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Geschichte im Fernsehen und Geschichtsfernsehen im Internet

Ethik der digitalen Medien

Seminararbeit 2010 13 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschichtsfernsehen im Wandel

3. Entwicklungsprozess des Geschichtsfernsehens

4. Wandel des Mediums Fernsehen
4.1 Format und Machart
4.2 Amphibienfilme
4.3 Fiktion
4.4 Dramaturgie und Beobachtung der Zuschauer
4.5 Geschichtsindustrie

5. Suggestion von Authentizitat

6. Geschichtsfernsehen im Internet
6.1 ZDF-Dokumentarreihe „Die Deutschen“

7. Kritik am Geschichtsfernsehen und dessen Ethik

1. Einleitung

Geschichte im Fernsehen und eben dieses Geschichtsfernsehen im Internet - der Titel der vorliegenden Arbeit sagt schon aus, dass diese einen kurzen Uberblick uber die Entwicklung des Geschichtsfernsehens geben soll. Von den fruhen Anfangen rein televisional, uber dessen immer kommerzieller werdende Produktion und Vermarktung bis hin zu der Verbreitung uber das Internet in der heutigen Zeit. Um den Bogen zur Hauptthematik des EPG II Seminars, „Ethik der digitalen Medien“ zu spannen, soil am Ende dieser Arbeit ruckblickend uber die bis dahin aufgezeigte Ausbreitung ein Resumee der Entwicklung des Geschichtsfernsehens gezogen werden.

2. Geschichtsfernsehen im Wandel

In der Bundesrepublik Deutschland gewinnen seit dem Ende der 50er Jahren des 20.Jahrhunderts ein immer breiter werdender Strom von historischen Sendungen aller Art Einfluss. Dabei wurde die klassische Dokumentation modifiziert, erganzt und durch ein neues Genre, der Doku-Fiktion, erweitert. Nebenher entwickelten sich weiterhin historische Dokumentarspiele, Fernsehspiele sowie Spielfilme, die auf einer historischen Basis aufbauen oder diese zumindest als solche bezeichnen.

Mit wachsender Beliebtheit dokumentiert, dramatisiert und inszeniert das Fernsehen in Deutschland Geschichtliches und auch Zeitgeschichtliches. Es befriedigt damit, in einer leicht verstandlichen Form, die geschichtliche Neugierde eines immer groBer werdenden Teils der Bevolkerung.

Die Gesamtzahl historischer Sendungen wuchs allein in den Anfangsjahren von 1958 bis 1967 von 33 auf 175 pro Jahr an, bzw. von 1595 Minuten Sendezeit auf 4985 Minuten1 bedingt auch durch das Auftreten des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) seit April 1963.2 Mittlerweile haben sich Sendungen wie „ZDF-History“ langst etabliert und konnen ein festes Stammpublikum aufweisen. Dem schon 1979 betrachtlich hohen Anteil an Geschichtssendungen im ZDF lag ein groBes MaB an Zuschauerinteresse zu Grunde, das seinerseits fur hohe Einschaltquoten sorgte, auf die das ZDF aus okonomischen Grunden dringend angewiesen war. Desweiteren zwang der Wettbewerb mit der Arbeitsgemeinschaft der offentlichen rechtlichen Rundfunkanstalten der BRD (ARD), gerade bei zuschauertrachtigen Themen wie „Weimar“ oder „Nationalsozialismus“, zu einem regelrechten Konkurrenzkampf3. Ebenso belegen neuere Studien, dass sich auch die Dritten Programme innerhalb der ARD, die sich ihrem Selbstverstandnis nach als Regional-, Kultur- und Minderheitenprogramme definieren, immer starker als Kernbestandteile des Geschichtsfernsehens etabliert haben. Bei einer 1987 erfolgten zweiwochigen Programmanalyse zehn deutscher Sendeanstalten (offentlich-rechtliche und auch private) konnte ein Anteil von ca. 5% Geschichtsfernsehen festgestellt werden.

Jedoch musste auch als Fazit festgehalten werden, dass Sendungen, die auf einer gut recherchierten Basis beruhten und einem hohen historischen Anspruch folgten, nicht „Prime Time-fahig“ waren, d.h., dass sie entweder zu einer schlechteren Sendezeit oder auf einem dritten Programmplatz ausgestrahlt wurden.4 „Prime-Time-fahiges Geschichts -TV“ ist klar auf Personalisierung, Dramatisierung und Emotionalisierung ausgerichtet.5

Mittlerweile ist die Anzahl der international produzierten Geschichtssendungen beinahe unuberschaubar und schwer zu quantifizieren, konkrete Zahlen dazu konnte ich zumindest keine finden.

Bei einer ZDF-Zuschauerbefragung aus dem Jahre 1985 gaben 13% der Befragten an, sich „auf jeden Fall“ ein zeitgeschichtliches Dokumentarspiel anzusehen.6

Aber auch wenn der Interessensanteil der Zuschauer stetig gewachsen ist, so ist, einer aktuellen Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2009 nach, dennoch der Anteil an geschichtlich desinteressierten Zuschauern mit 39% recht hoch. Dagegen geben knapp 37% der Befragten an, gern oder sehr gern Geschichtssendungen anzusehen.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch rangieren Geschichtssendungen, im Vergleich zum restlichen Fernsehprogramm, bei der Beliebtheit mit einem Anteil von 13% im oberen Mittelfeld. Im Vergleich zu Nachrichten und Sportsendungen ist das sicherlich ein geringer Wert, aber immerhin verweist das Geschichtsfernsehen andere Themen wie Science Fiction, Fantasy, Musik-TV und Kochshows auf die hinteren Platze.8 Es lasst sich also sagen, dass ab dem Jahr 1967 die Zuwachse an Sendezeit und die Anzahl der Sendetitel eindeutig zugunsten zeitgeschichtlicher Themen gehen - als besonders dominant stellte sich hierbei naturlich die Thematik des Nationalsozialismus heraus.9 Das TV-Historien-Drama „Die Flucht“ ist mit 12 Millionen Zuschauern in das Ranking der zehn einschaltstarksten Programme eingedrungen.10 Sieht man sich die Prasenz historischer Themen im Deutschen Fernsehen an, so erweisen sich alle pessimistischen Ankundigungen vom „Verlust der Geschichte“ oder vom „Schwinden des Geschichtsbewusstseins“ als haltlos. Besonders tragen „runde Jahrestage“ immer wieder zu einem Aufschwung an dokumentierenden und auch unterhaltenden Sendungen mit geschichtlichen Themen bei. Am Beispiel des „Geschichtsjahres 2009“ (2000 Jahre Varusschlacht, 70 Jahre Beginn des zweiten Weltkriegs, 60 Jahre Grundgesetz, 20 Jahre Mauerfall) und der daraus nachfolgenden Flut an Geschichtssendungen wurde dies eindrucksvoll dokumentiert.

TV-Produktionen erreichen durch den Export in andere Lander zusatzliche Millionen von Zuschauern - und es geht demzufolge, wenn man noch die Print- und digitalen Zusatzpublikationen hinzurechnet, um groBe Summen. Somit hat sich ein regelrechter Markt fur Geschichtsproduktionen etabliert, wobei sich, wie schon erwahnt, die Thematik rund um den Nationalsozialismus besonders gut verkaufen lasst (bspw. ist der Kinofilm „Der Untergang“ in 141 Lander verkauft worden).11 Als kostensparend hat sich hierbei das Wiederverwerten von Material aus alteren Produktionen bewahrt, das dann - gleichsam authentisch - in die neue Sendung eingearbeitet wird. Eine negative Folge hiervon ist, dass es mittlerweile selbst fur die Redakteure schwierig wird, zwischen wiederverwertetem Archivmaterial (sog. Reanactment-Material) und dem sogenannten „Neudreh“ zu unterscheiden. Einer unbeabsichtigten Verwendung solchen Materials soll z.B. durch spezielle Kennzeichnung vorgebeugt werden.12

Um ein wirtschaftlich erforderliches Massenpublikum zu erreichen, bedarf es der Aufbereitung des dokumentarischen Materials nach den Prioritaten des Fernsehens: Quote, Spannung, Unterhaltung. Aber gerade eine solche Aufbereitung fordert die Einwande quellenkritisch geschulter Historiker geradezu heraus.13

Denn die professionelle Geschichtswissenschaft und auch die Geschichtsdidaktik, quasi als Huter geschichtlicher Vermittlung und Bildung, taten und tun sich zum Teil immer noch mit dieser neuartigen Form der Geschichtsvermittlung schwer. Wahrend Museen, Ausstellungen, historische Jugend- und Sachbucher als auBerschulische, erganzende und Anreiz gebende Geschichtsvermittler langst anerkennend akzeptiert werden, gibt es nur wenige wohlwollende Kritiker des Geschichtsfernsehens. Die Unsicherheit bei der Beurteilung des Wertes und der Wirkungen von Geschichtssendungen ist dabei von entscheidender Bedeutung. Die Deutungshoheit der Historiker uber das offentlich prasentierte Geschichtsbild scheint zu schwinden.

Ebenso entwickelt sich auch die Diskrepanz bei der kritischen Wurdigung gedruckter historischer Werke auf der einen- und elektronischer Werke auf der anderen Seite nur langsam zuruck: Wahrend die meisten historischen Publikationen mehrfach und eingehend rezensiert wurden und werden, um dann bibliographisch und bibliothekarisch dem Nutzer zur Verfugung stehen, haben historische Fernsehsendungen lange Zeit gebraucht, um eine entsprechende Wurdigung (z.B. in historischen Fachzeitschriften) zu erfahren - und das, obwohl sie gerade im Unterschied zum gedruckten Buch ein Vielfaches an Rezipienten erreichen. Mittlerweile ist es moglich, sowohl Bucher einzuscannen und fur jedermann zuganglich zu machen (hierbei ist Google Books ein groBer Vorreiter, vgl. Seminars-Referat „Erinnerung durch Digitalisierung“, 15.07.2010) als auch Geschichts-Sendungen aus dem Fernsehen komplett oder in Teilen dem Benutzer im Internet zur Verfugung zu stellen. Dies stellt einen groBen Vorteil gegenuber den bisherigen sendungsbegleitenden Medien (Print- oder digital) dar, denn dieses Bereitstellen der Inhalte im Internet geschieht in aller Regel kostenlos. Dass die dahinterstehenden Fernsehanstalten dennoch ihren Nutzen aus dieser kostenlosen Publikation im Internet ziehen, darf angenommen werden: stellt das Internet doch eine willkommene Werbeplattform dar - sei es durch erganzende Informationsmaterialen zur entsprechenden Sendung oder es dient schlicht der Bindung des Nutzers an das Sendeprogramm der TV-Anstalt.

Nicht nur der Anteil, sondern insbesondere auch der Typus des Geschichtsfernsehens unterlagen einem Wandel: Standen zu Beginn noch „uberwiegend Einzel-Dokumentationen sowie Theateradaptionen historisch dramatischer Stoffe“14, so kamen danach mehrteilige Dokumentarserien auf, die eigens fur das Fernsehen in einer erzahlerisch-abenteuerlichen Weise gedreht wurden. Hierbei begann nun also ein Prozess, historische Stoffe unterhaltsam und spannend aufzuarbeiten. Am Ende dieses Prozesses stehen Mischformen von Geschichtssendungen, die dokumentarische, spielerische, unterhaltende, dramatische, moderierende, diskursive und erzahlende Elemente in sich tragen, die teilweise nur noch schwer oder gar nicht voneinander zu unterscheiden sind.

Dennoch stellt dieser Zuschnitt von Dokumentationssendungen immer noch den Hauptanteil des Geschichtsfernsehens dar.

3. Entwicklungsprozess des Geschichtsfernsehens

In den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts waren Dokumentation und Unterhaltung noch strikt getrennt. Die im dritten Programm ausgestrahlte vierteilige Fernsehserie „Holocaust - Die Geschichte der Familie WeiB“, eine US-amerikanische Produktion, wurde zu einem Einschnitt in der deutschen Geschichts-TV-Landschaft. Erstmals sorgte man mit Hilfe von der Serie nachgeschalteten Experten- und Diskussionsrunden, bei denen sich die Zuschauer telefonisch beteiligen konnten, fur ein Ende der einseitigen Kommunikation des Fernsehens. Der Hamburger Politologe Peter Reichel sieht durch die Ausstrahlung dieser Serie erstmals nun auch bei einem Massenpublikum die Bereitschaft, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheitsbewaltigung auseinanderzusetzen.15 Nicht nur die Miteinbeziehung der Zuschauer war ein Novum, ebenso setzte ein Run auf vertiefende Literatur ein.16 Seitdem verzichtet eigentlich keine aufwendige, mehrteilige Geschichtssendung mehr auf vor- oder nachgeschaltete Informationen durch Begleitbande, Videos bzw. DVDs (heutzutage in besonderem MaBe durch Zusatzmaterial im Internet) oder auf Expertenrunden.

Ebenso wurden seit „Holocaust“ auch vermehrt unterhaltende Spielhandlungen in Dokumentarsendungen integriert, oder es wurden geschichtliche Stoffe mit dokumentarischem Anspruch von vornherein in Spielfilmform erzahlt.

Zwei Trends des Geschichtsfernsehens haben sich inzwischen etabliert: Zum einen der Typus des Geschichtsfilms (bspw. „Stauffenberg“, „Die Flucht“), bei dem Experten beratend zur Faktenlage aber auch zu Details, wie bspw. zur Kostumierung der Schauspieler zur Seite stehen sowie Zeitzeugen zur Echtheitsbeglaubigung beitragen sollen. Sachliche geschichtswissenschaftliche Kritik, das sei angemerkt, lauft bei solchen Filmen ins Leere - die klassisch quellenkritische Perspektive reicht beim Umgang mit Geschichts-TV nicht aus,

[...]


1 Feil, Zeitgeschichte, S. 156.

2 http://www.unternehmen.zdf.de/index.php?id=66&artid=106&backpid=10&cHash=b5f4e11931

3 Kroll, Geschichte im Fernsehen, S. 106f.

4 Klein, Geschichte oder Geschichten, S. 66.

5 Wirtz, Alles authentisch, S. 10 und S. 15.

6 Kroll, Geschichtsfernsehen, S. 754.

7 http://de.statista.com/statistik/diagramm/studie/105361/umfrage/interesse-an-geschichtssendungen/

8 http://de.statista.com/statistik/diagramm/studie/105356/umfrage/beliebte-fernsehsendungen-und-filme/

9 Feil, Zeitgeschichte, S. 26-28 und S. 156.

10 Wolf, Ereignis-TV, S. 76.

11 Wirtz, Alles authentisch, S. 24f.

12 Ebenda, S. 28f.

13 Ebenda, S. 12.

14 vgl. Kroll, Geschichtsfernsehen, S. 747.

15 Reichel, Erfundene Erinnerung, S. 261.

16 Kroll, Geschichtsfernsehen, S. 760.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640726776
ISBN (Buch)
9783640727520
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159754
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar
Note
Schlagworte
Geschichte Fernsehen Geschichtsfernsehen Internet Ethik Medien

Autor

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Titel: Geschichte im Fernsehen und Geschichtsfernsehen im Internet