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Sprache als Skandal

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Literaturkritik
2.1 Gatekeeper-Ansatz
2.2 Nachrichtenwerttheorie
2.3 Intermedia Agenda Setting
2.4 Offentlichkeitsarbeit
2.5 Funktionen der Literaturkritik

3 Pornografie

4 Frauenbild in Lust

5 Sprache in Lust

6 Porno oder Anti-Porno?

7 Feuchtgebiete

8 Feuchtgebiete - ein Porno?

9 Schlussbetrachtung

10 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Elfriede Jelinek kundigte Lust zwei Jahre vor dem Erscheinen als einen Gegen- entwurf zu Georges Batailles Die Geschichte des Auges an. Kurz nach dem Erscheinen 1989 vermeldete sie, Ihr Plan sei gewesen, einen weiblichen Porno zu schreiben, aber sie sei gescheitert. „Ich wollte eine weibliche Sprache fur das Obszone finden. Aber im Schreiben hat der Text mich zerstort (...).‘[1] Charlotte Roches Debutroman Feuchtgebiete ist im Februar 2008 bei Dumont erschienen. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch lehnte eine Veroffentlichung ab, nachdem Roche „so etwas wie eine pornografische Pippi Langstrumpf‘[2] ankundigte. Bei beiden Autorinnen stand das Thema Pornografie im Mittel- punkt der Rezensionen. Daher mochte ich zunachst auf die Literaturkritik ein- gehen, der beide Werke zu einem groBen Teil ihren Publikumserfolg zu ver- danken haben. Hier ist zunachst zu klaren, warum ein bestimmtes Buch rezen- siert wird und ein anderes nicht. Da ich verschiedene Rezensionen zu Lust und Feuchtgebiete heranziehen mochte, ist ebenfalls die Rolle des Rezensenten im Literaturbetrieb zu durchleuchten. Im Anschluss mochte ich der Frage nachge- hen, was genau Pornografie ist und wie sie sich definieren lasst. Ist sie ein ge- eignetes Mittel, um auf Missstande aufmerksam zu machen? Im nachsten Schritt mochte ich auf die Sprache in Lust eingehen. Welche sprachlichen Mit­tel werden verwendet und gibt es pornografische Elemente? In diesem Zusam- menhang soll auch Roches Feuchtgebiete naher betrachtet werden. Da ich hier nur Rezensionen heranziehen kann, liegt der Hauptteil der Arbeit bei der Erar- beitung der Fragestellung anhand von Jelineks Lust. AbschlieBend ist zu kla­ren, ob sich eventuell Verbindungen zwischen den beiden Werken herstellen lassen.

2. Literaturkritik

Der Begriff der Literaturkritik bezieht sich auf die Behandlung von literari- schen Werken, bei der die kritische Interpretation, die Reflexion und die litera rische Wertung im Vordergrund stehen.[3] Der Begriff Literaturkritik wird oft als Synonym fur Rezension gebraucht. Rezension (von lateinisch recensere = sorg- faltig prufen) meint die kritische Betrachtung und Wertung von einem Werk in einer Zeitung oder Zeitschrift.[4] Obwohl die Literaturkritik in erster Linie die Diskussion um ein Buch anregen will, regt sie gleichzeitig auch den Absatz an. Fur viele Kaufer spielt die Besprechung eines Buches durch die Massenmedien eine bedeutende Rolle. Informieren lassen sich die Kaufer nach Auskunft im Handel oder im Gesprach mit Bekannten durch die Printmedien.[5] Die groBe Anzahl von Neuerscheinungen in 2007 steht mit 96.479 nur einer knappen Zahl von etwa 5.500 bis 6.500 Rezensionen gegenuber.[6] Zum Prozess der Selektion von Buchern, uber die der Literaturkritiker in einem Medium rezensiert, gibt es verschiedene Theorien.

2.1 Gatekepper-Ansatz

Dreh- und Angelpunkt dieser Theorie ist der einzelne Journalist, der seine sub- jektiven Entscheidungen trifft. Dieser entscheidet als Gatekepper, ob uber ein bestimmtes Buch in dem jeweiligen Printmedium berichtet wird oder nicht. Diese Theorie wurde allerdings weiterentwickelt, da nicht nur ein einzelner Redakteur verantwortlich ist, sondern die ganze Zeitung, die durch ihre Grund haltung MaBstabe setzt.[7]

2.2 Nachrichtenwerttheorie

Im Gegensatz zur Gatekepper-Theorie steht bei der Nachrichtenwerttheorie nicht das selektierende Subjekt im Vordergrund, sondern das Ereignis als sol- ches. Demnach bestimmt das Ereignis und seine Merkmale, ob uberhaupt da- ruber in den Medien berichtet wird, uber Platzierung, Umfang und Aufma- chung. Bezogen auf Literatur gibt es laut der Nachrichtenwerttheorie folgende Struktur: Zunachst haben bekannte Autoren und Verlage eine hohere Prioritat; ebenso erlangt Literatur des deutschsprachigen Raums einen hoheren Beach- tungsgrad. Neuerscheinungen werden uberwiegend rezensiert, ein weiterer Schwerpunkt stellen Erstveroffentlichungen von Autoren dar. Bucher, die fes- ten Erwartungen entsprechen, erhalten eine groBere Resonanz. Uberreprasen- tiert werden Bucher mit konflikthaften Begleiterscheinungen sein. Daruber hinaus wird Literatur, die sich mit einem besonderen personellen Schicksal verbinden lasst, ein besonderer Aufmerksamkeitswert zuteil.[8]

2.3 Intermedia Agenda Setting

Intermedia Agenda Setting besagt, dass sowohl zwischen Akteuren und Medi- en ein Austauschverhaltnis stattfindet als auch zwischen den Medien selbst. So setzt ein Medium einen Thematisierungsschwerpunkt und dieser wird in ande- ren Medien wiederum aufgegriffen. Das einzelne Medium ist nicht autonom, sondern stimmt sich mit anderen - wenn auch indirekt - ab.

2.4 Offentlichkeitsarbeit

Im Fall der Offentlichkeitsarbeit ist zu fragen, ob Ereignisse inszeniert werden, damit uber sie berichtet wird, also ob Offentlichkeitsarbeit die Literaturkritik in den Massenmedien beeinflusst. Wendy Kerstan fasst allerdings zusammen, dass Offentlichkeitsarbeit nicht primar absatzorientierte Ziele verfolgt, sondern vielmehr das Vertrauen zwischen Medien und Verlag herstellen will, um „auf einer diskursiven Ebene auf die Medien einzuwirken“.[9] Ebenso konnen Ha- ckenbroch und Rossel in ihrer explorativen Studie feststellen, dass die Offent­lichkeitsarbeit der Verlage auf die Gestaltung einer Infrastruktur zur Verbrei- tung ihrer Bucher in den Medien abzielt und eine Vertrauensbasis schaffen will fur eine strategische Verbreitung von Informationen.

2.5 Funktionen der Literaturkritik

Neuhaus legt vier grundlegende Funktionen fur eine gelungene Buchkritik dar: Die Orientierungsfunktion hilft einen Uberblick uber den Markt zu erhalten. Anz geht bei der Orientierungsfunktion auf die unsichere Funktion der feuille- tonistischen Literaturkritik ein, die im Gegensatz zur Literaturkritik im wissen- schaftlichen Bereich innerhalb von kurzer Zeit auf Neuerscheinungen reagieren muss. Demnach beschaftigt sie sich mit einem literarischen Text in seiner zeit- genossischen Kommunikationssituation und nicht erst mit deutlichem Zeitab- stand. Die Kritiker oder Gatekeeper treffen demnach eine Vorauswahl und ge- ben dadurch einen Einblick in die aktuelle Produktion. Die Informationsfunkti- on bezieht sich darauf, dass der Leser erfahrt, wovon das Buch handelt und wie das Thema umgesetzt wird. Mit der Kritikfunktion erhalt der Leser eine Ein- schatzung, ob der Lesakt sich fur ihn unabhangig vom Thema lohnt und damit hat der Kritiker auch unabdingbar eine gewisse Macht. Problematisch wird es da, wo sich Kritikerpersonlichkeiten selbst inszenieren und nicht den Gegen- stand in den Vordergrund rucken. Als vierte Funktion ist die Unterhaltungs- funktion zu nennen, da sie den Leser nicht langweilen soll.[10] Anz definiert Li- teraturkritik als „informierende, interpretierende und wertende Auseinandersetzung vor allem mit neu erschienener Literatur und zeitgenossischen AutorInnen in den Massenmedien“[11].

Als Aufgaben der Literaturkritik sieht Anz, eine Orientierung im Literaturbe- trieb und eine Entscheidungshilfe zur Lekture zu bieten, das Verstandnis von umfassender Literatur zu erleichtern, didaktisch und sanktionierend gegenuber Verlagen und Autoren zu wirken, um eine Qualitatssteigerung zu bewirken und schlieBlich soll Literaturkritik die Reflexion bzw. den offentlichen Dialog uber Literatur fordern.[12] Im Fall der Entscheidungshilfe ist eine kritische Buchbe- sprechung notwendig, damit die Literaturkritik nicht zur PR-Funktion ver- kommt.[13] Der Punkt, didaktisch und sanktionierend gegenuber AutorInnen und Verlagen zu wirken, ist ein problematisches Thema. Angesprochen wird die traditionelle Rolle des Kritikers, der als Richter gesehen wird und uber gute oder schlechte Literatur urteilt. Nach Jurgen Drews geht Literaturkritik aber zu schonend mit Buchern um.[14] Anja Meyer unterscheidet vier Haupttypen des Berufsverstandnisses von Literaturkritikern. Bei dem ersten Typus handelt es sich um einen Kritiker, der eine dienende Funktion gegenuber dem Buch ein- nimmt. Im Gegensatz dazu steht die zweite Auffassung, die Bucher benutzt, um diese eindrucksvoll zu verreiBen. Diese Haltung kalkuliert mit der besseren Verkauflichkeit und scheint die Eitelkeit des Kritikers zu befriedigen. Es exis- tiert ein Missverhaltnis zwischen den Honoraren der Autoren und der Kritiker, da insbesondere bei einem Mehrfachverkauf der Rezension die Einnahmen der Kritiker die der Autoren deutlich ubersteigen. Meyer spricht von einem Ver- marktungskonzept, das vor allem bei Kritikern mit groBen Namen zu beobach- ten ist. Da der Name des Kritikers in Verbindung mit der Rezension gelesen wird kommt es zu dem Prinzip der Leseridentifikation, bei der der Leser an- hand des Kritikernamens entscheidet, ob er die Rezension und im Anschluss daran das Buch liest. Demnach ist auch ein Verriss mit Starbesetzung keiner im eigentlichen Sinne, da das Buch aus der Masse hervorgehoben wird und ihm besondere Aufmerksamkeit zugute kommt. Das dritte Verstandnis propagiert Naivitat und Mut seitens des Kritikers, also grundsatzliche Offenheit und ein Sicheinlassen auf Texte. Die strikte Trennung von Autor und Kritiker wird hier aufgegeben und der Kritiker nimmt eine Doppelrolle als Schriftsteller ein und rezensiert damit als „Gleiche/r unter Gleichen“[15]. Der vierte Berufstypus gibt in erster Linie Informationen uber Inhalt und Machart des Buches weiter. Al- lerdings lasst Meyer hier die Redakteurin Sabine Brandt und den Kulturres- sortleiter bei der WAZ, Horst Jansen, als Beispiele fur diesen Typus zu Wort kommen und es wird deutlich, dass subjektive Empfindungen in Bezug auf ein Buch zu einer Rezension uberhaupt erst bewegen. Allerdings wird dieses Ver- fahren komplexen Texten selten gerecht, da der Rezensent subjektive Eindru- cke und Stimmungen auf einen Text ubertragt und dieses Verfahren somit durch Willkur gepragt ist.

Zusammenfassend lasst sich sagen, dass sich die Qualitat einer Rezen­sion nicht aus ihrem Konsens oder Dissens mit dem zu besprechenden Buch ableitet. Ausschlaggebend sind die Lesart, die Lektureerfahrungen und die Fa- higkeit, diese in der Kritik sichtbar zu machen. Durch die Thematisierung der Lektureerfahrung soll die Wechselwirkung zwischen Buch und Rezensent of- fengelegt werden.

3. Pornografie

Das Wort Pornografie kommt aus dem Griechischen (porne=Hure und graphos=schreiben) und bedeutet „uber Huren schreiben“. Die Definition von Pornografie ist durchaus umstritten. Wahrend z.B. Dworkin im Ursprung die­ses Begriffs schon eine Wertung dafur sieht, dass Frauen erniedrigt und als Ware gesehen werden, deutet Gehrke die griechische Pornographie als Darstel lung sexueller Handlung.[16] Bei der Definition von Pornografie sind zwei ideo logische Verstandnisweisen zu nennen. Zum einen wird Pornografie als „kommerzielle Ausbeutung von Sexualitat“[17] gesehen, also Sex als Ware, zum anderen in der Frauenbewegung als „Anleitung fur die Vergewaltigung von Frauen“[18]. Gesetzlich meinte Pornografie die Darstellungen, die zum Ausdruck bringen, dass sie ausschlieBlich oder uberwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes beim Betrachter abzielen und dabei die im Einklang mit allge- meinen gesetzlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstandes eindeutig uberschreiten.[19]

Nach der Definition des OLG Dusseldorf handelt es sich bei Pornografie um

grobe Darstellungen des Sexuellen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum bloBen, auswechselbaren Objekt geschlechtlicher Begierde degra- dieren. Diese Darstellungen bleiben ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensau- Berungen und nehmen spurenhafte gedankliche Inhalte lediglich zum Vorwand fur provozierende Sexualitat.

Die Darstellung von Nacktheit oder von Sexualakten ist demnach nicht per se pornografisch. Faulstich stellt dar, dass sich Pornografie aus den drei Faktoren sexuelle Erregung, Tabuverletzung und Verzerrung definiert, anhand derer aber die Relativitat des Pornografiebegriffs wieder deutlich wird, da es hierbei um subjektives Empfinden geht. Ebenso ist zu beachten, dass das, was gestern noch ein Tabu darstellte, heute schon alltaglich sein kann.[20] Die mannigfaltigen Definitionen von Pornografie, die entweder negativ oder positiv werten, deuten auf eine Scheu in Bezug zur Sexualitat hin, die ihren Ursprung auch in der Ta- buisierung des Themas hat. Diese Tabuisierung wird vor allem durch die man- gelnde Moglichkeit gezeigt, Sexualitat zu versprachlichen. Werner Faulstich bemerkt hierzu, dass die Sprache hier in Grenzen verwiesen wird, da es prob- lematisch ist, sich sprachlich korrekt bzw. neutral auszudrucken, wo es um

Pornografie geht.[21] Dora Traudisch spricht von einer „Art hilfloser Sprachlo sigkeit“[22] speziell bei Frauen und stellt die Frage, ob dieses Vakuum oder De- fizit aufgeholt werden kann. Wenn über Sexualität gesprochen wird, so kann dies in umgangsprachlichen, im fachterminologischen oder im vulgären Code geschehen, wobei Faulstich (Neuhaus) ersteren als verlogen, den fachterminologischen Code als distanziert und den letzteren als abwertend bezeichnet.

[...]


[1] Loffler, Sigrid: Ich mag Manner nicht, aber ich bin sexuell auf sie angewiesen.

[2] Diez, Georg: Lust an der Provokation.

[3] Vgl. Metzler, J.B.: Metzlers Literatur Lexikon. S. 277.

[4] Vgl. Metzler: Metzlers Literatur Lexikon. S. 388.

[5] Vgl. Hackenbroch, Rolf / Rossel, Jorg: Organisationsstrategien und mediale Selektion im Kunstbereich am Beispiel von Literaturrezensionen. S. 263.

[6] Vgl. http://www.boersenverein.de/de/158446/Pressemitteilungen/210884? nav= Stand 17.09.2008

[7] Vgl. Hackenbroch, Rolf / Rossel, Jorg: Organisationsstrategien und mediale Selektion im Kunstbereich am Beispiel von Literaturrezensionen. S. 273.

[8] Vgl. Hackenbroch, Rolf / Rossel, Jorg: Organisationsstrategien und mediale Selektion im Kunstbereich am Beispiel von Literaturrezensionen. S. 274f.

[9] Kerstan, Wendy: Der Einfluss von Literaturkritik auf den Absatz von Publikumsbuchern. S. 93.

[10] Vgl. Neuhaus, Stefan: Literaturkritik. S. 167-170.

[11] Anz, Thomas: Werkstatt. Literaturkritik. S. 50.

[12] Vgl. Anz, Thomas: Werkstatt. Literaturkritik. S. 51f.

[13] Vgl. Meyer, Anja: Elfriede Jelinek in der Geschlechterpresse. S. 19.

[14] Vgl. ebd. S. 20.

[15] Meyer, Anja: Geschlechterpresse. S. 24.

[16] Vgl. Dworkin, Andrea : Pornographie - Manner beherrschen Frauen. S. 241. und Gehrke, Claudia (Hrsg.): Frauen und Pornographie. S. 6ff.

[17] Faulstich, Werner: Die Kultur der Pornografie. S. 10.

[18] Ebd. S. 10.

[19] BT-Drs. VI/3521 S. 60 .

[20] Vgl. Faulstich, Werner: Die Kultur der Pornografie. S. 14 f.

[21] Vgl. ebd. S. 21.

[22] Traudisch, Dora: Von einer, die auszog und das Furchten lernte. S. 128

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640727087
ISBN (Buch)
9783640727797
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159876
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
Sprache Skandal

Autor

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