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Erziehung, Selbstbestimmung und Zwang bei Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau

Zwei Philosophen mit identischen Ideen?

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Erziehung bei Immanuel Kant
2.1 Über die Relevanz der Erziehung
2.2 Der Widerspruch bei Kant
2.3 Der Prozess der Erziehung
2.3.1 Disziplinierung
2.3.2 Kultivierung
2.3.3 Zivilisierung
2.3.4 Moralisierung
2.4 Selbstbestimmung versus Zwang: ein Widerspruch?

3. Der Begriff der Erziehung bei Jean-Jacques Rousseau
3.1 Warum muss erzogen werden?
3.2 Die Rolle der bürgerlichen Ordnung
3.3 Der Widerspruch in der Erziehung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn heute ältere Leute nach Erziehung und ihrem Stellenwert in der Gesellschaft gefragt werden, bekommt man häufig als Antwort, dass früher ganz anders erzogen wurde. Damals gehörten z. B. Schläge zur Züchtigung zu einer gängigen Erziehungsmethode. Gerade der jüngere Teil der Gesellschaft wird von dieser Generation häufig als „schlecht erzogen“, „rüpelhaft“ oder sogar als „ungezogen“ beschrieben.

Das Interesse an Erziehung spiegelt sich gerade in der heutigen Medienlandschaft in diversen TV-Formaten wieder. In diesen wird dann häufig versucht, vermeidliche Erziehungsfehler der Eltern mit pädagogischen Erziehungsmethoden wieder rückgängig zu machen. Die Frage die sich dabei stellt ist jedoch, ob Erziehung erst durch die mediale Ausschlachtung ein gesellschaftsfähiges oder zumindest gesellschaftsrelevantes Thema wurde. Es liegt jedoch auf der Hand, dass Erziehung längst nicht nur ein Thema der modernen Industriegesellschaft ist. Bereits viel früher wurde sich eingehend mit dieser Thematik beschäftigt.

Hier besonders hervorzuheben sind die Philosophen Immanuel Kant (* 1724; † 1804) und Jean-Jacques Rousseau (* 1712; † 1778) die sich intensiv mit dem Erziehungsbegriff auseinandersetzten. Daher beschäftigt sich diese Ausarbeitung im Schwerpunkt mit dem Erziehungsbegriff bei Kant und Rousseau. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Relevanz der Erziehung sowie dem Zusammenhang von Selbstbestimmung und Zwang gelegt. Bei Rousseau werden des Weiteren noch Ausführungen über die Rolle der Gesellschaft ergänzt. Abschließen wird die Frage geklärt, ob beide Philosophen identische Ideen hatten oder worin sie sich vielleicht auch unterscheiden. Haben sie sich möglicherweise sogar gegenseitig beeinflusst?

Im ersten Schritt werden daher die Ideen von Kant, im zweiten Schritt die von Rousseau dargestellt. Gerade dabei ist es wichtig, meist auf längere Zitate der Primärtexte zurückzugreifen, um die Gedanken des jeweiligen Philosophen authentisch zu transportieren. Dies wäre durch Sekundärwerke meist nicht mehr möglich. Anschließend werden dann beide Philosophen in Beziehung zueinander gesetzt.

Diese Ausarbeitung erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr ist es das Ziel, zentrale Elemente beider Theorien herauszugreifen und diese miteinander zu verknüpfen. An geeigneter Stelle wird darauf noch einmal explizit hingewiesen.

2. Der Begriff der Erziehung bei Immanuel Kant

Im Folgenden Kapitel wird nun auf den Stellenwert der Erziehung bei Kant eingegangen. Dabei ist es nicht das Ziel alle Aspekte seiner Erziehungstheorie zu beleuchten und darzustellen. Vielmehr geht es darum die zentralen und für diese Ausarbeitung wichtigsten Elemente darzustellen. Im Kern geht es daher um die Relevanz der Erziehung, den Widerspruch bei Kant, den Prozess der Erziehung sowie die Vereinbarkeit oder ggf. auch nicht Vereinbarkeit von Freiheit und Zwang. Diese zentralen Themenbereiche werden im Folgenden nun näher erläutert.

2.1 Über die Relevanz der Erziehung

Immanuel Kant war ein Phänomen. Im Gegensatz zu vielen heutigen und mehr oder weniger modernen Schriften über die Erziehung, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll, versuchte Kant ein festes Fundament aufzubauen, um den Prozess der Erziehung auf demselbigen Stück für Stück weiterzuentwickeln. Für diese Basis zog er den Vergleich von Mensch und Tier heran. Er stellte also die zentrale Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Dieser Vergleich blendete unfraglich offensichtliche phänotypische Unterschiede aus und bezog sich rein auf den Erziehungsaspekt. Nach Kant gibt es dabei einen zentralen Aspekt, der die beiden Gruppen Mensch und Tier voneinander Unterscheidet: Der Mensch muss erzogen werden, das Tier nicht.

„ Der Mensch ist das einzige Gesch ö pf, das erzogen werden mu ß . Unter der Erziehung n ä mlich verstehen wir die Wartung (Verpflegung, Unterhaltung), Disziplin (Zucht) und Unterweisung nebst der Bildung. Dem zufolge ist der Mensch S ä uglng, -Z ö gling, - und Lehrling. “ (Kant 1983, S. 697)

Unter Wartung versteht man dabei das wachende Auge der Eltern darüber, dass die Neugeborenen bzw. Kinder keinen Gebrauch von ihren Kräften machen, der negative Folgen für sie haben könnte (vgl. Kant 1983, S. 697). Die Pflege des Säuglings wird also nicht unter biologischen oder medizinischen Aspekten, sondern unter der Idee der Erziehung zusammengefasst (vgl. Hufnagel 1990, S. 43). Der haustierliebende Leser wird an dieser Stelle sicherlich seinen Zeigefinger erheben mit der Begründung, dass auch Haustiere (z. B. Hunde) erzogen werden müssen, um u. a. „Stubenrein“ zu sein und das Nachbarskind nicht gleich bei der ersten Begegnung anzuspringen. Dieser Einwand ist richtig, wird jedoch durch die Tatsache entkräftet, dass sich Kant auf reine Naturgegebenheiten, also Instinkte, und keine künstliche Umwelt bezog. An dieser Stelle soll allerding kein Diskurs über Tiererziehung entfacht werden.

„ Disziplin oder Zucht ä ndert die Tierheit in die Menschheit um. Ein Tier ist schon alles durch seinen Instinkt; eine fremde Vernunft hat bereits alles f ü r dasselbe besorgt. Der Mensch braucht aber eigene Vernunft. Er hat keinen Instinkt, und mu ß sich selbst den Plan seines Verhaltens machen. Weil er aber nicht sogleich im Stande ist, dieses zu tun, sondern roh auf die Welt kommt: so m ü ssen es andere f ü r ihn tun. “ (Kant 1983, S. 697)

Um es mit anderen Worten auszudrücken: Das Verhalten von Tieren wird zu einem Großteil von Instinkten bestimmt. Der Mensch hingegen steht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu anderen Menschen (vgl. Koller 2006, S. 30). Er kann und darf also nicht sich selber überlassen werden, da dieses zwangsläufig zu seinem Ende führen würde.

„ Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht. Es ist zu bemerkten, da ß der Mensch nur durch Menschen erzogen wird, durch Menschen die ebenfalls erzogen sind. Daher macht auch Mangel an Disziplin und Unterweisung bei einigen Menschen sie wieder zu schlechteren Erziehern ihrer Z ö glinge. “ (Kant 1983, S. 699)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für Kant die Erziehung das größte Problem darstellt, mit dem ein Mensch konfrontiert werden kann. Dies wird nicht zuletzt durch den enormen zeitlichen Aufwand, sondern auch durch den Zusammenhang von Einsicht und Erziehung begründet. Sie bilden einen Kreislauf, da Einsicht von der Erziehung und Erziehung von der Einsicht abhängt. Daraus lässt sich schlussendlich folgern, dass Erziehung sich nur Schritt für Schritt, von Generation zu Generation verändern kann (vgl. Kant 1983, S. 702). So wird die Erziehungskunst als eine der schwersten Erfindungen der Menschen angesehen, da sie bis heute ein Streitthema ist (vgl. Kant 1983, S. 703). Kant setzt jedoch eine eindeutige zeitliche Grenze für den Zeitraum der Erziehung. Für diese nennt er drei Indikatoren:

1. Der Mensch ist in der Lage ist sich selber zu führen.
2. Der Instinkt zum Geschlecht hat sich bei ihm voll ausgebildet.
3. Er kann selber Vater werden und muss dann selber erziehen.

Kant datiert die Grenzen der Erziehung auf das sechzehnte Lebensjahr. Eine Erziehung ist danach in direkter Form nicht mehr möglich, der Zögling ist dann nur noch über die Kultur des jeweiligen Landes zu disziplinieren (vgl. Kant 1983, S. 710). So können z. B. bestimmte Verhaltensrituale in anderen Ländern die Erziehung nachhaltig beeinflussen. Als Beispiel sei hier das zur Begrüßung obligatorische gegenseitige Verneigen in China, anstatt dem Gruß per Handschlag in den meisten westlichen Kulturen erwähnt.

2.2 Der Widerspruch und bei Kant

Nach vorheriger Darstellung fällt auf, dass der Terminus „Mensch“ von Kant in einer uneinheitlichen Weise benutzt wird. Wie im obigen Zitat bereits dargestellt, kann der Mensch nur durch Erziehung zum Menschen werden (vgl. Kant 1983, S. 699). In diesem Kontext betitelt Kant jedoch auch neugeborene Kinder als menschliche Wesen bzw. Menschen (vgl. Koller 2006, S. 31 f.). Dieser Widerspruch soll an dieser Stelle nicht aufgelöst werden, wenn dies denn überhaupt möglich ist. Dem Leser soll jedoch der Gedankenanstoß gegeben werden, dass vielleicht auch ein Immanuel Kant zu einer genauen Differenzierung und Abgrenzung nicht in der Lage war. Vielleicht hat er diese Unterscheidung jedoch auch bewusst nicht getroffen.

„ Ein Entwurf zu einer Theorie der Erziehung ist ein herrliches Ideal, und es schadet nichts, wenn wir auch nicht gleich im Stande sind, es zu realisieren. Man mu ß nur nicht gleich die Idee f ü r schim ä risch halten, und sie als einen sch ö nen Traum verrufen, wenn auch Hindernisse bei ihrer Ausf ü hrung eintreten. Eine Idee ist nichts anderes, als der Begriff von einer Vollkommenheit, die sich in der Erfahrung noch nicht vorfindet. “ (Kant 1983, S. 700 f.)

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Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640718610
ISBN (Buch)
9783640718931
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v159001
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Allgemeine Pädagogik unter Berücksichtigung ihrer systematischen und philosophischen Grundlagen
Note
1,7
Schlagworte
Erziehung Selbstbestimmung Zwang Immanuel Kant Kant Rousseau

Autor

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Titel: Erziehung, Selbstbestimmung und Zwang bei Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau