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Ordnungsstrukturen in Adalbert Stifters "Granit"

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ordnungssysteme in Stifters Granit
2.1 Die strukturelle Ordnung der Erzählung Granit
2.2 Die textinhärente Ordnung der Welt
2.2.1 Die Ordnung der Natur
2.3 Die textinhärente menschliche Ordnung
2.3.1 Die innere und innerfamiliäre Ordnung des Ich-Erzählers
2.3.2 Der Spaziergang als Initiationsweg in die gesellschaftliche Ordnung
2.4 Die geschichtliche Ordnung
2.4.1 Erinnerung und Vergessen
2.4.2 Die Geschlechterfolge

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Adalbert Stifters Granit ist die wohl bekannteste Erzählung aus der Sammlung Bunte Steine. Die Bedeutung, die man selbiger zumisst, ist indes sehr unterschiedlich. Während „man die Stifterschen Texte einerseits [oft] verharmlost und bagatellisiert“[1] oder den Erzählungen ein rein pädagogisches Anliegen unterstellt[2], finden sich andererseits in der Forschungsliteratur viele wissenschaftliche Positionen, die Stifter in den verschiedensten Bereichen der Literaturwissenschaft maßgebliche Bedeutung zukommen lassen.

Auch Granit wurde bereits unter vielen Gesichtspunkten analysiert. Oftmals wurde versucht, die Erzählung unter der Prämisse der Vorrede zu den Bunten Steinen zu lesen und das darin formulierte Sanfte Gesetz auf das Werk zu beziehen. Weniger häufig wurde der Versuch unternommen, die in der Erzählung inbegriffenen Ordnungssysteme herauszufiltern und zu interpretieren. Die vorliegende Hausarbeit wird versuchen, diese Idee aufzugreifen und auf Grundlage der innertextlichen Weltordnung einige Interpretationsansätze der Erzählung Granit hervorzuheben. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf dem Thema der Orientierung innerhalb der Natur und des soziokulturellen Umfelds und der Analyse des in der Erzählung immer wieder thematisierten Stichworts der „Erinnerung“ liegen. Methodisch wird dabei ganz Stifters Idee zu folgen sein, dass sich das Kleine oftmals als Hinweis auf das Große offenbart.[3] Demnach gilt es, aus dem auffälligen Detailreichtum der Stifter‘schen Erzählung Zeichen zu lesen und aus diesen einen übergeordneten Sinn zu deuten.

2. Ordnungssysteme in Stifters Granit

2.1 Die strukturelle Ordnung der Erzählung Granit

Stifters Granit weist eine markante Struktur auf, welche als augenfälligstes textinhärentes Ordnungssystem aufgefasst werden muss. Die Erzählung besteht „aus einer zweiteiligen Binnengeschichte, die von einem doppelten Rahmen umgeben ist“[4]. Den äußeren Rahmen, welcher in der Erzählgegenwart handelt, bildet die Reflexion des erwachsenen Ich-Erzählers über einen Stein, der sich vor seinem Geburtshaus befindet und dessen Dauer das menschliche Erinnerungsvermögen übersteigt. Dieser, im Titel als Granit benannte[5], Stein hat die Funktion, in den inneren Rahmen, der Erzählung eines Kindheitserlebnisses, überzuleiten, indem er sowohl in der äußeren, als auch in der inneren Rahmenhandlung präsent ist. Umgekehrt hat der Granit am Ende der Geschichte die Funktion, den Leser wieder in die Erzählgegenwart, die äußere Rahmenhandlung, zurück zu führen.

Während der äußeren Rahmenhandlung lediglich einige Zeilen Textumfang zukommen, ist die innere Rahmenhandlung deutlich breiter angelegt. In ihr berichtet der Erzähler, wie er in seiner Kindheit seine Füße mit Pech bestreichen ließ und daraufhin, aufgrund der folgenden Beschmutzung des elterlichen Wohnhauses, mit Schlägen seitens seiner Mutter bestraft wird. Der Großvater tröstet ihn in dieser Situation und nimmt den Jungen mit auf einen Spaziergang in eines der umliegenden Dörfer und wieder zurück. Der Spaziergang ist geprägt von den Geschichten und Belehrungen des Großvaters, der seinem Enkel die Gegebenheiten der Natur und der Menschen erläutert. In diese Wanderung ist auch die zweiteilige Binnenerzählung, als vom Großvater erzählte Geschichte, eingegliedert. Auf dem Hinweg wird der erste Teil dargelegt, welcher von einer Pestepidemie in der Gegend handelt und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft beschreibt. Auf dem Rückweg schildert der Großvater im zweiten Teil der Geschichte das Schicksal eines Pechbrennerjungens zur Zeit der Pestepidemie.

Auffällig ist demnach die Anordnung der einzelnen Erzählstränge. Es liegt nahe aufgrund der doppelten Rahmung der Binnenerzählung eine womöglich intendierte Betonung derselben anzunehmen.

2.2 Die textinhärente Ordnung der Welt

2.2.1 Die Ordnung der Natur

Seine detaillierten Naturbeschreibungen sind gewissermaßen zu Stifters Markenzeichen geworden. Auch die Erzählung Granit erweist sich von selbigen als so nachhaltig geprägt, dass eben diese außergewöhnlich genaue und kleinschrittige Art der Naturbetrachtung unter Literaturwissenschaftlern sogar oftmals Anlass zur Kritik gab.[6] Bereits die ersten Schritte des Großvaters mit seinem Enkel in die Natur werden in der Erzählung von einer Anhäufung ausschmückender Adjektive oder zumindest einem beschreibenden Nebensatz begleitet:

„Wir gingen auf dem schmalen Fußwege durch das Grün unseres Hügels auf die Straße hinab, und
gingen auf der Straße fort, erst durch die Häuser der Nachbarn, auf denen die Frühlingssonne lag, und von denen die Leute uns grüßten, und dann in das Freie hinaus. Dort streckte sich ein weites Feld und schöner grüner Rasen vor uns hin, und heller freundlicher Sonnenschein breitete sich über alle Dinge der Welt. Wir gingen auf einem weißen Wege zwischen dem grünen Rasen dahin.“[7]

Das Feld ist „weit“, der Rasen „schön“ und „grün“, der Sonnenschein „hell“ und „freundlich“.[8] Beinahe jedes Ding, das die Spaziergänger umgibt wird durch ein oder sogar zwei Adjektive stärker positiv gefärbt, was zweifelsohne jene oft diskutierte Harmonisierung der Natur bewirkt.[9] Gleichzeitig zeichnet diese Ausführlichkeit jedoch auch ein bestimmtes Bild, das dem Leser so nachdrücklich vorgehalten wird, als durchschreite er selbst die Landschaft. Der Erzähler liefert“, wie Claudia Albes feststellt, eine topographisch exakte und minutiöse Beschreibung des zurückgelegten Weges […]“[10]. Während des Spazierganges ist der Großvater immerzu damit beschäftigt, Zeichen der Natur zu deuten und zu erklären.[11] Immer wieder weist er den Jungen auf bestimmte, auffällige Wegpunkte, wie das „Behringer Brünnlein“[12], die „Dürrschnäbel“[13] oder die „Drillingsföhre“[14] hin.

„»Das ist das Behringer Brünnlein«, sagte er [der Großvater], »welches das beste Wasser in der Gegend hat, ausgenommen das wundertätige Wasser, welches auf dem Brunnenberge in dem überbauten Brünnlein ist, in dessen Nähe die Gnadenkapelle zu guten Wasser steht. Manche Menschen holen sich aus diesem Brünnlein da ihr Trinkwasser, mancher Feldarbeiter geht weit herzu, um da zu trinken, und mancher Kranke hat schon aus entfernten Gegenden mit einem Kruge hierher geschickt, damit man ihm Wasser bringe. Merke dir den Brunnen recht gut.«.“[15]

Durch solcherlei kurze Geschichten werden die neuen Zeichen, die neuen Gegenstände der Natur, oft näher definiert, es wird erklärt, wie sie zu ihrer Bezeichnung gelangt sind oder der Gegenstand wird, beispielsweise als Teil der Binnengeschichte, mit einer Bedeutung innerhalb der Geschichte belegt. All diese Strategien bewirken, dass sich der Enkel und auch der Leser, der den Spaziergang letztlich aus der Perspektive des Jungen erlebt, die verschiedenen Wegpunkte leichter merken kann. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der spiegelbildliche Aufbau der Wanderung, durch den die neu erlernten Wegpunkte zu Orientierungs punkten innerhalb der Natur werden. Alle Namen, die auf dem Hinweg vorgestellt werden, jedoch bei genauerer Analyse auch Hügel, Felder und Bäume, werden in exakt umgekehrter Reihenfolge, ganz im Sinne eines tatsächlichen Spazierganges, wieder aufgeführt. Dies macht deutlich, dass jeder, der die Orientierungspunkte als solche erkennen kann, in der Lage ist, sich in der Natur zurechtzufinden. Offensichtlich unterliegt also selbst die Natur einer bestimmten Ordnung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die teilweise wortgetreue Wiederholung der zuvor gewählten Formulierungen unterstreicht die von Claudia Albes aufgestellte Hypothese, dass auch dem Spaziergang selbst eine Ordnungsfunktion zukomme.[16] Nachweisbar ist zweifelsohne die Notwendigkeit, Zeichen der Natur deuten beziehungsweise lesen zu können, um eine Orientierung innerhalb der Landschaft zu ermöglichen. Erst durch die Fähigkeit ihre Zeichen zu lesen, wird die Natur zu einer geordneten Landschaft.[17] Somit stellt der Spaziergang auch eine Art topographischem Initiationsweg für den Enkel dar, der lernt sich im Raum Natur zurechtzufinden. Durch Zeigen und Abfragen stellt der Großvater sicher, dass diese Initiation auch stattfindet:

„»Kannst du mir sagen, was das dort ist?«

»Ja, Großvater«, antwortete ich, »das ist die Alpe, auf welcher sich im Sommer eine Viehherde befindet, die im Herbste wieder herabgetrieben wird.«

»Und was ist das, das sich weiter vorwärts von der Alpe befindet?« fragte er wieder.

»Das ist der Hüttenwald«, antwortete ich.

»Und rechts von der Alpe und dem Hüttenwalde?«

»Das ist der Philippgeorgsberg.«

»Und rechts von dem Philippgeorgsberge?«

»Das ist der Seewald, in welchem sich das dunkle und tiefe Seewasser befindet.«

»Und wieder rechts von dem Seewalde?«

»Das ist der Blockenstein und der Sesselwald.«

»Und wieder rechts?«

»Das ist der Tussetwald.«“[18]

Jeder auf Nachfrage reproduzierte Ort liegt in einer bestimmten räumlichen Relation zu einem anderen. Alle Dinge werden präzise in der Landschaft verortet Durch die ständige Wiederholung des dialogischen Frage-Antwort-Spiels wird die Anordnung der Dinge im Raum gleichsam in die Schrift übertragen und es entsteht eine Ordnung der Natur.[19]

In dieser Art von Darstellung wird das Visuelle also auffällig in den Vordergrund gerückt, was besonders durch die vermehrte Verwendung von Zeigwörtern („das dort“, „das“) zum Ausdruck kommt.[20] Ebenso registriert der Enkel das vom Großvater Gezeigte hauptsächlich mit den Augen, was durch stetige Wiederholung der Worte „ich sah“[21] deutlich gemacht wird. Dies ist notwendig, da der Mensch offensichtlich nur „durch die visuelle Wahrnehmung imstande [ist], das Weltsystem näher zu definieren[…]“[22]. In aller Deutlichkeit wird hier eine Differenz zwischen dem Leser und seiner eigentlichen Identifikationsfigur, dem Jungen, aufgezeigt. Ein Leser kann nicht sehen, worauf der Großvater mit „siehe“ und „dort“ hinweist. Diese mediale Trennung zwischen dem Erzählen des Großvaters und dem Beschreiben des Autors kann nie vollständig überbrückt werden, erfährt jedoch durch Stifters detailgetreue Naturbeschreibungen und die wiederholte topographische Verortung einzelner Dinge in der Natur ein gewisses Maß an Unterstützung.[23]

Die Geschichten, die der Großvater erzählt, handeln von einer Seuche, der Pest, welche in die Gegend kommt und das Leben der Menschen bedroht. „Man weiß nicht, wie sie gekommen ist[…]“[24], heißt es in der Erzählung und man vermag auch nicht zu beeinflussen, wer davon befallen wird. In dieser Seuche zeigt sich, dass Stifter längst nicht nur die harmonische Seite der Natur, sondern ebenso ihre negativen Aspekte beschreibt. Ebenso macht er in der Geschichte vom Schicksal der Pechbrennerfamilie deutlich, dass der Mensch die Natur nicht beeinflussen kann, sondern ihr ausgeliefert ist. „To Stifter nature in general is neither friend nor enemy of man. Nature is indifferent, it follows its own laws without regard to man“[25] Vor diesem Hintergrund erscheint das Bedürfnis nach Kenntnissen, welche eine Orientierung in der Natur möglich machen, umso sinnvoller. Matthias Göritz bezeichnet dies als „überlebensnotwendige[s] Orientierungswissen“[26], welches der Pechbrennerjunge besitzt, da ihm die Flucht aus dem Wald letztlich gelingt. Wenngleich dieser Teil der Binnengeschichte unrealistisch erscheint und bereits durch die Einleitungsworte „[e]s war einmal“[27] ein Teil der Geschichte als Fiktion gekennzeichnet wird, schildert sie doch das lebensrettende Vermögen des Jungen im Umgang mit der Natur als erstrebenswertes Ideal für alle Menschen.

Die Natur ist also ein Raum, der es dem Menschen durch Wissen ermöglicht, gewisse Zeichen in ihr zu Lesen und somit eine Ordnung zu erkennen, in der er sich zu orientieren vermag. Wer die Ordnung nicht erkennt oder unfähig ist die Zeichen zu lesen, wird der Natur und auch ihren Gefahren orientierungslos ausgeliefert.

[...]


[1] ENKLAAR, Jattie, Stifters Vorrede zu den Bunten Steinen: Eine experimentelle Ethik?, in: ENKLAAR, Jattie, u.a., Geborgenheit und Gefährdung in der epischen und malerischen Welt Adalbert Stifters, Würzburg 2006, S. 43 (künftig zitiert: ENKLAAR, Bunte Steine).

[2] Vgl. ZIMMERMANN, Christian von, „Aber komme, reiche mir die Hand, ich werde dich führen…“: Enkel-Erziehung in Adalbert Stifters Granit (1853), in: Zeitschrift für Germanistik 18 (2008), Heft 3, S.558-574.

[3] Vgl. STIFTER, Adalbert, Granit, Stuttgart 2004, S. 3-4 (künftig zitiert: STIFTER, Granit).

[4] ALBES, Claudia, Der Spaziergang als Erzählmodell: Studien zu Jean-Jacques Rousseau, Adalbert Stifter, Robert Walser und Thomas Bernhard, Tübingen-Basel, Diss., 1999, S. 119 (Künftig zitiert: ALBES, Spaziergang).

[5] Vgl. ALBES, Spaziergang, S. 119.

[6] Vgl. HALSE, Sven, Strategies for Dealing with Nature in Adalbert Stifter’s Bunte Steine, in: Orbis Litterarum: International Review of Literary Studies 53 (1998), Heft 2, S.118 (künftig zitiert: HALSE, Nature).

[7] STIFTER, Granit, S.25.

[8] Ebd.

[9] Vgl. HALSE, Nature, S. 117f.

[10] ALBES, Spaziergang, S. 132.

[11] Vgl. TWELLMANN, Marcus, Bleibende Stelle, in: Zeitschrift für Deutsche Philologie 126 (2007), Heft 2, S. 238 (künftig zitiert: TWELLMANN, Bleibende Stelle).

[12] STIFTER, Granit, S.28.

[13] Ebd., S. 28.

[14] Ebd., S. 39f.

[15] Ebd., S. 28.

[16] Vgl. ALBES, Spaziergang, S. 136.

[17] Vgl. GÖRITZ, Matthias, Topografie und Wissen in Stifters „Bunten Steine“, in: Heinz Ludwig ARNOLD (Hg.), Adalbert Stifter, München 2003, S. 27 (künftig zitiert: GÖRITZ, Topografie).

[18] STIFTER, Granit, S.29/30.

[19] Vgl. ALBES, Spaziergang, S. 140.

[20] Vgl. GÖRITZ, Topografie, S. 27.

[21] Vgl, STIFTER, Granit, S.29: „ Ich sah eine Menge der weißgelben Blümlein auf dem Boden, ich sah den grauen Rasen, ich sah auf manchem Stamme das Pech wie goldene Tropfen stehen, ich sah die unzähligen Nadelbüsche […].“.

[22] ENKLAAR, Bunte Steine, S. 49.

[23] Vgl. TWELLMANN, Bleibende Stelle, S. 237.

[24] STIFTER, Granit, S.33.

[25] HALSE, Nature, S. 119.

[26] GÖRITZ, Topografie, S. 26.

[27] STIFTER, Granit, S. 33.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640717620
ISBN (Buch)
9783640717651
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159391
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Schlagworte
Stifter Granit Strukturen Ordnung Erzählungen Spaziergang Erzählmodelle Natur Landschaft Enkelerziehung

Autor

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