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Zum Zusammenhang von psychopathologischer Auffälligkeit, Aggressivität und Delinquenz mit Regelverletzendem Verhalten von Frauen in Haft

Diplomarbeit 2009 98 Seiten

Psychologie - Forensische Psychologie, Strafvollzug

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagungen

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorieteil
2.1 Aggression
2.1.1 Der allgemeine Aggressionsbegriff
2.1.2 Offene Aggression
2.1.3 Indirekte, relationale und soziale Aggression
2.1.4 Proaktive Aggression
2.1.5 Reaktive Aggression
2.1.6 Geschlechtsunterschiede
2.2 Antisoziale Personlichkeitsstorung
2.2.1 Diagnostik
2.2.2 Pravalenzraten und Verlauf der ASPD
2.2.3 Komorbiditat
2.2.4 Verwandtes Konstrukt: Dissoziale Personlichkeitsstorung
2.3 Psychopathy
2.3.1 Allgemeine Definition
2.3.2 Historische Perspektive
2.3.3 Konzept von Hare
2.3.4 Komorbiditaten
2.4 Regelverletzendes Verhalten wahrend der Haft
2.4.1 Definition
2.4.2 Zusammenhange
2.4.2.1 Aggression
2.4.2.2 Psychopathy
2.4.2.3 ASPD
2.4.2.4 Delinquente Vorgeschichte
2.4.2.5 Alter

3 Fragestellung, Hypothesen
3.1 Aggression mit Regelverletzendem Verhalten
3.2 Psychopathologische Auffalligkeit mit Regelverletzendem Verhalten
3.3 Delinquente Vorgeschichte mit Regelverletzendem Verhalten

4 Methoden
4.1 Design
4.2 Erhebungsmethoden
4.2.1 Selbstbeschreibungen
4.2.1.1 Aggressionsskalen
4.2.1.2 Offenheit
4.2.2 Fremdbeschreibungen
4.2.2.1 Strukturiertes Klinisches Interview fur DSM-IV (SKID)
4.2.2.2 PCL-R
4.2.2.3 Drogendiagnostik
4.2.2.4 Delinquente Vorgeschichte
4.2.2.5 Regelverletzendes Verhalten wahrend der Haft
4.3 Auswertungsmethoden

5 Ergebnisse
5.1 Stichprobe
5.2 Verteilungsparameter und Reliabilitat der Erhebungsmethoden
5.2.1 Selbstbeschreibungen
5.2.1.1 Aggressionsskalen nach Ben-Horin
5.2.1.2 Offenheitsskala des FPI-R
5.2.2 Fremdeinschatzung
5.2.2.1 Interrater-Reliabilitat
5.2.2.2 Psychopathy
5.2.2.3 Antisoziale Personlichkeitsstorung
5.2.2.4 Delinquente Vorgeschichte
5.2.2.5 Regelverletzendes Verhalten
5.3 Ergebnisse
5.3.1 Aggression mit Regelverletzendem Verhalten
5.3.2 Psychopathologische Auffalligkeit mit Regelverletzendem Verhalten
5.3.3 Delinquente Vorgeschichte mit Regelverletzendem Verhalten

6 Diskussion / Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Danksagungen

Bei Herrn PD Dr. Klaus-Peter Dahle bedanke ich mich fur die Vergabe und Be- treuung der Diplomarbeit.

Mein besonderer Dank gilt Tine fur Ihre hilfreichen Anmerkungen und ihrer Kor- rektur der Diplomarbeit, ohne die ich wohl nicht fertig geworden ware

T abellenverzeichnis

Tabelle 1: Beobachtbare Verhaltensweisen von indirekter, relationaler und sozialer Aggression

Tabelle 2: Diagnosekriterien der ASPD

Tabelle 3: Kriterien der Dissozialen Personlichkeitsstorung nach ICD- 10

Tabelle 4: Cleckleys Merkmale der „psychopathy“

Tabelle 5: Items und Faktorenstruktur der PCL

Tabelle 6: Items und Faktorenstruktur der PCL-R

Tabelle 7: Ergebnisse der Faktorenanalyse einer deutschen Stichprobe

Tabelle 8: Drei- und Vier-Faktoren-Modell im Vergleich

Tabelle 9: Zusammenhange zwischen PCL-R und Aggression

Tabelle 10: Korrelationen zwischen PCL-R und ASPD

Tabelle 11: Korrelationen zwischen PCL-R und Personlichkeitsstorungen

Tabelle 12: Zusammenhange zwischen PCL-R und Substanzabhangigkeit 39 Tabelle 13: EffektgroGen zwischen PCL-R und Regelverletzendem Verhalten 43 Tabelle 14: Korrelationen zwischen PCL-R und Regelverletzendem Verhalten

Tabelle 15: Deliktkategorien und Regelverletzungen

Tabelle 16: Logistische Regression fur gewalttatige Regelverletzungen

Tabelle 17: Interrater-Reliabilitat der PCL-R bei weiblichen Inhaftierten

Tabelle 18: Altersverteilung

Tabelle 19: Deskriptive Statistik Aggression

Tabelle 20: Interrater-Reliabilitat

Tabelle 21: Deskriptive Statistik PCL-R

Tabelle 22: ASPD Diagnosen

Tabelle 23: Delikte, die zur Inhaftierung fuhrten

Tabelle 24: Deskriptive Statistik Regelverletzungen

Tabelle 25: Korrelationen Aggressionen und Regelverletzungen

Tabelle 26: Korrelationen PCL-R mit Regelverletzungen

Tabelle 27: Korrelationen ASPD und PCL-R

Tabelle 28: Deskriptive Statistik Deliktgruppen und Regelverletzungen

Tabelle 29: Deskriptive Statistik Hafterfahrung und Regelverletzungen

Tabelle 30: Post Hoc Vergleich zwischen (Nicht-)substanzabhangigen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Geschlechterunterschied aggressiver Verhaltensweisen (18 Jahrige)

Abbildung 2: Geschlechterunterschied bei physischer und sozialer Aggression (11.-18. Lebensjahr)

Abbildung 3: Pravalenzraten bei „conduct disorder1' (5. - 15. Lebensjahr)

Abbildung 4: Modell uber Beziehung von ASPD und „psychopathy“

Abbildung 5: Regelverletzungen pro Jahr (nach Alterskategorien)

1 Einleitung

Neben dem Schutz der Allgemeinheit stellt die Resozialisierung ein bedeutendes Vollzugsziel der Inhaftierung von Straftatern dar (§ 2 StVollzG, Bundesministerium der Justiz, 2009a). Bei Personen, die wahrend der Haft ge- gen die Regeln des Haftvollzuges verstoGen, kann angenommen werden, dass die Chancen der Resozialisierung geringer sind, als bei unauffalligen Personen.

Ziel dieser Studie ist es, mogliche Faktoren zu bestimmen, die zwischen Frau­en, die sich wahrend der Haft auffallig oder unauffallig verhalten, zu unterschei- den. Es wird angenommen, dass Personen mit hoherer Aggressivitat und Anti- sozialitat auffalliger sein konnten als Inhaftierte mit geringeren Auspragungen. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, ob die Art der Straftaten, die die Inhaftierten begangen haben, oder mogliche vorherige Hafterfahrungen einen Einfluss auf das aktuelle Haftverhalten haben.

Der Theorieteil der vorliegenden Arbeit beschreibt zunachst diejenigen Fakto­ren, bei denen ein Zusammenhang mit auffalligem Verhalten wahrend der Haft angenommen wird. Dazu werden zunachst grundlegende Begriffe eingefuhrt und der aktuelle Forschungsstand dargestellt. Neben den Zusammenhangen zwischen den einzelnen Faktoren werden auch Ergebnisse hinsichtlich ge- schlechtsspezifischer Auspragungen der einzelnen Faktoren vorgestellt, soweit es Forschungen dazu gibt. Da weibliche Inhaftierte nur etwa 5 % der Gesamt- anzahl der Inhaftierten darstellen, sind die Anzahl der Studien, die sich mit die­ser Subgruppe beschaftigen, sehr begrenzt. Definitionen und aktuelle Studien zum Konstrukt des regelverletzenden Verhaltens wahrend der Haft bilden den Abschluss des Theorieteiles.

Auf die theoretischen Ausfuhrungen aufbauend folgt ein Kapitel zur Fragestel- lung der Untersuchung und den Forschungshypothesen, gefolgt vom Metho- denteil.

Den Abschluss bilden die Beschreibung der Ergebnisse und die kritische Diskussion derer.

2 Theorieteil

2.1 Aggression

2.1.1 Der allgemeine Aggressionsbegriff

Der Begriff „Aggression“ findet seinen etymologischen Ursprung im lateinischen Verb "aggredi" und kann mit „herangehen“ oder „angreifen“ ubersetzt werden. So wie beide Verben sehr unterschiedlicher Natur sind, verhalt es sich mit dem Aggressionsbegriff in der Psychologie. Nolting (2004) spricht von einem engen und einem weiten Aggressionsbegriff.

In der weiten Definition wird „jedes Verhalten gemeint, das im Wesentlichen das Gegenteil von Passivitat und Zuruckhaltung darstellt“ (Bach & Goldberg, 1977, S. 14). Mitscherlich (1969) bezeichnet mit Aggressivitat jede Aktivitat, die durch Muskelaktivitat zustande kommt und das Ziel hat, eine innere Spannung aufzu- losen. Diese Definitionen beinhalten eine zu unspezifische Form von Verhalten und sind damit zu allgemein gefasst, als das sie fur wissenschaftliche Untersu- chungen brauchbar waren. Hacker bietet eine weitere Begriffserklarung an, welche zwar ebenfalls weit gefasst ist, jedoch schon in die Richtung der engen Definitionen weist. „Aggression ist jene dem Menschen innewohnende Disposition und Energie, die sich ursprunglich in Aktivitat und spater in den verschiedensten individuellen und kollektiven, sozial gelernten und sozial vermittelten Formen von Selbstbehauptung bis zur Grausamkeit ausdruckt“ (Hacker, 1973, S. 80). Die weiten Definitionsversuche konnen grundsatzlich nicht negativ bewertet werden (Verres & Sobez, 1980). Im Gegenteil wird Aktivi­tat gegenuber der Passivitat im Allgemeinen eher positiv oder zumindest neutral bewertet.

Anders verhalt es sich bei der engen Definition von Aggression, die meist nega­tiv bewertet wird (Verres & Sobez, 1980). Dollard, Doob, Miller, Mowrer, Sears, & Dammschneider definieren Aggression “als eine Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus (oder Organismus-Ersatzes) ist“ (1973, S. 19). Es zeigt sich, dass die Motivation der Handlung von entschei- dender Bedeutung ist. Verletzungen, die ohne Absicht zustande kommen, wer-

den nicht als Aggressionen angesehen. Furntratt (1974) erweitert den Begriff, indem er auch die zielgerichtete Schadigung von Sachen als aggressive Verhal- tensweisen einbezieht. Des Weiteren umfassen die Schadigungen nicht mehr nur offensichtliche, direkte korperliche Beeintrachtigungen, sondern auch die Verletzung von Gefuhlen von Individuen, wenn diese zum Beispiel mit Absicht in Angst versetzt werden. Berkowitz (1993) definiert „Aggression als eine Form des Verhaltens, das beabsichtigt, jemanden physisch oder psycholo- gisch zu schadigen.“[1] Baron und Richardson (1994) boten folgende zusammen- fassende Begriffsbestimmung an: „Aggression ist jede Form von Verhalten, das darauf abzielt, einem anderen Lebewesen zu schaden oder es zu verletzten, das motiviert ist, diese Handlung zu vermeiden“[2]. Wie in anderen Definitionen spielt die Motivation des Aggressors die entscheidende Rolle. Nicht die erfolg- reiche Handlung ist entscheidend fur die Definition, sondern der gezielt schadi- gende Wille. Missgluckte Schadigungsversuche fallen somit gleichermaGen un- ter die Begrifflichkeit der Aggression. Die Art der schadigenden Handlung wurde indirekt formuliert, sodass eine Reihe von Verhaltensweisen als aggressive Handlungen verstanden werden konnen. Darunter fallen nicht ausschlieGlich aktive Verhaltensweisen (Handlungen oder AuGerungen), sondern auch Er- scheinungsformen, bei denen im ersten Moment keine aggressiven Intentionen zu vermuten sind. Beispiele hierfur ware eine absichtliche Nichtbeachtung einer Person oder das Unterlassen von Hilfeleistung. Sogar ein Geschenk kann, wenn es mit der Intention verschenkt wurde, den anderen zu verletzen, als ag- gressives Verhalten gedeutet werden (Nolting, 2004).

Im Verlauf dieses Diskurses wurden von verschiedenen Wissenschaftlern eine Vielzahl verschiedener Formulierungen und Definitionsversuche dargeboten, die jeweils unterschiedliche Aspekte aggressiven Verhaltens fokussieren (vgl. Mummendey, 1982; Hilke & Kempf, 1982). Im anschlieGenden Kapitel werden spezielle Subkonstrukte von Aggressionen vorgestellt, die fur diese Studie von Bedeutung sind.

2.1.2 Offene Aggression

Das entscheidende Element der offenen Aggression ist die Offensichtlichkeit der Herkunft des schadigenden Reizes, da der Aggressor klar erkennbar ist. Dieses Konstrukt lasst sich weiter in physische und verbale Aggression unter- gliedern (Crick & Grotpeter, 1995).

Physische Aggression ist der direkte Angriff gegen den Korper einer Zielperson, indem der eigene Korper (z. B. durch die Faust) oder Waffen (Messer, etc.) verwendet werden (Buss, 1961). Das direkte Schlagen, Treten, Schubsen sind Beispiele fur Verhaltensweisen, die korperliche Aggression verdeutlichen (Ben-Horin, 2001; Bjorkqvist, Osterman & Kaukiainen, 1992; Little, Jones, Hen- rich & Hawley, 2003).

Verbale Aggression beschreibt sprachliche AuGerungen, die einen schadlichen Reiz zu einer Person transportieren (Buss, 1961, S. 6). Damit sind Verhaltens­weisen wie beispielsweise das Anschreien, das Bedrohen (z. B. Gewaltandro- hung) von Personen oder das sich uber den Anderen lustig machen gemeint (Ben-Horin, 2001; Bjorkqvist et al., 1992; Little et al., 2003).

Das Wegnehmen von Gegenstanden gehort zu den offenen Aggressionen, da der Aggressor eindeutig zu identifizieren ist (Little et al., 2003). Auch wenn in vielen Fallen das Wegnehmen in unmittelbarer Verbindung mit verbaler oder physischer Aggression auftritt, kann die Handlung fur sich stehend, keiner der beiden Untergruppen zugeordnet werden.

2.1.3 Indirekte, relationale und soziale Aggression

"Indirect aggression is a type of behaviour in which the perpetrator attempts to inflict pain in such a manner that he or she makes it seem as though there has been no intention to hurt at all." (Bjorkqvist, Lagerspetz & Kaukiainen, 1992, S. 118). Bei dieser Form von Aggression werden soziale Strukturen genutzt, um der Person Schaden zuzufugen (Bjorkqvist & Niemala, 1992; Lagerspetz, Bjorkqvist & Peltonen, 1988). Dabei werden zum Beispiel andere Personen derart manipuliert, dass eine dritte Person benachteiligt wird. Der Aggressor erzahlt Geheimnisse des Opfers weiter oder verbreitet nachteilige Unwahrhei- ten, um zu erreichen, dass die Person in ihrem sozialen Ansehen sinkt. Es kann jedoch auch vorkommen, dass andere Personen sehr eindeutig aufgefordert werden, die Person aus der sozialen Gruppe auszugrenzen (Bjorkqvist et al., 1992; Bjorkqvist & Niemala, 1992). Da, der Aggressor mittels des Umweges uber andere Personen agiert, kann er nicht einfach vom Opfer identifiziert wer­den. So gelingt es ihm, mogliche Gegenangriffe auf seine Aggression zu ver- meiden (Buss, 1961). Buss merkt an, dass die indirekte Aggression auch physi- scher Natur sein konnte, indem beispielsweise eine Person Brandstiftung begeht (Buss, 1961). Jedoch wurde dieser Aspekt von den verschiedenen For- schungsgruppen nicht weitergehend aufgegriffen oder vertieft.

Das Konzept der relationalen Aggression wurde von Crick & Grotpeter 1995 im Rahmen einer Studie an zehnjahrigen Kindern angewendet. Bei diesem Konstrukt steht die Manipulation sowie der Abbruch von Beziehungen und Freundschaften im Zentrum (Crick, Casas, & Mosher, 1997) der Untersuchung. Die Aggression wirkt auf der Beziehungsebene und tritt haufig in der indirekten Form auf (Archer & Coyne, 2005), indem das Opfer beispielsweise ignoriert wird oder andere Personen derart manipuliert werden, dass diese ihr Bindungs- verhalten gegenuber dem Opfer verandern (Werner & Crick, 1999; Ben-Horin, 2001). Wie bereits erlautert, ist in diesen Fallen ist der Urheber nur schwer identifizierbar. Anders verhalt es sich in dem Fall, in welchem der Aggressor die Freundschaft direkt beendet oder damit droht, sie zu beenden, wenn das Opfer sein Verhalten nicht an den Wunschen des Aggressors ausrichtet. Die relatio­nal Aggression liegt dann in einer offenen Variante vor. Die offenen Formen sind in der Praxis eher selten und dann eher in jungeren Altersgruppen (Kindheit) zu finden (Archer & Coyne, 2005).

Soziale Aggression ist eine nicht korperliche Form der Aggression und darauf ausgerichtet, durch Manipulation der Gruppenakzeptanz gegenuber einer Per­son die Entfremdung, Ausgrenzung oder Diffamierung einer Person zu injizieren (Cairns, Cairns, Neckerman, Ferguson & Gariepy, 1989). Ziel ist die Beschadigung des Selbstbewusstseins und des sozialen Status einer Person (Galen & Underwood, 1997). Diese Form der Aggression umfasst die beiden voran genannten Aggressionsformen und fokussiert den Blick auf die Bescha­digung von sozialen zwischenmenschlichen Beziehungen (Karriker-Jaffe, Foshee, Ennett & Suchindran, 2008). Entsprechend konnen Handlungen in of- fener verbaler oder indirekter Form vorliegen. Beispiele dafur konnen die aktive

Ablehnung oder Ausgrenzung einer Person durch eine andere Person oder Gruppe, durch direkte Beschimpfung, Diffamierung durch Geschwatz oder der Entzug von Zuneigung sein (Cairns et al., 1989; Xie, Cairns & Cairns, 2002). Nicht konfrontative Methoden werden gegenuber den offenen Handlungen be- vorzugt angewandt (Xie, Farmer & Cairns, 2003; Xie, Swift, Cairns & Cairns, 2002). Zudem kann dieses Konstrukt auch nonverbale Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Augenrollen oder gehassige Blicke, enthalten (Archer & Coyne, 2005).

Es zeigt sich, dass die drei dargestellten Konstrukte in ihren Auspragungen sehr ahnlich sind und sich in den beobachtbaren Verhaltensweisen uberschnei- den. Es gibt eine Reihe von Verhaltensweisen, die allen drei Konstrukten glei- chermaGen zugeordnet werden konnen. Soziale Aggression beinhaltet per De­finition bereits alle Verhaltensweisen von indirekter und relationaler Aggression und wurde um spezielle nonverbale Verhaltensweisen erweitert (Coyne, Archer & Eslea, 2006). Im Jahr 2005 verglichen Archer & Coyne die drei Konstrukte miteinander. Sie erstellten eine tabellarische Ubersicht (siehe Tabelle 1), in der die drei Konstrukte hinsichtlich beobachtbarer Verhaltenswei­sen gegenubergestellt wurden. Anhand der Ubersicht lasst sich gut erkennen, wie sehr sich die drei Konstrukte hinsichtlich der aus ihren Definitio- nen resultierenden Verhaltensweisen uberschneiden. Ein Jahr spater wurde eine Studie mit 422 Teilnehmern (Alter 11 - 5 Jahre) durchgefuhrt, bei welchen jeweils die indirekte, relationale und soziale Aggression erhoben wurde (Coyne et al., 2006). Es zeigte sich, dass die einzelnen Konstrukte statistisch vonei- nander getrennt sind, auch wenn sie sich bedeutend uberschneiden. In einer Faktorenanalyse wurden drei Faktoren herausgefiltert, die jeweils mit einem der drei Konstrukte in Verbindung stehen. Darauf basierend wurde geschlussfolgert, dass es sich bei den drei Konzepten um getrennte Konzepte handeln muss, die sich in ihren Auspragungen stark uberschneiden.

Tabelle 1: Beobachtbare Verhaltensweisen von indirekter, relationaler und sozialer Aggression[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.4 Proaktive Aggression

Bei proaktiver Aggression handelt es sich um ein unprovoziertes, aversives Verhalten. Die Intention ist dabei, andere Menschen zu verletzen, zu unterdru- cken bzw. zu notigen (Brown, Atkins, Osborne & Milnamow, 1996). Diese Form der Aggression lasst sich in zwei Unterkategorien, die instrumentelle Aggressi­on und das Bullying untergliedern (Price & Dodge, 1989).

Die instrumentelle Aggression ist zielorientiert. Durch das Erlangen der Kontrol- le uber andere Menschen ist es moglich, beispielsweise materielle Guter zu erhalten (Berkowitz, 1993). Aggressives Verhalten dient dabei als Mittel, um etwas zu erlangen, was man sonst nicht so leicht erhalten wurde (Bandura, 1979). Neben dem Erlangen von materiellen Gutern sind das Aneignen von Territorium oder Privilegien typische Ziele der instrumentellen Aggression (Price & Dodge, 1989).

Anders als bei der der instrumentellen Form ist beim Bullying die Aggression an spezifische Personen oder Personengruppen gebunden. Ziel ist es, eine spezi- elle Person bzw. Personengruppe einzuschuchtern oder zu unterdrucken (Price & Dodge, 1989). Die Folgen der Aggression fur das Opfer stellen kein Hilfsmittel dar, sondern sind unmittelbarer Zweck der Aggression.

Grundsatzlich kann proaktive Aggression in offenen bzw. indirekten, relationa- len bzw. sozialen Varianten auftreten.

2.1.5 Reaktive Aggression

In diesem Fall handelt es sich um aggressive Reaktionen auf eine wahrge- nommene Bedrohung oder Provokation (Ben-Horin, 2001; Kempes, Matthys, de Vries & van Engeland, 2005). Die oftmals sehr impulsiven Reaktionen stehen im Zusammenhang mit dem Verlust der Selbstkontrolle (Berkowitz, 1993). Dabei spielt die Interpretation der Intention des Provokateurs eine wichtige Rol- le bei der Art und Intensitat der Reaktion auf eben diese Provokation (Dodge & Coie, 1987). Reaktive Aggression konnte mit einer feindseligen Attribution des Provokateurs in Verbindung gebracht werden (Schwartz, Dodge, Coie, Hubbard, Cilessen, Lemerise et al., 1998). Diese Aggressionsform begrundet sich auf das Frustrations-Aggressions-Modell von Dollard (Dollard et al., 1973) und dem spater entwickelten kognitiv - neoassoziationistischen Ansatz (Berko- witz, 1993).

2.1.6 Geschlechtsunterschiede

Dieser Abschnitt fuhrt die empirischen Befunde zusammen, die sich mit der Frage beschaftigen, ob es Unterschiede in den Auspragungen von Aggressio- nen zwischen den Geschlechtern wahrend verschiedener Altersabschnitte gibt.

Crick, Ostrov, Burr, Cullerton-Sen, Jansen-Yeh & Ralston (2006) beobachteten Vorschulkinder im Alter von 3-4 Jahren wahrend der Spielzeit, um Unterschiede zwischen korperlich und relational aggressiven Verhaltensweisen hinsichtlich des Geschlechts zu untersuchen. Es zeigte sich, dass mehr relationale aggres­sive Verhaltensweisen bei den Madchen als bei den Jungen auftraten. Die Jungen zeigten hingegen mehr korperlich aggressive Verhaltensweisen als die Madchen. Generell konnte festgestellt werden, dass gegenuber dem eigenen Geschlecht eher offenes aggressives Verhalten gezeigt wurde. Diese Befunde wurden durch andere Studien bestatigt (Crick et al., 1997; Crick & Grotpeter, 1995; Ostrov & Crick, 2007).

Lagerspetz und Bjorkqvist (1994) fassten ihre Untersuchungen hinsichtlich der Geschlechtsunterschiede bei offener und indirekter Aggression zusammen. Da- bei wurden Stichproben vier verschiedenen Altersgruppen (8-, 11-, 15- und 18-jahrige Probanden/-innen) analysiert. Bei der Gruppe der Acht- und Neun- jahrigen wurde festgestellt, das Jungen signifikant hohere offene Aggressions- werte aufwiesen (p<.001[4] ). Bei der indirekten Aggression zeigten die Madchen zwar leicht hohere Werte, welche jedoch nicht signifikant waren. Bjorkqvist et al. (1992) nahmen in Bezug auf diese Studie an, dass die Fahigkeiten zur indirek­ten Aggression bei den Madchen in diesem Alter noch nicht vollstandig ausge- bildet sind, da bei der Gruppe der Elf- bis Zwolfjahrigen, die Madchen signifikant hohere indirekte Aggressionen aufwiesen (p<.001, Lagerspetz & Bjorkqvist, 1994). Dieser Zusammenhang konnte ebenfalls in einer Stichprobe von 15- Jahrigen nachgewiesen werden (p<.01). Es zeigte sich, dass bei beiden Ge­schlechtern die indirekten Aggressionswerte vom 11. hin zum 15. Lebensjahr sanken. Bei den Acht- und Elfjahrigen (N=85 / N=167) wurde die Auspragung der offenen Aggression erhoben. Dabei zeigte sich, dass mannliche Probanden deutlich hohere aggressive Werte als die weiblichen Probanden aufwiesen (in beiden Altersklassen p<.001), und dass das allgemeine Aggressionsausmaft bei beiden Geschlechtern stieg. Bei der Gruppe der 15-Jahrigen (N=147) wurde zwischen physischer und verbaler Aggression unterschieden. Physische Ag­gression zeigte sich signifikant haufiger bei mannlichen Jugendlichen (p<.001). Dagegen konnte kein signifikanter Geschlechtsunterschied bei der Auspragung von verbaler Aggression festgestellt werden.

Crick & Grotpeter (1995) konnten diese Ergebnisse bestatigen. Bei der Unter- suchung von Kindern des dritten, vierten, funften und sechsten Schuljahres (N=491) hinsichtlich der Art der gezeigten Aggressionen waren klare Geschlechtsunterschiede nachweisbar. Madchen zeigten signifikant weniger offene Aggression (M=-.40, SD=2.9, F(l, 483)=68.1, p<.001) als die Jungen. Hingegen wiesen die Madchen signifikant hohere Werte bei relationaler Ag­gression auf (M=.42, SD=3.4, F(l, 483)=7.8, p<.01). In einer Langsschnittstudie konnte Crick (1996) bei der Untersuchung einer Gruppe (N=245) von Kindern vom neunten bis zum zwolften Lebensjahr zeigen, dass die Werte offener und relationaler Aggression relativ stabil bei den einzelnen Probanden uber diese vier Jahre zu beobachten waren.

Im Jahr 2004 versuchten Salmivalli & Kaukiainen diese Ergebnisse an 10-, 12- und 14-Jahrigen zu replizieren (N=526). Dabei zeigte sich, dass die mannlichen Teilnehmer in jeder Altersklasse bei selbstberichteter physischer und verbaler Aggression signifikant hohere Werte aufzeigten (Minimum: F(DF=1)=8.82, p=.003). Bei der selbst berichteten indirekten Aggression zeigte sich ein weni­ger einheitliches Bild. Bei den Zehn- und 14-Jahrigen schatzten sich die mann- lichen Teilnehmer im Mittel aggressiver ein und bei den Zwolfjahrigen die Pro- bandinnen. Keiner der Gruppenvergleiche wies Signifikanz in den Unterschie­den auf. Daraus wurde geschlussfolgert, dass indirekte Aggression keine typi- sche weibliche Aggressionsform sei.

Beim Vergleich der 18-Jahrigen (N=205) konnte kein signifikanter Geschlechts­unterschied hinsichtlich korperlicher Aggression nachgewiesen werden (Lagerspetz & Bjorkqvist, 1994). Hingegen erzielten die 18-jahrigen weiblichen Teilnehmerinnen signifikant hohere Werte bei verbaler Aggression (p<.01, siehe Abbildung 1). Hinsichtlich der indirekten Aggression zeigten sich signifikant hohere Aggressionswerte bei den Frauen der untersuchten Gruppe (p<.001).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Geschlechterunterschied aggressiver Verhaltensweisen (18 Jahrige)[5]

In der Studie von Kleiter (2002) wurden Jugendliche (13 - 16 Jahre, N=540) und Erwachsene (18 - 65 Jahre, N=338) vergleichend untersucht. Es bestatigte sich, dass die mannlichen Jugendlichen signifikant haufiger korperlich aggressiv waren als die weiblichen Jugendlichen. Hinsichtlich relationaler Aggression zeigten sich jedoch keine Unterschiede. Bei den Erwachsenen war noch eine Tendenz erkennbar, dass Manner hohere korperliche Aggressionswerte auf- weisen. Diese waren jedoch nicht signifikant. Dafur zeigten sich bei den mannli­chen Teilnehmern der Studie signifikant hohere Werte bei dem Faktor „aggres- sive / friedliche Sachdurchsetzung“. Keine geschlechtsspezifischen Unterschiede wurden bei relationaler und mimisch-gestischer Aggression gefunden. Eine Studie an 225 College-Studenten (Werner & Crick, 1999) konn- te ebenfalls keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei relationaler Ag­gression nachweisen.

In einer umfassenden Erhebung untersuchten Karriker-Jaffe et al. (2008) 5.151 Jugendliche (Alter 11 - 18 Jahre) und stellten einen umgekehrt u-formigen Verlauf bei korperlicher und sozialer Aggression (siehe Abbildung 2) mit einem Maximum um das 14. - 15. Lebensjahr fest. Dabei zeigten sich durchgehend geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der korperlichen Aggressionen, bei denen die mannlichen Probanden signifikant hohere Werte aufwiesen. Bei der sozialen Aggression konnten keine signifikanten Unterschie­de ermittelt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Geschlechterunterschied bei physischer und sozialer Aggression (11.-18. Lebensjahr)[6]

Zusammenfassend zeigt sich, dass es Aggressionsunterschiede zwischen Frauen und Mannern gibt, es sich dabei jedoch nicht um eine kreuzende Inter- aktion zwischen physischer und sozialer Aggression handelt. Es kann festge- stellt werden, dass die offene korperliche Aggression bei Mannern verbreiteter als bei Frauen ist (Archer, 2004). Dabei konnte die Beschaffenheit der Gruppen, in denen sich die jeweiligen Geschlechter aufhalten, von Bedeutung sein.

Lagerspetz et al. (1988) nehmen an, dass Manner sich eher in groGen Gruppen sozialisieren. In diesen stellt dominantes Auftreten eine Schlusselfunktion dar, um Anerkennung zu erlangen. Aggressive korperliche Verhaltensweisen sind in diesen Gruppen ein erfolgreiches Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Frauen hingegen tendieren zu kleineren Gruppen, in denen Intimitat und Bindungen eine groGere Bedeutung spielen (Block, 1983). In solchen Gruppen konnten aggressive Verhaltensweisen, die auf die Beziehungsebene abzielen, viel effek- tiver sein, als offene korperliche Aggressionen (Crick et al., 1997, Crick & Grotpeter, 1995). Generell zeigt sich, dass indirekte, relationale und soziale Aggression keine spezifische Aggressionsform von Frauen ist. Zeigten sich im fruhen Schulalter noch signifikante Unterschiede (vgl. Kleiter, 2002), so konnen im Erwachsenenalter nur geringe oder gar keine Geschlechtsunter- schiede nachgewiesen werden. In der jungeren Forschung bestehen Annahmen, dass die Bevorzugung von bestimmten Aggressionstypen weniger mit dem Geschlecht als mit dem Unterschied der Angstauspragungen von Per- sonen, speziell der korperlichen Gefahrdung, zusammenhangt (Camphell, 2006). So konnten Marsee, Weems & Taylor Leslie K. (2008) zeigen, dass es Zusammenhange zwischen Angst und relationaler Aggression gibt. Manner mit hohen Angstwerten zeigten mehr reaktive relationale Aggression als Manner und Frauen mit niedrigen Angstwerten.

Connor, Steingard, Anderson, Melloni Jr. & Richard (2003) untersuchten Geschlechtsunterschiede bei proaktiver und reaktiver Aggression. Die Stichpro- be bestand aus 323 Kindern und Jugendlichen (Alter 5-18 Jahre), die sich in stationarer psychiatrischer Behandlung befanden (68 Madchen / 255 Jungen). Bei beiden Geschlechtern konnten hohe Aggressionswerte festgestellt werden. Proaktive Aggression korrelierte bei den weiblichen und mannlichen Teilneh- mern stark mit den Faktoren Drogenkonsum, offene Feindseligkeit und Erfahrungen einer schlechten Erziehung. Mannliche reaktive Aggression war mit hyperaktivem und impulsivem Verhalten korreliert. Bei den weiblichen Teil- nehmern konnte ein Zusammenhang zwischen proaktiver Aggression und traumatischem Stress in einem fruhen Alter sowie einer niedrigen verbalen In- telligenz ermittelt werden.

In einer Studie an 329 College-Studenten (Lento-Zwolinski, 2007) wurden Geschlechtsunterschiede hinsichtlich reaktiver relationaler und reaktiver korper- licher Aggression untersucht. Bei der Stichprobe zeigte sich, dass Manner an- gaben, mehr reaktive korperliche Aggression und reaktive relationale Aggressi­on als Frauen anzuwenden. Dieses Ergebnis konnte auch auf proaktive Ag­gression ubertragen werden.

In einer Untersuchung an 433 Schulern (Durchschnittsalter 13 Jahre) zeigte sich, dass die mannlichen Teilnehmer hohere Punktwerte bei den proaktiven und reaktiven Messinstrumenten erreichten als die weiblichen Teilnehmer (Mayberry & Espelage, 2007). Zu dem gleichen Ergebnis kamen Salmivalli & Nieminen (2002) und Baker, Raine, Liu & Jacobson (2008).

2.2 Antisoziale Personlichkeitsstorung

2.2.1 Diagnostik

Das Diagnostisch Statistische Manual psychischer Storungen in seiner revidier- ten Form (DSM-IV-TR) verwendet eine multiaxiale Beurteilung (Safe, 2003). Dabei kann jede Person auf den jeweils vorhanden funf Achsen diagnostiziert werden. Die Achse I beinhaltet klinische Storungen und Syndrome, wie zum Beispiel Affektive Syndrome, Psychotische Storungen oder Angststorungen. Die Achse II beinhaltet Personlichkeitsstorungen und spezifische Entwicklungssto- rungen, wie zum Beispiel die Histrionische, Narzisstische oder die Borderline Personlichkeitsstorung.

Die Antisoziale Personlichkeitsstorung (ASPD) gehort ebenfalls zu den Achse II-Storungen, die sich dadurch auszeichnet, die Rechte anderer Perso- nen zu missachten und zu verletzen. Diese Verhaltensweisen mussen bereits in der Kindheit oder zumindest in der fruhen Jugend (vor dem 15. Lebensjahr) gezeigt werden und bis ins Erwachsenenalter uberdauern. Um die Storung di- agnostizieren zu konnen, mussen vier Kriterien erfullt sein.

Die zu beurteilende Person muss das 18. Lebensjahr erreicht haben (Kriterium B, siehe Tabelle 2) und bereits vor dem 15. Lebensjahr auffallig gewesen sein. Die Storung des Sozialverhaltens (Kriterium C im englischen „conduct disorder1' (CD)) lasst sich in vier Kategorien typischer Verhaltensweisen unter- teilen (SaG, 2003). Eine Gruppe stellt aggressive Verhaltensweisen gegen an- dere Menschen oder Tiere dar, eine weitere umfasst Handlungen, die Sachbe- schadigungen beinhalten. Die weiteren Gruppen umfassen betrugerische Hand­lungen sowie Diebstahl und schwerwiegende Gesetzesubertretungen. Diese Verhaltensauffalligkeiten ergeben von der Kindheit uber die Jugend bis hin zum Erwachsenenalter ein Muster von Verhaltensweisen, die gegen die allgemeinen Normen und Wertvorstellungen verstoGen. Sie begehen auch wiederholt Hand­lungen, die Straftatbestanden entsprechen (Kriterium A1) und manipulieren bzw. belugen andere Personen, um einen eigennutzigen Vorteil zu erlangen (Kriterium A2). Die Person ist unfahig, verantwortungsvoll zu agieren (Kriterium A6). Dies umfasst finanzielle Aspekte, wie eine langere Arbeitslosigkeit, obwohl die Person Stellenangebote erhalt, oder die Unfahigkeit regelmaGige Zahlungen zu leisten. Haufig haben Personen mit Antisozialer Personlichkeitsstorung hohe Schulden und sind selten bemuht, diese zu tilgen. Sollte ein Angestelltenver- haltnis vorliegen, zeigen sich die Personen als sehr unpunktlich, fehlen oft un- entschuldigt oder geben falsche Grunde fur ihr Fernbleiben an. Typisch sind stark situativ gepragte impulsive Verhaltensweisen (Kriterium A3), die durch eine hohe Reizbarkeit (Kriterium A4) gekennzeichnet sind und die zu wiederhol- ten Prugeleien und zu einer rucksichtlosen Missachtung der eigenen oder frem- den Sicherheit fuhren (Kriterium A5) konnen. Dies kann sich zum Beispiel in der Art des Fahrverhaltens widerspiegeln (wiederholtes Fahren eines Fahrzeuges unter Alkohol- oder Drogeneinfluss). Wird eine Person mit einer Antisozialen Personlichkeitsstorung zu ihren schadigenden Verhaltensweisen befragt, zeigt diese kein schlechtes Gewissen (Kriterium A7). Solche Personen zeigen sich unbeteiligt oder rationalisieren ihre Taten. Damit Kriterium A als erfullt gilt, mus- sen mindestens drei der genannten Unterpunkte bei der betrachteten Person vorliegen. Um die antisozialen Verhaltensweisen als eigenstandiges Storungs- bild zu identifizieren, bedarf es der Abgrenzung von anderen Storungsbildern. Deshalb muss das storungstypische Verhalten auch auGerhalb von Episoden anderer Storungsbilder auftreten (Kriterium D).

Tabelle 2: Diagnosekriterien der ASPD[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.2 Pravalenzraten und Verlauf der ASPD

Die Pravalenzrate der Antisozialen Personlichkeitsstorung in der normalen Be- volkerung betragt bei den Mannern etwa 3 % und bei den Frauen etwa 1 % (SaR, 2003). Zwei Studien, welche in GroRbritannien durchgefuhrt wurden, weisen niedrigere und hohere Basisraten auf. Die Untersuchung von Coid, Yang, Tyrer, Roberts & Ullrich (2006) mit einer kleineren StichprobengroGe (n=626) wies niedrigere Pravalenzraten auf (1 % bei den Mannern und 0.2 % bei den Frauen). Hohere Basisraten fand man in einer Stichprobe von 8.450 Erwachsenen (Manner 6.4 %, Frauen 1.7 %) (Yang & Coid, 2007).

[...]


[1] "... aggression as any form of behaviour that is intended to injure someone physically or psy­chologically." (Berkowitz, 1993, S. 3).

[2] “Aggression is any form of behaviour directed toward the goal of harming or injuring another living being who is motivated to avoid such treatment.” (Baron & Richardson, 1994, S. 7).

[3] Archer & Coyne, 2005.

[4] Die Quelle enthielt keine genaueren statistischen Kennwerte.

[5] Lagerspetz & Bjorkqvist, 1994.

[6] Karriker-Jaffe, Foshee, Ennett, & Suchindran, 2008.

[7] SaR, 2003.

Details

Seiten
98
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640796427
ISBN (Buch)
9783640796380
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158716
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Zusammenhang Auffälligkeit Aggressivität Delinquenz Regelverletzendem Verhalten Frauen Haft

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Titel: Zum Zusammenhang von psychopathologischer Auffälligkeit, Aggressivität und Delinquenz mit Regelverletzendem Verhalten von Frauen in Haft