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Raumwahrnehmungen und Raumvorstellungen im Mittelalter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Raumwahrnehmungen und Raumvorstellungen im Mittelalter
1. Kapitel Kartographie im Mittelalter
2. Kapitel Raumdarstellungen in der Malerei
3. Kapitel Recht und Herrschaft im Raum
4. Kapitel Christliche und Heilige Räume
5. Kapitel Die Londoner Psalterkarte als christliche Raumvorstellung

4 Ergebnis

5 Literaturverzeichnis und Internetangaben

6 Anhang

Einleitung

„Das Nacheinander und das Nebeneinander bestimmen heißt die Einzelheiten in Raum und Zeit unterscheiden, heißt nicht bloß sagen, daß sie sind, sondern was sie da sind.“1

Dieses Zitat von J. G. Droysen beschreibt äußerst treffend die Schwierigkeit, Raum und Zeitvorstellungen voneinander zu trennen. Bestimmte geographische Zustände lassen sich erst durch zeitlich aufeinanderfolgende Ereignisse erreichen und umgekehrt.

So wird auch diese Arbeit bestimmte Veränderung in der Raumauffassung des Mittelalters zumindest teilweise in ihrer chronologischen Ordnung wiedergeben müssen, wobei das Hauptaugenmerk zum einen auf der Raumwahrnehmung des Menschen liegen soll und zum anderen in seiner Selbstwahrnehmung im Raum, die Zeitvorstellungen jedoch weitestgehend außer Acht gelassen werden sollen.

Die wichtigste Literatur zum Thema Raumvorstellungen und Raumwahrnehmungen im Mittelalter stammt von Peter Dinzelbacher, der in „Europäische Mentalitätsgeschichte“ einen Gesamt-Überblick gibt, Peter Moraw, der einen Vortrags- und Forschungsband für das spätere Mittelalter herausgegeben hat und von Gertrud Bodmann, die räumliche Auffassungen des Mittelalters mit Zeitvorstellungen eng verknüpft.

Weiterhin werden Elisabeth Vavras „Virtuelle Räume“ zum Thema Herrschaftsräume, sowie Aertsens und Speers Band „Miscellanea Mediaevalia“ ebenfalls dazu und zum Thema Theologische und Heilige Räume herangezogen.

Ferner sollen anhand einiger bildlicher Darstellungen Raumwahrnehmungen erläutert und Veränderungen des Raumbewusstseins aufgezeigt werden.

Kartographie im Mittelalter

In diesem Kapitel sollen Art und Weise der Darstellungen mittelalterlicher Karten beschrieben werden.

Peter Dinzelbacher schreibt zu Beginn des Kapitels „Mittelalter“ in Teilbereich Raum der Europäischen Mentalitätsgeschichte, dass für die Menschen im Mittelalter der Raum „daseinsbestimmend[er]“2 als für die Menschen von heute gewesen sei. Zwar liefert Dinzelbacher kein „Warum“, jedoch liegt die Vermutung nahe, dass durch die gründliche Erforschung des für die Menschen zur Verfügung stehenden Lebensraums im Laufe der Jahrhunderte die bis heute unveränderliche Zeit der wichtigere Faktor geworden ist.

Der Raumbegriff im Mittelalter sei weniger exakt, als schon der der frühen Neuzeit mit ihren geometrischen und physikalischen Messungen und Maßen.

Das könne laut Dinzelbacher auch daran beobachtet werden, dass im Mittelalter hinter dem atmosphärischen der spirituelle Himmel begann und es auf der Erde direkte Eingänge in die Unterwelt gab. Alles stand miteinander in Verbindung, indem es sich wortwörtlich berührte. Der Mensch glaubte, dazu in der Lage gewesen zu sein, über den atmosphärischen in den spirituellen Himmel zu schauen, um Heilige zu erblicken. Genauso habe er auch durch zum Beispiel Vulkane direkt in die Hölle schauen können.

Der Raum war mehr Gebrauchsgegenstand als Abstraktheit. Er wurde körperlich erfahren und nicht in der Gesamtheit betrachtet, sondern Stück für Stück, wie es sich auch in den „landschaftslosen“ Karten bis zum 15. Jahrhundert ablesen lasse.3 Entweder befand sich der Raum in menschlicher Nutzung, oder er war ihm fremd, in Form von Wäldern, Gebirgen und so fort. Der ungenutzte Raum zwischen zwei für die Menschen wichtigen geographischen Punkten wurde aufgrund seiner Ineffizienz nicht dargestellt und war praktisch nicht vorhanden.

Beispielhaft soll dies an der Gough Map of Great Britain dargestellt werden.4

Ab etwa Mitte des 12. Jahrhunderts wurde ein „Recht und Verfassung prägende[r] Personenverband“ nicht nur wie vorher üblich auf Menschengruppen bezogen, sondern auch geographisch, als „umgrenzter Raum mit Personen darin“, verstanden. Das Landrecht hat das Stammesrecht abgelöst. Seit etwa diesem Zeitpunkt wurden Territorien wahrscheinlich auch kartographisch dargestellt.5

Die Gough Map wird auf 1360 datiert und stellt erstmals das Straßennetz Großbritanniens dar. Der Vergleich mit modernen topographischen Karten, auf denen man in unterschiedlich

gehaltenen Farben exakte Höhenmessungen und Grenzen erkennen kann, fällt sehr

unterschiedlich aus. Schaut man sich einzelne Orte auf der Karte an, wie zum Beispiel London, stellt der Betrachter fest, dass die Karte eher symbolhaften Charakter besitzt. Ortschaften werden lediglich in Form von sich mehr oder weniger gleichenden Häusern oder Burgen dargestellt, von denen ungenau einzelne Straßen abführen. Zwischen diesen Straßen erscheinen jedoch nur weiße Flächen, Niemandsland.6

Man hat hier also scheinbar verschiedenste Informationen räumlich angeordnet.

Was diese Karte auch aufzeigen kann, ist die Sichtweise des mittelalterlichen Menschen auf die Erde. Höchstwahrscheinlich hat ein Wandel der Perspektive auf Karten durch fortschreitende Technik im Bereich der Luftfahrt stattgefunden. Während heute Regionen und Länder auf geographischen Karten aller Art aus der Vogelperspektive betrachtet werden, sieht man auf mittelalterlichen Karten Ortschaften noch so, als würde man geradezu auf sie zugehen.

Ein weiterer Aspekt mittelalterlicher Karten lässt sich auch auf der Gough Map wiederfinden: Ihre Ostung. Nach Traute Petersens Artikel auf welt-online sind mittelalterliche Karten im Gegensatz zu antiken und neuzeitlichen grundsätzlich geostet, das heißt, der Osten wird „buchstäblich und im übertragenen Sinn an die höchste Stelle“ gesetzt.7 Denn vom europäischen Mittelalter aus gesehen lag im Osten das heilige Land Jerusalem als Sterbeort Christi. Da die Erde als Kreis beziehungsweise Scheibe dargestellt wurde, befindet sich Jerusalem auf Weltkarten, den sogenannten mappae mundi, auch im Zentrum. So sind auch tatsächliche Größenverhältnisse oder Entfernungen nicht von Relevanz, da mittelalterliche Karten, anders als heute, kaum geographischen Anspruch erheben, sondern „biblische Überlieferung[en] ins Bildlich-Geographische“ umsetzen.8

Bodmann zitiert Arentzen zum Weltbild mittelalterlicher mappae mundi: „das Kennzeichen dieser Kartenbilder sei‚ die Integration der zwei Dimensionen der irdischen Welterfahrung, Raum und Zeit, in den die Ewigkeit umfassenden göttlichen Heilsplan‘“.

Wie es zur Entstehung solcher religiöser Weltkarten kommen konnte, soll im Folgenden erklärt werden.

Dass die Zeit ihre Orientierung durch das Verschwinden alter Zählweisen nach Untergang des weströmischen Reiches verloren hat, brachte gleichzeitig eine Neuorientierung im bisher vernachlässigten Raum mit sich. Die verlorene Einheit in der Zeit wurde nun als Einheit im –

zunächst noch nur christlichen – Raum gesucht.9

Ab 664, nachdem der Zeitpunkt des Osterfestes an die Berechnung der Christen angepasst wurde, wurde Rom auch in räumlicher Hinsicht der Mittelpunkt der christlichen Welt. Eine

weitere Begründung für diesen Umstand lieferte die Tatsache, dass dort die Apostel Petrus und Paulus gelebt haben und begraben wurden.10

So wurde Rom neben Jerusalem, das schon nach Hieronymus der „Nabel der Welt“ war, ebenfalls zu einer der Hauptstätten des Christentums.11

Eine bildhafte Darstellung der Zentrierung dieser Orte auf Weltkarten kann man auf der Londoner Psalterkarte finden, die bei Dinzelbacher auf Seite 703 Aufmerksamkeit findet und die im Verlauf der Arbeit noch beispielhaft für mittelalterliche Weltkarten erläutert werden wird.12

Noch im 13. Jahrhundert hatte das christliche Europa eine sehr begrenzte Vorstellung von der bewohnten Welt. Erst durch die Kreuzzüge bis 1300 wurde der Westen mit dem Osten konfrontiert, was wiederum geographisch realistischere Auswirkungen auf Land- und Weltkarten hatte.13

[...]


1 Von Brandt, S. 22

2 Dinzelbacher, S. 695

3 Vgl.: Dinzelbacher, S. 697

4 http://www.bodley.ox.ac.uk/users/nnj/goughmap.htm

5 Von den Brincken, S. 11f

6 http://www.bodley.ox.ac.uk/users/nnj/goughmap.htm

7 http://www.welt.de/print-welt/article543173

8 Vgl.: Ebd.

9 Bodmann, S. 217f

10 Bodmann, S. 208f.

11 http://www.rm.unina.it/biblio/BAUMGJerusalem.pdf

12 http://www.welt.de/print-welt/article543173

13 http://philosci40.unibe.ch/lehre/sommer08/GeschichteKG/Kurzabriss_antike_Geo_Teil3, S. 8

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640726011
ISBN (Buch)
9783640726295
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159149
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Raumwahrnehmungen Raumvorstellungen Mittelalter

Autor

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Titel: Raumwahrnehmungen und Raumvorstellungen im Mittelalter