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Was wissen wir über den Ist-Zustand der modernen Welt?

Massenmedien und das Internet im Blickwinkel soziologischer Gegenwartsdiagnosen

Hausarbeit 2010 25 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zielbeschreibung
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Massenmedien und Massenkommunikation

3. Die Bedeutung der Massenmedien in soziologischen Gegenwartsdiagnosen
3.1 Herstellung von Offentlichkeit
3.1.1 Organisierte Medienoffentlichkeit
3.1.2 Kritische Offentlichkeit
3.2 Konstruktion einer „zweiten“ Wirklichkeit
3.3 Medienwirkungen

4. Internet als Massenmedium
4.1 Vom EinbahnstraBen-System zum mehrspurigen Kommunikationssystem
4.2 Die Entwicklung zum „Web 2.0“
4.3 Integrative bzw. vergesellschaftende Funktion
4.4 Kontingenzsteigerung durch neue Medien

5. Diskurs
5.1 Herstellung von Offentlichkeit
5.2 Konstruktion einer „zweiten“ Wirklichkeit
5.3 Medienwirkungen

6. Zusammenfassung

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was wir uber unsere Gesellschaft, ja uber die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien" (Luhmann 1996: 9). Nach Luhmanns dif- ferenzierungstheoretischer Betrachtung sind es die Massenmedien, die ande- ren Teilsystemen und dem Individuum das Wissen uber den Ist-Zustand der Welt bereitstellen. Auch einige andere Gegenwartsdiagnosen messen den Strukturen und Wirkungen des Mediensystems groGe Bedeutungen bei. The- matische Schwerpunkte bilden dabei meist die Offentlichkeit, die uber Massen­medien hergestellt wird (Medienoffentlichkeit) und die von den Medien eigen- machtig betriebene Produktion eines virtuellen Konstrukts (Konstruktionsarbeit). Neben dem Medienproduzenten sollte man aber auch den Rezipienten in den Fokus nehmen und danach fragen, welche Wirkungen mediale Inhalte auf die- sen ausuben konnen (Medienwirkungen). Auf der Basis dieser Themenschwer- punkte sollen die nachfolgenden Zielsetzungen verfolgt werden.

1.1 Zielbeschreibung

In dieser Hausarbeit soll nachgezeichnet werden, welche Aussagen sich in ei- nigen soziologischen Gegenwartsdiagnosen zu den Massenmedien finden und wie sich diese zu den drei genannten Themenschwerpunkten stellen. Im An­schluss soll gepruft werden, welche Bedeutung dem Internet in diesem Kontext zukommt. Denn auch das Internet stellt ein Medium dar, das mit den vorge- nannten Problemzusammenhangen verknupft zu sein scheint. Es ist ebenfalls in der Lage, wie ein Massenmedium Offentlichkeit herzustellen, Konstruktions­arbeit zu leisten und Wirkungen zu erzielen. Daruber hinaus sind Individuen hier nicht nur Konsumenten, sondern haufig auch Produzenten. Entwickelt sich ne­ben dem Berufsjournalismus vielleicht Massenjournalismus? Welche Auswir- kungen hat dies fur die Fortentwicklung der Gesellschaft? Ein zentrales Anlie- gen dieser Arbeit wird also sein, im Kontext der Aussagen soziologischer Ge­genwartsdiagnosen zur Bedeutung der Massenmedien auch solche zu finden und zu kontrastieren, die fur das Internet getroffen werden - oder sinnvoll er- scheinen.

Leitende Fragestellungen sind:

Welche Bedeutung haben Massenmedien in soziologischen Gegenwarts- diagnosen?

Welches Potenzial und welche Anschlussfahigkeit entwickelt das Internet als Massenmedium?

1.2 Aufbau der Arbeit

Nach den notwendigen Begriffsdefinitionen in Kapitel 2 geht das Kapitel 3 auf einige Gegenwartsdiagnosen und deren Aussagen zur Bedeutung der Mas­senmedien ein. Die thematischen Schwerpunkte, auf die sich die Gegenwarts­diagnosen in diesem Zusammenhang oft ausrichten, finden sich bei der Struktu- rierung dieser Hausarbeit wieder: Das sind die Themen „Herstellung von Offent- lichkeit" (Kapitel 3.1), „Konstruktion einer „zweiten" Wirklichkeit" (Kapitel 3.2) und „Medienwirkungen" (Kapitel 3.3). Das Kapitel 4 widmet sich dem Internet als Massenmedium und stellt die Eigentumlichkeiten der neuen (interaktiven) Medien im Anschluss an die Massenmedien dar. Ein kritischer Diskurs entlang der leitenden Fragestellung, welches Potenzial und welche Anschlussfahigkeit das Internet als Massenmedium entwickelt, ist dem Kapitel 5 vorbehalten. Die Erorterung erfolgt in der Systematik der thematischen Schwerpunkte des Kapi- tels 3.1 - 3.3, um Aussagen auf gleichem Abstraktionsniveau anzustreben. Zur Klarstellung der Referenzpunkte der Diskussion werden die wesentlichen Aus­sagen der vorausgehenden Literaturauswertung in einer tabellarischen Uber- sicht vorangestellt. Die Hausarbeit endet mit einer Zusammenfassung wesentli- cher Aussagen in Kapitel 6 und einem kurzen Fazit in Kapitel 7.

2. Massenmedien und Massenkommunikation

Unter Massenmedien versteht man Einrichtungen, die Kommunikation verbrei- ten und sich technischer Mittel der Vervielfaltigung bedienen. Dabei ist ent- scheidend, „dass keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfangern stattfinden kann" (Luhmann 1996, 10; kursiv i. O.). Eine solche wird ausgeschlossen, indem Technik zwischengeschaltet wird. Das besondere Charakteristikum der Massenkommunikation ist also die Einseitigkeit des Kom- munikationsflusses. Das Publikum hat keinerlei Chance, selbst in den Prozess der offentlichen Meinungsbildung eingreifen zu konnen, der Kommunikations- prozess besitzt keine diskursive, sondern eine konsumtive Struktur (Munch 1997: 704). Auch ohne diese Moglichkeiten, in den Prozess eingreifen zu kon- nen - beziehungsweise gerade deshalb - bestehen hohe Freiheitsgrade bei der Meinungsbildung. Massenmedien erzeugen zwar immer neue Anlasse fur die Kommunikation, allerdings erzeugen sie keinen Konsensdruck. Auch wenn die Massenkommunikation anonym ablauft, so setzen doch grundsatzlich Diskussi- onen und Meinungsaustausche uber die Themen ein, deren Verlauf vollig offen bleibt. Die strikte Trennung zwischen Sender und Empfanger fuhrt also nicht zu einem normativen Anpassungszwang, sondern ist eine wichtige Voraussetzung fur die Ausbildung hoherer Freiheitsgrade in der Kommunikation und Behand- lung gesellschaftlicher Ereignisse - Anonymitat und distanzierte Beobachtung machen gerade deshalb Sinn. „Interaktionsgewinne waren mit Reflexionsverlus- ten zu bezahlen" (Wehner 1997: 106).

Die weiteren Ausfuhrungen stehen im Lichte dieses Verstandnisses von Mas- senmedien und Massenkommunikation, spatestens bei der Betrachtung des Internets wird dieses Verstandnis aber zu uberdenken sein.

3. Die Bedeutung der Massenmedien in soziologischen Gegenwartsdiagnosen

3.1 Herstellung von Offentlichkeit

Der Offentlichkeitsbegriff wird in der Soziologie in verschiedenen Zusammen- hangen verhandelt. Es geht dabei zum Beispiel um den Aspekt der organisier- ten Medienoffentlichkeit, der der Frage nachspurt, welche Mechanismen bei der Herstellung von Offentlichkeit eine Rolle spielen. Man kann ,Offentlichkeit’ aber auch als kritische Offentlichkeit auf die Bevolkerung allgemein beziehen und deren Potential im Rahmen der Gesellschaftsentwicklung beleuchten.

Egal worauf man den Fokus richtet, die Wirkungen medial hergestellter Offent lichkeit sind sehr oft evident. Sie konnen z. B. in der differenzierungstheoreti schen Perspektive betrachtet Teilsysteme irritieren und im Einzelfall determinie-ren.

3.1.1 Organisierte Medienoffentlichkeit

Der Journalismus besitzt als Trager der offentlichen Kommunikation dominie- renden Einfluss auf alle gesellschaftlichen Prozesse. Die „Gesetze der media- len Ereignisproduktion" bestimmen das soziale Handeln, und sie ergeben sich aus der „globalen Kommunikationskonkurrenz" (Munch 1997: 697). Jedes War- ten oder zu spat kommen wird mit sinkenden Einschaltquoten bestraft. „Der Weg der Kommunikation geht jetzt nicht mehr vom Ereignis zu dessen Darstel- lung, sondern vom Inszenierungszwang zur Erzeugung der Ereignisse" (Munch 1997: 697).

Offentlichkeit wird meist im Zusammenhang mit politischer Offentlichkeit ver- standen, Politik ist ohne Massenmedien nicht mehr denkbar und insofern medi­al konstruiert. Und hier sieht Munch auch konkrete Konsequenzen. Weil Journa- listen einerseits aus besagten Grunden einem Inszenierungszwang unterliegen, andererseits Politiker sich der Medien bedienen mussen, um politische Ereig- nisse in Gang zu setzen, verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus und Politik. „Beide Seiten durchdringen sich gegenseitig immer tiefgreifender, so dass kaum noch festzustellen ist, wo die Politik aufhort und die mediale Dar- stellung beginnt und wo die mediale Darstellung aufhort und die Politik beginnt (...) Wir haben keine Berichterstattung der Medien uber die Politik, sondern ei- ne mediale Ereignisproduktion, in der sich Medien und Politik in virtueller Politik auflosen" (Munch 1997: 699f.).

Als der Shell-Konzern 1995 beabsichtigte, die ausgediente Ollager- und Verladeplattform Brent Spar im Meer zu versenken, bewirkte der offentlich ausgetragene Protest der Umwelt- schutzorganisation Greenpeace, dass der Konzern sein Vorhaben aufgab.

Grundsatzlich mussen alle gesellschaftlichen Sacherhalte medientauglich sein, um gesellschaftsweit offentlich gemacht zu werden. Somit entscheiden die Me- dien daruber, „wer und was sozial und politisch existiert" (Bourdieu 1996: 28). Der Faktor „offentliche Sichtbarkeit" vermag nicht nur gesellschaftliche Entwick- lungen zu katalysieren, sondern kann auch Exklusionen erzeugen. Dies zeigt sich am Beispiel „seltener Krankheiten". In der Regel ist es fur die pharmazeutische Industrie wirtschaftlich uninteressant, Arzneimittel gegen die- se zu entwickeln. Lassen sich solche Sachverhalte wegen fehlender Medien- tauglichkeit nicht in die Offentlichkeit rucken und fehlt in der Folge politischer Handlungswille, kann dies fur die Betroffenen im wahrsten Sinne des Wortes zu einer „Uberlebensfrage" werden. Inwiefern aber gleich der Zerfall der demokra- tischen Kultur droht, bleibt offen. Munch, der dieser Frage nachgeht, sieht den Ausweg in einer „weitere[n] Professionalisierung von Meinungsbildung und poli­tischer Mobilisierung von Unterstutzung oder Protest durch politische Akteure in Regierung, Opposition und Interessengruppen..." (Munch 1997: 708).

3.1.2 Kritische Offentlichkeit

Man kann die Herstellung von Offentlichkeit auch als Moglichkeit betrachten, die Gesellschaftsentwicklung vorantreiben und Missstande beseitigen zu kon- nen. Denn eine kritische Offentlichkeit bringt Akteure in Zugzwang. In der politi- schen Verwaltung liest man nicht den Untersuchungsbericht, sondern die Wo- chenzeitschrift „Der Spiegel", weil politisch relevante Sachverhalte erst dort eine soziale Konstruktion erfahren. Die Politik kann diese „publizierte offentliche Meinung" nicht einfach ignorieren, weil ansonsten der Verlust von Wahlerstim- men droht (Beck 1986: 320f.). Auch Habermas sieht diesen Aspekt der Offent­lichkeit, der uber Massenmedien hergestellt wird. Offentlichkeit versteht er als Netzwerk und definiert dieses als „intermediare Struktur, die zwischen dem poli- tischen System einerseits, den privaten Sektoren der Lebenswelt und funktional spezifizierten Handlungssystemen andererseits vermittelt" (Habermas 1992: 451). Er differenziert zwischen „episodischen“ Kneipen-, Kaffeehaus- oder StraGenoffentlichkeit uber die veranstaltete Prasenzoffentlichkeit von Theater- auffuhrungen, Elternabenden, Rockkonzerten, Parteiversammlungen oder Kir- chentagen bis zu der abstrakten, uber Massenmedien hergestellten Offentlich- keit von vereinzelten und global verstreuten Lesern, Zuhorern und Zuschauern" (Habermas 1992: 452) und erkennt Unterschiede in der Kommunikationsdichte, der Reichweite und im Organisationsgrad. Der Zugang zur medial hergestellten Offentlichkeit ist nicht fur jedermann frei, weil er von Entscheidungen der Jour- nalisten abhangig ist, die ihrerseits Informationsverarbeitungsstrategien unter- worfen sind.

Habermas sieht den mundigen Staatsburger, der die Medienoffentlichkeit beno- tigt, um seinen Einfluss auf politische Entscheidungstrager geltend machen zu konnen. Strukturelle Bedingungen des Journalismus wirken sich dabei eher kontraproduktiv aus (Habermas 1992, 425, 455, 461). Es stellt sich nun die Frage, wie weit reichend die Folgen solcher strukturellen Bedingungen sein konnen oder anders gefragt: Kann die journalistische Herstellung von Offent­lichkeit zu Herstellung einer „zweiten" Wirklichkeit fuhren?

3.2 Konstruktion einer „zweiten“ Wirklichkeit

Auf diese Fragen liefert Munch eindeutige Antworten: „Die Inszenierung be- kommt tendenziell ein groGeres Gewicht als der Inhalt der Darstellung, bis hin zur volligen Entleerung der Darstellung und zur Inszenierung von Ereignissen um der Inszenierung willen" (Munch 1997: 696). Dies sieht auch Baudrillard bis hin zu seiner provokanten These, dass der Golfkrieg real nie stattgefunden ha- be und begrundet dies mit der Eigenlogik des Mediensystems. Die Massenme­dien treiben die Simulation hin zu einer „exakten Verdoppelung des Realen" und generieren eine eigene Wirklichkeit (Baudrillard 1976: 113). Hinsichtlich der Wirkungen des Fernsehens auf die Gesellschaft geht Munch davon aus, dass die gesellschaftliche Realitat immer starker von einer medial prasentierten Rea- litat abgelost wird, weil in der Offentlichkeit zunehmend mediale Inhalte disku- tiert werden. Alles, „was sich ereignet, [wird] aus seinem genuinen Raum he- rausgerissen und in ein mediales Ereignis transformiert (...). Nichtmediale Vor- gange bilden allenfalls den Rohstoff, der von den Medien gierig gesucht und in Medienereignisse umgesetzt wird" (Munch 1997: 699). Die medial erzeugte Re­alitat zeigt sich eindrucklich mit Blick auf die Politik:

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640726899
ISBN (Buch)
9783640728404
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159486
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – LG Soziologie II: Handeln und Strukturen
Note
1,7
Schlagworte
Massenmedien Internet Gegenwartsdiagnosen Wirklichkeitskonstruktion web2.0 Öffentlichkeit

Autor

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