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Die Funktion der Chöre in Octavia

Seminararbeit 2010 15 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Funktion des Chores im Drama nach Aristoteles und Horaz

3. Die Chorlieder im Einzelnen: Verteilung und Funktion
3.1. Das erste Chorlied (273-376)
3.2. Das zweite Chorlied (669-689)
3.3. Das dritte Chorlied (762-79) und der Botenbericht (780-805)
3.4. Das vierte Chorlied (806-19)
3.5. Das fünfte Chorlied (877-98) und das Ende der Octavia (898-983)

4. Die beiden Chöre im Vergleich

5. Die Funktion der Chöre in der Octavia

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Chor, den man für gewöhnlich in keiner anderen Gattung finden kann, ist ein charakteristischer Bestandteil des Dramas. Allein durch diese Tatsache verdient der Chor besondere Aufmerksamkeit. Über die Chorlieder in den Tragödien, die Seneca eindeutig zugeschrieben werden können, lässt sich auch dementsprechend viel Literatur finden. Da die Octavia jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von Seneca geschrieben wurde, wird diese bei den Untersuchungen leider meist außer Acht gelassen. Aufgrund der Tatsache, dass in der Octavia sogar zwei Chöre auftreten, ist die Untersuchung der Funktion dieser Chöre ein besonders interessantes Thema. Um die allgemeine Funktion der Chöre zu erörtern, werden zuerst die klassischen Stellen der antiken Literaturtheorie betrachtet. Ausgehend von den Äußerungen von Horaz und Aristoteles zur Funktion des Chores im antiken Drama, wird die Funktion des Chores im römischen Drama mit seinem Vorbild im griechischen Drama verglichen. Nach dieser allgemeinen Untersuchung der möglichen Aufgaben des Chores im antiken Drama werden die Chorlieder der Octavia im Einzelnen betrachtet. Dabei soll jeweils zuerst die Frage geklärt werden, welchem der beiden Chöre das jeweilige Lied zugeschrieben wird, um danach die Funktion im Drama zu erörtern. Im Anschluss werden die beiden Chöre auf ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten untersucht, um schließlich in einem letzten Kapitel auf die Funktion der Chöre für das Drama im Gesamten einzugehen und die unterschiedlichen Forschungsmeinungen zu diesem Thema gegenüberzustellen.

2. Die Funktion des Chores im Drama nach Aristoteles und Horaz

„Den Chor muss man ebenso einbeziehen, wie einen der Schauspieler, und er muss ein Teil des Ganzen sein und sich an der Handlung beteiligen –nicht wie bei Euripides, sondern wie bei Sophokles. Bei den übrigen Dichtern vollends gehören die gesungenen Partien um nichts mehr zur jeweiligen Handlung als zu irgendeiner anderen der Tragödie; sie lassen Einlagen (ἐμβόλιμα)[1] singen, nachdem Agathon als erster damit angefangen hatte.“[2]

Dies schreibt Aristoteles in Kapitel 18 seiner Poetik (1465 a25 – 30) über die Funktion des Chores im Drama. In diesem Zitat wird deutlich, auf welch unterschiedliche Art und Weise der Chor in das antike Drama eingebunden war: Während der Chor bei manchen Dichtern Schauspielern ebenbürtig war und stark in die Handlung integriert wurde, hatte er bei anderen Dichtern seine Bedeutung verloren und die Chorlieder waren zu austauschbaren Einlagen verkommen.

„Die Rolle eines Akteurs und die Pflicht eines Mannes nehme der Chor wahr, und er singe nicht zwischen den Akten, was dem Thema nicht nützt und nicht recht am Platz ist. Er sei den Guten gewogen, sei Freund und Berater, lenke die Zornigen, besänftige gern die Erregten, lobe die Mahlzeit auf knappem Tisch, die heilbringende Gerechtigkeit und die Gesetze, den Frieden bei offenen Türen bewahre, was man ihm anvertraut hat, bete zu den Göttern und bitte, dass das Glück den Unglücklichen wiederkehre, die Stolzen verlasse.“[3]

Dies schreibt Horaz in seiner Ars Poetica (193–201) über die Funktion des Chores. Tendenziell sind die Forderungen von Horaz und Aristoteles gleich: Der Chor soll wie ein Schauspieler behandelt werden und in die Handlung miteinbezogen werden, seine Lieder sollen keine ἐμβόλιμα sein, sondern thematisch wie dramatisch mit der Handlung verknüpft sein.

Obwohl die grundsätzlichen Anforderungen an den Chor im griechischen und römischen Drama offensichtlich die gleichen sind, gibt es dennoch Unterschiede zwischen der Verwendung und der Funktion des Chores. In der klassischen griechischen Tragödie übernimmt der Chor die „Funktion einer Vermittlungsinstanz zwischen Bühne und Publikum, denn er gehört zum Stück und verfolgt es doch aus einer Perspektive, die äußerlich der Blickrichtung der Zuschauer entspricht.“[4] Die Lieder des Chores haben somit meist die Funktion eines Kommentars. In der griechischen Tragödie wurde der Chor in der Orchestra –einem halbrunden Platz, der vor der Bühne lag[5] –aufgestellt, was dem Dichter erlaubte, „den Chor je nach den Erfordernissen des Stückes entweder stärker an die Handlung heranzuführen, oder aber, ihn zurückzunehmen und in seiner Funktion als kommentierende Instanz zu betonen.“[6] Somit konnte der Chor eine Brücke zwischen dem Publikum und den Schauspielern bilden oder der dramatischen Handlung einen Rahmen geben[7]. In der römischen Tragödie hingegen, wurde der Chor nicht mehr in der Orchestra aufgestellt, sondern hatte einen eigenen Platz auf der Bühne. Somit wurde der Chor automatisch ein Mitspieler.[8] Oft war der Chor im römischen Drama auch von kleinerer Besetzung als im griechischen Vorbild, was eine ausgeprägtere Einbeziehung in die dramatische Handlung ermöglichte[9]. Dadurch entwickelte sich eine neue Perspektive für den Chor: Während diese im griechischen Drama noch der der Zuschauer entsprach, ist der Chor im römischen Drama ein Element der Handlung. Aus dem Chor als Vermittlungsinstanz wurde folglich ein Mitspieler im Drama.

Ob die Chöre in der Octavia eher die Funktion einer Vermittlungsinstanz übernehmen oder ein Element der Handlung selbst sind, soll im Folgenden untersucht werden.

3. Die Chorlieder im Einzelnen: Verteilung und Funktion

Da in den Chorliedern unterschiedliche, manchmal sogar widersprüchliche Ansichten zu den Geschehnissen und den Protagonisten geäußert werden, müssen wir davon ausgehen, dass es in der Octavia zwei Chöre gibt. Dies mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, jedoch ist die Verwendung eines Doppelchores keinesfalls innovativ. In Senecas Agamemnon treten ebenfalls zwei Chöre auf[10] und auch in anderen Dramen wird ein zweiter Chor eingesetzt, wobei wir diesen mit Sicherheit neben Seneca auch bei Aischylos und Euripides finden[11]. In der Octavia ist die Verwendung eines Doppelchores allerdings besonders passend, da Doppelungen zum Hauptprinzip dieses Dramas gehören[12]: Neben den zwei Chören lassen sich auch zwei Prologe, zwei Ammen, zwei Präfekte, zwei Traumbeschreibungen, zwei Hochzeiten für Messalina, Claudius und Nero finden und Nero „verdoppelt“ sogar sein Verbrechen gegen Agrippina. Im Folgenden sollen nun die Chorlieder im Einzelnen betrachtet werden und auf ihre Funktion im Drama untersucht werden.

3.1. Das erste Chorlied (273 – 376)

Dem ersten Chorlied geht ein Gespräch zwischen Octavia und ihrer Amme voran, in dem die Amme versucht, Octavia zu trösten. Um ihr Hoffnung zu geben, führt sie Octavia ihre Beliebtheit beim Volk vor Augen (183). Diese Beliebtheit der Octavia beim Volk wird im ersten Chorlied überaus deutlich. Gleich zu Beginn drückt der Chor mit Hilfe von optativen Konjunktiven[13] einen Wunsch aus – dass Octavia ihren rechtmäßigen Platz behalte und zur Sicherung des Friedens Kinder zur Welt bringe (279-81). Indem der Chor die privaten Angelegenheiten Neros mit dem allgemeinen Frieden in Verbindung bringt, „zeigt sich, dass es weniger um private Liebesbeziehungen des Kaisers an sich als um deren politische Auswirkungen auf das gesamte Volk geht.“[14] Der Chor sympathisiert zwar mit Octavia und unterstützt diese, während er Poppaea verachtet. Dies tut er aber nicht, weil er die Person Octavia verehrt, sondern aus offensichtlichem Eigeninteresse: um der Bewahrung des Friedens willen. Der Pessimismus hinsichtlich Octavias Lage, der in dieser Ode ausgedrückt

[...]


[1] Anmerkung von Fuhrmann zu ἐμβόλιμα: „Intermezzi, die nicht für ein bestimmtes Stück geschrieben waren und somit nach Belieben ausgetauscht werden konnten.“

[2] Übersetzung nach Fuhrmann.

[3] Übersetzung nach Schäfer.

[4] Hose (1999), S. 120.

[5] Boyle (2008), S. 151.

[6] Hose (1999), S. 120.

[7] Boyle (2008), S. 151-2.

[8] vgl. Hose (1999), S. 120

[9] Boyle (2008), S. 152.

[10] Boyle (2008), S. 252.

[11] Manuwald (2001), S. 295. (z.B. Aischyl. Eum., Suppl.; Eur. Hipp., Suppl.)

[12] Boyle (2008), Introduction, lx

[13] perdat (274); intret, teneat (276); edat (279); gaudeat (280); seruet (281)

[14] Manuwald (2001), S. 323.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640721290
ISBN (Buch)
9783640721757
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159332
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Klassische Philologie
Note
2,7
Schlagworte
Funktion Chöre Octavia Seneca

Autor

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Titel: Die Funktion der Chöre in Octavia