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Christl-Marie Schultes - Die erste Fliegerin in Bayern

von Ernst Probst (Autor) Theo Lederer (Autor)

Fachbuch 2010 257 Seiten

Biographien

Leseprobe

Ernst Probst / Theo Lederer

Christl-Marie Schultes

Die erste Fliegerin in Bayern

Der ersten bayerischen Fliegerin

Christl-Marie Schultes (1904–1976)

sowie ihrem Neffen Otto Bauer sen.

und ihrem Großneffen Otto Bauer jun.

gewidmet

Dank

Für wertvolle Hilfe bei der Entstehung dieses Buches

danken die Autoren herzlich:

Otto Bauer sen., Orgelbaumeister, Schongau

Otto Bauer jun., Oberstudienrat, Schongau

Josef Eimannsberger, Flugzeughistoriker, München

Helga Ettrich, Geigant bei Waldmünchen

Thomas Gründl, 1. Bürgermeister, Bad Heilbrunn

Markus Heigl, Mittelbayerische Zeitung, Waldmünchen

Landeshauptstadt München, Direktorium, Stadtarchiv

Günter Lang, Diplom-Kaufmann, München

Thea Liegl, Ast bei Waldmünchen

Tobias Liegl, Geigant bei Waldmünchen

Stadt Waldmünchen

Vorwort

Die tragische Heldin

Christl-Marie Schultes (1904–1976) war eine tragische Heldin des 20. Jahrhunderts. Sie kam in Geigant bei Waldmünchen zur Welt und wuchs in Oberenzenau bei Bad Heilbrunn auf. 1928 wurde sie die erste bayerische Fliegerin, verlor 1931 beim Absturz zu Beginn eines geplanten Weltfluges ihr linkes Bein, gründete 1933 in Berlin die „Deutsche Flugillustrierte“ und wurde von den „Nazis“ enteignet, weil sie tapfer zu ihrem jüdischen Verlobten hielt. Als Emigrantin gründete sie in Frankreich die „Internationale Fliegerhilfe“, wurde zur Wohltäterin für Kinder in Nizza, versorgte Judenlager in Frankreich, brachte Verfolgte über die Grenze, wurde in Nizza verhaftet, ins Internierungslager Brens eingesperrt, in Paris deportiert, in Deutschland zum Tode verurteilt und 1945 in letzter Minute von den Amerikanern in München befreit. Christl-Marie hatte Umgang mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten. Ihr großer Mut, ihre selbstlose Hilfe für Menschen in Not und ihre „rege Phantasie“ brachten sie oft in Schwierigkeiten. Eine wichtige Rolle im Leben der kinderlosen „Förster-Christl“ spielte ihr Foxterrier, dem sie in ihrem Taschenbuch „KZ-Hund Muggi“ ein literarisches und bewegendes Denkmal setzte. Autoren des Taschenbuches „Christl-Marie Schultes. Die erste Fliegerin in Bayern“ sind der Journalist Ernst Probst aus Wiesbaden und der Luftfahrthistoriker Theo Lederer aus Bad Heilbrunn. Das Werk ist Christl-Marie Schultes und zwei ihrer in Schongau lebenden Verwandten gewidmet. Ihr Neffe Otto Bauer sen. und ihr Großneffe Otto Bauer jun. haben mit wertvollen Auskünften und zahlreichen Abbildungen maßgeblich zum Gelingen dieser Biografie beigetragen.

Christl-Marie Schultes

Die erste Fliegerin in Bayern

Christl-Marie Schultes

Die Ehre, die erste Fliegerin in Bayern gewesen zu sein, gebührt Christl-Marie Schultes (1904–1976), geborene Maria Rosalia Schultes. Wegen ihrer Herkunft aus einer achtbaren Försterfamilie hat man sie oft als „Förster-Christl“ bezeichnet. Mitunter findet man in der Literatur auch andere Schreibweisen ihres Vornamens wie Christlmariele oder Christl. In ihrem abenteuerlichen Leben, das reichlich Stoff für spannende Filme und Bücher bietet, gab es Höhen und Tiefen.

Der Vater von Christl-Marie hieß Otmar Eugen Schultes (1867–1957). Er wurde in Riglasreuth (heute ein Ortsteil der Gemeinde Neusorg im Landkreis Tirschenreuth, Oberpfalz) geboren und trug ursprünglich den Familiennamen Schultes zu Friedensfels. Die Familie Schultes ist in Friedensfels (Oberpfalz), das heute rund 1.500 Einwohner hat, bereits seit 1576 nachweisbar. Fast alle Vorfahren von Otmar waren im Forstdienst tätig, so auch dessen Vater, der das Amt eines königlich-bayerischen Forstmeisters bekleidete.

Otmar Schultes hätte sicherlich eine Künstlerkarriere machen können. Er besuchte nämlich mit Erfolg die Künstlerakademie in München und galt als talentierter Maler. Anfangs malte er im Nazarenerstil, dann aber weisen seine Bilder deutlich impressionistische Züge auf. Aus dem Wunschberuf Kunstmaler wurde aber nichts, weil der Vater von Otmar verlangte, er solle einen „ordentlichen Beruf“ erlernen und nicht als Boheme in Schwabinger Künstlerkreisen sein Leben verbringen. Als höherer bayerischer Beamter hat der Vater seinen Sohn Otmar im gehobenen Forstdienst untergebracht.

Zunächst arbeitete Otmar Schultes als Forstverwalter in dem Dorf Geigant bei Waldmünchen in der Oberpfalz. Heute ist dieser beschauliche Ort eine Gemeinde der Stadt Waldmünchen, die Ende 2009 rund 7.000 Einwohner hatte.

Otmar Schultes war zweimal verheiratet. Seine erste Ehefrau hieß Laura Schiffmann, stammte aus einer wohlhabenden Müllerfamilie in der Oberpfalz, brachte ein ansehnliches Heiratsgut mit in die Ehe und starb kurz nach der Geburt einer Tochter namens Anna im Kindbett.

Am 18. Juli 1899 heiratete der verwitwete Forstverwalter Otmar Schultes die rund zehn Jahre jüngere Theresia („Therese“) Koller (1878–1959), die aus einer begüterten Brauerfamilie in der Oberpfalz stammte. Theresia galt als Schönheit und wurde von ihren Mitmenschen als „saubere und lustige Kollerresl“ bezeichnet. Von 1905 bis 1926 trug die „Carl Freiherr von Voithenbergsche Brauerei Josef Koller“ in Herzogau bei Waldmünchen den Namen ihres Vaters. Dieser war so wohlhabend, dass er später die Brauerei verpachtete und sich in Fronberg (Oberpfalz) als Privatier niederließ. Theresia war eine gute Partie für Otmar Schultes, weil sie als Heiratsgut 30.000 Goldmark mit in die Ehe brachte. Da Otmar auch noch das Heiratsgut seiner ersten Frau besaß, war seine Familie für damalige Verhältnisse sehr begütert. Theresia Schultes hielt das Geld ihrer Familie eisern zusammen und konnte sogar rund die Hälfte des Vermögens über die Zeit der Inflation retten.

Aus der zweiten Ehe von Otmar Schultes gingen zuerst die Töchter Helene (1902–1971) und Maria Rosalia („Christl-Marie“), dann der Sohn Josef (1908–1929) und schließlich das „Nesthäkchen“ Laura (1910–1924) hervor. Mit diesen Kindern wuchs die Tochter Anna aus der ersten Ehe auf.

Christl-Marie erblickte am 6. November 1904 im Forsthaus in Geigant bei Waldmünchen das Licht der Welt. Ihr Geburtshaus steht heute noch. Zwei ihrer Geschwister sind nicht alt geworden. Laura erlag am 5. September 1924 im Alter von nur 14 Jahren der spanischen Grippe. Der unverheiratete Sohn Josef, Student der Humanmedizin und begeisterter Sportler, starb nach einem Fechtunfall auf dem Paukboden als Burschenschaftler der „Allemania München“ am 11. März 1929 als 21-Jähriger an einer Lungenentzündung.

Christl-Marie, Christlmariele oder Christl, wie sie abwechselnd genannt wurde, wuchs in Oberenzenau bei Bad Heilbrunn (Oberbayern) auf. Dorthin war ihr Vater 1907 als Oberforstverwalter versetzt worden. Oberenzenau gehört heute zu Bad Heilbrunn im Landkreis Bad Tölz und zählte Ende 2009 insgesamt 3.770 Einwohner. Im Gebäude des „Staatlichen Forstamtes Bad Heilbrunn“ befanden sich im Erdgeschoss die Amtsräume und darüber lag die Wohnung der Familie Schultes. Dort wuchsen zeitweise die insgesamt fünf Kinder aus zwei Ehen auf.

Ungeachtet ihrer eigenen Kinderschar hatte Theresia Schultes ein großes Herz für andere Kinder. Sie unterstützte ihr Leben lang Waisenkinder, indem sie diese während der Ferien klassenweise in ihr Haus einlud, verpflegte und mit ihnen spielte. Außerdem finanzierte sie Kindern armer Leute das Studium. Eines der von ihr unterstützten Kinder machte im bayerischen Klerus eine beachtliche Karriere: Nämlich Georg Beis (geboren 1923), das sechste Kind eines Bahnarbeiters der Isartalbahn, der es bis zum Domdekan und Bistumsadministrator der Diözese Augsburg brachte. Von ihrer Mutter hat Christl-Marie offenbar das soziale Engagement, das sie als Erwachsene hatte, geerbt.

Auch als Oberforstverwalter in Bad Heilbrunn hat sich Otmar Schultes weiterhin künstlerisch betätigt. Besonders eindrucksvoll belegt dies eines der Altarbilder in der katholischen Kirche St. Kilian von Bad Heilbrunn, das von ihm geschaffen wurde. Andere Bilder von ihm sind in der Dorfwirtschaft „Kronschnabl“ in Bad Heilbrunn zu bewundern. Noch heute besitzen viele Einwohner in Bad Heilbrunn von Otmar Schultes gemalte Motive.

Der Vater von Christl-Marie ging regelmäßig mit dem bayerischen Prinzregenten Luitpold (1821–1912) auf die Jagd und hatte somit Kontakt zum bayerischen Königshaus. Die Familie Schultes war sehr königstreu, auch nach der Abdankung von König Ludwig III. von Bayern (1845–1921) im Jahre 1918. „Aus dieser Haltung heraus erklärt sich auch die Ablehnung des Nationalsozialismus durch Christl-Marie“, schrieb im September 2010 ihr Großneffe, der Oberstudienrat Otto Bauer jun. aus Schongau, in einem Brief an den Autor Ernst Probst.

Im Alter von elf Monaten fiel Christl-Marie in einen Starrkrampf, wurde vom Arzt bereits für tot erklärt, in einen Sarg gebettet und aufgebahrt. Sie wäre fast beerdigt worden, wenn sie nicht wenige Stunden vor der geplanten Bestattung wieder die Besinnung erlangt hätte. Ihr Vater hatte ihr Leben gerettet, weil er sie während des Starrkrampfes erfolgreich nach der Kneipp-Methode behandelte. Nachzulesen ist dies in dem Buch „Frauen fliegen“ (1931).

Von dieser Krankheit erholte sich die kleine Christl-Marie bald. Sie durfte bis zum neunten Lebensjahr die gute und würzige Berg- und Waldluft ihres Heimatortes atmen. Dann schickten ihre Eltern sie nach München und sie ging dort unwillig zur Schule. Mehrfach brannte Christl-Marie in München durch, weil sie nicht in der Stadt bleiben wollte. Dies brachte ihr strenge Verweise von der Schule und Tadel der Eltern ein. Nachdem sie erneut über eine Mauer kletterte und durchbrannte, erreichte sie ihre Entlassung aus der Schule in München.

Es gab aber auch etwas in der bayerischen Landeshauptstadt, woran sich Christl-Marie gerne erinnerte: In den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges besuchte sie – laut der Wochenzeitung „Heim und Welt“ – zusammen mit ihrem Onkel, einem General, das Armeemuseum in München. Besonders faszinierte sie die dort ausgestellte rote Kampfmaschine des gefallenen deutschen Fliegers Manfred von Richthofen (1892–1918), des erfolgreichsten deutschen Jagdfliegers im „Ersten Weltkrieg“. Nachdenklich stand die knapp vierzehnjährige Christl-Marie vor diesem Flugzeug und verließ mit Groll auf die „Feinde im Westen“, die dem Fliegerleben des „Roten Barons“ ein Ende bereitet hatten, das Museum. Damals entschloss sie sich, Fliegerin zu werden.

Die nächste Schule in Rosenheim im Gebirge behagte Christl-Marie merklich besser. Dort erlernte sie den Haushalt und die Landwirtschaft. Während der Ferien unternahm sie Reisen im In- und Ausland sowie Bergtouren mit ihrem Vater, die sie besonders genoss.

Mit 18 Jahren wollte Christl-Marie eine Stellung in Afrika antreten, um später auf dem „Schwarzen Erdteil“ Farmerin zu werden. Doch ihr Vater verhinderte dies, indem er das Visum seiner minderjährigen Tochter sperren ließ. Die Folge war, dass Christl-Marie in der Heimat bleiben musste.

Die bildhübsche und dunkelhaarige Christl-Marie ging bei etlichen dörflichen Schönheitswettbewerben als Siegerin hervor. Angeblich wurde sie als „Förster-Christel“ über die Grenzen ihres Dorfes bekannt, in Romanen und Gedichten verewigt, in Paris von einem bekannten Künstler als „Carmen“ gemalt und von einer Filmgesellschaft nach Hollywood (USA) verpflichtet, was ihr Vater zu verhindern wusste. Aber vielleicht existierten diese Erfolge nur in ihrer „regen Phantasie“, von der noch öfter die Rede sein wird. Nichts mit ihr zu tun hatten jedenfalls die Operette von 1907 sowie die Spielfilme von 1926, 1931, 1952 und 1962, in denen es jeweils um eine „Försterchristl“ oder „Försterchristel“ ging.

Keine Einwände hatte der Vater, wenn Christl-Marie im Heimatdorf bei Fahnenweihen als Fahnenbraut, bei Denkmalsenthüllungen oder bei anderen Veranstaltungen teilnahm. Er hinderte seine sportliche Tochter auch nicht am Jagen, Reiten, Segeln und Motorradfahren. Angeblich ritt sie am liebsten die wildesten Pferde.

Bereits als Kind hatte Christl-Marie eine große Sehnsucht, es den Vögeln gleichzutun und in den Himmel zu fliegen. Sie träumte davon, fliegen zu können, wenn sie mit einem ausgebreiteten Tuch die Treppe in ihrem Elternhaus „hinabflog“, auf einem Treppengeländer schnell hinunterrutschte oder mit einem aufgespannten Regenschirm von einem hohen Baum sprang.

Christl-Marie – von Freundinnen auch „Marille“ oder „Mare“ genannt – galt bereits als Teenager bei ihren einheimischen Mitbürgern/innen als sehr exzentrisch. Wenn beispielsweise am Fronleichnamsfest alle in der Kirche mehr oder weniger die selbe Tracht trugen, zog sie eine besonders auffällige Schürze an. Zur Heiligen Messe kam sie oft als Letzte in die Kirche, wenn der Pfarrer schon mit dem Gottesdienst angefangen hatte und stahl auch hierbei mit diversen Kleidungsstücken anderen Mädchen die Schau. Mitunter soll Christl-Marie in der Kirche an ihrer Bluse einen Knopf mehr als ihre Altersgenossinnen geöffnet haben, um mit ihrem Dekolleté mehr als diese aufzufallen. Ältere Einwohner von Bad Heilbrunn erinnern sich daran, gehört zu haben, dass Christl-Marie vielen jungen Burschen und später auch erwachsenen Männern den Kopf verdrehte. Abgeblitzte Verehrer sollen später ihre schärfsten Kritiker geworden sein.

Im Alter von 19 Jahren teilte die abenteuerlustige Christl-Marie Schultes ihrem Vater mit, dass sie jetzt das Fliegen lernen wolle. Ihr Vater, ihre Mutter und andere Verwandte reagierten auf diesen Wunsch entsetzt. Alte Leute schüttelten fassungslos den Kopf. Ein Mädchen sollte nach damaliger Auffassung Kochen, Nähen und alles, was zum Haushalt gehört, gründlich erlernen, dann heiraten und Kinder kriegen.

Doch Christl-Marie Schultes ließ sich von der Erfüllung ihres Wunsches nicht abbringen. Im März 1928 reiste die 23-Jährige heimlich nach Berlin-Staaken. Ihre Eltern wähnten sie damals auf einem Kochkurs. Es war nicht das letzte Märchen, das Christl-Marie erzählte. Mit klopfendem Herzen betätigte sie die Klingel am Zauntor zur Privatfliegerschule. Nach dem Betreten eines kleinen Gebäudes stellte sie sich kurz vor, schüttelte Hände, unterschrieb einen Vertrag und freute sich riesig, die erste Bayerin auf dem Weg zur Pilotenprüfung zu sein.

In dem Buch „Frauen fliegen“ (1931) schilderte Christl-Marie Schultes später ihre Anfänge als Flugschülerin. Zuerst rollten zwei Flugzeuge des Typs „Raab-Katzenstein“ heran. Doch Christl-Marie hatte Pech. Nach einigen Flügen setzte ausgerechnet der Motor jener Maschine aus, die für den Unterricht ihrer Gruppe bestimmt war. Deshalb musste die Gruppe unverrichteter Dinge zum Gebäude der Flugschule wandern. Keinen einzigen Meter war Christl-Marie in der Luft gewesen. Sie schlüpfte aus ihren Hosen und hinein in ihr Dirndlkleid, das sie während ihres Aufenthaltes in Berlin trug.

Als einzige Teilnehmerin aus Bayern freute sich Christl-Marie Schultes sehr, als ein weiterer bayerischer Flugschüler aus Pleystein (Oberpfalz) hinzu kam. Die Beiden zogen am Fahnenmast ihre weißblaue Fahne auf, an dem bereits die Landesfarben anderer Flugschüler vertreten waren. Unter den mehr als 20 Flugschülern – mal ist von 22, mal von 28 die Rede – befanden sich auch ein Ägypter, ein Chinese, mehrere Polen, Russen und ein Afrikaner aus Liberia.

Drei Tage lang ging Christl-Marie Schultes vergeblich zum Startplatz der Flugschule in Berlin-Staaken, bis sie endlich in eine Maschine steigen durfte. Jeweils zehn Flugschüler waren einem Fluglehrer mit einem Flugzeug zugeteilt. Die Schüler durften in der Reihenfolge ihres Eintritts fliegen. Der Lehrer war ein früherer Militärpilot und nahm als Passagier Platz. Der Schüler kletterte in den Führersitz. Bei jedem Fehler des Schülers konnte der Lehrer mit einer Steuerung über seinem Sitz eingreifen.

„Mitfühlen mit dem Knüppel!“ lautete die Parole des Fluglehrers. Doch bei Christl-Marie Schultes haperte es beim ersten Flug noch sehr damit. Sie umspannte mit ihren beiden dick behandschuhten Fäusten den Knüppel und hielt sich bei jeder Schwankung des Flugzeuges daran fest. Ihr Fluglehrer rüttelte, schrie und schimpfte, aber dies nützte nicht viel. Trotzdem landeten beide wohlbehalten. Danach wurde Christl-Marie von allen Seiten gefragt, wie ihr der „erste Rutsch“ bekommen sei. Denn es gab Schüler, denen das Fliegen nicht gut bekam, die aber trotzdem nicht aufhören konnten oder wollten.

Als das Schlimmste empfand Christl-Marie Schultes, dass sie zum Polizeiarzt musste. „Wie ein Rekrut muß man sich ausziehen, Kniebeugen vormachen, wird untersucht, wie stark das Herz klopft, wie weit der Hals ist, der Brustumfang, wie gut die Augen, die Ohren, wie die Nase arbeitet usw. Ungefähr 200 Fragen sind zu beantworten, darunter, ob die Eltern und die Großeltern schon gestorben sind, und was für Krankheiten diese erlagen. Ohne ein einwandfreies Zeugnis des Polizeiarztes kann man den Führerschein nie erhalten. Ja, es werden sogar sehr oft noch Nachprüfungen vorgenommen.“ Dies berichtete sie in dem Buch „Frauen fliegen“.

Die Betreiber der Privatfliegerschule Berlin-Staaken hatten große Sorgen. Ihre zwei alten Maschinen reichten für insgesamt 28 Flugschüler kaum aus, erzählte Christl-Marie Schultes später einmal. Unfälle häuften sich. Oft sperrte Polizei das Gelände ab, um die öffentliche Sicherheit nicht zu gefährden. Zeitweise gab es keine Ersatzteile, kein Benzin oder der Fluglehrer streikte, weil er seit Wochen keinen Lohn mehr erhalten hatte.

Nach fast vier Monaten durfte Christl-Marie Schultes erstmals allein fliegen. Was dabei geschah, berichtete sie in dem Buch „Frauen fliegen“. Bereits um vier Uhr früh kam sie zum Startplatz und um fünf Uhr holte sie die Maschine aus der Halle. Weil der Wind stärker geworden war, machten die Fluglehrer bedenkliche Gesichter. Doch Christl-Marie wollte, dass es heute sein musste, rollte ihre Maschine zum Startplatz, wartete auf das Startzeichen und gab Vollgas. Es war für sie ein herrliches Gefühl, endlich frei und allein in der Luft zu sein. Sie flog die vorgeschriebene Runde, nahm das Gas weg und gab Tiefensteuerung.

Als schwierigster Teil erwies sich die Landung, die über ein Eisenbahngleis mit vielen Drähten führte. Über dem Gleis mit den Drähten fing Christl-Marie Schultes die Maschine ab und steuerte sie fast waagrecht in Richtung Landekreuz zur Erde. Zu ihrem Leidwesen bewegte sich die Maschine nicht schwebend nach vorn, sondern senkte sich fahrstuhlmäßig zur Erde und setzte mit Ach und Krach auf. Beim Anblick ihres entsetzten Fluglehrers und ihrer Flugschüler-Gruppe trat sie das Seitensteuer, worauf sich die Maschine nach rechts drehte und zum naheliegenden Startplatz sauste. Der Startpolizist vertrieb aufgeregt mit seiner Fahne die umherstehenden Zuschauer. Nachdem Christl-Marie die Zündung ausgeschaltet hatte, standen endlich der Propeller und die Maschine. Weil der Start und die Landung gut verlaufen waren, gratulierte man Christl-Marie. Einziger Schaden am Flugzeug war eine verbogene Achse.

Einem Artikel in der Wochenzeitung „Heim und Welt“ zufolge flog Christl-Marie Schultes beim ersten Alleinflug mit der damals sensationellen Fluggeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern die vor-geschriebene Strecke ab. Ängstlich steuerte sie immer geradeaus, wagte nicht umzukehren und hoffte inbrünstig auf ein Wunder. Nach etwa 50 Kilometern war der Benzintank leer und der Prüfling landete schweißgebadet auf einer Waldwiese. Diese Prüfung hatte sie bestanden.

Zur Freude von Christl-Marie Schultes sagte ihr Papa bald nicht mehr „Nein“ zu ihrem Wunsch, einen derart extravaganten Beruf wie den einer Pilotin zu ergreifen. Ihr Vater war stolz auf seine tüchtige Tochter und bezahlte stillschweigend die „nichtsnutzige Fliegerei“, für die Christl-Marie sich in Schulden gestürzt hatte. Die Flugausbildung für Frauen war auch damals ein teures Vergnügen. Allein das Schulgeld bis zum amtlichen Flugschein A1 kostete 1927/1928 rund 3.500 Mark.

Als die Privatfliegerschule Berlin-Staaken pleite ging, wechselten deren Flugschüler nach Stuttgart-Böblingen.Von dort aus absolvierte Christl-Marie Schultes einen vorschriftsmäßigen großen Überlandflug nach Frankfurt am Main und zurück sowie einen 3.000-Meter-Höhenflug. Im Sommer 1928 erhielt sie den A-Schein, der sie dazu berechtigte, eine A-Maschine mit einem Passagier zu fliegen. Sie war nun die erste Fliegerin in Bayern. Das Fliegen hatte sie nicht gelernt, um es den Männern nachzumachen, sondern aus einem inneren Drang heraus.

In dem Buch „Frauen fliegen“ erklärte Christl-Marie Schultes: „Ich freute mich besonders, dass nun eine Bayerin das geschafft hatte, was unsere norddeutschen Schwestern schon lange erreicht hatten. Nach dem A-Schein wollte ich aber auch den Kunstflug-Schein erwerben. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, ging das Schulen weiter. Diesmal wurden nicht Landungen oder Spiralen versucht, sondern die ersten Loopings! Mit Ausdauer und Geduld wird geübt, besonders der langsame Rolling. So werden Loopings, Rollings, Turn, Trudeln, Slip und Rückenflug von dem Kunstflugschüler verlangt! Den Fallschirm angeschnallt geht es zuerst in große Höhen, und dann probierte man da nach Herzenslust. Mit der Zeit gewöhnt man sich auch an jede Lage der Maschine und es gibt kaum etwas Schöneres, als den großen Flugplatz auf den Kopf gestellt zu sehen.“

Bei der Kunstflug-Prüfung verlor Christl-Marie Schultes beim „Trudeln“ erstmals die Herrschaft
über ihre Maschine. Sie stürzte in rasendem Flug ab, konnte aber im letzten Moment das Flugzeug doch noch abfangen und in einer Waldlichtung niedergehen. Flugschüler und Fluglehrer rückten aus, um Christl-Marie „zu retten“. Doch der Zwischenfall hatte die junge Pilotin dermaßen geschockt und verwirrt, dass sie beim Anblick ihrer Retter unverletzt aus dem Flugzeug sprang und verstört davonlief. Freunde, Fluglehrer und Sanitäter rannten ihr einige Zeit nach, bis sie die völlig Erschöpfte einholten. Nach der aufregend verlaufenen Kunstflug-Prüfung wollte Christl-Marie einige Zeit nichts mehr vom Fliegen wissen, was aber nicht lange anhielt.

Nachdem Christl-Marie Schultes etwa ein halbes Jahr nach dem A-Schein auch den Kunstflugschein erworben hatte und dies öffentlich bekannt wurde, erhielt sie zahlreiche Briefe. Unter ihrer Post befanden sich immer wieder sogar Liebesbriefe und Heiratsanträge. Dies hielt auch später an. Einmal schrieb ihr ein Plantagenbesitzer aus der Südsee, dass er sie heiraten wolle. Und ein andermal stellte ihr ein Kaufmann aus Indien sein Haus zur Verfügung, wenn sie mal dorthin kommen sollte.

Als frischgebackene Pilotin trat Christl-Marie Schultes anfangs mit einer von der Flugschule in Berlin-Staaken geliehenen Maschine bei Flugtagen in der Provinz auf. In ihrer Heimat hat man sie als einzige bayerische Fliegerin sehr gefeiert.

Zu einem Fest ganz besonderer Art geriet ein Empfang von Christl-Marie Schultes in Bad Heilbrunn, also in der Gegend, in der sie aufgewachsen war. Eines Tages erhielten ihre Eltern, mit denen sie sich ausgesöhnt hatte, einen Brief, in dem zu lesen war: „Liebe Eltern, ich komme morgen nachmittag mit dem Flugzeug“. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Vereine, Behörden und Einwohner bereiteten sich in aller Eile zum Empfang vor.

Als Landeplatz hatte Christl-Marie Schultes eine Wiese am Feuerwehrhaus in Bad Heilbrunn ausgewählt. Alle Einwohner wollten unbedingt den Anflug der Tochter des Oberforstverwalters Otmar Schultes mit eigenen Augen verfolgen. Viele von ihnen hatten noch nie ein Flugzeug gesehen. Die Feuerwehrmänner erschienen in voller Uniform und führten Absperrmaßnahmen durch. Bürgermeister, Gemeinderat und Blumenmädchen stellten sich in Positur.

Doch die Wartezeit wurde immer länger und länger. Der für die Landung angekündigte Zeitpunkt verstrich und auch lange danach war noch kein Flugzeug am Horizont zu erblicken. Einwohner aus Heilbrunn schimpften deswegen: „Die hat uns schön dableckt ... a ganze Gmoa hat’s angeschmiert“. Die meisten Männer trösteten sich im Wirtshaus und spülten mit Bier ihren Ärger hinunter. Auch die Musikanten folgten diesem Beispiel und ölten kräftig ihre Kehlen. Plötzlich wurde doch noch der Anflug der Maschine gemeldet und die Dorfbewohner eilten zum Landeplatz, weil niemand das Spektakel verpassen wollte. Aber es gab erneut eine Enttäuschung: Aus Sicherheitsgründen musste die Landung unterbleiben. Die Pilotin warf nur einen Blumenstrauß in die Menge, dann schraubte sich das kleine Flugzeug immer höher und verschwand den Blicken der Zuschauer.

Mit Flügen in ihrer Heimat gab sich Christl-Marie Schultes bald nicht mehr zufrieden. Sie plante einen Transatlantik-Flug und besprach sich deswegen mit der einflussreichen Baronin von Schöneberger-Kranefeld. Doch Geldgeber und Baronin, deren Bruder starb, verloren das Interesse an diesem kühnen und lebensgefährlichen Vorhaben, bei dem immer wieder Piloten/innen scheiterten.

Im März 1929 kaufte Christl-Marie Schultes in England ein Flugzeug des Typs „De Havilland Moth“, zu deutsch „Motte“. 10.000 Reichsmark steuerte die Stadt Bad Tölz zum Kaufpreis bei, fast 20.000 Reichsmark nach Auskunft von Verwandten ihre Eltern. „Nicht zuletzt wegen ihrer ständigen Schuldenmacherei war Christl das enfant terrible der Familie“, sagte ihr Großneffe Otto Bauer jun. in Schongau, dem die Autoren dieses Taschenbuches viele wertvolle Informationen verdanken.

Mit diesem Flugzeug sollte Christl-Marie für die Stadt Bad Tölz und ihren Bäderbetrieb Reklame fliegen. Zusammen mit einem Monteur der Herstellerfirma überführte sie die Maschine von England nach München. Dabei musste sie wegen schlechten Wetters dreimal zwischenlanden. In Köln landete sie nicht auf dem Flugplatz, sondern auf einem Blumenbeet im Radeberger Volkspark. Bei der zweiten Zwischenlandung in Trier wurde sie von 300 Mann der Besatzungsarmee empfangen. Christl-Marie befürchtete schon eine Verhaftung, doch der Kommandant kümmerte sich nicht um ihre Papiere, sondern stellte ihr sogar kostenlos Benzin zur Verfügung. Nach dem Start und kurzen Flug erfolgte eine weitere Zwischenlandung in Trier und man unterstützte sie erneut kostenlos. Als sie aus dem besetzten Gebiet kam, hat man ihre Maschine und ihre Papiere beschlagnahmt und sie fast wie eine Spionin behandelt. Erst nach stundenlangem Warten traf die Genehmigung zum Weiterflug ein. Zu diesem Zeitpunkt war es aber zu spät, um den Flug fortsetzen zu können. Am nächsten Morgen hatte man den Beschluss der vorgesetzten Behörde offenbar wieder vergessen und der Start konnte erst gegen Mittag erfolgen.

Im Juni 1929 berichtete die Zeitschrift „Der Adler“ über den „Großflugtag München“ vom 26. Mai 1929“ auf dem Flugplatz München-Oberwiesenfeld vor schätzungsweise 50.000 Zuschauern. Nach anderen Angaben sollen es sogar mehr als 150.000 Zuschauer gewesen sein. Als einer der Höhepunkte im Programm galt der Auftritt der ersten und einzigen bayerischen Fliegerin „Christl Mariele Schultes“ aus Bad Heilbrunn. In „blauer Kombination“ kletterte sie in ihre Maschine, startete recht forsch und verblüffte durch wiederholte Loopings, vergnügte sich hoch oben mit dem Riesenvogel, als sei das eine Spielerei. Nach der Landung ehrte man sie mit einem Blumenstrauß und sie zeigte bei einer Rundfahrt „dem Publikum ein treuherzig lachendes Jungmädchenantlitz“. Nach Christl-Marie trat das deutsche Fliegeridol Ernst Udet auf und zeigte atemberaubende Flugkunststücke. Mit seinem „roten Flamingo“ zog er fast vom Boden weg steil in die Luft, wendete auf der rechten Flügelspitze, flog in senkrechter Flügellage, machte wiederholt Loopings, flog auf dem Rücken, wendete erstaunlich knapp und kühn nach links und rechts, knatterte und tummelte sich übermütig über Kopf- und Schwanzende, rechte und linke Flügelspitze, so dass eine gedankenkurze Stecke Normalflug zur Ausnahme wurde. Wie sicher Udet seinen roten Vogel meisterte, zeigte er beim Ballonrammen, bei dem vom Propeller kleine Luftballons zerfetzt wurden.

„Durch diesen Anfangserfolg ermuntert, startet sie im Sommer 1929 zu einem Streckenflug nach Spanien und demonstriert in Barcelona, anläßlich der dortigen Weltausstellung, ihr fliegerisches Können. Zusammen mit dem französischen Flieger Saint-Exupery überquert sie das Mittelmeer, landet in Marokko, wo sie in Casablanca den Schwager des Sultan Abd el Krim besuchen.“ So berichtete der „Waldmünchner Heimatbote“.

Am Sonntag, 4. August 1929, erhielt das von Christl-Marie Schultes in England gekaufte Flugzeug bei einer großen Feier mit weißgekleideten Ehrenjungfrauen, fahnenschwenkenden Schulkindern, Mitgliedern von Gebirgs- und Feuerwehr-Verein sowie festlichen Klängen in Bad Tölz den Namen der Stadt. Im festlich herausgeputzten Kurpark taufte der damalige

Bürgermeister Alfons Stollreither den Doppeldecker mit heilkräftigem Jodwasser aus der Adelheidquelle. Sitzplätze kosteten im Vorverkauf 1 oder 2 Mark und Stehplätze 25 oder 50 Pfennig. In der Einladung zur Taufe war von „der ersten bayerischen Fliegerin Frl. Christlmariele Schultes aus Bad Heilbrunn“ die Rede. Der Start der Feier erfolgt am Vormittag um elf Uhr.

Nach der Flugzeug-Taufe verwöhnte man die Gaumen mit Kurhaus-Pastete, Tölzer Grünerbräu-Exportbier, Schildkrötensuppe, 1921-er Liebfrauenmilch-Auslese, Delikatessen und Mokka. Auch für die Ohren wurde nur das Beste aufgeboten. Das Städtische Kur-Orchester führte unter anderem den „Einzug der Gäste auf der Wartburg“ von Richard Wagner (1813–1883) und ein großes „Patriotisches Tongemälde“ eines lokalen Komponisten auf. Dieser Aufwand stimmte auch die Verwandtschaft von Marie-Christl Schultes versöhnlich, die später allerdings beklagte, diese habe große Teile des Familienvermögens für die Fliegerei verbraucht, was nicht ganz falsch war.

Damals druckten deutsche Zeitungen und Zeitschriften gerne Fotos von Christl-Marie Schultes ab. „Der Bayerische Heimgarten“ beispielsweise veröffentlichte 1929 eine Aufnahme mit folgender Bildunterschrift: „Christlmariele Schultes, die erste bayer. Pilotin aus Bad Heilbrunn, deren Flugzeug am 4. August in Bad Tölz die Taufe empfing“. Dabei hielt eine hübsche, junge Frau einen großen Blumenstrauß in ihren behandschuhten Händen.

„Die Grüne Post“ veröffentlichte am 15. Dezember 1929 auf der Seite „Unser Leser hat das Wort“ ein Foto von Christl-Marie Schultes aus dem Forsthaus Bad Heilbrunn mit folgender Bildunterschrift: „Selbst beim Ausflug mit dem Flugzeug wird die „Grüne Post“ mit genommen. Sie ist die unentbehrliche Sonntags-Lektüre“. Auf diesem Foto posierte Christl-Marie in Fliegerkluft mit der „Grünen Post“ in den Händen.

Mit dem Flugzeug „Bad Tölz“ trat Christl-Marie Schultes neben den deutschen Fliegeridolen Ernst Udet (1896–1941) und Gerhard Fieseler (1896–1987) bei Flugtagen im In- und Ausland als Kunstfliegerin auf. Überall löste sie große Begeisterung aus. In jener Zeit lernte sie auch Rudolf Heß (1894–1987), den späteren Stellvertreter des Diktators Adolf Hitler (1889–1945), kennen. Heß verkehrte viel in Fliegerkreisen.

Für einen Auftritt bei einem Flugtag erhielt Christl-Marie Schultes ein Honorar bis zu 5.000 Mark. Das war damals ein bedeutender Geldbetrag, der aber durch hohe Versicherungssummen, das Monteursgehalt, die Benzin- und Reparaturkosten sowie durch den Unterhalt für das eigene Auto restlich aufgezehrt wurde.

Sehr alt wurde das Flugzeug „Bad Tölz“ von Christl-Marie Schultes leider nicht. Während eines Fluges im Sommer 1930 wurde ihre „Motte“ über dem Fichtelgebirge in Bayern von einer Gewitterbö zu Boden gerissen und zerschellte. Die Pilotin Schultes und ihr Begleiter kamen mit dem Schrecken davon. Der Landwirt, auf dessen abgeerntetem Kartoffelacker sie mit ihrer Maschine einen „Kopfstand“ gemacht hatte, schrieb an Christl-Marie einen Brief, in
dem er die „Hochverehrte Persönlichkeit“ bat, sie möge ihm hundert Mark als Entschädigung zahlen.

Christl-Marie Schultes erlebte als Fliegerin allerlei Kurioses. In einem abgelegenen Dorf im Zillertal (Tirol) hielt man ihr Flugzeug, wie aus einem Zeitungsartikel hervorging, sogar für den Teufel. In der kleinen Dorfkirche läutete gerade das „Ave“, als die Maschine „Bad Tölz“ mit abgestelltem Motor den Kirchturm überflog und zur Notlandung ansetzte. Angeblich schrieen die Bergbauern „Der Teufel kommt, der Teufel kommt!“ und zogen mit Mistgabeln und Sensen bewaffnet aus. „Es dauerte eine geraume Weile, bis ihnen das Wunder der Technik einging, von dem sie Anno 1930 noch nicht gehört hatten“, hieß es im betreffenden Zeitungsartikel.

Der Absturz beim Gewitterflug im Fichtelgebirge hinderte Christl-Marie Schultes an der geplanten Teilnahme am Europa-Flug im Sommer 1930. Dabei wäre sie die einzige deutsche Pilotin gewesen. Zugesagt hatten so berühmte Fliegerinnen wie Lady Mary Bailey (1890–1960) und Winifred Spooner (1901–1933) aus England sowie Maryse Hilsz (1903–1946) aus Frankreich.

Nicht zustande kam im November 1930 auch die Teilnahme von Christl-Marie Schultes an einem beantragten Fernflug über Österreich, Ungarn, Rumänien, die Türkei, Syrien, Mesopotamien, Persien, Britisch-Indien, Siam, Anam, China, Korea nach Japan. Dieses Unternehmen hätte in Tagesetappen von 400 bis 950 Kilometern mit täglichen Flugzeiten zwischen 3,5 und 7,5 Stunden erfolgen sollen. Bei der Planung hierfür erwies sich Christl-Marie als sehr sorgfältige Organisatorin. Unter anderem baute sie den Motor des Flugzeugtyps, mit dem sie um die Welt fliegen wollte, im Werk eigenhändig zusammen, um ihn bis ins Letzte Detail kennen zu lernen.

Bald nach dem Fiasko im Fichtelgebirge erhielt
Christl-Marie eine Ersatzmaschine, die ebenfalls auf den Namen „Bad Tölz“ getauft und fast komplett von ihren Eltern bezahlt wurde. Damit gastierte sie in Großstädten von Deutschland, Österreich, Ungarn, Frankreich, Italien, Holland, Rumänien und Bulgarien.

Das Flugzeug „Bad Tölz“ wurde bald genauso berühmt wie die Fliegerin Christl-Marie Schultes. Bei ihren Besuchen in England bat – laut „Heim und Welt“– der damalige Prinz von Wales, der spätere König Edward VIII. von England (1894–1972), sie mehrfach, ihm ihr Flugzeug für kurze Zeit zu überlassen, weil ihm die modernen Sicherheitsklappen an der Maschine besonders gut gefielen. Durch das Ausleihen des Flugzeuges entwickelte sich eine persönliche Freundschaft zwischen dem englischen Prinzen und der deutschen Pilotin. Christl-Marie war oft auf Schloss Windsor zu Gast und wurde dort vom Prinzen und seiner späteren Ehefrau herzlich aufgenommen. Bei diesen Treffen stand der Meinungs- und Erlebnisaustausch über die Fliegerei immer im Mittelpunkt.

Zu Beginn der 1930-er Jahre fesselte Christl-Marie Schultes, wie sie selbst sagte, jede Faser ihres Herzens an den Flug. Sie sei ihm verfallen mit Leib und Seele und werde mit einer Gewalt in seinen Bann gezogen, den niemand lösen könne. In dem Buch „Frauen fliegen“ las man 1931: „Man findet sich im Dahingleiten mit allem verbunden, das um uns ist, mit Wind und Wolken und ist glücklich, hin und wieder einem ziehenden Vögelein zu begegnen. Wir suchen die Höhen zu ersteigen, um dem Einerlei und den Nichtigkeiten des Alltags mit seinen kleinlichen Sorgen zu entgehen, um alle Unannehmlichkeiten zu vergessen, die unserer nach dem Flug warten: Behörden, Stempel, Pässe. Wir suchen Erleben in den Höhen und finden es, wenn wir mit fester Hand die Elemente bezwingen und das schaukelnde Flugzeug durch Wind und Wetter zum Ziele führen. Man hat nur eine Vorstellung: dort, hinter der Wolke, hinter dem Berg, liegt dein Ziel. Es muß geschafft werden. Man fürchtet sich nicht. Der Begriff von Leben und Tod verschwindet vollkommen. Bei jedem Flug kreist das Blut rascher in den Adern und das Herz schlägt schneller im Rausche des Glücks, denn jeder Flug bringt neues Erleben, nie Gesehenes, nie Geahntes, nie Erträumtes. Aber trotz allem finden wir zurück zur Mutter Erde.“

Im Frühjahr 1931 wollte Christl-Marie Schultes zusammen mit dem Piloten Gustav Sackmann aus Cannstatt (Württemberg) den kühnen Plan eines Fluges um die Welt verwirklichen. Sackmann, der seit etwa anderthalb Jahren Flieger war, stellte für dieses Vorhaben sein kleines, nur mit einem 30 PS-Salmson-Motor ausgestattetes, offenes Klemm-Sportflugzeug zur Verfügung. Bereits auf dem Flug am Mittwoch, 20. Mai 1931, von Stuttgart-Böblingen nach München-Oberwiesenfeld mit dieser Maschine musste bei Buchloe
eine Notlandung erfolgen. Nach geglückter Landung in der bayerischen Landeshauptstadt besuchte Christl-Marie die Redaktion der „Münchner Zeitung“. Dort plauderte sie – einem Bericht der „Münchener Stadtzeitung“ vom Freitag, 22. Mai 1931, zufolge – „frisch und fröhlich“ drauflos über ihren „abenteuerlichen Plan, mit einer vertrauensvollen Selbstverständlichkeit, als ob sie von Oberwiesenfeld nach Augsburg fliegen wolle“. Laut der „Münchener Stadtzeitung“ hatte die erste bayerische Fliegerin auch den Ehrgeiz, als die erste bayerische Pilotin einen Weltflug zu beenden. „Ein wenig zu sorglos, wohl mit mehr Tapferkeit und kühnem Selbstvertrauen als fachmännischer Vorbereitung“. Dieser Weltflug war – so schrieb die „Münchener Stadtzeitung – seit November 1930 geplant, wurde aus privaten Mitteln finanziert und von der großen japanischen Zeitung „Asahe“ gefördert.

So wie man das silbergraue Flugzeug in München-Oberwiesenfeld in die Halle gestellt hatte, wurde es am regnerischen Donnerstag, 21. Mai 1931, auf den Startplatz gezogen. Trotz der Notlandung vom Vortag hatte man nicht einmal den Motor nachgesehen.

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Details

Seiten
257
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640725991
ISBN (Buch)
9783640726257
Dateigröße
26.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159290
Note
Schlagworte
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Titel: Christl-Marie Schultes - Die erste Fliegerin in Bayern