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Der Freundschaftsbegriff bei Aristoteles - Formen, Voraussetzung und Abgrenzungen

Hausarbeit (Hauptseminar) null 20 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Freundschaftsbegriff und seine Voraussetzungen nach Aristoteles

3. Arten der Freundschaft
3.1 Motiv der Lust und des Nutzens
3.2 Tugendhafte Freundschaft
3.3 Wohlwollen
3.4 Zuneigung
3.5 Eintracht
3.6 Eigenliebe und Vernunft
3.8 Gleichheit und Ungleichheit

4. Freundschaft und Gemeinschaft
4.1 Freundschaft und Gerechtigkeit
4.2 Herrschaftsformen
4.3 Freundschaft in den verschiedenen Herrschaftsformen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Thema der Freundschaft in der Nikomachischen Ethik von Aristoteles. Dass Aristoteles dieser Thematik eine große Bedeutung zumisst, zeigt sich daran dass kein anderes Thema innerhalb der Nikomachischen Ethik so viel Raum einnimmt, wie das der Freundschaft.

Zunächst wird der Freundschaftsbegriff von Aristoteles und seine Voraussetzungen eingegrenzt und näher definiert. Danach folgt eine nähere Betrachtung der Freundschaften des Nutzen und der Lust sowie der tugendhaften Freundschaft. Hierbei werden die Motive, die zu einer Freundschaft führen können erläutert und die daraus entstehenden Arten der Freundschaft voneinander abgegrenzt. Weiter werden Freundschaften auf Basis der Lust und des Nutzen anhand eines Beispiels geprüft und erläutert. Es folgt eine eingehende Betrachtung der tugendhaften Freundschaft, die die Frage klären soll, ob man alle Formen der Freundschaften auch tatsächlich als solche bezeichnen kann. Des weiteren soll geklärt werden, inwiefern Selbstliebe mit Freundesliebe in einem Zusammenhang steht und ob Freundschaft nur unter gleichen oder auch unter ungleichen Personen existieren kann, bzw. wie innerhalb von Freundschaften Gleichheit der Ungleichen hergestellt werden kann.

Abschließend wird untersucht, wie Freundschaft sich in und zu der Gemeinschaft im allgemeinen und insbesondere der Familie verhält. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei der Betrachtung des Verhältnisses zwischen Recht und Freundschaft zu, da mit Hilfe des Rechts im Sinne der Freundschaft in einem Staat Gleichheit erzeugt werden kann. Danach werden die verschiedenen Herrschaftsformen dargestellt und den jeweiligen Häuslichen Gemeinschaften zugeordnet und die Zusammenhänge verwandtschaftlicher Freundschaft und herrschaftlicher Beziehungen betrachtet.

2. Freundschaftsbegriff und seine Voraussetzungen nach Aristoteles

Die Thematik der Freundschaft (philia) ist in der Nikomachischen Ethik (NE) abgehandelt und erstreckt sich über die Bücher acht und neun.

Die philia (griechisch: φιλíα) bedeutet im Aristotelischen Sinne soviel wie Freundschaft und Liebe. Sie ist das größte Gut des Staates (Polis) aber auch eine Art von Tugend (aretê) .

Die Verortung des Freundschaftsthemas in der NE begründet Aristoteles damit, dass die Freundschaft selbst "eine Tugend oder doch mit der Tugend verbunden[ist]; außerdem gehört es zum Notwendigsten im Leben."[1] Sie ist eine Haltung, die auf Entscheidungen beruht. Die Freundschaft platziert sich im Katalog der ethischen Tugenden in der Mitte zwischen den Schmeichlern oder Gefallsüchtigen und den Streitsüchtigen oder Groben.

Die philia unterscheidet sich vom Lieben (philêsis), die eine Leidenschaft ist. Der philêsis fehlt es im Gegensatz zur philia an der Wechselseitigkeit und sie kann sie sich auf Gegenstände richten.[2]

Aristoteles untersucht die Freundschaft unter Anwendung derselben Methode, wie in seiner Schrift "Kategorien" in der er die Prädikate gedanklich fortentwickelt um so das reine Subjekt zu gewinnen, und in seiner "Metaphysik", wo er das Substrat erhält indem er die Eigenschaften subtrahiert. Er betreibt Substanzphilosophie. Die Erscheinungsformen und ihre Phänomene bilden den Anfang; von oder aus diesem heraus versucht Aristoteles das Wesenhafte zu finden. Er beginnt mit dem, was sich als akzidentiell erweist, um dann das bloße Akzidentielle, das Zufällige wegzudenken und so das Substantielle zu gewinnen.[3]

Aristoteles beschränkt sich in seiner Untersuchung der philia auf das, was Freundschaft unter den Menschen angeht, und geht über die naturphilosophischen Probleme hinweg. Er analysiert, was beim Menschen auf Charaktereigenschaften und Leidenschaft zurückzuführen ist.

Aristoteles sucht Antworten auf die Fragen, ob unter allen Menschen Freundschaft besteht und ob es mehrere Arten der Freundschaft geben kann.

Um sich diesen Fragegenständen zu nähern, untersucht Aristoteles zunächst das Liebenswerte. Er stellt dabei fest, dass nicht alles geliebt wird, sondern nur das Liebenswerte.[4] Aristoteles subsumiert hierunter all das, was dem Menschen als gut erscheint, und was somit Gegenstand der Freundschaft werden kann.[5]

Das Liebenswerte -oder den Grund aus dem man liebt- unterteilt er zunächst in drei Formen: Die erste Form beinhaltet das Gute, die zweite das Lustbringende und die dritte Form beschreibt die Nützlichkeit.

"... Anlass also, weshalb die Menschen sich einander befreunden, ist bei Aristoteles immer ein ins Zwischenmenschliche transportiertes ˶Gut˝"[6].

Weitere Voraussetzungen der philia sind nach Aristoteles die Gegenliebe und das Wohlwollen (eunoia).

Wenn man einem Freund das Gute wünscht um des Freundes willen und von ihm reziprok nicht dasselbe entgegengebracht bekommt, ist man diesem wohlgesonnen. Man spricht aber erst von Freundschaft, wenn gegenseitige "Wohlgesinntheit" vorhanden ist, und man diese auch nach außen zeigt; sie sich also nach außen offenbart. Man muss es voneinander wissen. Das Wohlwollen steht jeweils am Anfang einer Freundschaft und kann, sofern es sichtbar ist und erwidert wird, zu einer solchen führen.

Die drei Voraussetzungen, die nach Aristoteles für eine Freundschaft gegeben sein müssen, sind: Das Liebenswerte, das gegenseitige Wohlwollen und die Sichtbarkeit.

Ohne Gegenliebe kann keine Freundschaft existieren. Damit schließt Aristoteles durch die Kriterien der Gegenliebe und des Wohlwollens aus, eine empfundene Zuneigung zu leblosen Dingen als Freundschaft zu bezeichnen, da von leblosen Dingen weder Gegenliebe noch Wohlwollen zu erwarten ist.[7]

3. Arten der Freundschaft

3.1 Motiv der Lust und des Nutzens

Das Gute, das Lustbringende und die Nützlichkeit, bilden die Basis der philia und definieren gleichzeitig ihren Charakter, je nach dem worauf die Freundschaft sich gründet.

Wenn man jemanden aus dem Motiv der Lust heraus liebt, so liebt man ihn nicht um seiner selbst oder der Qualitäten des anderen wegen, sondern man "...tut es um seiner eigenen Lust willen"[8], oder weil es einem angenehm ist.

Ähnlich verhält es sich, wenn die Freundschaft auf Nutzen aufgebaut ist. Auch hier wird der Freund nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern weil er einem nützlich ist. Im Vordergrund steht hierbei folglich nicht die Person des Freundes, sondern ein erhoffter Nutzen oder Vorteil durch den anderen. Das Gegenüber fungiert als Mittel zum Zwecke ohne selbst Zweck zu sein.

Es ist zu prüfen, ob solche auf Lust und Nutzen basierende Freundschaften, bezogen auf die von Aristoteles genannten Voraussetzungen, als Freundschaften bezeichnet werden können.

Eine Freundschaft um des Nutzen willen kann mit einer Geschäftsbeziehung verglichen werden.[9] Als erste Voraussetzung muss das Liebenswerte, der Grund warum man jemanden liebt, vorhanden sein. Eine Geschäftsbeziehung ist auf Nutzen angelegt. Der Geschäftsmann erhält ein Gut oder tauscht ein Gut gegen ein anderes ein. Beides stiftet ihm oder seinem Partner Nutzen. Damit ist die erste Bedingung erfüllt. Als zweite Voraussetzung nennt Aristoteles das gegenseitige Wohlwollen. Wenn der Geschäftsmann Güter verkaufen oder tauschen will, muss sein Geschäftspartner in der Lage sein, ihm diese Güter abzunehmen. Also wünscht er seinem Kunden nur deshalb das Beste damit dieser ihm weiterhin Ware abnehmen kann. Ein Partner seinerseits wünscht dem Geschäftsmann nur das Beste damit er weiterhin als Lieferant fungieren kann. Somit ist auch die Voraussetzung der Gegenseitigkeit erfüllt. Beide kennen einander und wissen um die Gesinnung des anderen. Das Kriterium der Sichtbarkeit ist damit ebenfalls gegeben. Die Freundschaft die auf Nutzen basiert, erfüllt demnach die Kriterien und kann als solche bezeichnet werden.

Die Freundschaft die sich hingegen auf Lust oder dem Angenehmen gründet, kann mit einer Beziehung unter Musikern verglichen werden. Auch hier dient der Andere als Mittel zum Zweck, nämlich dem Lustgewinn. Sie lieben sich, da sie einander Lust durch die Musik spenden. Das gegenseitige Wohlwollen spiegelt sich in dem gemeinsamen Musizieren wider. Jeder könnte zwar auch alleine sein Instrument spielen, jedoch würde nicht das gleiche angenehme Klangerlebnis bzw. der gleiche Lustgewinn erreicht werden. Man wünscht also seinem Freund das Beste um weiter mit ihm musizieren zu können. Von dieser Beziehung wissen ganz offensichtlich beide, da sie ja gemeinsam musizieren. Somit erfüllt auch die auf Lustgewinn basierende Freundesbeziehung, die Kriterien der nach Aristoteles definierten Freundschaft.

Diese beiden Formen der Freundschaft haben ihre Basis darin, dass sie einzig und allein auf den Vorteilen die sie gewähren, dem Vergnügen das sie bereiten oder dem Nutzen den sie stiften, aufgebaut sind.[10]

Solche Freundschaften sind jedoch nicht von Dauer, denn sie bestehen meist nur so lange wie der Nutzen oder das Vergnügen gegeben sind. Sobald das Nützliche sowie das Angenehme oder Lustvolle nicht mehr vorhanden ist, entfällt die Bedingung der Beziehung und die Freundschaft löst sich auf. Kriterien des miteinander Lebens bedarf es bei diesen Arten der Freundschaft nicht. Die Freundschaft speist sich einzig und allein durch den gegenseitigen Nutzen oder Lustgewinn, den man sich erhofft; dadurch reduziert sich das "Miteinander" auf ein Minimum.

Sowohl die Lust bringenden als auch die Nutzen bringenden Freundschaften sind eher zufällig zustande gekommen und sind nicht von langer Dauer, da sie leicht wieder zu lösen sind. Sie sind also akzidentielle Freundschaften, da sie weder wesenhaft noch unveränderlich sind.

[...]


[1] Aristoteles: Nikomachische Ethik. dtv, München 2002, XIII 1, 1155 a 4 - 5, S.281

[2] Vgl. Höffe, Otfried: Aristoteles-Lexikon, Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 446 - 447

[3] Vgl. Hager, F.-P. (Hg.): Ethik und Politik des Aristoteles, Darmstadt 1972, S. 169

[4] Vgl. NE XIII 2 1155 b 5 - b 19 S. 282-283

[5] Vgl. Bien, Günter: Die Grundlegung der politischen Philosophie bei Aristoteles, Freiburg i. Br./München 1973, S.97

[6] Ebd., S. 97

[7] Vgl. NE VIII 2, 1155 b 30 - 1156 a 5, S. 283- 284

[8] NE VIII 3, 1156 a 15, S. 284

[9] Vgl. Hager, F.-P. (Hg.): Ethik und Politik des Aristoteles, Darmstadt 1972, S. 169.

[10] Vgl. Zeller, Eduard: Die Philosophie der Griechen in ihrer Geschichtlichen Entwicklung, Teil II, Bd. 2: Aristoteles und die alten Peripatetiker, Hildesheim 1963, S. 663.

Details

Seiten
20
Jahr
null
ISBN (eBook)
9783640727391
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159429
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft und Europäische Fragen
Note
1,0
Schlagworte
Freundschaftstheorie Aristoteles philia Freundschaft Nikomachische Ethik

Autor

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