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Mythenanalyse "La Historia de las Palabras"

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe

3. Mythenanalyse: La historia de las palabras
3.1 Politische Leitlinien
3.2 Religion und Weltbild

4. Schlusswort

5. Bibliographie

6. Anhang

1. Einleitung

La historia de las palabras ist eine Mythe über den Ursprung und die Geschichte der Wörter. Im Kontext der zapatistischen Bewegung in Chiapas verfasste Subcommandante Marcos diese Geschichte neben einer Reihe weiterer Geschichten wie „La historia de la noche y de las estrellas“ oder „La historia de los colores“, als politischen Mythos, der sinnstiftend, inspirierend und mobilisierend dem Aufstand der Zapatisten gewidmet ist. Marcos inszeniert dabei seine literarische Figur des „viejo Antonio“, einen melancholischen Weisen, als symbolischen Gründer der Bewegung und gestaltet dessen Erzählungen als Leitgedanken des Zapatismus.

Nach dem Motiv „Nuestra arma es nuestra palabra“ folgen die Zapatisten einer alternativen Form politischen Widerstandes, einer, dessen Triebfeder nicht Waffen und Gewalt sind, sondern im Bereich der Sprache liegt. Die Nutzbarmachung von Sprache als Form des Widerstands hat politische Gruppen in aller Welt fasziniert und auch ich sehe mich als Sympathisantin dieser gewaltfreien Bewegung. Hier werden Poesie und Politik, Bilder und Botschaften verschmolzen, um die drei zentralen Forderungen nach Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie, welche ein würdiges Leben ausmachen, durchzusetzen. Diese drei Forderungen bilden den Angelpunkt der Historia de las palabras, die ich im Folgenden analysieren werde. Da die Mythe eine Vielzahl von versteckten, in Marcos metaphorische und überaus poetische Sprache gekleidete Bedeutungen enthält, auf die ich innerhalb von fünf Seiten nicht ausgiebig eingehen kann, werde ich mich vor allem auf zwei Aspekte konzentrieren, von denen ausgehend ich jeweils meine Analyse durchführe. Zum einen werde ich die Mythe von der politischen Warte her untersuchen. Hier gehe ich der Frage nach, welche politischen Grundsätze der zapatistischen Bewegung in der Mythe reflektiert werden. Dann werde ich die Mythe unter dem Gesichtspunkt von Religion und Weltbild beleuchten. Welche kosmologischen Ansichten werden in der Mythe wiedergespiegelt und an den Leser bedeutungsgeladen transportiert? Ich schreibe aus meinem persönlichen Interesse heraus, die Bewegung tiefergehend zu beleuchten und denke, dass die Analyse ihrer Mythe über die Geschichte der Wörter hierfür sehr aufschlussreich sein kann.

2. Inhaltsangabe

Der viejo Antonio, sein Sohn und Marcos richten sich gerade ihr Schlaflager irgendwo in den Bergen Chiapas ein und machen es sich dann vorm Lagerfeuer gemütlich, als der alte Antonio von der Geschichte der Wörter zu erzählen beginnt:

Die ersten Götter gingen immer laufend voran, den Stein unter ihren Füßen so weit abtragend und glättend, dass die Oberfläche wie ein Spiegel wurde. Gegen diesen Spiegel warfen die Götter die allerersten drei Worte: Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie. Der Spiegel reflektierte daraufhin nicht jene drei Worte, sondern dreimal drei weitere Worte zurück. So wurden stets neue Worte in die Welt geworfen.

Dann hatten die Götter den großartigen Einfall, einen zweiten Stein zum Spiegel zu glätten und setzten diesen dem ersten Stein gegenüber. Gegen letzteren warfen sie wieder die drei Worte Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie. Wieder warf der Spiegel dreimal drei weitere Wörter zurück, diesmal gegen den zweiten Spiegel, welcher daraufhin wiederrum dreimal soviele Wörter zurückspiegelte. Aus diesen zwei Spiegeln schöpften sich so immer mehr Worte und die „wahrhaftige Sprache“ wurde geformt. Aller wahrhaftigen Sprache Wesen sind die drei ersten Worte, welche als Hinterlassenschaft der ersten Götter im Leben und Tod der Menschen verkettet sind. Dieses Erbe gilt es zu schützen, sonst zerbricht der Spiegel, man erblindet und alle Wörter versiegten. Deshalb beauftragten die Götter die Menschen des Mais, die Worte zu hüten. Die Menschen des Mais behüten seither jene drei Worte, stets als eine Bürde auf ihren Schultern tragend, damit man sie niemals vergesse.

Am nächsten Morgen spüren Antonios Sohn und Marcos eine merkwürdige Last auf ihren Schultern, die sie fortan mit sich tragen.

3. Mythenanalyse: La historia de las palabras

3.1 Politische Leitlinien

La Historia de las palabras ist in dem politischen Kontext der zapatistischen Bewegung entstanden, in der sich die indigenen LandbewohnerInnen Chiapas‘ gegen die jahrhundertelange Unterdrückung, Ausgrenzung, Ausbeutung und Armut in einem gewaltlosen Kampf um Würde und Selbstbestimmung zur Wehr setzen. Als politische Mythe enthält sie in diesem Zusammenhang eine Vielzahl von Aspekten, die sich im Schnittpunkt zur Realität des Aufstands der „Menschen des Mais“ befinden. Entsprechend einer möglichen Bestimmung von politischen Mythen als „Narrationen, die über den Ursprung, den Sinn und die historische Mission einer politischen Gemeinschaft Auskunft geben“ (Zimmering 2005, S.28) und die Funktion haben „die Mitglieder einer politischen Gemeinschaft zu integrieren, kollektive Identität und Handlungsmacht herzustellen“ (ebd.), steht auch La historia de las palabras im funktionellen Zusammenhang mit den Zapatisten als politischer Gruppe. Fraucke Gewecke schreibt in diesem Zusammenhang: „ Die wichtigsten Funktionen des Mythos sind seine kommunikative und seine pragmatische Funktion: Kommunikativ wirkt er, indem er die Integration des Individuums in die Gemeinschaft und innerhalb der Gemeinschaft Identität, Kommunikation, Konsensbildung und Solidarisierung fördert; pragmatisch wirkt er, indem er durch Bereitstellung und Perpetuierung von (abstrakten) Leit- und Modellvorstellungen und/oder (konkreten) Beispielen modellhaften Handelns das Individuum zu einem für die soziale Praxis als förderlich erachteten, d.h. auch gruppenkonformen Verhalten zu bewegen vermag.“ (Gewecke zitiert von Elke Mader, 2007, S. 150). Die zentralen Begriffe die dies in der Mythe am deutlichsten machen sind die Leitworte der Zapatisten Justicia, Libertad und Democracia, die als die drei allerersten Worte, aus denen sich alle Sprache entwickelt hat, dargestellt werden. Dadurch dass Marcos in dieser Geschichte die drei wesentlichen Schlagworte des Zapatismus mit dem Ursprung der Sprache mythisch verbindet, wird jenen Worten ein tieferer Sinn verliehen, welcher integrativ und mobilisierend auf die gesamte Bewegung wirkt.

Justicia, so erklärt der alte Antonio in der Mythe, bedeutet dabei, dass jeder das bekommt, dessen er würdig ist. Diese Würdigkeit wird gemessen am Maßstab des Gebens: Jeder bekommt das zurück, was er gibt. Dabei bleibt er bei der Metapher der Spiegelung, derzufolge jedes Tun als Spiegelbild auf dasselbe zurückfällt: „‘Justicia‘ no es dar castigo, es reponerle a cada cual lo que merece y cada cual merece lo que el espejo le devuelve: él mismo.“ Das Prinzip der Strafe wird hier explizit abgelehnt, in der Annahme, dass Würdigkeit aus sich selbst schöpfend wirkt und keiner Strafe oder Belohnung bedarf.

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Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640718207
ISBN (Buch)
9783640718245
Dateigröße
904 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159532
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
Anthropologie der Mythen Zapatismus Diskurstheorie
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Titel: Mythenanalyse "La Historia de las Palabras"