Michael Galuske (2001): Methoden sozialer Arbeit – Eine Einführung, Weinheim und München, S.219

[8] vgl. Elsa Jones (1995): Systemische Familientherapie – Entwicklungen der Mailänder systemischen Therapien – Ein Lehrbuch, Dortmund, S.13-14

[9] Ebd. S.14

[10] Nossrat Peseschkian (2005): Die Familientherapie – Eine praktische Orientierungshilfe, Stuttgart, S.58

[11] vgl. Michael Galuske (2001): Methoden sozialer Arbeit – Eine Einführung, Weinheim und München, S.220

[12] Ebd.

[13] vgl. Arist von Schlippe (1989): Familientherapie im Überblick – Basiskonzepte, Formen, Anwendungsmöglichkeiten, Paderborn, S.60-76

Details

Seiten
32
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640728787
ISBN (Buch)
9783640729180
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160019
Institution / Hochschule
Fachhochschule OberÖsterreich Standort Linz
Note
2
Schlagworte
Familientherapie systemisch Hellinger Sozialarbeit Therapie

Autor

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