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Das goldene Zeitalter in der Barbierschüssel

Don Quijotes Kampf gegen das zeitgenössische Realitätsbewusstsein

Hausarbeit 2009 34 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist Realität?
2.1 Der Wandel des Realitätsbegriffes in der Literatur
2.2 Cervantes zeitgenössische Realität

3. Die verschiedenen Realitätsstrukturen des Romans
3.1 Don Quijotes Realität
3.2 Die Rolle des Erzählers
3.3 Der Aufbau des Romans

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

Das goldene Zeitalter in der Barbierschüssel.

Don Quijotes Kampf gegen das zeitgenössische Realitätsbewusstsein.

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich die Differenziertheit des Realismusbegriffs, seine Abhängigkeit von der jeweiligen zeitgenössischen Auffassung, kurz seine Relativität und seine geschichtliche Abhängigkeit darlegen. Dies soll anhand des „Don Quijote“ geschehen, denn in diesem Roman treffen unterschiedliche Realitätsauffassungen und -strukturen aufeinander, konkurrieren miteinander und sind teilweise dem Untergang geweiht.

Um diese unterschiedlichen Realitäten zu durchschauen, soll zu Beginn zunächst die Frage gestellt werden, was denn überhaupt Realität ist. Wodurch definiert sie sich? Und gab es zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Realitätsauffassungen? Diesen Fragen möchte ich im zweiten Kapitel nachgehen, das als Basis für die Untersuchung des „Don Quijote“ dienen soll. Hierzu werde ich kurz einige Stufen der Entwicklungsgeschichte des Begriffs „Realismus“ nachzeichnen, beginnend bei Aristoteles und hinführend bis zur Veröffentlichung des „Don Quijote“. Danach soll die zeitgenössische Realität des Autors Miguel de Cervantes Saavedra und den „Don Quijote“ prägende Ereignisse aus dem Leben des Autors gestreift werden.

Aufgrund dieser Basis erfolgt im Hauptteil die erzähltheoretische Analyse des Romans im Zusammenhang mit dem Realismusbegriff bzw. – zur Betonung der jeweiligen Abhängigkeit der Auslegung – der Realismusbegriffe. Hierbei werde ich als erstes auf die Sichtweise der Hauptperson – Don Quijote – eingehen, um dann die Rolle des Erzählers näher zu beleuchten. Schließlich werde ich mich dem Aufbau des Romans widmen und auch in diesem Bereich Realität stiftende Strukturen herausarbeiten, sodass schlussendlich unter dem hier vorliegenden Blickwinkel der „Don Quijote“ seine Realitätsberechtigung erhält.

2. Was ist Realität?

Dass Realität nicht zu allen Zeiten in der sinnenbezogenen Auffassung heutiger Realitätszuweisungen gesehen wurde, wird deutlich, wenn man die unterschiedlichen Diskussionspunkte zum Realitätsbegriff durch die Jahrhunderte hindurch betrachtet. Realität ist keineswegs mit einer feststehenden, für alle Zeiten gültigen Definition zu belegen, sondern muss stets nach den Auslegungen der jeweiligen Auffassungsmuster der Philosophen und Dichter innerhalb eines bestimmten Zeitraumes befragt werden. Mit anderen Worten: Realität ist ein relativer Begriff, dessen Definition wandelbar ist. Es ist daher von immanenter Bedeutung, „das Realismusproblem unter den jeweiligen historischen Gegebenheiten und Bedingungen [zu] verstehen“ (Pütz II, S. 22). Ein Übertragen des heutigen Realitätsverständnisses auf Auslegungen bzgl. des Realismusproblems früherer Texte würde zu keinem Verstehen der Denkstrukturen anderer Zeiten führen (s. Pütz II, S. 64), sondern historizitätsgebundene Auslegungen bewirken. So deuteten die Frühromantiker Don Quijote als „Märtyrer des Idealen“ (Aparicio Vogl S. 168), während die Aufklärer im „Don Quijote“ eine lehrreiche Satire sahen (s. Aparicio Vogl. S. 149).

2.1 Der Wandel des Realitätsbegriffes in der Literatur

Doch wie wird Realität zu welchen Zeiten definiert? Beginnen möchte ich mit der Antike bei Aristoteles, der Realität bzw. das, was ein Dichter aus dem Bereich der Realität nachahmen soll, mit Wesenheiten beschreibt. Diese Wesenheiten bezeichnen im Gegensatz zu Einzeldingen, die die sinnlich fassbaren Realien darstellen, ein Allgemeines, eine Wahrscheinlichkeit, die hinter dem Einzelnen, dem Besonderen steht. Zwar verbannt Aristoteles die Einzeldinge nicht generell aus poetischen Werken, doch sollten sie nicht für sich selbst stehen, sondern über sich hinausweisen auf ein Allgemeines, Höheres (s. Pütz I, S. 111 f.).

Wichtig für die Betrachtung der verschiedenen Realitätsauffassungen bei „Don Quijote“ ist zudem der Subjekt-Objekt-Relationsbezug. Während bis zum frühen Mittelalter Objekte unabhängig von subjektiver Betrachtungsweise in ihrem Dasein, in ihrer Existenz als gegeben betrachtet werden, rückt während des Mittelalters und insbesondere mit Beginn der Neuzeit um 1500 das betrachtende Subjekt in den Mittelpunkt, wird die Essenz der Dinge abhängig vom Betrachter. Diese Akzentverschiebung vom Objekt zum Subjekt hat zur Folge, dass „die Schöpfung als Gotteswerk nicht mehr glaubhaft“ (Pütz II, S. 33) gemacht werden kann. Denn Subjektivierung beinhaltet die Abhängigkeit der Einzelerscheinungen von der Betrachtungsweise, von dem Bewusstsein des Einzelnen, das heißt, dass die Ideen nicht mehr wie vormals als reale und unabhängige Wesenheiten, nicht mehr als Manifestationen Gottes existieren. Dieser Verlust des automatischen Zusammenhanges von Gott und Welt führt dazu, dass „nun dem Menschen die Last der Selbstbehauptung mit dem Ziel auferlegt [wird], Welt und Dasein selbst durch Sinngebung zu füllen und zu planen“ (Pütz II, S. 33/34). Noch der Universalien-Realismus behauptete: „Die Universalien sind real, und umgekehrt: Die Realität wird durch Universalien bestimmt“ (Pütz II, S. 36) (und nicht etwa durch subjektive Betrachtungsweisen), wobei „Universalien“ die Allgemeinheiten, die Wesenheiten, abgeleitet aus den Einzelerscheinungen, bezeichnen (s. Pütz II, S. 11). Diese Auffassung beginnt mit der Nominalismusposition des Mittelalters zu kippen, einer Gegenposition zum Universalien-Realismus des Mittelalters, die als Grundlage für die Universalien die Einzelerscheinungen sieht (s. Pütz II, S. 20).

Während im Mittelalter bei den Realisten die Universalien als bewusstseinsunabhängig gelten, in dem Sinne, dass etwas Gedachtes auch gleichzeitig ist, dass Sein und Bewusstsein nicht voneinander getrennt sind (s. Pütz II, S. 14), dass Allgemeinheiten unabhängig und real sind (s. Pütz II, S. 37), setzt im Nominalismus die Perspektivierung ein, die Abhängigkeit des Erscheinungswesen vom Standpunkt des Betrachters (s. Pütz II, S. 28). „[D]er Nominalismus setzt die Einzelerscheinungen der empirischen Wahrnehmung als Realität, wobei jede weiterführende allgemeine Begriffsbildung Sache menschlicher Subjektivität ist“ (Pütz II, S. 38).

Beiden Theorien liegt jedoch die These zugrunde – und dies im klaren Gegensatz zum heutigen Denken -, dass die Wesenheiten vorhanden sind. Gefragt wird nicht nach der Existenz bestimmter Realien, sondern nach der Essenz, nicht nach ihrem Dasein, sondern nach ihrem Sosein. Etwas ist real, nicht weil es da ist, sondern weil es auf eine bestimmte Art und Weise ist (s. Pütz II, S. 15, S. 21, S. 40-42). Somit lautet zum Beispiel die Frage nach dem Jenseits nicht, ob es ist, sondern wie es ist, denn dass es vorhanden ist, ist Grundvoraussetzung des mittelalterlichen Denkens.

Interessant im Zusammenhang mit dem „Don Quijote“ ist zudem die theologische Auslegung des Realitätsbegriffs im Mittelalter. In der christlichen Auffassung von Realität haben nicht nur Worte eine Beutung, sondern den wirklichkeitsimmanenten Dingen kommen vielfältige, heilsgeschichtliche Bedeutungen zu, sodass die Einzeldinge zu vielfältigen Bedeutungsträgern werden, und somit die empirische Wirklichkeit zu einem Kunstwerk gedeiht, viel eher noch, als die Worte eines Dichters, denn dieser bildet lediglich Worte, die einsinnig als Wortbedeutung auf ein Ding verweisen. Erst das Ding an sich verfügt über vielfältige Auslegungen und ist somit ein Kunstwerk. Dieser Bedeutungszuwachs der empirischen Realität im Mittelalter führt zu einer Verschmelzung von Kunst und Wirklichkeit, sodass jedem Gegenstand Verweisungscharaktere immanent sind, die jeder Denkende auslegen kann (s. Pütz II, S. 53-65).

Die Renaissance bezieht sich in ihrem Schaffensprozess auf die Antike, während die Vorbildfunktion der Antike in etwas Außerkünstlerischem, in der gelebten Wirklichkeit liegt (s. Pütz II, S. 69/70), natürlich ohne sie lediglich abbilden zu wollen, sondern darüber hinausdeutend. Im Unterschied zur Antike greift die Renaissance nicht nach Möglichkeiten, sondern sie greift höher hinaus, sucht nach dem Idealen (s. Pütz II, S. 75, S. 82/83).

Zusammenfassend lässt sich über „Realität“ sagen, dass in der Antike die Allgemeinheiten, die Wesenheiten gesehen werden, im Mittelalter die Wort- und Dingwelt als Verschmelzungstiegel von Kunst und Wirklichkeit hervorgehoben wird und in der Renaissance das Hinstreben, das Erreichen des Idealen „im Sinne der vollkommenen Menschlichkeit, in dem sich Mut, Klugheit und Frömmigkeit […] vereinen“ (Pütz II, S. 82) im Vordergrund steht.

Die Renaissance ist die Zeit, aus der Don Quijote hervorgeht, deren Idealen er zustrebt (s. Endress, S. 97), die ihn gebiert, jedoch nicht ohne dass vorherige Einflüsse des Mittelalters und der Antike in ihm wirken. Die anderen Figuren des Romans befinden sich bereits auf dem Zweig der Entwicklung, der in die Moderne führt, der die sinnliche Wahrnehmung auf das Besondere lenkt. Denn der Wandel in der Einschätzung des Besonderen und Individuellen beginnt in der Renaissance und verstärkt sich im 18. Jahrhundert (s. Pütz II, S. 126).

„Zwischen der griechischen Auffassung und der späteren, die im Charakteristisch-Besonderen das Realitätsnähere sieht, liegt eine fundamentale Veränderung in der Einschätzung der äußeren Sinnenwelt“ (Pütz II, S. 125). Diese veränderte Einschätzung ist den Figuren des Romans inhärent, allen, bis auf einem, der von dem Zweig der allgemeinen, auf ein Höheres verweisenden Realität nicht abspringen mag: Don Quijote.

2.2 Cervantes zeitgenössische Realität

Hier sollen einige Umstände aus Cervantes zeitgenössischer Realität angesprochen werden, die bei der Romananalyse hilfreich bzw. unterstützend wirken können.

Cervantes Leben ist zunächst geprägt vom Soldatendasein, von Loyalität gegenüber und Kampfeswillen für seinen König. Er erlebt Schlachten und gerät in Gefangenschaft. In dieser Zeit zeichnet er sich durch Tugenden wie Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft aus. Er dient loyal seinem König, der sich jedoch weder in der Gefangenschaft um seinen Schützling kümmert, noch ihm auf seinem weiteren Lebensweg zur Seite steht. Im Gegenteil wird Cervantes in seiner Heimat wegen ausbleibender Forderungen erneut ins Gefängnis gesteckt, sodass der „Don Quijote“, dessen Erscheinungsjahr auf 1605 (erster Teil) und 1615 (zweiter Teil) datiert wird (s. Aparicio Vogl, S. 42), teilweise in Gefangenschaft entstanden sein dürfte (s. Aparicio Vogl, S. 37-39). Diese Ereignisse werden Cervantes geprägt und desillusioniert haben.

Zur Lebenseinstellung seiner Zeitgenossen lässt sich sagen, dass das Ritterideal noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Spanien gültig war (s. Endress, S. 106). Und der junge Cervantes wird sich dieser Ideale bedient und viele Ritterbücher gelesen haben. Anders lässt sich sein Wissen über Ritterbücher nicht erklären (s. Endress, S. 107). Außerdem entsprechen sie seinen eben erläuterten Lebenseinstellungen.

Aparicio Vogl bezeichnet die Zeit Cervantes als eine Zeit des Umschwungs, in der alte Werte und Traditionen zerbrechen, ohne dass bereits neue greifen (s. S. 31). Dieser Bruch, die Suche nach neuen Orientierungsmöglichkeiten, die Vielfalt der Wahrnehmungen wird im „Don Quijote“ sehr deutlich. Eine Zeit des Umschwungs konstatiert auch Robert, wenn sie schreibt: „[…] zwischen dem Olymp und dem Leben, zwischen den vielfältigen geistigen Idealen und der alltäglichen Wirklichkeit ist der Bruch unwiderruflich vollzogen“ (S. 138).

In dieser Zeit des Umschwungs versucht man sich an Werten wie „Christentum, HeldenmutundEhre“ (Aparicio Vogl, S. 32) als Tugenden zu orientieren, ohne dass jedoch Ideale auf Don Quijotes Art gelebt werden können. Hierzu ist die Kluft zwischen dem Idealen, dem von Don Quijote angestrebten „goldenen Zeitalter“ und der zeitgenössischen Wirklichkeit zu breit (s. Endress, S. 104).

3. Die verschiedenen Realitätsstrukturen des Romans

Wie bereits festgehalten, wird der Begriff „Realität“ zu verschiedenen Zeiten je unterschiedlich definiert, und es liegt ihm eine jeweils unterschiedliche Subjekt-Objekt-Relation zugrunde. Diese unterschiedlichen Sichtweisen lassen sich sowohl an Don Quijote und den ihn umgebenden Figuren als auch am Erzähler ausmachen. Doch auch der Romanaufbau selbst zeigt verschiedene Realitätsfelder, die ineinander verwoben sind und die sichtbar gemacht werden sollen.

3.1 Don Quijotes Realität

Don Quijotes Realitätssicht einfach als Wahnsinn zu bezeichnen, greift mit Sicherheit zu kurz, ebenso wie ihn als bloße Satire, als Possenfigur zu sehen. Oftmals wird die Figur unterteilt in einen theoretischen Don Quijote, der weise und universal gebildet sich zu verschiedenen Themen äußert, – Endress spricht ihm in diesen Augenblicken „Realismus“ zu (s. S. 41) - bei dem jedoch der Wahn bei der bloßen Nennung des Wortes „Ritter“ bzw. seiner ihn umgrenzenden Begriffsfelder, ausbricht, Don Quijote der Realität enthebt und im Raum des Irrsinns aussetzt, von wo aus er die Realität mit praktischen Mitteln zu bekämpfen versucht und doch stets scheitert (s. Aparicio Vogl, S. 91f.). So sieht auch Aparicio Vogl eine Zweiteilung des Charakters von Don Quijote, wobei sie zusätzlich eine Entwicklung Don Quijotes ausmacht von einer lächerlichen Gestalt hin zu einem komplexeren Charakter, „[v]on der Karikatur zum Charakter“ (Aparicio Vogl, S. 98), der interessanterweise genau dann für den Leser an Lächerlichkeit verliert, wenn die ihn umgebenden Figuren anfangen, mit ihm Theater zu spielen (s. Aparicio Vogl, S. 95/96), sich also selbst in eine andere Realität versetzen. Ich werde später noch darauf zurückkommen.

Diese doppelte Charakteristik des Don Quijote ist sicherlich vorhanden, doch stellt sich die Frage bei einer der Relativität des Realismusbegriffs ergründenden Untersuchung, ob sich die Welt oppositionell aufteilen lässt in Realität und Wahn bzw. Irrsinn. Ist die Sicht des sogenannten Wahnsinns unrealistisch? Oder hat Don Quijote vielleicht einfach eineandereRealitätssicht? Wenn wir uns die im zweiten Kapitel herausgearbeiteten, durch die Jahrhunderte hindurch unterschiedlichen Einstellungen zur Realität und ihrem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt vergegenwärtigen, so kann argumentiert werden, dass Don Quijote sich keineswegs außerhalb von Realität bewegt, sondern dass seine Realitätssicht eine andere ist als die der Personen, die ihn umgeben. Für Don Quijote zählt nicht das Einzelding, das Besondere, das sinnlich Erfahrbare. So hält auch Robert fest: „er ist und bleibt dem Tatsächlichen fremd, er berücksichtigt keine Erfahrung“ (S. 10). Er strebt nach Idealen wie die Autoren der Renaissancezeit, aus der er hervorgeht, er erhöht die Dingbedeutung in ihre Allgemeinheiten wie das christliche Mittelalter und als Grundlage dienen ihm die Wesenheiten, das Allgemeine als Realitäten, die bereits in der Antike diskutiert wurden und in Don Quijote fortleben.

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Details

Seiten
34
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640728718
ISBN (Buch)
9783640729104
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159980
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
Schlagworte
Realismus Don Quijote Erzählstrukturen Realitätsbegriff Miguel de Cervantes Romananalyse

Autor

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Titel: Das goldene Zeitalter in der Barbierschüssel